Schwarze Katze Rundbrief 10.11.02
Bunte Häuser, buntes Leben, sollte es viel öfter geben!

1.) Im Namen des Volkes
2.) Schwarze Katze Aktivitäten
3.) US-Geheimdienst will Verdächtige foltern
4.) rot-grün: Niedriglohnarbeit und Aufrüstung
5.) Nazis betreuen Kinder
6.) Solidarität mit Zapatistas
7.) Brauner Aufmarsch in der Iserlohnerheide

1.) Im Namen des Volkes
Text eines Liedes der Musikgruppe Hass


Im Namen des Volkes und der Demokratie

Im Namen des Volkes verschleudern sie Millionen
zu unserem Wohl - dein Leben soll sich lohnen
im Namen des Volkes und der Demokratie
nur fragen werden sie uns nie

Im Namen des Volkes springst du übers Messer
werden die Bonzen immer reicher - ihre Weiber immer fetter
im Namen des Volkes und der Demokratie
doch fragen werden sie uns nie

Im Namen des Volkes und der Demokratie

Im Namen des Volkes falten sie die Hände
machen per Knopfdruck der Menschheit ein Ende
im Namen des Volkes und der Demokratie
doch fragen werden sie uns nie

Im Namen des Volkes brauchen sie uns nicht fragen
weil wir ihnen ja den Auftrag dazu gaben
im Namen des Volkes und der Demokratie
doch fragen werden sie uns nie

Im Namen des Volkes und der Demokratie

Tut mir leid Deutschland - ich bin so frei
leider ist für mich mal wieder nichts dabei
ich mache jetzt Gebrauch von der Demokratie
meine Stimme die kriegst du nie


2.) Schwarze Katze Aktivitäten und neues aus dem Märkischen Kreis

Im Oktober 02 wurde damit begonnen alte Radiosendungen, O-Töne und Musikkassetten von uns zu sortieren und zu katalogisieren. Das dient dazu Sendungen von uns im mp3-Format ins Internet zu stellen. In der Vergangenheit haben wir ja Sendungen zu allen Themen der ausserparlamentarischen Opposition (Friedensbewegung, Castor-Transporte, Antifa, Antira, Anarchismus, Autonome, Schutz von Grund- und Freiheitsrechten, Protestaktionen gegen Gentechnik, Feminismus, Vorstellen von APO-Gruppen usw.) erstellt. Wenn diese Sendungen in mp3-Datenformat übertragen werden, sind sie einem grösseren Kreis von Menschen als bisher zugänglich. Kostenlos natürlich. Da das ganze ziemlich arbeitsaufwendig ist, kann das noch dauern. Kommt aber. Uns fehlt allerdings noch Technik, um das ganze in akzeptabler Qualität zu erstellen. Weil das ganze ziemlich kostenintensiv ist (werbefreier Webspeicherplatz, PC-Ausrüstung, leistungsfähiger PC, Datenträger, CD-Brenner, Mikros, Mischpult usw.), freuen wir uns über Spenden für diesen Zweck. Radio

Nazis marschierten am 14.09.02 in Iserlohn anlässlich einer NPD-Demo auf. Wir waren zusammen mit der Antifa Hemer, dem Friedensplenum und anderen an den Vorbereitungen und der Organisation der Gegenaktivitäten beteiligt. Jemand von uns hielt auf der mit 250 Teilnehmern gutbesuchten Gegendemo eine Rede. Dort klärte er über die gefährlichen nationalistischen Strukturen im Märkischen Kreis auf. Der CDU-Landtagsabgeordnete Hubert Schulte wurde während seiner Rede ausgepfiffen und ausgebuht, weil er Antifas mit Faschos gleichsetzte.

Ein längeres Interview mit Aktivisten der Antifa Hagen wurde von der Schwarzen Katze im Radio ausgestrahlt. Dort ging es u.a. um die von Gerichten als ungerechtfertigt eingestufte Einkesselung der antifaschistischen Demonstranten durch die Polizei. In der Sendung sprachen die Antifas von ihrer Kritik an Kameraüberwachung, Konsumwahn, Rasterfahndung, Kapitalismus und über überflüssige Dienste, wie den Verfassungsschutz. Die Hagener Antifas lasen ihren Aufruf zur antikapitalistischen Demo und zum Konzert am 21.09.02 in Hagen vor.

Bei dem Hagener Antifa-Fest war die Schwarze Katze mit einem Büchertisch vertreten. Das hat uns ausgesprochen gut gefallen. Coole Musik, nette Leute, eine bunte Demo gegen Kapitalismus vorher, gutes Essen und Trinken und noch einige andere interessante Infostände. Sowas sollte es öfter geben. Über 400 Menschen aller Altersgruppen besuchten das antikapitalistische Strassenfest und das Konzert, was umsonst und draussen stattfand. Bei der Demo wurden auch Redebeiträge zur Ausgrenzungspolitik der ReGIERenden und (passend vor einer Zeitarbeitsfirma) was kritisches zu Leiharbeit gehalten. Unser Fazit zu Demo und Fest: Eine runde Sache.

Wir haben Antifas aus Süddeutschland geholfen ihre Antifa-Gruppe aufzubauen. Wir gaben ihnen aufgrund unserer langjährigen Erfahrungen ausführliche Infos über Gruppendynamik, Finanzierungsmöglichkeiten, Förderung, Bündnisarbeit, Kontakt zu lokalen anarchistischen Gruppen, mögliche Aktivitäten und Tipps um in die Medien zu kommen.

Junge Leute aus Menden, Iserlohn und Hemer - auch aus dem Punk-Spektrum - haben Interesse bekommen was zu machen. Mit einigen von ihnen haben wir zusammen eine punkige Radiosendung produziert, in der es unter anderem um Kritik an christlichen Fundamentalisten ging. Weiterhin wurde den an politischer Arbeit Interessierten ein Film über die Chaostage Hannover gezeigt, wo zu sehen war, wie Polizisten selber Steine geschmissen haben. Jemand von der Schwarzen Katze berichtete von eigenen Erfahrungen mit den Hütern von Recht und Ordnung bei den Hannoveraner Chaostagen 1996, was interessiert aufgenommen wurde. Während wir den Film gesehen haben, haben wir gemeinsam Spaghetti gegessen. Zusammen essen und trinken ist auch ´ne nette Sache...

Am 05.10.02 sollte in Iserlohn die 2. "Soya Wohl nicht Demo" stattfinden. Von der Tierrechtsgruppe Iserlohn angemeldet, sollte es um das Aufzeigen von Tierquälereien gehen. Allerdings ist die Demo im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser gefallen. Durch den starken Regen fand das ganze nicht statt. Tierrechtler und Polizisten wurden klitschnass wie ´ne nasse Katze.

Am 26.10.02, dem weltweiten Aktionstag gegen den Irak-Krieg, gab es auch in Hemer eine mit ca. 30 Leuten gut besuchte Mahnwache. Dort wurde das Schwarze Katze Flugblatt Kein Blut für Öl verteilt. Der ehemalige Hemeraner Bürgermeister nahm auch eins und meinte dazu: "Der Irak-Krieg kommt!" und "Die Amis machen doch sowieso was sie wollen". Womit er leider recht hat...

Künstler und Literaten aus dem Märkischen Kreis haben sich Gedanken zum 11. September 2001 gemacht und ein Buch dazu herausgegeben. Dieses wird in unserer nächsten Radiosendung vorgestellt und Interviews mit den AutorInnen sind in der Sendung auch drin. In dem Buch wird sich kritisch mit der US-Kriegspolitik auseinandergesetzt.

Im Märkischen Friedenskreis, wo wir uns als antimilitaristische Gruppe beteiligen, wird geplant, einen offenen Brief an George Bush zu schreiben. Dort soll die unsägliche US-Kriegspolitik und die Terrorhysterie kritisiert werden. Ein Seminar zu Globalisierung wird in Kooperation mit den Gewerkschaften im Märkischen Kreis durchgeführt. Wenn der US-Angriffskrieg gegen die Menschen im Irak beginnt, sollen im Märkischen Kreis zeitgleich Protestaktionen stattfinden. Unser Slogan lautet genau wie schon beim Golfkrieg 1991: Kein Blut für Öl! Auch in Iserlohn beteiligten sich 1991 Anarchisten und Friedensbewegte an Anti-Kriegs-Aktivitäten und besetzen die Strassenkreuzung am Wichelhovenhaus. Krankenwagen wurden natürlich durchgelassen. Anfang 91 nahm die Friedensbewegung einen grossen Aufschwung und das Iserlohner Friedensplenum entstand und veranstaltete seitdem neben vielen Aktivitäten jährlich die beliebten Friedensfeste als Alternative zum militärgeprägten Schützenfest.


3.) Foltern für die Wahrheit?
The Times: FBI zieht Folter von Verdächtigen in Betracht

Lüdenscheider Nachrichten, 23.10.01

Nach einem Bericht der Onlineausgabe der britischen "The Times" ziehen amerikanische Ermittler jetzt sogar Folter in Betracht, um weitere Informationen aus den Verdächtigen des Terroranschlags vom 11. September herauszubekommen.


Nachdem die Ermittler auf eine "Mauer des Schweigens" bei den festgenommenen Verdächtigen gestoßen seien, denke man jetzt über "rauhere Befragungstechniken, einschließlich Folterung" nach, so "The Times" in einem Bericht vom Montag.

Mehr als 150 Personen sind im Zusammenhang mit den Terroranschlägen vom 11. September in den USA festgenommen worden. Vier von ihnen stehen im Mittelpunkt der Befragungen, von ihnen sei aber nichts zu erfahren.

Weitere Optionen die im Gespräch seien sind sogenannte "Wahrheits"-Drogen oder andere "Druckmittel". "Seit 35 Tagen sind wir nun schon dran, und keiner spricht", zitiert "The Times" einen frustierten FBI Sprecher gegenüber der Washington Post.

Laut US Gesetz sind Geständnisse die durch Druckmittel wie Folter zustande kommen unzulässig. Doch nun wurde vorgeschlagen, Wahrheitsdrogen wie "Sodium Pentothal" einzsetzen. Auch wird darüber nachgedacht, die Verhafteten an Länder auszuliefern bei denen "rauhere Befragungsmethoden" gängiger seien.

So zum Beispiel Zacarias Moussaoui, ein Franzose marrokanischer Abstammung: Er wird verdächtig, der zwanzigste Flugzeugentführer zu sein, aber nicht rechtzeitig an Bord der Maschine kam, die am 11. September in Pennsylvania auf einem Feld abgestürzt ist.

Moussaoui wurde verhaftet, nachdem er sich bei einer Flugschule in Minnesota "verdächtig" verhalten habe. Er wollte nur Unterrichtseinheiten zum Fliegen eins Flugzeugs buchen, aber keine Start- oder Landeeinheiten. Marroko und Frankreich würden nach Angaben der "The Times" härtere Methoden bei der Befragung anwenden.

Es gibt aber auch kritische Stimmen im FBI. So sagt Robert Blitzer, ein ehemaliger Führungsbeamter in der Anti-Terror Einheit des FBI, der Gedanke Folter anzuwenden, gehe gegen "jedes einzelne Teil" in seinem Körper. Schließlich kann man auch immer die falsche Person erwischen und dabei verletzen oder töten.


4.) SPD und Grüne stellen neuen Koalitionsvertrag vor
Von Peter Schwarz
19. Oktober 2002

Nach 16-tägigen Verhandlungen haben SPD und Grüne am Mittwoch den Koalitionsvertrag für die nächsten vier Jahre unterzeichnet und die neue Regierung vorgestellt.

In den Medien fand der Koalitionsvertrag ein weitgehend negatives Echo. Der notwendige gesellschaftliche "Ruck" sei ausgeblieben, es fehlten tragende Ideen und weitsichtige Konzepte, die Koalitionäre hätten sich für zwei Übel gleichzeitig entschieden, für neue Steuerlasten und höhere Schulden, lauteten die Kommentare.

Diese Kritik kommt überwiegend von rechts. Sie bemängelt, dass die neue Regierung die sozialen Sicherungssysteme nicht radikaler zurechtstutzt und die Wirtschaft nicht stärker liberalisiert, was sich unmittelbar nach dem Wahlerfolg am ehesten hätte durchsetzen lassen.

Die rechte Kritik bedeutet aber nicht, dass SPD und Grüne ein linkes Programm verabschiedet haben. Sie setzen lediglich die Prioritäten anders als ihre Kritiker. Für sie steht die Unterbindung einer möglichen gesellschaftlichen Oppositionsbewegung an erster Stelle. Sie betrachten dies als Voraussetzung für die Verwirklichung eines rechten, wirtschaftsfreundlichen Programms. Das zeigt sich sowohl an der Auswahl des Regierungspersonals - alter, erfahrener sozialdemokratischer Machttechniker, die sich in Krisensituationen bewährt haben - als auch am Inhalt des Koalitionsvertrags.

Insgesamt bedeutet die Koalitionsvereinbarung gegenüber der letzten von 1998 einen deutlichen Rechtsruck. Im Mittelpunkt stehen die massive, staatlich geförderte Einführung von Niedriglohnarbeit, der weitere Abbau demokratischer Rechte und eine Außenpolitik, die an internationalen Kampfeinsätzen der Bundeswehr festhält.

Niedriglohnarbeit

Erster und zentraler Punkt des Koalitionsvertrags ist die vollständige Umsetzung der Vorschläge der Kommission "Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt".

Diese Kommission unter Vorsitz von VW-Personal-Chef Peter Hartz hatte im August einen Bericht vorgelegt, der die Schaffung mehrerer Hunderttausend staatlich subventionierter Arbeitsplätze im Niedriglohnsektor vorsieht. Die Arbeitsämter werden zu diesem Zweck in Leiharbeitsagenturen umgewandelt, die Arbeitnehmer zu günstigen Bedingungen direkt an Unternehmen verleihen. Auch andere Formen der Niedriglohnarbeit, wie die Legalisierung von Scheinselbständigkeit durch sogenannte "Ich-AGs", sind vorgesehen. So soll die Zahl der Arbeitslosen angeblich von vier auf zwei Millionen halbiert werden. Tatsächlich laufen die Hartz-Vorschläge aber darauf hinaus, fest angestellte Arbeiter durch Billigarbeiter auf Leihbasis zu ersetzen.

Als erster Schritt zu ihrer Umsetzung sind das Arbeits- und das Wirtschaftsministerium zu einem Superministerium unter Leitung des bisherigen nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Wolfgang Clement (SPD) zusammengefasst worden. Diese Maßnahme stammt direkt aus dem Wahlprogramm des CSU-Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber, der ein solches Ministerium unter Leitung des CDU-Politikers und Managers Lothar Späth vorschlug. Sie hat weitreichende politische Auswirkungen.

Das Arbeitsministerium, zuständig für soziale Angelegenheiten, Arbeitsbedingungen und Arbeitslose, galt sowohl in der Weimarer Republik als auch in der Bundesrepublik als Hort von Arbeitnehmerinteressen. Seit 1949 waren alle Arbeitsminister langjährige Gewerkschaftsmitglieder mit engem Draht zur Gewerkschaftsführung. Der gewaltige Etat des Ministeriums floss zum größten Teil in soziale Sicherungssysteme, wie Arbeitslosen- und Rentenkassen.

Das Wirtschaftsministerium galt dagegen als traditionelle Unternehmerlobby. Jahrzehntelang von der FDP geführt, wurde es seit 1998 vom parteilosen Wirtschaftsmanager Werner Müller geleitet. Es lenkte Subventionsgelder in die Kassen der Unternehmen und machte sich für den freien Wettbewerb stark. Entsprechend angespannt waren die Beziehungen zwischen den beiden Ministerien.

Der Zusammenschluss der beiden Ministerien trägt starke korporatistische Züge. Was in den sechziger Jahren als Konzertierte Aktion begann und später als Bündnis für Arbeit fortgesetzt wurde - die Zusammenarbeit von Regierung, Unternehmerverbänden und Gewerkschaften über die Köpfe der Gewerkschaftsmitglieder hinweg - findet nun im Rahmen der Regierung selbst seine Fortsetzung.

Im Koalitionsvertrag wird dies auch ganz offen so begründet. "Wir überwinden damit die teilweise lähmenden Auseinandersetzungen zwischen den Sozialpartnern und den politischen Kräften über die richtige Strategie zur Bewältigung der Arbeitslosigkeit", heißt es darin. Das ist ein direkter und zutiefst undemokratischer Angriff auf das Koalitions- und Streikrecht. Die Überwindung der "lähmenden Auseinandersetzungen zwischen den Sozialpartnern" gehört zu den klassischen Zielen jedes diktatorischen Regimes. In der Praxis bedeutet sie die - notfalls gewaltsame - Unterdrückung des Klassenkampfs im Interesse des reibungslosen Funktionierens der Wirtschaft.

Der 62-jährige Wolfgang Clement ist die lebendige Verkörperung dieser Perspektive. Wie Gerhard Schröder und der Brite Tony Blair gehört der ehemalige Journalist zu jenen "Machern" und "Pragmatikern" innerhalb der Sozialdemokratie, die für die Traditionen der Arbeiterbewegung und für demokratische Grundsätze lediglich Verachtung übrig haben und wegen ihrer Arroganz gegenüber Arbeitern und ihrer Liebdienerei gegenüber der Wirtschaft notorisch sind.

Staatsaufrüstung

Es ist nur folgerichtig, dass demokratische Rechte im Koalitionsvertrag keinen Niederschlag finden. Kapitel VIII ist mit "Sicherheit, Toleranz und Demokratie" überschrieben, aber die Betonung liegt ausschließlich auf dem ersten Begriff.

Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik war das Justizministerium an den Koalitionsverhandlungen überhaupt nicht beteiligt. Die bisherige Justizministerin Herta Däubler-Gmelin war wegen ihres Bush-Hitler-Vergleichs bereits zurückgetreten, ihre Nachfolgerin - die Schröder-Vertraute Brigitte Zypries - wurde erst anschließend ernannt. Die Rechtspolitik lag so ganz in den Händen des Innenministeriums, das auch in der neuen Regierung vom mittlerweile 70-jährigen Hardliner Otto Schily geleitet wird.

Schon im ersten Satz des Kapitels - "Jeder Mensch hat das Recht auf Freiheit und Sicherheit in Deutschland" - wird das Recht auf Sicherheit in einem Atemzug mit dem Recht auf Freiheit genannt, ganz im Sinne der gegenwärtigen Terrorismushysterie. Der Begriff "jeder Mensch" gilt dabei offensichtlich nicht für Asylsuchende und Flüchtlinge. Hatten die Grünen früher noch gelegentlich die inhumane Abschiebepraxis kritisiert, so verpflichten sie sich nun, im Bündnis mit der SPD dafür zu "sorgen, dass die Ausreisepflicht von Nicht-Bleibeberechtigten konsequent durchgesetzt wird".

"Die Koalition wird ihre erfolgreiche Politik zur Wahrung der Inneren Sicherheit fortsetzen", heißt es weiter unten. Dies gelte "für die Bekämpfung von Terrorismus und Organisierter Kriminalität ebenso wie von Alltagskriminalität". Dabei wird ausdrücklich der Einsatz von "modernen Methoden der Biometrie zur Identitätssicherung" und der "DNA-Analyse im Ermittlungsverfahren" befürwortet. Von Datenschutz und drohendem Überwachungsstaat ist keine Rede mehr.

Auch die von den Grünen stets abgelehnte Kronzeugenregelung hat ihren Weg in den Koalitionsvertrag gefunden, ohne dass sie als solche benannt wird. "In den Fällen, in denen jemand für das Gericht nachweisbar zur Aufklärung oder Verhinderung schwerer Straftaten beiträgt oder sonstige außergewöhnliche Strafminderungsgrüne vorliegen, werden wir die Möglichkeiten zur Strafmilderung erweitern", heißt es im Vertrag.

Soziale Versprechen

Ähnlich wie der letzte Koalitionsvertrag von 1998 verspricht auch dieser wieder einige wenige, äußerst vage soziale Verbesserungen, die hauptsächlich dazu dienen, den massiven Sozialabbau zu kaschieren. So werden in den kommenden vier Jahren allein bei der Arbeitslosenhilfe 17,4 Milliarden Euro eingespart - eine Tatsache, die in den Medien kaum Beachtung fand.

Umso mehr Aufmerksamkeit erregten dagegen einige Korrekturen bei den Besserverdienenden - wie die Kürzung der Eigenheimzulage für Kinderlose, die erweiterte Besteuerung von Spekulationsgewinnen oder die Mindeststeuer auf Unternehmensgewinne. Obwohl sie zahlenmäßig wenig ins Gewicht fallen und sich zum Teil leicht umgehen lassen, lösten diese Maßnahmen im Wirtschaftslager einen Aufschrei aus. Auch Unions-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber attackierte sie scharf, obwohl er im Wahlkampf selbst heftig gegen die faktische Steuerbefreiung von Großunternehmen aufgetreten war. Dieser Protest bewirkte vor allem eines - er erleichterte es der Gewerkschaftsbürokratie, das rechte Regierungsprogramm vorbehaltlos zu unterstützen, ohne vollständig das Gesicht zu verlieren.

Groß herausgestrichen wurde auch die Bereitstellung von vier Milliarden Euro für die Einrichtung von 10.000 Ganztagsschulen, die eine umfassende Kinderbetreuung garantieren und so Alleinerziehenden oder beiden Elternteilen die Berufstätigkeit ermöglichen sollen. Dieses Versprechen erweist sich bei näherem Hinsehen als Danaergeschenk an die Kommunen und Länder, die die wesentlich höheren Betriebskosten für die Ganztagschulen zu bezahlen hätten und dazu aufgrund ihrer klammen Kassen kaum in der Lage sind. Vom Bund würden pro Schule lediglich einmalig 400.000 Euro beigesteuert.

Auch die Förderung des Mittelstandes wird im Koalitionspapier ausführlich beschworen, aber nicht quantitativ festgelegt.

All diese Maßnahmen stehen zudem unter einem Finanzierungsvorbehalt. Seit der Veröffentlichung des Koalitionsvertrags jagen sich die Hiobsbotschaften. Die Wachstumsprognosen werden ständig nach unten korrigiert. Das Haushaltsdefizit wird schon in diesem Jahr 10 bis 14 Milliarden Euro über Plan liegen, die in Maastricht festgelegte Verschuldungsgrenze von 3 Prozent des Sozialprodukts überschritten werden. Weitere Kürzungen und Sparmaßnamen zu Lasten der Sozialausgaben sind bereits abzusehen.

In den neuen Bundesländern, wo die soziale Katastrophe am tiefsten ist, hat die Koalition schon jetzt den Anspruch aufgegeben, den Lebensstandard flächendeckend auf Westniveau zu heben. Stattdessen ist von einer Bündelung der Hilfen die Rede. "Kleine blühende Inseln statt weiter blühender Landschaften also", kommentiert dies die Süddeutsche Zeitung. Ganze Regionen werden einfach absaufen.

Ruhe vor dem Sturm

Nimmt man den Koalitionsvertrag als ganzen, so zeichnet er sich mehr durch das aus, was er nicht sagt, als durch das, was er sagt. Neben zahleichen, nebensächlichen Details enthält er vor allem wolkige Phrasen. Die dramatische wirtschaftliche, soziale und politische Lage, in der sich das Land befindet, wird kaum angesprochen.

Am deutlichsten zeigt sich das im letzten Kapitel über die Außenpolitik. Als hätte sich nichts verändert, werden dort "Beachtung des Völkerrechts, Eintreten für Menschenrechte, Dialogbereitschaft, Krisenprävention, Gewaltverzicht und Vertrauensbildung" als Grundlagen des außenpolitischen Handelns beschworen. Ein "enges Verhältnis zu den USA, dem wichtigsten außereuropäischen Partner Deutschlands" wird neben der europäischen Integration als zweiter Pfeiler bezeichnet, "auf dem die Freiheit und die Demokratie Deutschlands aufgebaut ist".

Das Wort Irak kommt ebenso wenig vor wie der Name Bush. Die intensiven Vorbereitungen auf einen Waffengang gegen den Irak, die neue Sicherheitsdoktrin der USA, die heftigen Konflikte mit der Bush-Regierung während der Wahl - all das wird nicht erwähnt. Dasselbe gilt für den Einbruch der Aktienmärkte, die drohenden Anzeichen einer anhaltenden Rezession und die verheerende Krise im Bankensektor.

Diese Flucht vor der Realität hat mehrere Gründe. Zum einen ist die Regierung weder vorbereitet, noch hat sie eine tragfähige Antwort auf die drohenden inneren und äußeren Erschütterungen. Zum anderen will sie eine breitere öffentliche Diskussion vermeiden und sich alle Optionen offen halten. Sie erinnert an jemanden, der sich vor einem aufziehenden Sturm verbarrikadiert, aber nicht laut darüber reden will, um niemanden zu beunruhigen.

Während sie keine Antwort auf die brennenden Probleme hat, die Millionen von Menschen betreffen, rüstet sie den Staatsapparat systematisch auf, um die Lage unter Kontrolle zu halten. Sie tut dies nicht nur nach innen, sondern auch nach außen.

In dieser Hinsicht ist das außenpolitische Kapitel des Koalitionsvertrags unmissverständlich. "Wir werden die umfassende Reform der Bundeswehr fortsetzen", heißt es dort. Diese Reform, die in den letzten vier Jahren systematisch vorangetrieben wurde, läuft auf die völlige Verwandlung der einstigen territorialen Verteidigungsarmee in eine internationale Einsatztruppe hinaus, die zu Interventionen rund um den Globus fähig ist.

Auf Drängen der Grünen wurde eine Überprüfung der bisherigen Bundeswehrreform im Koalitionsvertrag festgeschrieben, und zwar nach Maßgabe des Weizsäcker-Modells von 2000. Dieses sieht die weitgehende Umwandlung der Wehrpflicht- in eine Berufsarmee vor, was von der SPD bisher abgelehnt wurde. Die Folge wäre das Heranwachsen einer neuen Militärkaste und die Stärkung des Militarismus auch innerhalb der Gesellschaft.

Die Berufung Manfred Stolpes ins Kabinett ist ebenfalls Bestandteil der Bemühungen, soziale Konflikte im Keim zu ersticken. Der 64-jährige Sozialdemokrat hatte sich erst vor kurzem aus der Politik verabschiedet und seinen Ministerpräsidentenposten in Brandenburg für einen jüngeren Nachfolger geräumt. Nun ist er im neuen Kabinett neben Verkehr und Bau auch für den Aufbau Ost zuständig.

Stolpe hatte in der DDR eine Schlüsselrolle im Verhältnis zwischen der Staatsmacht und der wachsenden Opposition gespielt. Als führender Funktionär der evangelischen Kirche, in der sich die Opposition artikulieren durfte, sorgte er dafür, dass diese eng gesteckte Grenzen nicht überschritt, und unterhielt dabei enge Beziehungen zu Stasi und Regierung. Nach der Wende trat er in die SPD ein und ließ sich zum Ministerpräsidenten von Brandenburg wählen. Dort gab er sich zum einen als Vertreter von Ostinteressen, zum anderen schloss er eine Koalition mit dem Rechtsaußen der CDU, Jörg Schönbohm.


5.) Tüten tragen, Kinder betreuen, "national befreite Zonen" aufbauen
Frankfurter Rundschau 31.07.01, Jörg Schindler


Neonazis haben mit der neuen Strategie, aus guten Taten politisch Kapital zu schlagen, offenbar Erfolg 

Rund 1000 Homepages deutscher Neonazis hat der Verfassungsschutz zuletzt gezählt. Die enthalten dumpfe Parolen Ewiggestriger, aber auch ausgeklügelte Strategien - etwa zu der Frage, wie man "national befreite Zonen" schafft. Nach Ansicht von Experten werden diese Anleitungen nicht nur gelesen, sondern auch umgesetzt. Am 18. Mai 2001 gab sich Mitglied 25 als Menschenfreund. Es sei höchste Zeit, ermunterte er seine Kameraden, alten Frauen die Einkaufstüten zu tragen. Wenn ein Mädchen belästigt werde, solle man einschreiten und die Betroffene nach Hause begleiten. Auch könne es nicht schaden, Spielplätze zu bewachen, damit den lieben Kleinen nichts passiert. "Helfen, helfen und nochmals helfen", so Mitglied 25 alias SS 148818. "Man muss erreichen, dass sich die Bürger mit euch gut verstehen und euch gerne sehen!" Dann werde früher oder später das Ziel erreicht, eine weitere "national befreite Zone" entstehe.

Mitglied 25 ist kein Einzelfall. In "Nationalen Foren" tauschten sich in den vergangenen Monaten Gleichgesinnte im Internet über die Frage aus: "Wie mache ich national befreite Zonen?" Dabei wurden Heißsporne schon mal in fragwürdigem Deutsch zur Räson gerufen: Es gehe nicht darum, "alle Drogensüchtigen und Frauenbelästigenden herumlungerer aus der Stadt zu prügeln auch wenn es schön wäre". Die Adresse ist inzwischen gesperrt - die Gesinnung vermutlich nicht.

Der Aufruf von Rechtsextremisten, Zonen zu schaffen, in denen sie de facto die Macht ausüben, ist nicht neu. Bereits 1996 veröffentlichte ein Anonymus im Thule-Netz seine Ansichten darüber, wie das "lange und zähe Ringen um die Herzen und Hirne der Menschen" zu gewinnen sei. Das vierseitige Pamphlet hielt sich jedoch weitgehend mit kruden Theorien und billigem Pathos auf ("Aus Rinnsalen werden Bäche, aus Bächen wird der große Strom . . ."). Inzwischen hat es konkrete Modifizierungen erfahren: Manche Forumsbeiträge lesen sich präzise wie Anleitungen zum Modellflugzeugbau. Und nicht nur das: Seit geraumer Zeit würden die Empfehlungen auch Stück für Stück umgesetzt, sagt Michael Wörner-Schappert von der Länderinitiative jugendschutz.net.

Dass Rechtsextremisten für Senioren einkaufen gehen oder auf Kinder aufpassen, sei seit vergangenem Jahr vor allem in Ostdeutschland zu beobachten. In diesem Jahr hätten die Neonazis zudem damit begonnen, Fußballklubs für Minderjährige zu gründen. Dahinter, so Wörner-Schappert, stecke die Idee, "Kinder über den Spieleffekt zu kriegen und dann zu gucken, ob man mit dem einen oder anderen politische Schule machen kann".

Von solchen Umtrieben weiß man auch im Berliner Zentrum Demokratische Kultur (ZDK). So habe etwa der "Thüringer Heimatschutz" zuletzt in Jena, Saalfeld, Gera und Eisenach Hausaufgabenhilfe angeboten und Spielplätze gereinigt, sagt ein Sprecher. In Leipzig hätten die Jungen Nationaldemokraten sogar einen eigenen Sozialarbeiter beschäftigt. Daneben verfolgten die Neonazis noch eine andere Strategie: "wirtschaftliche Standbeine" in bestimmten Regionen zu gründen, um auf diese Weise Menschen zu ködern. So hätten Rechtsextremisten schon etliche Werbe- und Baufirmen oder Gasthöfe eröffnet. 

Eine Strategie, die "definitiv funktioniert", wie der ZDK-Sprecher sagt. Zumal sie rechtlich nicht zu unterbinden sei: Einkaufstüten tragen oder Bier zapfen sei eben nicht strafbar. Bei dem für Straftaten zuständigen Bundeskriminalamt hat man denn auch von derlei Strategien der Neonazis "noch nichts gehört".


6.) Solidarität mit den Zapatistas
Bundesweite Demonstration am Sa., 16.11.2002 in Berlin


Land und Freiheit! Am 1. Januar 1994 erhoben sich weite Teile der indigenen Bevölkerung im mexikanischen Bundesstaat Chiapas gegen ihre jahrhundertelange Unterdrückung und Ausbeutung und gegen die drohende Auslöschung ihrer Kultur durch die neoliberale Politik. Organisiert in der "Zapatistischen Befreiungsarmee" EZLN nahmen sie in einem Überraschungscoup fast ein Drittel des chiapanekischen Staatsgebietes ein, besetzten Rathäuser und vertrieben Großgundbesitzer, die diesen Landstrich in alter kolonialer Tradition beherrschten. Ihr Aufschrei "Ya basta!" (dt.: "Es reicht") ging in einer Zeit um die Welt, als all zu viele schon das Märchen vom "Ende der Geschichte" geglaubt hatten und kaum jemand noch an die Möglichkeit gesellschaftlicher Veränderung glaubte. Vieles von dem, was sich heute gegen die Gestaltung der Welt durch die Reichen für die Reichen regt, findet einen Ursprung im Aufstand und den Initiativen der Zapatistas. Heute, fast neun Jahre danach, leben und kämpfen die Zapatistas politisch weiter und sehen sich aktuell einer neuen Welle paramilitärischen Terrors und militärischer Bedrohung ausgesetzt. Für uns ist es jetzt an der Zeit, unsere Unterstützung und Solidarität für ihren gerechten Kampf auszudrücken.

Für die Unterstützung der autonomen indigenen Gemeinden

Seit 1994 hält die EZLN einen einseitigen Waffenstillstand aufrecht. Seitdem versuchen die Zapatistas, mit zivilen Initiativen und politischen Aktionen eine friedliche Lösung ihrer Probleme zu erreichen. Gleichzeitig arbeiten sie am Ausbau ihrer Selbstverwaltung. Dabei verbinden sich basisdemokratische Traditionen mit linken Utopien zu etwas, das sich in unseren westlichen Begrifflichkeiten am Ehesten als eine Art Rätedemokratie beschreiben lässt. Mehrere Hundert Dörfer, organisiert in 38 autonomen Landkreisen, haben auf diese Weise gemeinschaftliche Strukturen in den Bereichen Produktion, Bildung, Gesundheit, Gleichberechtigung und politische Entscheidungsfindung entwickelt und bauen diese mit minimalen Ressourcen und unter großem persönlichen und kollektiven Einsatz weiter aus. Dabei lehnen diese "Gemeinden im Widerstand" jede staatliche Hilfe konsequent ab, arbeiten aber mit Gruppen der Zivilgesellschaft inner- und außerhalb Mexikos zusammen.

Für die sofortige Entwaffnung der paramilitärischen Gruppen

Seit 1994 sehen sich die Gemeinden im Widerstand einem brutalen Aufstandsbekämpfungsprogramm ausgesetzt. Gezielte Morde und Entführungen, willkürliche Festnahmen und Vertreibungen ganzer Dörfer gehören für die organisierten Indígenas zum bitteren Alltag. In diesem Krieg niederer Intensität spielen ein gutes Dutzend paramilitärischer Gruppen eine tragende Rolle. Häufig direkt von staatlichen Kräften aufgestellt und ausgerüstet, ist es ihre Aufgabe, die Zivilbevölkerung einzuschüchtern und zur Aufgabe ihres Kampfes zu bewegen. Nach einer relativen Entspannung im ersten Amtsjahr des neuen mexikanischen Präsidenten Vicente Fox kam es im Juli und August diesen Jahres zu einer neuen Welle von Morden und Übergriffen. Zehn Morde und die Vertreibung von mehreren tausend Menschen aus ihren Dörfern sind die traurige Bilanz der letzten Monate. Häufig sind die Namen der Mörder bekannt, sie genießen jedoch bis heute völlige Straflosigkeit.

Für die Entmilitarisierung von Chiapas

Bis heute ist Chiapas die am stärksten militarisierte Region Mexikos. Ein Drittel der gesamten Armee, über 60.000 Soldaten, ist hier in über 250 Stützpunkten stationiert, zudem starke Einheiten der Bundespolizei. Immer wieder kommt es zu Übergriffen und Menschenrechtsverletzungen. So stellen diese Kräfte eine ständige Bedrohung für die rebellischen Gemeinden dar. Im Frühjahr 2001 kam es auf Forderung der Zapatistas und durch starken Druck der Zivilgesellschaft zwar zur Räumung von sechs Militärstützpunkten, die Einheiten wurden jedoch nur in der Region umgruppiert. Im Mai und zuletzt im August und September dieses Jahres wurden jedoch wieder Verstärkungen und große Mobilisierungen von Truppen gemeldet.

Für die Umsetzung der Verträge von San Andrés

1996 kam es zu Verhandlungen zwischen der EZLN und der Regierung und beide Seiten unterzeichneten einen ersten Teilvertrag, die "Abkommen von San Andrés", die der indigenen Bevölkerung die Rechte über ihre Ländereien und eine Selbstverwaltung zugestanden. Wenn die Regierung dieses Abkommen umsetzen würde, wäre die EZLN zu weiteren Verhandlungen zu den Themen Demokratie, Wirtschaft und Frauenfrage bereit. Doch im Gegensatz zur EZLN, die in ihren autonomen Gemeinden die Verträge zu realisieren versucht, setzte die mexikanische Regierung diese niemals um. Als der neue Präsident Vicente Fox 2000 den entsprechenden Gesetzesvorschlag ins Parlament einbrachte, wurde dieser dermaßen "verwässert", dass sich viele soziale Organisationen und Menschenrechtsgruppen empörten, das Gesetz sei eine Beleidigung für die Indígenas und die gesamte Gesellschaft. Daraufhin klagten über 300 Gemeinden beim Obersten Gerichtshof Mexikos gegen dieses arrogante Gesetz - doch das Verfassungsgericht erklärte sich im September 2002 für "nicht zuständig". Jetzt sprechen das progressive Mexiko und internationale BeobachterInnen davon, dass die letzte Tür für eine friedliche Lösung des Konflikts zwischen mexikanischer Elite einerseits und der indigenen und linken Opposition andererseits zugeschlagen worden sei.

Gegen den Plan-Puebla-Panama

Der Plan-Puebla-Panama (PPP) bezeichnet ein Bündel von Projekten, mit denen die komplette Erschließung des Südostens Mexikos und Zentralamerikas für den Weltmarkt vorangetrieben werden soll. Dabei wird auf die Ausbeutung der reichen Ressourcen dieser Region abgezielt: Trinkwasser, Wasserkraft, billige Arbeitskräfte, Bodenschätze (z.B. Erdöl, Uran), die Erschließung der genetischen Vielfalt der Regenwälder für die Biotech-Industrie sowie Monokulturen und exportorientierte industrielle Landwirtschaft. Für die über Jahrhunderte gewachsenen sozialen Strukturen in den betroffenen Gebieten würde die Umsetzung dieses Plans eine totale Katastrophe bedeuten. Die Mehrheit der betroffenen Bevölkerung, v.a. die indigenen Gemeinden, werden entgegen der Verlautbarungen des Präsidenten Fox dabei von der Regierung völlig übergangen und sprechen daher von einer neuen Kolonisierung. Zudem soll im Rahmen des PPP in der Landenge von Tehuantepec (Oaxaca) eine neue, militärisch stark überwachte Grenze entstehen, um die Migration aus dem Süden in Richtung USA/Nordmexiko noch stärker zu verhindern. Viele Basisorganisationen in Mexiko, Guatemala und den benachbarten Ländern haben sich bereits gegen den PPP ausgesprochen und organisieren sich, um Widerstand zu leisten. Doch auch hier ist es wichtig, ein Auge auf diese Entwicklungen zu halten, da es nicht zuletzt europäische und deutsche Konzerne sind, die an diesen Entwicklungen teilhaben wollen.

Wir protestieren energisch gegen die Politik der mexikanischen Regierung !

* Schluss mit Rassismus, Ausbeutung, Gewalt und Mord!
* Schluss mit der neoliberalen Wirtschaftspolitik auf Kosten von Mensch und Natur!
* Solidarität mit der zapatistischen Befreiungsbewegung EZLN!

Wir rufen auf zur aktiven Teilnahme an der
bundesweiten DEMONSTRATION "Solidarität mit den Zapatistas"
am 16. November 2002 in Berlin

13 Uhr Beginn vor der Mexikanischen Botschaft, Klingelhöferstr. 3, Nähe U-Bhf Nollendorfplatz, Abschlusskundgebung am Breidscheidplatz

19 Uhr Vokü, Filme, Schlafplätze: Yorckstr. 59

21 Uhr Soli-Konzert und Party in der SFE, Mehringhof, Gneisenaustr. 2a, Berlin
mit Wahre Schule (Hip Hop, Dub, spoken poetry), Tiefenrausch (Ska)
anschließend DJ Schnur (SkaHipHopLatino)
im 2.Raum: elektronische Tanzmusik DJaneS Troy, Kol-jah, temporäres projekt playmobilguerilla, Cocktaillounge

ErstunterzeichnerInnen: Gruppe B.A.S.T.A., Chiapas-Koordination-Nordwest, Gruppe Behubelni, Red Europea de Comités Oscar A. Romero (Berlin & Biberach), Lucha Amada, Fachschaft Lateinamerikanistik Uni Münster, AZ Marburg... u.v.a.

Informationen im Internet: www.gruppe-basta.de * www.chiapas.ch * www.zapapres.de * www.cafe-libertad.de *
Menschenrechtsinformationen: www.buko.info/carea


7.) Brauner Aufmarsch in der Iserlohnerheide
Schwarze Katze, 14.09.02


Für den 21.09.02 meldete die NPD MK eine Demo in Iserlohn an. Ebenfalls für den denselben Tag gab es eine antikapitalistische Demo in Hagen, angemeldet von der Antifa Hagen. Nun liegen Iserlohn und Hagen relativ nah beieinander und so wäre es ohne Probleme möglich gewesen sich von den Antifas gegenseitig zu unterstützen. Dieses lag aber nicht im Interesse vom Staatsschutz Hagen. Deswegen wurde, der Vermutung einiger Antifas zufolge, vom Staatsschutz die NPD unter Druck gesetzt, die Demo um eine Woche vorzuverlegen. Für den 14.09.02 gab es nämlich unter anderem eine grosse Attac-Demonstration in Köln, an der viele Menschen teilnahmen und so nicht nach Iserlohn kommen konnten. Für diese Vermutung spricht der offene Brief des führenden Nazis Christian Worch, der bei anderer Gelegenheit dem Iserlohner Timo Pradel vom Deutschen Kulturwerk vorwarf mit dem Staatsschutz Hagen zu kooperieren und dafür im Gegenzug vom Staatsschutz angeboten bekam, seine nationalistischen "Bildungs"-Veranstaltungen im Märkischen Kreis organisiert zu bekommen. Zusätzlich Verwirrung stiftete der Verfasssungsschutz NRW, der in seinem Zwischenbericht 2002 noch bis kurz vor der Demo den alten Demotermin und das alte Motto nannte. Nun denn, egal was wirklich hinter den Kulissen zwischen Staatsschutz/Verfasssungsschutz und NPD abgelaufen ist, für uns gab das erstmal ein Problem für die Antifa-Demo am 14.09.02 genug Leute zusammenzukriegen, was wir dennoch zusammen mit anderen schafften.

Da für uns klar war, dass von anderen Städten aufgrund des Datums kaum Unterstützung zu erwarten war (Red Community mobilisierte nach Köln), versuchten wir das beste aus der Situation zu machen und beteiligten uns an einem lokalen Bündnis und versuchten möglichst viele Sauerländer mit ins Boot zu holen. Was uns auch gelang. Gewerkschaften, Friedensplenum, Friedensgruppe Lüdenscheid, Anna - AG Antinationalismus Sauerland, Antifa Hemer, Grüne, SPD, CDU, Schwarze Katze, Iserlohn sagt Nein zu Rassismus und Gewalt und auch einige auswärtige Antifas unterstützen die Demo gegen den braunen Mob, der am 14.09. durch Iserlohnerheide marschierte. Neben den Organisationen kamen auch viele organisationsunabhängige Menschen aus unterschiedlichen Spektren nach Iserlohn (Demokraten, Alternative, Globalisierungskritiker, Autonome, Marxisten, Anarchisten).

In einigen Vorbereitungstreffen wurde erfolgreich versucht gute Redner zu besorgen, ein passendes Flugblatt/Plakat zu erstellen und möglichst viele Menschen auf die Beine zu bringen. 250 kamen schliesslich zu unserer Kundgebung, gegen die die braune äusserst mickrig wirkte. Wir haben alle zusammen ein Zeichen gesetzt, dass Toleranz und Mitmenschlichkeit mehr bedeuten als rechte Ausgrenzungsparolen.

Die Antifa-Demo fing um 11.30 Uhr am Iserlohner Platz an der Bauernkirche an. Der eindeutig beste Redebeitrag war der vom Vertreter der Antifa Hagen, der sich in seiner freien Rede vehement gegen jedes rechtes Gedankengut aussprach. Hubert Schulte von der CDU Menden-Lendringsen, ein lokaler Landtagsabgeordneter, machte sich bei den Zuhörern durch die Gleichsetzung von "Rechts- und Linksextremisten" unbeliebt. Dadurch setzte er die mordenden brandschatzenden Nazis mit den Verteidigern des friedlichen Zusammenlebens, den Antifas, gleich. Als Quittung wurde er ausgebuht und ausgepfiffen. Vielleicht auch deswegen bekam er am Wahltag sein Bundestagsdirektmandat nicht. Die andere Möglichkeit, warum er von seinen Wählern abgestraft wurde, könnte sein, dass er mit dem Nazi-Problem in seinem Wohnort Lendringsen nicht klarkommt.

Der Vertreter der Schwarzen Katze schilderte in seiner Rede die Geschichte nationalistischer Ausschreitungen in Iserlohn und rief dazu auf, sich aktiv dagegen zu stellen. Dankenswerterweise stellte die Antifa Hemer der Schwarzen Katze für diesen Redebeitrag Infos über Nazi-Aktivitäten in Iserlohn zur Verfügung. Da ein möglichst breites Antifa-Bündnis gewünscht war, hatte auch ein Vertreter der Iserlohner SPD das Wort.

Bunt und mit einigen Transparenten und schwarz-roten Fahnen ging es dann zum jüdischen Gedenkstein wo es den Abschlussredebeitrag gab. In dem Redebeitrag des Grün-Alternativen aus Menden wurde der Kampf gegen Ausgrenzung und Rassismus mit dem Kampf gegen die neoliberale kapitalistische Globalisierung verknüpft. Was auf allgemeine Zustimmung stiess. Eine andere Welt ist möglich! rief er den 250 Teilnehmern der Antifa-Demo zu.

Demoplakat An dem Tag gab es in Iserlohn ein Riesen-Polizeiaufgebot um die Nazi-Demo vor uns zu schützen. 400 Polizisten, auch aus dem Ruhrgebiet, schirmten den Nazi-Aufmarsch in der Iserlohnerheide vor uns ab und 50 standen bei uns rum. Warum so wenige bei uns waren, stellte sich später heraus. In Kooperation mit der Polizei änderte die NPD ihr Demokonzept: Die Nazis marschierten nicht wie ursprünglich vorgesehen vom Bahnhof Iserlohn zur Iserlohnerheide, sondern wurden unter Polizeischutz direkt mit dem Zug dahin verfrachtet. Antifas wurden von der Polizei daran gehindert mit dem Zug oder dem Bus auch dahin zu fahren. Trotzdem schafften es einige trotz Polizeischikanen ihr grundgesetzlich verbrieftes Demonstrationsrecht nahe dem Naziaufmarsch wahrzunehmen. Durch die grosse Polizeipräsens und die Polizeitaktik des Verschweigens war dies leider nur wenigen möglich. Die Informationspolitik der Polizei war im übrigen miserabel: Sie verheimlichten der Öffentlichkeit die Nazi-Route, so dass wir nur über Umwege davon erfuhren.

Wie lief nun die NPD-Demo ab? Timo Pradel forderte die Anwohner erfolglos auf, es den Polizisten gleichzutun: "Liebe Anwohnerinnen und Anwohner. Macht es wie die deutschen Polizisten - schliesst euch unserer Kundgebung an!" Dieses wurde von den Ordnungshütern, die neben den Nazis hertrotteten, nicht so gerne gehört. Pradel weiter: "Wir haben keine Kosten und Mühen gescheut, heute in Iserlohn zu marschieren". Die Polizei liess bestimmte Leute nicht zu nah an die NPD-Kundgebung ran. Dabei gabs eine interessante Begründung der Polizei: "Sie haben Gesichter, die dem linken Spektrum zugehörig sind".

Die anderen Reden gaben auch einen tiefen Aufschluss über das nationalistische Denken: "Ihr müsst deutsche Kinder zeugen!" wurden den etwa 12-16jährigen Jungnazis zugerufen. Fragt sich nur ob die älteren NPD-Kader das deutsche Frischfleisch gerne nehmen oder ob die stolzen deutschen Kiddies es untereinander treiben sollen? Wird die NPD einen "Tag der kollektiven Samenspende" ausrufen oder machen sie untereinander Gruppensex um "deutsche Kinder" zu zeugen? Wir konnten noch den Sprechchor "Blond und blöd und national" vernehmen, was zu einem Heiterkeitserfolg bei Polizei, Antifas und Anwohnern führte. Als ein NPD-Demagoge brüllte "Macht am 22. September. euer Kreuz bei der NPD!" wurde ihm entgegengerufen "Eure Kinder sind noch gar nicht wahlberechtigt!". Kinder aus der Iserlohnerheide und andere Anwohner lachten die NPDler daraufhin aus.

Braune Parolen gabs natürlich auch: "Ausländerrückführung statt Fremdeneinführung" und "Ausländer raus - Freude rein". Die Polizei schritt nicht ein. Auf einer Pappe wurde der guten alten deutschen Mark hinterhergetrauert: "DM statt Teuro". Ordentlich preussisch-deutsch marschierten die vor allem jungen NPD-Anhänger in 21 Dreierreihen. Also insgesamt nur 63 Nationalisten, die aus ganz NRW herangekarrt werden mussten. 2 von denen wurden festgenommen unter anderem wegen einem volksverhetzendem "T-Hemd" (so deutscht die NPD T-Shirts ein). Die Reaktion auf die Festnahme war folgende: "Wir bleiben solange hier stehen, bis die Kameraden freigelassen sind!". Aber nachher gings dann doch los und zwar mit folgenden bezeichnenden Worten: "Wir gehen los und laden die Polizei ein, mit uns zu marschieren". Antifas erhielten von der Polizei Platzverweise und wurden am Bahnhof Iserlohnerheide festgehalten, damit die Nationalisten ungestört marschieren konnten. Da dies in Sichtweite der Braunen geschah, konnte mensch sehen, wie sie sich über die Unterstützung durch die Polizei freuten. Bundesgrenzschutz war auf den Gleisen um ein Übertreten in "feindliches Gebiet" zu verhindern. Am heftigsten waren die Polizisten aus Erfurt: Während die Iserlohner Polizeikräfte noch freundlich zu uns waren, kam von den Erfurtern nur folgendes knappes Statement an die Antifas: "Nix sagen - nix zeigen - sonst Platzverweis!" Von diesen Polizeisprüchen liess sich aber niemand einschüchtern.

Interessant beim rechten Aufmarsch war, dass er zum grössten Teil aus ziemlich jungen Teilnehmern, vor allem Kindern und Jugendlichen bestand. Braune Hetzparolen fallen offenbar bei vielen jungen Menschen auf fruchtbaren Boden. Das zeigt uns aber auch: WIR müssen verstärkt auf jüngere Menschen zugehen und ihnen eine Alternative zu den braunen Rattenfängern bieten. Kinder und Jugendliche werden in dieser Gesellschaft meist nicht ernstgenommen. Das ist ein Fehler. Deswegen ist es für Nazis auch relativ leicht Kinder und Jugendliche zu braunen Kadern und Schlägern zu schulen. Wir sollten verstärkt auf Kiddies zugehen und mit ihnen zusammen aktiv werden, damit sie nicht Nazis in die Hände fallen. Dabei ist es auch wichtig das politische und private miteinander zu verbinden.