Kein Bock auf den Dienst am Vaterland
taz 09.04.1998, Seite 13
Miguel möchte weder den Militärdienst noch den zivilen Ersatzdienst
ableisten. Aus Protest gegen die Armee desertierte er und ließ sich
spektakulär verhaften. Jetzt erwarten den Pazifisten sechs Jahre
Militärhaft Aus Madrid Reiner Wandler
Miguel lächelt zufrieden, als er von vier Polizisten unsanft auf den Rücksitz
des Streifenwagens geschubst wird. An seinen Handgelenken baumeln noch Reste
der Kette, mit der er sich am Tor der Kommandantur der spanischen Armee in
Madrid festgeschlossen hatte.
Miguel, Mitglied der spanischen Bewegung für Kriegsdienstverweigerer (MOC),
hat seit Monaten auf seine Verhaftung hingearbeitet, nachdem er sich während
des Militärdienstes einfach aus der Kaserne abgesetzt hatte.
"Totalverweigerer in den Kasernen" steht auf dem knallgelben T-Shirt, das der
junge Pazifist trägt. "Fahnenflucht" nennen es die Militärrichter, die den
Haftbefehl gegen ihn ausgestellt haben.
Alles begann letzten Frühsommer mit einem Kloß im Hals und einer Lüge. "Zwei
Wochen, nachdem ich den Militärdienst in Cáceres angetreten hatte, erhielten
wir erstmals Ausgang", erinnert sich Miguel an jenen 27. Mai 1997. Er packte
seine Siebensachen in den Rucksack, tauschte die Militäruniform gegen normale
Kleidung und ging schnurstracks aufs Kasernentor zu. "Ich hatte ganz schön
Bammel, dieses ungute Gefühl, irgend jemand könnte mir anmerken, was ich
vorhatte", beschreibt Miguel seine Schritte in die Freiheit. Prompt wurde er
von der Wache gestoppt. "Das Herz rutschte mir in die Hosentasche. Warum ich
einen Rucksack dabei hätte, wollte der Wachsoldat wissen" -
Sekundenbruchteile des Schweigens, dann kam Miguel die Ausrede: "Ich habe
hier in der Stadt eine Tante und bringe ihr meine Wäsche." Es klappte. Miguel
durchschritt den Torbogen, den das Motto der Armee ziert: "Alles für das
Vaterland".
Ein paar Meter weiter warteten vier Gesinnungsgenossen aus der MOC mit einem
Auto. Als die roten Backsteinbauten im Rückspiegel verschwanden, atmete
Miguel auf. Erstmal ging es auf ein Bier nach Cáceres, dann nach Madrid.
"Alles war zeitlich genau geplant", erinnert sich Miguel. Er kam gerade
rechtzeitig zu "Insumisia", dem allwöchentlichen Programm der
Totalverweigerer (Insumisos) im freien Radio Onda Latina. Nachdem ihn der
Sprecher begrüßt hatte, griff Miguel zum Telefon. "Ich rief den wachhabenden
Offizier in der Kaserne in Cáceres an", erzählt Miguel. Ein absurder Dialog
begann. Während Miguel seine Fahnenflucht bekanntgab, stammelte die Stimme am
anderen Ende nur: "Junge, mach keinen Scheiß, spätestens morgen früh will ich
dich hier sehen." Miguel erreichte, daß der wachhabende Offizier eine
Nachricht für den Kompaniechef entgegennahm. "Ich - bin - de-ser- tie-rt, -
um - ge-gen - die Ar-mee - zu - pro-te-stie-ren", wiederholte der Offizier,
während er mühsam mitschrieb. Noch heute muß Miguel lachen, wenn er an die
Live-Schaltung denkt.
Fortan wurde er per Haftbefehl gesucht, tauchte bei einem Freund unter. Das
war besser so. Die Polizei sprach mehrmals bei seinen Eltern vor - was denen
gar nicht gefiel, denn Miguels Mutter ist hohe Beamtin in einem Ministerium.
"Meine Entscheidung für die Totalverweigerung fiel bereits sehr früh", sagt
Miguel. Er erinnert sich noch gut, wie er zum ersten Mal mit Freunden im
Gymnasium Informationen beim MOC einholte. "Wenn ich mich dem Staat
verweigere, dann schon richtig", begründet er seine Entscheidung, weder
Militärdienst noch zivilen Ersatzdienst abzuleisten, denn "wer Zivildienst
macht, verursacht dem Militärsystem keine Probleme". Neuntausend spanische
Jugendliche denken wie er.
Als es dann soweit war, ging Miguel allerdings einen Schritt weiter als
normal üblich. Anstatt sich der Einberufung zu widersetzen, folgte er ihr
erst einmal und wurde dann zum Deserteur - gerade damit er verhaftet wird.
Denn nach einer Gesetzesreform gab es für normale Totalverweigerung keine
Haftstrafen mehr, sondern nur noch den zeitweisen Entzug der Bürgerrechte.
"Gewissenstäter in Haft erregen zuviel Aufsehen", beschreibt Miguel die
Gründe für die Strafrechtsreform. Mit der Totalverweigerung in den Kasernen
haben die Pazifisten die Behörden erneut gezwungen, sie per Haftbefehl zu
suchen.
"Die zwei Wochen in der Kaserne haben mich in meiner pazifistischen Haltung
nur noch bestärkt", sagt Miguel. "Einmal ließ uns der Ausbilder so lange in
der Sonne stehen, bis einer ohnmächtig wurde. Ein Kollege half ihm auf",
erinnert sich Miguel. Statt Lob gab es Ausgangssperre, "wegen Unterstützung
eines Schwächlings" - so die Begründung des Ausbilders, eines Offiziers der
spanischen Legion. "Im Unterricht erzählte er uns immer, daß es in der
spanischen Gesellschaft einen gewissen Prozentsatz an Schwulen, Muslimen,
Zigeuner und Drogenabhängige gebe." Die Drohung: "Ich werde bald
herausfinden, wer hier wer ist."
Einmal desertiert, ließ Miguel trotz Haftbefehl keine der Protestaktionen des
MOC aus. Der kleine graue Rucksack, den Miguel sein "Knastpaket" nennt, war
immer mit dabei. Sein Inhalt: Zahnbürste, Rasierzeug, Unterwäsche, ein paar
Fotos seiner Freundin und von den besten Kumpels, ein Buch des
lateinamerikanischen Autors Eduardo Galeano und ein Sammelband mit Texten des
russischen Anarchisten Kropotkin. "Schließlich war ich ja zur Fahndung
ausgeschrieben", sagt Miguel, der sich in zwei Wochenendseminaren auf die
Zeit hinter Gittern vorbereitet hat. Neben den Rechten eines Gefangenen
lernte er dort, mit Frust und Einsamkeit umzugehen und auch dann noch ruhig
zu bleiben, wenn er einmal zu harsch angepackt werden sollte. Verhaftet wurde
er allerdings dann erst, als er es direkt darauf anlegte und sich am Tor der
Chefkommandantur festkettete.
Jetzt schlägt Miguel abermals die Zeit in einem Gebäude tot, über dessen
Eingang das Motto "Alles für das Vaterland" prangt - dem Militärgefängnis von
Álcala- Meco. In dem von hohen weißen Mauern eingezäunten Gebäude in einem
breiten Tal auf der Hochebene vor Madrid wartet Miguel auf sein
Gerichtsverfahren. Bis zu sechs Jahre Gefängnis können es werden. Die erste
Woche Untersuchungshaft geht zur Neige. Miguel wirkt ruhig und ausgeruht, als
er in Badeschlappen, Trainingshosen und gestreiftem Sweatshirt die Tür zu
Besuchsraum A öffnet. Er macht es sich auf einem der abgewetzten
orangefarbenen Sessel gemütlich und beginnt zu erzählen.
"Der Empfang hier war phantastisch", schwärmt er. Drei weitere Deserteure des
MOC, die bereits vor einigen Monaten zu zwei Jahren und vier Monaten Haft
verurteilt wurden, nahmen ihn in ihren Kreis auf. Gemeinsam schlagen sie Tag
für Tag mit Diskussionen und mit einem 100.000-Teile-Puzzle die Langeweile
tot.
"Im Vergleich zu dem, was mir Totalverweigerer aus normalen Haftanstalten
erzählt haben, gleicht das hier mehr einem Internat als einem Gefängnis",
sagt Miguel. Keine restlos überfüllten Zellen, die Sektion ist mit elf
Gefangenen mehr als überschaubar. Es zirkulieren keine harte Drogen, sondern
nur Haschisch - kein Aids, keine Gewalt unter den Gefangenen und keine
Vergewaltigungen. "Wir vier sind hier die Exoten", grinst Miguel. Die meisten
der Mitgefangenen sind einfache Soldaten, die sich während dem Militärdienst
ein paar Tage aus der Kaserne gestohlen haben, oder Offiziere, die wegen
Diebstahls einsitzen.
Eine kleine Gruppe von Polizisten aus der paramilitärischen Guardia Civil
verbüßt hier Haftstrafen wegen ihrer Verwicklung in die Drogenmafia. "Und
dann haben wir noch einen Prominenten: José Rodriguez Galindo", beendet
Miguel die Aufzählung. Der General der Guardia Civil sitzt seit über einem
Jahr in U-Haft. Er wird beschuldigt, die Antiterroristischen
Befreiungsgruppen (GAL) angeführt zu haben, die in den achtziger Jahren nach
Feierabend 28 Menschen aus dem ETA-Umfeld ermordeten.
"Du bist hier weiterhin Soldat", zeigt sich Miguel erstaunt. Während General
Galindo in seiner Zelle über Computer und Mobilfunk verfügt, hat Miguel nicht
einmal eine Steckdose für ein Radio oder eine Nachttischlampe. Wenn die
Schließer das Licht abstellen, ist Feierabend. Die Rangunterschiede sind
überall zu spüren. Hohe Offiziere dürfen sogar außerhalb der Haftanstalt
zwischen der Gefängnismauer und einem Metallzaun Hofgang machen. So sehen sie
das weite Feld, während sich die normalen Soldaten mit grauem Beton
zufriedengeben müssen. Für sie kündigen nur die warme Brise durch die Gitter
der offenstehenden Fenster und das Gezwitscher der Vögel den nahenden
Frühling an.
Plötzlich grinst Miguel: "Den rebellischen Geist haben sie uns noch nicht
ausgetrieben." In den nächsten Tagen wollen die vier mit Protestaktionen
beginnen. "Im ersten Schritt werden wir uns weigern, am Putzdienst
teilzunehmen." Miguel droht als Strafe dafür Besuchsentzug, den drei bereits
Verurteilten ein erneutes Verfahren wegen Befehlsverweigerung - Strafmaß: bis
zu zwei Jahre Militärhaft.