Wohin geht ATTAC?
junge welt 17.01.03
Gerhard Klas, Rheinisches JournalistInnenbüro
Ratschlag der Globalisierungskritiker in
Göttingen. Kontroverse über Erklärung mit DGB und Venro
Nein, ATTAC ist keine Partei, sondern ein Netzwerk
der Globalisierungskritiker. Eine andere, demokratischere Welt
wollen die heute mehr als 10000 Mitstreiterinnen und
Mitstreiter bei ATTAC Deutschland, und so steht es in
zahlreichen Erklärungen. Da befremdet es schon sehr, wenn in
ATTAC selbst mit Methoden etablierter Parteipolitik gearbeitet
wird, die diesen demokratischen Anspruch konterkarieren.
Man führt Verhandlungen im Hinterzimmer, erarbeitet
eine neue programmatische Grundlage oder Übereinkunft und
unterbreitet diese mit einer groß angelegten Pressekampagne
der Öffentlichkeit. Die überraschten Mitglieder werden vor
vollendete Tatsachen gestellt. Nach diesem Rezept ist das
leitende Gremium von ATTAC, der neunzehnköpfige bundesweite
Koordinierungskreis vorgegangen – mit Ausnahme von zwei
Mitgliedern. Ohne die Mitglieder einzubeziehen oder irgendein
anderes Gremium des bundesdeutschen ATTAC-Netzwerkes zu
konsultieren, hat der Koordinierungskreis die Plattform von
ATTAC verlassen und gemeinsam mit dem Deutschen
Gewerkschaftsbund und Venro, dem Dachverband
entwicklungspolitischer Nichtregierungsorganisationen, ein
programmatisches Papier mit dem Titel »Globalisierung gerecht
gestalten« verfaßt. Seit das Papier Anfang Dezember auf einer
Pressekonferenz in Berlin präsentiert und in sämtlichen
Tageszeitungen zitiert wurde, gibt es einen Aufschrei in
zahlreichen ATTAC-Regionalgruppen. Viele ATTAC-Mitglieder
fühlen sich hintergangen.
Dabei sind sie nicht
grundsätzlich gegen eine Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften
oder anderen gesellschaftlichen Gruppen. Im Gegenteil werden
auch sie nicht müde zu betonen, daß noch viel breitere
Bündnisse nötig sind, um den neoliberalen Konsens der
etablierten Politik zu brechen. Aber sie stellen sich die
Frage: Auf welcher Grundlage? In dem Papier jedenfalls, so die
Kritik, werden lediglich die Lippenbekenntnisse der rot-grünen
Bundesregierung breitgetreten. Die zentrale ATTAC-Forderung
nach einer grundlegend anderen Wirtschaftsordnung fällt in der
gemeinsamen Erklärung unter den Tisch.
Die Lektüre des
Papiers verdeutlicht, warum der Koordinationskreis kein
Interesse an einer breiten Diskussion dazu hatte. Gemeinsam
mit DGB und Venro fürchtet er ganz staatsmännisch um die
Währungsstabilität zwischen Dollar, Yen und Euro und
lamentiert über die mangelhafte internationale Kooperation der
drei größten Wirtschaftsblöcke. Der Handel mit
Dienstleistungen wird grundsätzlich akzeptiert, nur Bildung,
Gesundheit und Wasser sollen bitteschön ausgenommen werden,
lautet ihr freundlicher Appell an die Welthandelsorganisation.
Vom Schutz ursprünglich öffentlicher Dienstleistungen wie
Verkehr, Energie und Postwesen gegen Privatisierung ist keine
Rede mehr. Das Trio sorgt sich auch um Investitionen und
fordert ein internationales Investitionsschutzabkommen. Denn
diese Geschäfte sind für sie Grundlage von Entwicklungspolitik
und Armutsbekämpfung – selbstverständlich ergänzt durch
»ökologische und soziale Kriterien«. Zu guter Letzt fordern
die Macher nicht einmal mehr ein Mitspracherecht der
Internationalen Arbeitsorganisation ILO, sondern geben sich
mit deren »Beobachterstatus« bei der Weltbank, dem
Internationalen Währungsfonds und der Welthandelsorganisation
zufrieden.
Nun hätte es ja gut sein können, daß sich
die Initiatoren aus dem Koordinationskreis von der massiven
Kritik, die auch auf der ATTAC-Homepage und zahlreichen
Mailing-Listen nachzulesen ist, beeindrucken lassen. Aber
nichts dergleichen. Wenige Tage vor dem am heutigen Freitag
beginnenden bundesweiten ATTAC-Ratschlag in Göttingen hat sich
nur ein einziges Mitglied gegen diese Erklärung gestellt, ein
weiteres ist aus dem Koordinierungskreis ausgetreten. Alle
anderen Mitglieder haben in einem gemeinsamen Brief erklärt,
daß sie ihr Vorgehen und die Inhalte der Kompromißerklärung
grundsätzlich befürworten. Sie bedauern lediglich »Fehler in
der internen Kommunikation«. Die Basis ist empört und redet
von Vertrauensbruch. Einige fordern sogar den Rücktritt des
Koordinierungskreises, sollte der sich weigern, die
Unterschrift unter das Papier zurückzuziehen.
Michael
Sommer, der vom Koordinierungskreis heiß umworbene Chef des
Deutschen Gewerkschaftsbundes und Mitunterzeichner des
Papiers, hat schon mal deutlich gemacht, wo die Reise hingehen
wird, sollte sich der ATTAC-Koordinationskreis durchsetzen.
Sommer erhielt eine Einladung für den renommierten,
europaweiten Kongreß »Das andere Davos« in Zürich. Er wird
veranstaltet von Globalisierungsgegnern und findet parallel
zum Weltsozialforum im brasilianischen Porto Alegre statt.
Zeitgleich veranstalten Wirtschaftsbosse, führende Politiker
und ihre Wissenschaftler das World Economic Forum im
Wintersportparadies Davos. Dort wird über Lösungen für globale
Probleme diskutiert – unter neoliberalen Vorzeichen
selbstverständlich. Das heißt: noch mehr Privatisierung, noch
weniger Lohn für abhängig Beschäftigte und noch mehr Schulden
für die Länder der sogenannten Dritten Welt. Und nebenbei
werden in Davos auch noch lukrative Geschäfte gemacht. Nun hat
der DGB-Vorsitzende Sommer auch eine Einladung nach Davos
bekommen. Die Globalisierungsgegner aus Zürich stellten ihn
vor die Wahl: entweder zu denen oder zu uns. Einige
Mitarbeiter im Bundesvorstand versuchten noch, ihren Chef zu
überzeugen. Ohne Erfolg. Der große Vorsitzende fährt zu den
Wirtschaftsbossen. Die Züricher Veranstalter kommentierten:
»Nun hat er sich entschieden, wo er hingehört«.
Auch
ATTAC wird sich an diesem Wochenende in Göttingen entscheiden
müssen. Für eine kungelnde Führung, für die Positionen
taktische Spielmasse sind, oder für ein demokratisches
Netzwerk, das seine Inhalte und Mitglieder ernst nimmt. Sollte
sich der Koordinierungskreis durchsetzen, würde ATTAC zum
außerparlamentarischen und vor allem dünnen Arm einer
modernisierten Sozialdemokratie degenerieren.
*
ATTAC-Ratschlag, 17.–19.1. in Göttingen