Anquatschversuche vom Verfassungsschutz

1.) Fehlgeschlagene Anwerbungsversuche in Mainz/Wiesbaden
2.) Ansprechversuch des Verfassungsschutzes in Frauen-Lesben-Zusammenhängen
3.) Anquatschversuch im nördlichen Märkischen Kreis
4.) Um an Informationen zu kommen, wurde aus den linken "Edelweißpiraten" eine "rechtsextremistische Gruppe"
5.) Anquatschversuch in Ulm/Neu-Ulm
6.) (erfolgreicher) Anquatschversuch in Dortmund
7.) Anquatschversuch in Premnitz
8.) Anwerbeversuch in Aachen
9.) Erneuter Anquatschversuch des Verfassungsschutz in Mannheim
10.) Verfassungsschutz in Baden-Würtemberg unterwegs!
11.) Wenn der öffentliche Dienst 2x klingelt...
12a.) Nach "Kirsti Weiß": Die Bespitzelungen gehen weiter
12b.) Hannover: Neues von der V-Frau Affäre - AStA-Pressekonferenz


1.) Fehlgeschlagene Anwerbungsversuche in Mainz/Wiesbaden
Interim # 444, 19.2.1998

In den letzten Wochen sind in Mainz/Wiesbaden Menschen von Bullen und/oder Verfassungsschutz angesprochen worden. Es wurde versucht InformantInnen aus der Mainz/Wiesbadener linken Szene mit Schwerpunkt Haus Mainusch und Mainzer Wagenplatz zu gewinnen. Es wurde unter anderem Geld für Spitzeldienste angeboten.

Wir gehen davon aus, dass diese Anwerbungsversuche nicht die einzigen bleiben werden und wissen nicht, ob es schon andere gegeben hat. Wir fordern alle auf, solche Ansprechversuche öffentlich zu machen.

Wenn du angesprochen wirst:

  • lass Dich auf keinem Fall auf ein Gespräch ein, sondern schick sie weg!

  • sprich mit FreundInnen und GenossInnen darüber und überlegt zusammen, wie Ihr das öffentlich machen könnt. Holt Euch Unterstützung, wenn Ihr sie braucht. Lasst Euch nicht isolieren, denn das ist genau das, worauf sie hoffen und was Ihnen nützt.

  • lass Dich nicht erpressen (z.B. Fallenlassen wegen Drogen gegen Spitzeldienste), denn damit bist Du immer weiter erpressbar. Bei einem Deal mit den Bullen ziehst Du immer den Kürzeren!

  • lasst Euch nicht einschüchtern, es ist nicht Euer "Fehler", dass Ihr angesprochen wurdet!

  • geht nicht aus Neugier oder mit dem Vorsatz denen "sowieso nur scheiß zu erzählen" in ein Gespräch. Diese Leute sind dafür geschult andere einzuwickeln und Informationen aus ihnen herauszulocken.

    Widersprüche, Diskussionen und Auseinandersetzungen gehören nicht in Bullenhände!

    Anna und Arthur halten nach wie vor das Maul!!
    Keine Zusammenarbeit mit Bullen, VS und Staatsschutz!!!
    Haltet Augen und Ohren offen und lasst euch auf nichts ein!!!!


    2.) Ansprechversuch des Verfassungsschutzes in Frauen-Lesben-Zusammenhängen
    Interim # 433, Seite 23

    Ende Juli diesen Jahres wurde eine Frau in ihrer Wohnung von zwei Bullenfrauen angesprochen. Sie stellten sich selbst als Mitarbeiterinnen des Verfassungsschutzes Stuttgart vor. Die Frau wurde gefragt, ab sie Informationen über die Gruppe "MONDSICHELN" habe und sie zur Verfügung stellen würde.

    "MONDSICHELN" ist eine überregionale FrauenLesben-Organisation, die zu Feminismus und Internationalismus arbeitet. Dieser Ansprechversuch zeigt das Interesse des Verfassungsschutzes an der Gruppe "MONDSICHELN", den Strukturen, Personen, Positionen. Das ist ein Versuch der Einschüchterung und ein Schritt hin zur Kriminalisierung. Ziel solcher Versuche ist immer, Informationen zu sammeln (dabei sind auch scheinbar unbedeutende Kleinigkeiten für sie wichtig), um Widerstandsstrukturen zu durchleuchten und ihre Zerschlagung vorzubereiten.

    Wir gehen davon aus, daß dieser Versuch nicht der einzige bleiben wird und wissen nicht, ab es nicht schon andere gegeben hat. Wir fordern alle auf, solche Ansprechversuche öffentlich zu machen

    (aus: AMAZORA:)

    Wenn du angesprochen wirst: - laß dich auf keinen Fall auf ein Gespräch ein, sondern schick' sie weg! - sprich mitFreundInnen und GenosInnen darüber und überlegt zusammen, wie ihr das öffentlich machen könnt. Holt euch Unterstützung, wenn ihr sie braucht.

    - laß dich nicht erpressen (z. b. Fallenlassen einer Anzeige wegen Drogen gegen Spitzeldienst), denn damit bist du immer weiter erpreßbar. Bei einem Deal mit den Bullen ziehst du immer den kürzeren!

    Zitat aus "Ein Diskussionsbeitrag unter FrauenLesben zum Umgang mit Repression und Kriminalisierung":

    "Wieder einmal demonstriert der Staat, was doch eigentlich alle Feministinnen, linke und fortschrittliche Menschen wissen (sollten): Der Staat hat ein Verfolgungsinteresse gegen jeden Versuch der Organisierung von störenden Widerstandsaktionen... und gegen radikale, revolutionäre Widerstandsstrukturen. Was den Repressionsorganen zuträglich ist, was die Ermittlungsakten anschwellen läßt, sind auch (und nicht, zuletzt) die Fehler der Bewegungen, sind Tratsch und Klatsch, Spaltung und Isolation, sind auch fehlende Konsequenz und Perspektive, die viele so handeln läßt, als sei Widerstand nicht bedrohlich für die herrschende Ordnung und den Staat."

    Zwischen uns und dem Feind einen klaren Trennungsstrich ziehen! Widersprüche, Diskussionen und Auseinandersetzungen gehören nicht in Bullenhände!

    Es bleibt dabei: AYSE UND ANNA HALTEN'S MAUL!

    "MONDSICHELN", September 1997


    3.) Anquatschversuch im nördlichen Märkischen Kreis
    Arbeitskreis gegen Überwachung Sauerland

    Im nördlichen Märkischen Kreis sind am 17.06.02 zwei ca. 40jährige Verfassungsschützer aufgetaucht und haben einen Anquatschversuch unternommen. Einer hatte eine Glatze und die andere hatte rote Haare und eine Brille. Der Mann sagte, sie wären Mitarbeiter des Innenministeriums NRW Abteilung Verfassungsschutz. Von der betroffenen Person sind sie nicht in die Wohnung gelassen worden und ihnen wurde deutlich gemacht, dass keine Kooperation gewünscht ist. Danach gingen sie wieder. Das ist genau das richtige Verhalten! Anna und Arthur haltens Maul! Falls euch sowas passiert - lasst euch auf kein Gespräch ein!

    Wir haben nicht vergessen, dass der Verfassungsschutz führenden NPD-Kadern viel Geld für wertlose Hinweise gegeben hat. Dieses Geld ist dann mit Wissen der NPD-Parteiführung wieder in die NPD-Parteikasse geflossen. Durch die
    NPD-VS-Connection hat der Verfassungsschutz der NPD wieder auf die Beine geholfen. Das Führungspersonal des Verfassungsschutzes ist von der Nazi-Spionageorganisation Gehlen übernommen worden. Der VS setzt Spitzel, Spalter und Provokateure in Antifa-Gruppen, die Friedensbewegung und in die Anti-Atombewegung rein. Viele konnten schon enttarnt werden. Früher sind sogar SPD und Grüne vom Verfassungsschutz überwacht worden. Um ihre Existenzberechtigung zu sichern ist ihnen fast jedes Mittel recht.

    Wir rufen dazu auf, den Schnüfflern keine Auskünfte zu geben. Das ist selbst nach geltendem Recht gar nicht notwendig. Der Verfassungsschutz will durch permanente Anquatschversuche in der Szene neue Spitzel für seine dreckige Schnüffelarbeit gewinnen. Stasi-Opfer dürfen jetzt ihre Unterlagen einsehen. Wir fordern, dass der Verfassungsschutz seine Akten und Dateien auch für die von ihm Bespitzelten öffnet.

    Wer heute abseits der etablierten Parteien politisch aktiv ist, muss damit rechnen, dass die Herren des Morgengrauens bei ihm vorbeigucken oder rumschnüffeln.

    Falls ein Anquatschversuch erfolgt, macht diesen öffentlich!
    Keine Aussagen gegenüber Polizei, Staatsschutz und Verfassungsschutz!
    Anna und Arthur haltens Maul!


    4.) Staatsschutz gegen "Edelweißpiraten"
    Um an Informationen zu kommen, wurde aus den linken "Edelweißpiraten" eine "rechtsextremistische Gruppe"

    TAZ-BERLIN vom 27.12.1994 Seite 17

    Geht es um Informationen über die Berliner Antifa-Szene, sind der Polizei sowie dem Staatsschutz offenbar jedes Mittel recht. Wegen Diebstahls wurde der dreizehnjährige Mathias* Anfang September bei der Polizeidienststelle Moabit vorgeladen.

    Mathias und drei seiner FreundInnen im Alter zwischen dreizehn und sechzehn Jahren, allesamt aktiv bei der Antifa-Jugendgruppe "Edelweißpiraten", waren wenige Tage zuvor von einer Polizeistreife erwischt worden, als sie versuchten, einen Kaugummiautomaten zu knacken. Bei der Durchsuchung der Wohnungen hatten Polizeibeamte unter anderem abgebrochene Mercedessterne gefunden sowie mehrere Kartons Fotos beschlagnahmt.

    Als Mathias im Beisein seiner Mutter von der Polizei verhört wurde, spielte der Kaugummiautomat nur anfangs eine Rolle. Später zog der vernehmende Beamte nach Angaben der Mutter eine größere Akte hervor und fragte sie, ob sie wisse, daß ihr Sohn Mitglied einer rechtsextremistischen Gruppe namens Edelweißpiraten sei.

    Wäre es um den Kaugummiautomaten gegangen, sagte sie zur taz, hätte sie der Polizei Auskunft gegeben. Da sie aber gemerkt habe, daß der Beamte die Namen weiterer "Edelweißpiraten" in Erfahrung bringen wollte, habe sie die Aussage verweigert.

    Vom polizeilichen Staatsschutz bekam Mathias eine zweite Vorladung. Auch die drei anderen Festgenommenen wurden vorgeladen. Da die Beschädigung eines Kaugummiautomaten nach Ansicht von Mathias und seiner Mutter kaum in den Zuständigkeitsbereich des polizeilichen Staatsschutzes gehört, ignorierten beide die Ladung. Zum Staatsschutz gegangen ist lediglich die sechzehnjährige Ayse* - aus Angst um ihren Einbürgerungsantrag. Auf Fragen nach den "Edelweißpiraten" machte sie jedoch keine Aussage. Ein jugendlicher "Edelweißpirat", der mit dem Kaugummiautomaten nichts zu tun hatte, war ebenfalls nicht erschienen.

    Beamte des Staatsschutzes hatten bei den Eltern einiger Jugendlicher Hausbesuche gemacht sowie die Lehrer der Betroffenen in den Schulen aufgesucht. Gegenüber der taz war der Staatsschutz zu keiner Auskunft bereit.

    Daß es den Staatsschützern nicht nur um die Aufklärung des versuchten Einbruchs ging, sondern um Einschüchterung und Kriminalisierung, zeigt der Fall des vierzehnjährigen Thomas*. Seinen Eltern gegenüber wurden die "Edelweißpiraten" als linksextremistische Gruppe bezeichnet, die vom Verfassungsschutz als terroristisch eingeschätzt werde. Diese Angaben sind falsch.

    Die Nachforschungen sind nicht die ersten Aktivitäten der Ermittlungsbehörden gegen die in losen Cliquen zusammengeschlossenen "Edelweißpiraten". Bereits zu Beginn diesen Jahres hatte der Verfassungsschutz vergeblich versucht, den zwanzigjährigen FU- Studenten Peter Z. als V-Mann zu werben (die taz berichtete). Der Grund dafür: Z. war zwei Jahre zuvor mit Flugblättern der "Edelweißpiraten" gegen rechtsextreme Zeitungen wie die Nationalzeitung oder die Junge Freiheit in eine Autokontrolle der Polizei in Hohenschönhausen geraten.

    *Namen von der Redaktion geändert


    5.) Anquatschversuch in Ulm/Neu-Ulm
    Geheim 3/98

    Nach mindestens drei bekannt gewordenen VS-Anquatschversuchen in Ulm (Baden-Württemberg) allein im Lauf des letzten Jahres (davon einer in Antifazusammenhängen, zwei in Anti-Atom-Umfeld) war die schnüffelnde Behörde schon wieder unterwegs:

    Am 17.3.1998 gegen 13.30 Uhr klingelten zwei Typen in der WG aus dem Umfeld des Ulmer »Antifa-Stammtisches« (einem öffentlichen Treffen von Einzelpersonen und in verschiedenen Gruppen organisierten AntifaschistInnen in einer Ulmer Kneipe). Einer wird als 30-40jähriger, mit dunklen Haaren und »hoher Stirn« beschrieben. Der andere war älter, Brillenträger, grauschwarzes Haar und Vollbart. Er outete sich als »Herr Pardal« oder ähnlich und meinte, sie kämen »von der Behörde«, wies auf den Verfassungsschutzbericht hin und schilderte den Aufgabenbereich wie folgt: »beobachten rechter und linker Extremisten, zu denen auch die kommunistische Plattform der PDS zählt.«

    Außerdem wies er darauf hin, daß es legal sei, Menschen derart anzuquatschen. Und dann sagte er noch, daß der Antifaschist für Informationen »Geld bekommen würde, was natürlich steuerfrei sei« und daß er »als Zivildienstleistender ja wohl auch nicht sehr viel verdienen würde«. Obwohl der Angequatschte es ablehnte, mit dem Verfassungsschutz zusammenzuarbeiten, hinterließen die beiden VSler noch folgende Mobiltelefonnummer: (0171) 3308934. (...)

    Gekürzt aus: »die rote hilfe« 3/98, Postfach 6444. 24125 Kiel

    c Schon vor ca. drei Wochen gab es in Dortmund einen Anquatschversuch vom Verfassungsschutz/ innere Sicherheit. Waraufhin einer der angequatschten Personen einen Job angenommmen hat. Er soll für dan VS(bzw. der Auftraggeber sagt er brauche die Infos für einen Job als Dozent)im Internet recherchieren.Wir beschreiben hier die genaueren Umstände und würden uns über Ratschläge freuen.

    (erfolgreicher) Anquatschversuch vom VS in Dortmund

    Am Montag oder Dienstag, den 22./23. Oktober 2001 gab es in Dortmund einen Anquatschversuch von der Sicherheitsbehörde, vom Innenministerium -so stellte sich der Mann vor. Als die angequatschte Person nach Hause kam, erwartete sie ein Mann in Begleitung einer weiteren Person, die er als seinen Bodyguard vorstellte. Er stellte sich als Herr Riegel vor, war ca. 50 Jahre alt, dunkles, kurzes Haar, leger gekleidet (Jeans, Hemd, darunter ein T-Shirt), kräftig gebaut. Zum Lesen benutzte er eine schwarze, schmale Lesebrille. Er gab sich sehr kumpelhaft, fast väterlich. Sein Bodyguard war noch sehr jung, ca. 25 Jahre alt, ganz kurze dunkelblonde Haare, ziemlich kräftig. Er hielt sich während des ganzen Gesprächs im Hintergrund. So nun zum Ablauf:

    Als I. von der Uni nach Hause kam, wurde sie vor der Haustür von dem Mann angesprochen. Er stellte sich vor und wollte mit ihr einen Kaffee trinken, weil er sich gerne mal mit ihr unterhalten würde. Da sie nicht alleine mitgehen wollte, holte sie ihren Mitbewohner (T.). Zu viert gingen sie dann in eine Kneipe in der Nähe. Dort angekommen bestellte er allen etwas zu trinken und fragte direkt nach dem Vorfall im Wendland, bei dem I. festgenommen wurde (Kessel auf dem Weg zu den Schienen beim Camp Nahrendorf). Sie hat deswegen einen Prozess zu erwarten. Daraufhin schilderte I. den Vorfall und bekam von dem Mann völlige Zustimmung für ihre Situation und ihr Verhalten. Er sagte, dass die Anzeige fallen gelassen und er die Strafe bezahlen würde, wenn sie über 40 Mark betragen würde. Dann fragte I. warum sie eine Rechnung für den Transport in den Knast bekommen hat, darauf riet er ihr, diese einfach nicht zu zahlen. Auf Nachfrage, warum ihn das alles interessiere, antwortete er, er sei Gastdozent an der Uni Brühl und interessiere sich rein persönlich an dem politischen Geschehen. Es habe nichts mit seinem Job bei der inneren Sicherheit zu tun. Außerdem interessiere er sich für die Intentionen relativ armer Leute, Geld in so was zu investieren. Auch später kam er wieder darauf zu sprechen, dass Studenten ja wenig Geld hätten. Er versuchte, das Gespräch möglichst persönlich zu gestalten und fragte nach dem Studium der beiden, seine Tochter würde ja auch studieren. Als er hörte, dass T. Informatik studiert bot er ihm einen Job an. Er solle für ihn im Internet über verschiedene Themen recherchieren, auch dies nur wegen seines Jobs als Gastdozent. T. sagte, er werde darüber nachdenken. Daraufhin verabschiedeten sich alle und der Mann sagte, er würde sich wieder melden und schenkte beiden zehn Mark. Nach ca. einer Woche meldete sich der Mann wieder und wollte sich mit beiden ein zweites Mal treffen, um über das Jobangebot an T. zu sprechen. Diesmal blieb I. zu Hause, T. ging aber mit. Riegel hatte seine Sekretärin dabei und sagte T., dass er demnächst nur noch über seine Sekretärin mit ihm Kontakt halten würde. Um zu sehen, ob T. für den Job geeignet sei, sollte er sich ein Thema aussuchen über das er recherchieren möchte. Er suchte sich IndyMedia aus. Das tut er jetzt auch. Er soll sachlich darüber berichten, was IndyMedia ist. Dafür bekommt er dann zukünftig 630 Mark/ Monat. T. ist überzeugt davon, dass der Mann nur wegen seines Jobs als Dozent daran interessiert ist. Dass er auch für die Sicherheitsbehörde arbeitet, wie er sagte, beunruhigt T. nicht weiter.

    Wenn ihr auch Erfahrung mit solchen Begegnungen habt oder uns sonst irgendwelche Tipps geben oder nur eure Meinung loswerden wollt.


    7.) Anquatschversuch in Premnitz
    Die Rote Hilfe 4/99

    Im April 1999 tauchte mehrmals, in einem Freizeittreff linksalternativer Jugendlicher im brandenburgischen Premnitz, ein gewisser Timo Ritter auf. Dieser gab sich als Beamter des Kommissariats 4 beim zuständigen Polizeipräsidium Oranienburg aus.

    Er gab sich dort als netter Kumpel, an dem sich mensch vertrauensvoll wenden könne, wenn es wieder Ärger mit den örtlichen Rechtsextremisten gäbe. Weiterhin zeigte er ein reges Interesse an Informationen über das Premnitzer braune Spektrum. Einmal wurde sogar einem Jugendlichen eine der im Land Brandenburg äußerst knappen Lehrstellen angeboten, damit dieser dann seine rechtsgesinnten Lehrlingskollegen ausspionieren solle.

    Hierbei erwähnte er auch, daß gerade die Berufsschulen, wie z.B. das Oberstufenzentrum im ungefähr 30 km entfernten Friesack, wichtige Koordinierungspunkte der rechtsextremen Szene in der Region und damit von informeller Bedeutung sind.

    Der Anquatschversuch kam natürlich nicht zufällig und ohne Hintergrund. Schon seit Jahren publizieren engagierte Bürger vertuschte und halbvertuschte Aktivitäten von Rechtsextremisten aus Premnitz und der Nachbarstadt Rathenow, womit sich dann das Innenministerium auseinandersetzen muß. Als aber auch die PDS und die Rote Hilfe Publikationen zu solchen Geschehnissen veröffentlichte, wurde es dem Staat zu Suspekt.

    Die oben erwähnten Jugendlichen wurden Anfang 1999 bei der Polizei vorgeladen, um über die Verstrickungen von ANTIFA, PDS und Rote Hilfe e.V. auszusagen. Dies führte allerdings zu nichts, schon allein deswegen weil sie tatsächlich nichts damit zu tun hatten. Der Staat läßt allerdings bekanntlich in solchen Dingen nicht locker.

    Kontaktadresse Rathenow


    8.) Anwerbeversuch in Aachen
    streng gemein # 9, März 98

    Am Mittwoch, den 18.02.98, gab es in Aachen einen Anquatschversuch durch den Verfassungsschutz. Dies war der vierte (neben zwei Verhörversuchen des BKA) in Aachen bekannt gewordene. Herr Kühn und sein Kollege sprachen A., einen Beobachter des Prozesses gegen Michael und Bernhard, vor seiner Haustür an. Die Herren wollten unbedingt auf einen Kaffee hereinkommen und sich "nur zehn Minuten" über die AIZ oder ersatzweise über den Prozeß in Düsseldorf unterhalten, den A. ja besuchen würde. Als dies abgelehnt wurde und A. den beiden Herren empfahl, sich den Prozeß doch selbst anzusehen, erweiterten die Herren ihre Interessen. Das Thema AIZ wäre nur der Einstieg, eigentlich interessierten sie sich für Nachfolgegruppen der AIZ, die Zukunft der Antirepressionsgruppe und die Szene überhaupt. Da A. den freundlichen Herren nun überhaupt nicht weiterhelfen konnte, versuchten die beiden erstmal positiv zu motivieren. Es gäbe ja so viele Vorurteile gegen den Verfassungsschutz, dabei würden sie ja gar nicht nur Schlechtes über die Szene schreiben. Sie wären auch hochgradig an Informationen interessiert, die ihr bisheriges Bild berichtigen würden. A. hätte es in der Hand, daß der VS ein richtiges Bild bekäme. Daß der VS seine sogenannten "Erkenntnisse" dazu einsetzt, um an den Haaren herbeigezogene konstruierte Vorwürfe gegen politisch mißliebige Leute zu "untermauern", vergaßen die beiden zu erwähnen. Zunächst sagten sie auch nichts darüber, wie sie zusammen mit den Bullen Leute überwachen, einschüchtern und einknasten. Nein, noch waren die Herren bei der Positiv-Motivation. A. solle es bei einer Zusammenarbeit nicht nur um den schnöden Mammon gehen, sondern darum, daß der VS ein "richtiges" Bild bekommen würde.

    Nachdem A. zum wiederholten Male vorschlug, das Gespräch zu beenden, versuchten die beiden jetzt, die Negativ-Motivation für eine Mitarbeit ein wenig auszubauen. Sie seien sich sicher, A. könne ihnen weiterhelfen, sie hätten ihn genau überwacht und würden seine Akten genau kennen. Zudem sei es wirklich besser, mit ihnen zu reden, da sie ja vom VS seien, keine Straftaten verfolgen müßten, keine Türen eintreten würden und hier vor der Wohnung und nicht beim Arbeitgeber oder bei der Vermieterin warten würden. Wobei die Betonung auf dem SIE lag, also darauf, daß dies sich durch die Einschaltung anderer Behörden schnell ändern könnte. Desweiteren stellten die Herren strafrechtliche Vorwürfe gegen A. in Aussicht, die zu einem Verfahren wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung führen würden. Sie vergaßen natürlich nicht zu erwähnen, daß sie da Einfluß nehmen könnten. Als A. immer noch keinen Kaffee trinken gehen wollte, verabschiedeten sich die "freundlichen Herren" mit dem Angebot, noch einmal wiederzukommen und den Prognosen: "Sie werden bereuen, nicht mit uns geredet zu haben. Sie werden sagen, hätte ich auf den Kühn gehört. Sie werden an dieses Gespräch noch denken." Anna und Arthur halten das Maul.

    Keine Informationen an VS, Bullen und Justiz!

    Wenn alle das Maul halten, haben die Ermittlungsbehörden enorme Schwierigkeiten, ihre konstruierten Tatvorwürfe zu "untermauern". - Also: Maul halten!


    9.) Erneuter Anquatschversuch des Verfassungsschutz in Mannheim
    JuZ Mannheim

    Wie schon im letzten Jahr kommt es momentan zu einer neuen Anwerbekampagne des Verfassungsschutzes

    Am 27.6.02 kam es zu einem erneuten Anwerbeversuch des Verfassungsschutz in Mannheim. Dabei passte der Verfassungsschutzbeamte die betreffende Person in der Innenstadt ab. Daraufhin versuchte der Verfassungsschutzbeamte die Person dazu zu verleiten, längerfristig Informationen zu liefern. Im Austausch für die Infos wurde mehr oder weniger unverhohlen Geld geboten.

    Es gab in der Region in den letzten Wochen schon mehrere Anwerbeversuche, die bekannt wurden. Personen mit denen der Verfassungsschutz in Kontakt tritt, sollen diesen sofort abbrechen und sich entweder ans JUZ oder an die Rote Hilfe in Heidelberg wenden.


    10.) Verfassungsschutz in BW unterwegs!
    KTS Freiburg (Kultur- und Tagungsstätte)

    In letzter Zeit sind wieder einige Versuche des baden-württembergischen Verfassungsschutzes bekannt geworden, die aus antirepressiver Sicht darauf schließen lassen, dass er zum Ausspionieren der linken/linksradikalen Szene des Rhein-Neckar-Raums jüngere InformantInnen für seine Geheimdienstbehörde gewinnen will.

    Bereits vor längerem gab es zwei Anquatschversuche im Raum Heidelberg. Im ersten Fall ging es dem in Erscheinung tretenden, aber sofort abgewiesenen Schnüffler um das Autonome Zentrum Heidelberg (AZ) beziehungsweise jene linken Strukturen, die aus Sicht des Geheimdienstes den Kampf dafür tragen. Der vom Anquatschversuch Betroffene sei - wie viele andere auch - in der Nacht vom 22. auf den 23. Juli 2000 vor einer von Polizei umstellten Kneipe in der Heidelberger Carl-Mez-Straße kontrolliert worden, weil er sich offensichtlich auf dem Weg zu einer "Test Your AZ"-Besetzungsparty befunden habe, die von diesem Lokal ausgehen sollte. Er könne aus diesem Grunde bestimmt etwas über den Personenkreis sagen, der solche Aktionen plane und dann auch ausführe. Der Angesprochene beendete daraufhin sofort das Gespräch. Es muß davon ausgegangen werden, dass noch mehr Personen vom VS angequatscht wurden, die an diesem Abend von der Polizei kontrolliert wurden und damit automatisch zum AZ-SympathisantInnen-Umfeld gezählt werden. Im zweiten Fall handelt es sich um einen Anwerbeversuch, der sich vor einigen Wochen in einem kleinen Ort bei Heidelberg abgespielt hat. Hier trat mal wieder ein Mitarbeiter des Landesamts für Verfassungsschutz in Erscheinung, der sich als Herr "Marek" vorstellte. (Dieser universale Tarnname ist seit Jahren bekannt; die meisten VSler der Region stellen sich damit vor.) Leider konnte er in Ab-wesenheit der von seiner Behörde ausfindig gemachten Frau einen Termin mit ihren Eltern (bei denen sie gemeldet ist) vereinbaren - und nach ein paar Tagen zu einem etwa fünfzehnminütigen Gespräch wieder auftauchen. Bei diesem Gespräch, bei welchem dem Schnüffler offensichtlich eine unüberbrückbare Distanz zwischen der Betroffenen und der vom Ver-fassungsschutz observierten Polit-Szene vermittelt werden sollte, ging es dem VSler um dreierlei:

    1. Auf sie sei er über einen "in der linken Szene arbeitenden" Informanten gekommen, den er hier selbstverständlich nicht enttarnen könne.

    2. Sie könne ihm bestimmt etwas über die AZ-Szene und die Leute, die da "viel machen", erzählen.

    3. Sie könne ihm bestimmt etwas über die Antifaschisten erzählen, die am 1. Mai 2000 "etwas gegen Nazis gemacht haben".

    Nachdem er bei allem, was er fragte, immer die gleiche Antwort bekommen hatte ("Woher soll ich das wissen, mit diesen Leuten habe ich nichts zu tun!"), zog er wieder ab. Bruchsal: Dort hat sich Mitte Januar ein Mitarbeiter des Landesamts für Verfassungsschutz telefonisch bei der Mutter eines Antifaschisten gemeldet. Als die Mutter die Anwesenheit ihres geheimdienstlich auspionierten Sohnes verneinte und auf dessen Berufstätigkeit hinwies, wollte der Schnüffler die Telefonnummer des Betriebes haben, in dem er arbeitet. Die aber hatte die Mutter gerade nicht zur Hand. Abends hat Herr "Marek" (siehe oben) dann nochmals angerufen und dem mitt-lerweile anwesenden Antifaschisten den Grund seines verfas- sungsschützerischen Interesses genannt: Er wolle "ganz allgemeine Informationen aus dem Antifa-Umfeld" des Bespitzelten.

    Mannheim: Der erste Anquatschversuch der letzten Zeit ereignete sich bereits Mitte Dezember 2000. Die betroffene Person hatte sich danach sofort ans JuZ Mannheim gewandt; dort treffen sich seit Jahren Menschen aus dem linken/linksradikalen Spektrum. Der zweite, ebenfalls über das JuZ Mannheim bekannt gewordene Versuch spielte sich am 12.01.2001 ab. Und wieder kam es zu einem Gespräch. Als geheimdienstliches "Einfallstor" fungierte dieses Mal aber nicht - wie bei den Heidelberger Fällen - der linke Zusammenhang sondern die neonazistische Szene. Die von staat- licher Repression Betroffene kenne doch bestimmt die genaue Adresse des vor geraumer Zeit aus dem Knast entlassenen Neonaziführers Christian Hehl - und gegen ihn und seinesgleichen wolle sie doch bestimmt "etwas machen". Beim dritten Versuch am 25.01. 2001 blockte der ebenfalls um die Mittagszeit zu Hause angequatschte junge Mann jedes Gespräch ab und schickte den VSler sofort weg. Auch er wandte sich dann ans JuZ Mannheim.

    Wenn ihr vom VS angesprochen werdet:

    Macht den "Anquatschversuch" öffentlich, denn die geheimen Dienste „fürchten“ nichts mehr als die Öffentlichkeit! Meldet euch am besten bei der EA Gruppe in der KTS, im Infoladen oder bei der Gruppe deines Vertrauens!


    11.) Wenn der öffentliche Dienst 2x klingelt...
    der besetzerinnen-rat der metzgerstraße, hanau

    Mitte September´99: zwei Typen klingeln an der Tür einer Hanauer Wohngemeinschaft. Sie sprechen die Frau, die öffnet, mit Namen an, stellen sich als Mitarbeiter "einer Behörde" vor und wollen in die Wohnung. Was sie zu besprechen hätten ginge nicht so gut im Treppenhaus - "die Nachbarn..." Sie kommen NICHT rein und weisen sich nach mehrmaligem Nachfragen als "Herr Riegel" und "Herr Kramann" aus. Sie überreichen ein Faltblatt "Verfassungsschutz. Sie sollen wissen, was wir für Sie tun." vom Bundesamt für Verfassungsschutz und kommen dann zur Sache: sie hätten ihr einen Job im öffentlichen Dienst anzubieten.

    Auf direkte Frage, um was es denn bei diesem Job gehe, das sei ja wohl ein Spitzeljob, verneinen sie das entschieden. "Sie wissen was, was wir nicht wissen." Sie verkehre doch in diesem ... äh ... Kulturzentrum in der Metzgerstraße. Sie wollen einen weiteren Termin vereinbaren, verziehen sich aber als die Tür vor ihrer Nase zugeht.

    Wir sehen diesen Anquatschversuch als ein Element in einer Reihe von Versuchen, lokale und regionale Zusammenhänge auszuleuchten.

    Schon Mitte´98 gab´s einen Anqatschversuch in Hanau, der damals öffentlich gemacht wurde. Hier ging es vor allem um Informationen über die Metzgerstraße (Autonomes Zentrum) und das Matrax (selbstverwaltetes Projekthaus) im Zusammenhang mit Aktionen zu Castor-Transporten.

    Von Dezember´98 bis Januar´99 wurden in Hanau vom BKA drei Telefone abgehört. Zur Begründung halten die Anschläge auf Telefonkabel rund um den Frankfurter Flughafen 1996 (!) her. Wir gehen davon aus, daß es mit Sicherheit nicht darum geht, zwei Jahre später bei abgehörten Telefongesprächen Hinweise auf irgendwas zu diesen Aktionen zu bekommen.

    Anfang/ Mitte 1998 wurde versucht in die Frankfurter Initiative gegen Abschiebungen (IgA) einen Spitzel einzuschleusen. Durch einen Zufall flog der Typ schnell auf.

    Wir finden es wichtig, solche Anquatsch- und sonstige Überwachungsversuche öffentlich zu machen. Am besten ist: Schnüfflern gar nichts sagen - auch nicht unter dem Vorwand, dann mehr von ihnen zu erfahren, denn das geht meistens schief. Wir sehen Schnüffeleien nicht als Problem einzelner, deshalb nehmen wir hier auch gemeinsam Stellung dazu. Wenn Euch sowas passiert, sucht Euch Leute, mit denen Ihr drüber reden könnt, macht die Geschichte öffentlich. Das ist oft auch der beste Weg, um diese Typen loszuwerden.

    Wir lassen uns nicht einschüchtern - schon gar nicht von solchen Pappnasen!


    12a.) Nach "Kirsti Weiß": Die Bespitzelungen gehen weiter
    Observationen von Antifaschisten!

    Antifaschistische Aktion Hannover, 17.09.02

    -Pressemitteilung-
    Liebe Medienmitarbeiter/innen

    Nach der Enttarnung der VS-Beamtin „Kirsti Weiß“ stellt sich konkret die Frage, ob weitere V-Leute in den Strukturen der links/autonomen Bewegung tätig sind. Fakt ist, dass die Sicherheitsbehörden aktive Antifaschisten aus Hannover mit Prozessen überziehen, wobei die Anklagepunkte absurd, widersprüchlich und haltlos sind. In den vergangenen Monaten wurden mindestens 4 Antifaschisten aus Hannover mit großem personellem und logistischen Aufwand observiert! So wurden die betroffenen Personen rund um die Uhr – beim Einkaufen- auf dem Weg zur Arbeit- in der Universität- und beim Aufsuchen sozialer Kontakte überwacht. Dabei waren jeweils mindestens 6 Fahrzeuge/ Beamte im Observierungseinsatz.

    Anfrage durch Rechtsanwalt bei der Polizei!

    Eine Anfrage des Rechtsanwaltes Hans Holtermann bei der hiesigen Polizeidirektion ergab, dass die Observation nicht polizeilich initiiert war. Damit ist klar, dass die Observationsaufträge vom Verfassungsschutz erteilt wurden. Hierzu die Sprecherin der Antifaschistischen Aktion Hannover: „Der VS hat eine junge Frau in eine Lüge gezerrt, an der sie physisch und psychisch zerbrach. Antifaschismus ist nicht kriminell! Wir werden trotz Einschüchterungsversuchen weiterhin radikal gegen faschistische Strukturen und den Kapitalismus kämpfen!“

    mit antifaschistischen Grüßen

    Antifaschistische Aktion Hannover

    Abdruck erwünscht. Stand: 17.09.02/ Hannover


    12b.) Hannover: Neues von der V-Frau Affäre - AStA-Pressekonferenz
    Asta Hannover, 20.09.02

    Hannover: Neues von der V-Frau Affäre Auf der AStA-Pressekonferenz am Montag, 16.09.2002 erläuterten Referentinnen und Referenten des damaligen und des amtierenden AStA und deren juristische Vertretung ihre Einschätzung zur Tätigkeit der verdeckten Ermittlerin und die rechtlichen Schritte, die der AStA in Erwägung zieht. Redemanuskripte und Mitschriften der TeilnehmerInnen:

    1. Redemanuskript Beate Gonitzki, AStA 1998/99

    Kirsti begann ihr Studium der Sozialwissenschaften im Wintersemester 1998. Zu diesem Zeitpunkt lebte sie bereits mit einer falschen Legende, dass heißt mit einem falschen Namen, einem falschen Pass und einer falschen Biografie. Somit ist sie als verdeckte Ermittlerin oder als V-Frau nach Hannover eingeschleust worden.

    Durch ihre Arbeit in dem Kollektiv des studentischen Cafes Elchkeller wurde sie relativ schnell bekannt unter den Studierenden des Fachbereiches. Sicherlich führte dies mit dazu bei, dass ihr Anliegen, AStA-Referentin zu werden, nicht weiter verwunderlich wirkte.

    Im Mai 1999 wurde sie dann von der bereits schon erwähnten Fachschaftsvollversammlung als Referentin gewählt; allerdings teilte sie sich ein Referat mit einer anderen Person, die vom Studierendenparlament offiziell als Presse- und Öffentlichkeitsreferentin bestätigt wurde. Kirsti Weiß hat also den AStA nach außen niemals rechtsverbindlich vertreten. Dies schließt zum Beispiel den Bankverkehr ein oder Unterschriften unter amtlichen Papieren. Allerdings fungierte sie als Pressesprecherin des AStAs; vertrat in also in Interviews, in Presseerklärungen, in Verhandlungen mit PolitikerInnen oder mit akademischen Gremien, um nur einige Beispiele zu nennen.

    Bemerkenswert ist dabei, dass gerade in ihre Amtszeit der Boykott gegen die neueingeführten Verwaltungskosten fiel; sie somit vehement gegen die Vorhaben der Landesregierung mobilisiert hat. Damit hatte sie Zugang zu allen personenbezogenen Daten, bis hin zu den Bankverbindungen, aller 5.000 Boykotierenden. In wie weit auch diese Daten weitergegeben worden sind, ist nicht abzusehen.

    Kirsti Weiß hatte während ihrer Zeit als Referentin Einblick in alle studentischen Strukturen, z.B. der Fachschaftsräte. Ebenso gilt dies für alle die einzelnen hochschul- und sonstige politischen studentischen Gruppen und Personen. Nach Beendigung ihrer ersten Amtszeit im April/Mai 1999 blieb ein Teil des damaligen AStA-Kollektivs weiterhin im Amt; so auch Kirsti Weiß. Wäre es dem Bundesamt für Verfassungsschutz nur darum gegangen, die studentische Strukturen dafür zu benutzen, um Kirsti Weiß in die sogenannte linke Szene einzuschleusen, wäre spätestens zu diesem Zeitpunkt die Gelegenheit gewesen, sie unauffällig aus eben diesen Strukturen zu lösen. Dies unterblieb aber. Somit müssen wir davon ausgehen, dass auch der AStA der Uni Hannover selber bespitzelt werden sollte.

    Während ihrer zweiten Amtszeit machte Kirsti Weiß das Thema Expo immer mehr zum Inhalt ihrer Arbeit im AStA. Durch den politischen Auftrag des Niedersächsischen Hochschulgesetztes ist eine solche Betätigung auch erwünscht und rief weder bei den anderen ReferentInnen, noch bei den Studierenden, Irritation hervor.

    Zu keiner Zeit herrschte unsererseits in irgend einem Maß Misstrauen gegenüber Kirsti. Gerade deswegen ist ihr Geständnis nun ein Schlag ins Gesicht. Uns, als ehemalige MitreferentInnen und MitarbeiterInnen des AStAs wird nun deutlich, wie sehr unsere Grundrechte eingeschränkt worden sind, denn wir fühlen uns durch dieses Vorgehen der übelsten Repression unterworfen, die wir uns derzeit vorstellen können. Unser einziges Verbrechen scheint es gewesen zu sein, in einem demokratischen Gremium mitgearbeitet zu haben.

    Um dies nicht wortlos über uns ergehen zu lassen, werden wir den von Herrn Drews beschriebenen juristischen Weg gehen. Ein Antrag auf Auskunftserteilung beim Bundesamt für Verfassungsschutz wird sowohl für den AStA der Universität Hannover als Teilkörperschaft des öffentlichen Rechts als für einzelne Personen, die als ReferentInnen tätig waren gestellt. Ziel ist es, Auskunft über das Ausmaß der Bespitzelung zu erhalten und den Schaden, der dadurch angerichtet worden ist, einzugrenzen.

    2. Dr. Holger Nitz, Rechtsanwalt:

    Ich bin für die juristische Aufarbeitung zuständig. Wir können im Moment nicht beurteilen ,auf welcher Rechtsgrundlage der Einsatz diese Frau, die hier unter dem Namen "Kirsti Weiss" fungiert hat, stattgefunden hat.

    Wir wissen nicht, ob diese "Kirsti Weiss" Mitarbeiterin des Bundesamtes für Verfassungsschutz war oder ob sie als V-Frau, also als Informantin aus dem Mileau, wie es so schön heißt, hier fungiert hat. Das hat weitreichende Folgen für die Befugnisse, die "Kirsti Weiss" hatte. Wenn sie also etwa Beamtin des Bundesamtes für Verfassungsschutz war, dann wäre sie möglicherweise als "Verdeckte Ermittlerin" tätig geworden und das würde beispielsweise bedeuten: Sie darf keine Straftaten begehen, ihr Einsatz steht unter dem Richtervorbehalt. Irgendein Richter muß diesen Einsatz genehmigt haben. Es gibt ganz strenge Vorschriften für die Berichtspflicht einer solchen Beamtin, wenn sie denn eine war.

    Der erste Schritt in der juristischen Aufarbeitung muß sein, daß wir überhaupt erfahren: wer hat sie eingesetzt, auf welcher Grundlage Wir gehen davon aus, daß der Einsatz nicht zulässig war, weil es an einer konkreten Gefahr bzw einem Anfangsverdacht, das wäre die strafrechtliche Variante, gefehlt hat. Wenn der Einsatz rechtswidrig war, dann ergeben sich daraus auch durchaus zivilrechtliche Folgen. Dann kann man auch das Bundesamt als die zuständige Behörde in Anspruch nehmen, z.B. wenn hier studentische Gelder zweckwidrig verwendet wurden.

    In den letzten 10 bis 15 Jahren ist zwar kein Wunsch der Polizei in Hinblick auf Ausweitung der Eingriffsbefugnisse sowohl in Ermittlungsverfahren als auch im Polizeirecht unerfüllt geblieben. Wenn diese Behörden an den Gesetzgeber herangetreten sind, um die Ausweitung von Ausforschungsmethoden zu erreichen, dann sind die entsprechenden Gesetze auch verabschiedet worden.

    Alle Ermächtigungsgrundlagen aber, die es in den verschiedenen Bundes- und ändergesetzen gegeben hat, haben gemeinsam, daß es entweder einen konkreten Tatverdacht im Bereich des strafrechtlichen Ermittlungsverfahrens geben muß oder eine konkrete polizeirechtliche Gefahr, eine Gefahr für den Bestand der öffentlichen Sicherheit und Ordnung oder des Staates. Es reicht eben nicht aus, wenn etwa ein Großereignis wie die Expo der Grund gewesen sein sollte hier mal pauschal auszuforschen, ob bestimmte Gruppen oder eben auch Gremien im Zusammenhang mit der Expo irgendetwas unbestimmtes planen. Dann wäre der Einsatz ganz offensichtlich rechtswidrig.

    Wenn sich herausstellen sollte, daß das Bundesamt für Verfassungsschutz hier konkret den Auftrag erteilt hat, bestimmte Gremien der StudentInnenschaft auszuforschen, dann ist das ein politischer Skandal. Das wäre in dieser Form jedenfalls Neuland, für Niedersachsen und auch die Bundesrepublik. Auch die Frage der Lehrveranstaltungen ist durchaus interessant.Wenn das Bundesamt für Verfassungsschutz Lehrveranstaltungen ausforschen wollte, wäre das in der Tat etwas Neues, so daß ich das eine sehr spannende Frage finde, die sich lohnt zu verfolgen.

    Wir werden zwei Dinge tun: Wir werden Kontakt aufnehmen mit dem Bundesbeamten für Datenschutz, der sozusagen derjenige ist, der die Bundesbehörden zu überwachen hat, wenn hier bestimmte personenbedingte Daten entweder mit fehlender Grundlage erhoben wurden oder rechtswidrig erhoben wurden. Und wir werden einen Auskunftsanspruch direkt beim Bundesamt für Verfassungsschutz geltend machen. Es steht im Bundesverfassungsschutzgesetz, daß derjenige, der Gegenstand von Ausforschungen geworden ist, das Recht hat, zu erfahren, inwiefern er Gegenstand der Bespitzelung war.

    Nun ist schon eingewandt worden, das ließe sich schwierig durchsetzen. Es steht in der Tat wörtlich in diesen Gesetzen eine Ausnahme drin. Nämlich dann, wenn die Quelle gefährdet wird. Das dürfte hier nicht der Fall sein, denn sie hat es ja offensichtlich selber offen gelegt.

    Es ergibt sich aus dem Gesetz, daß derjenige der Gegenstand einer solchen Ausforschung geworden ist beantragen kann, daß die Daten gelöscht werden. Wir werden die Löschung der erhobenen Daten beantragen. und wenn uns das verweigert wird, dann werden die Verwaltungsgerichte dafür zuständig, das durchzusetzen.

    Der AStA als Körperschaft und die natürlichen Personen, die Gegenstand dieser Ausforschung waren, beide werden das entsprechende Recht verfolgen.

    3. Prof. Dr. Michael Vester, Direktor des Instituts für Politische Wissenschaft

    Ich habe von der Sache erst am Freitag erfahren, weil wir hier nämlich nicht ständig damit beschäftigt sind, den Verfassungsschutz zu beobachten, sondern unsere Arbeit machen. Ich habe die Unterlagen des AStA gesehen, die rechtlichen Dinge, und bin davon beeindruckt mit wieviel Augenmaß und genau das erarbeitet ist. Daß es hier tatsächlich um ein Problem der demokratischen Legitimation und Kontrolle geht.

    Was für eine konkrete Gefahr vom AStA ausgegangen sein soll, können wir uns nicht vorstellen. Es ist Teil unserer Demokratie, daß die Berufs- und Interessengruppen ihre Anliegen vertreten in selbstgewählten Vertretungen. Dann könnten wir auch die Handwerkskammer bespitzeln und die Industrie- und Handelskammer, weil sie ja auch über Politik reden. Ich habe zu betonen, daß die demokratische Selbstverwaltung, wenn sie denn Gegenstand [der Bespitzelung] war, ein Organ ist, was auch eines besonderen Schutzes bedarf, das von der Universität auch sehr anerkannt wird und respektiert wird, in seiner Eigenschaft, eine Statusgruppe von fast 30.000 Studenten zu vertreten. [Diese Gruppe] ist in allen Gremien vertreten, sie wird vom Präsidium, von den Instituten ernstgenommen und es gibt keine Diskussion, wo die Argumente der Studenten nicht zählen. Ich gehe davon aus, das die Unileitung das aufmerksam zur Kenntnis nehmen wird und beobachtet.

    Ich habe eine blasse Erinnerung "Kirsti Weiss" mal in einem meiner Seminare gesehen zu haben. Ich würde gerne wissen, ob sie auch Lehrveranstaltungen ausspioniert hat, und nach welchen Kriterien das geschah. Ich als Direktor des Instituts für Politische Wissenschaft bin daran interessiert, feststellen zu lassen, ob Lehrveranstaltungen der Universität ausgeforscht worden sind, die ja unter dem Grundgesetz-Vorbehalt der Freiheit von Forschung und Lehre stehen. Und ich möchte vor allem, daß diese Unterlagen herausgegeben oder aber vernichtet werden.

    Mich ängstigt die Sache überhaupt nicht, wir haben stabile und solide demokratische Strukturen, die damit fertig werden sollen, aber das müssen sie jetzt auch zeigen. Sie müssen jetzt aktiv werden, weil das gerade gegenüber jüngeren Generationen notwendig ist. Es gibt da ein Misstrauen, das gegenüber der Politik ja sowieso besteht, weil Politik mit Macht zu tun hat. Was normal ist aber was eben auch eine normale Kontrolle erfordert. Dieses Misstrauen ist ein Teil der Demokratie und es erfordert, daß die Politik sich rechtfertigt und nicht die Leute, die hier bespitzelt werden. Darauf warte ich.

    Wir kennen ja die Studierenden hier. Es gibt keine Anhaltspunkte für kriminelle Aktionen. Und zwar eigentlich schon seit 25 Jahren nicht. Das war in den siebziger Jahren, als es hier etwas turbulenter zugegangen ist. Das ist ein Vierteljahrhundert zu spät, würde ich sagen, das paßt nicht in die Zeit, diese seltsame Schlapphutmentalität. Man kann nicht jeden, nur weil er Student ist, hier einfach verdächtigen.

    4. Marian Drews, AStA-Referent

    Der AStA der Universität Hannover ist eine rechtsfähige und rechenschaftspflichtige Teilkörperschaft der Hochschule. Er ist die gesetzliche und demokratisch legitimierte Vertretung der Studierenden der Universität Hannover. Gegenüber dem Landesrechnungshof, dem Universitätsräsidium, dem StudentInnenparlament (StuPa) und dem Ältestenrat des StuPas ist er rechenschaftspflichtig.

    Über die gesetzlich vorgeschriebenen Kontrollinstanzen hinaus sieht unsere studentische Satzung noch zwei weitere kontrollberechtigte Gremien vor, den Fachschaftenarbeitskreis und die Fachschaftsrätevollversammlung. Dieses demokratische Gremium wurde geheimdienstlich überwacht und nach außen durch eine Mitarbeiterin des Bundesamtes für Verfassungsschutz als Presse- & Öffentlichkeitsreferentin vertreten.

    Dies ist in unseren Augen ein unglaublicher Skandal und völlig unrechtmäßig.

    Da die rechtlichen Grundlagen für den Einsatz von verdeckten ErmittlerInnen oder V-Leuten sehr eng gefasst sind, wäre ein solcher Einsatz im AStA nur dann rechtens gewesen, wenn vom AStA eine konkrete ‚Gefahr‘ ausgegangen wäre. Das ist jedoch im Falle einer gewählten, öffentlich arbeitenden und rechenschaftspflichtigen Studierendenvertretung schlichtweg absurd.

    Daher fordern wir als Vertretung der Studierendenschaft die lückenlose Aufklärung dieses unrechtmäßigen Eingriffs in unsere Arbeit und Autonomie. Wir werden unser Recht geltend machen zu erfahren, auf welcher Grundlage dieser unzulässige Einsatz stattgefunden hat, was das Ziel des Einsatzes gewesen sein soll und welche Informationen über welche Personen und studentischen Gruppen die Verfassungsschützerin weitergegeben hat.

    Für den AStA steht nunmehr fest, dass sämtliche dieser ohne Rechtsgrundlage gewonnenen Daten nach der Akteneinsicht vernichtet werden müssen. Zu diesem Zweck werden wir auch den Bundesbeauftragten für den Datenschutz einschalten.

    Wir werten den Einsatz des Verfassungsschutz in der gewählten Vertretung aller Studierenden, dem AStA, als staatlichen Angriff auf die studentischen Strukturen in ihrer Gesamtheit, d.h. es ist im Prinzip jede Studentin und jeder Student von der Bespitzelung betroffen.

    Wir müssen davon ausgehen, dass die Person Kirsti Weiss während ihrer 2-jährigen Tätigkeit im AStA, aber auch während ihres mehr als 3-jährigen Agierens an der Universität, umfangreiches Datenmaterial nicht nur über die politische Arbeit des AStA, sondern auch über einzelne Studierende angehäuft und an ihre Vorgesetzten weitergeleitet hat.

    Sie hat durch ihre Arbeit im AStA bei vielen StudentInnen großes Vertrauen genossen und konnte dieses, sowie die im AStA befindlichen Unterlagen, zur Sammlung persönlicher Daten im Interesse ihrer staatlichen Auftraggeber missbrauchen.

    Ihre Einschleusung durch den Verfassungsschutz in den AStA und die Universität stellt aufgrund der Abwesenheit einer Gefahrengrundlage nicht nur einen eklatanten Bruch geltender Gesetze dar. Es ist überdies ein untragbarer Eingriff in die Persönlichkeitsrechte der einzelnen Studierenden.

    Es zeigt sich, dass heute schon jede kritische Meinungsäußerung und politische Arbeit selbst gesetzlich verankerter Organe zu einer Überwachung durch den Staat führen kann. Dies lässt eine tiefgreifende Missachtung und Geringschätzung der studentischen Selbstverwaltung, aber auch der eigenständigen und unabhängigen politischen Betätigung seiner Bürger durch den Staat erkennen.

    Die Geheimdienste untergraben permanent die Prinzipien einer pluralistischen Gesellschaft. Die gesetzlich verankerten und demokratisch geschaffenen und legitimierten Kontrollmechanismen greifen nicht. Diesen Gesetzen und Richtlinien entzieht sich der Verfassungsschutz mit dem Fehlen jeglicher Transparenz in einer regelmäßigen und erschreckenden Konsequenz.

    Diese Geheimdienstpraxis ist jedoch politisch gewollt. Sie läuft einher mit den stets verschärften Gesetzen zur Inneren Sicherheit und der Schaffung immer neuer Bedrohungs- und Eskalationsszenarien seitens der Regierungen, egal welche Parteien diese stellen. Die Einbindung der Hochschulen in die repressive Politik, die z. B. mit der Rasterfahndung und der Überwachung öffentlicher Räume längst an unseren Universitäten Einzug gehalten hat, stellt leider auch keine Ausnahme mehr dar.

    Wir denken, dass es dringend erforderlich ist eine öffentliche Auseinandersetzung über die Legitimität und den Sinn dieser geheimdienstlichen und staatlichen Praxis zu führen.