Sprich lauter...
Die Lauti-Gruppe [1] diskutiert. Und das schon seit längerem. Die
Diskussion begann mit der großen Palästina-Solidemo in Berlin im April
2002. Einige aus der Lauti-Gruppe wollten die Demo fahren, andere auf
keinen Fall. Die Positionen dazu waren zahlreich, sie sind nachzulesen
in unserem Papier von damals. Letzten Endes fuhren wir die Demo nicht;
einige haben im Anschluss die Gruppe verlassen.
Auf die Mütze
Beginn der jüngsten Debatte war eine Antifa-Demo in Hamburg am 30.
Januar 2004. Hier bekamen nicht etwa die Nazis ordentlich eins auf die
Mütze, sondern die Antifas verdroschen sich gegenseitig. Der Grund: die
einen wollten mit den Fahnen der USA, Großbritanniens und Israels auf
der Demo mitlaufen und ignorierten damit die schon im Vorfeld der Demo
deutlich vermittelte Absprache innerhalb des Demobündnisses, keine
Nationalfahnen zu tragen. Die anderen DemoteilnehmerInnen hielten sich
an diese Absprache, meinten aber vereinzelt auf das Zeigen der
israelischen Fahne mit "Intifada bis zum Sieg!"-Rufen antworten zu
müssen. Wer dann zuerst zugehauen hat, ließ sich nicht endgültig
klären. Die von der antideutschen Gruppe AANO aus Berlin geforderte
juristische Aufarbeitung der Vorfälle unterblieb glücklicherweise.
Wir haben ähnliche und andere Vorfälle, die mit dem Zeigen der
Fahnen der USA, Großbritanniens, Frankreichs, der Sowjetunion und
Israels im Zusammenhang standen, häufig erlebt. Immer wieder kam es zu
Schubsereien oder handgreiflichen Auseinandersetzungen auf
Demonstrationen, die von uns gefahren wurden, weil Gruppen aus dem
antideutschen Spektrum im Vorfeld getroffene Absprachen ignorierten
oder versuchten, Demonstrationen kurzerhand im eigenen Sinne zu
vereinnahmen. Von der "Gegenseite" wurde wiederholt zugelassen, dass
die Bullen in diesen Konfliktsituationen eingriffen.
Aber nicht nur mit aggressiven, staatstragenden und/oder
mackermäßigen Verhaltensweisen innerhalb der (radikalen) Linken haben
wir ein Problem. Ein Teil der Lauti-Gruppe ist es leid, bestimmten
Gruppen aus dem antideutschen Spektrum [2] den Lauti zur Verfügung zu
stellen. Im Folgenden wollen wir versuchen, die Diskussion darüber für
Euch sichtbar und nachvollziehbar zu machen.
Warum es in diesem Text in erster Linie um die Auseinandersetzung
mit ePePadaS (siehe Fußnote) und nicht etwa Pro-Palästina-Gruppen geht,
erklärt sich dadurch dass wir häufig von Antifa-Gruppen aus dem
antideutschen Spektrum angefragt werden. Sicher, politischer Unsinn
wird auch auf anderen Demonstrationen verzapft, die wir fahren:
Sexismus und Homophobie, Rassismus und Antisemitismus werden immer
wieder zelebriert. Auch hier ist unsere Schmerzgrenze deutlich in
Sichtweite!
Fahnen im Wind
Es gibt linke Gruppen, die halten das Tragen von Fahnen der USA,
Großbritanniens, Frankreichs, der Sowjetunion für einen emanzipativen
Akt. Der überwiegende Teil der Lauti-Gruppe sieht in diesen
Nationalfahnen Symbole der Herrschaft und staatlicher Macht.[3] Darüber
hinaus stehen sie für eine lange Geschichte kolonialer Unterdrückung,
Ausbeutung, imperialistischer Kriege und staatlich legitimierter Gewalt
gegen oppositionelle und revolutionäre Bewegungen überall auf der Welt.
Auch der israelische Staat, dessen Fahne auf Demonstrationen
deutscher Linker seit Jahren zu sehen ist, hat seine eigene Geschichte
von Unterdrückung, rassistischer Ausgrenzung, militärischer
Vertreibung, des staatlichen Mordes und der Folter. Dass er, als
Konsequenz aus der Shoa gegründet, Juden und Jüdinnen aus aller Welt
relativen Schutz vor antisemitischer Verfolgung gewährt, unterscheidet
diesen Staat von anderen und verbietet die politische Forderung nach
seiner Abschaffung, zumindest solange es Antisemitismus gibt. In diesem
Zusammenhang vermittelt sich uns auch das Tragen der israelischen Fahne
auf linken Demonstrationen.
Wir begrüßen jede Politik, die sich dem Versuch entgegenstellt,
alle während des 2. Weltkriegs getöteten Deutschen mit den Opfern der
Shoa, den Kriegsopfern der Alliierten und der vom
nationalsozialistischen Deutschland überfallenen Länder gleichzusetzen.
Es ist notwendiger denn je, die Erinnerung an jene wach zu halten, die
den Kampf gegen die nationalsozialistische Diktatur aufnahmen. Eine
radikale, herrschaftskritische Linke muss dafür aber einen besseren
Ausdruck finden, als mit den Fahnen der Anti-Hitler-Koalition
herumzuwedeln und stumpf geschichtslos darauf zu beharren, sie
herausgelöst aus jedem anderen Kontext als antifaschistisches Symbol
benutzen zu können.
Wir wissen nicht, welcher Kampf mit der Fahnenschwenkerei gewonnen
werden soll. Stattdessen schließen wir uns der Frage der Berliner
Gruppe autopool an, die in einem Diskussionspapier zum 8. Mai 2005
schrieb: "Was um alles in der Welt reitet neuerdings einige
AntifaschistInnen, ausgerechnet die alliierten Militärapparate
hochzujubeln? Gab es in einigen Partisanenverbänden, in der Resistance,
bei Sabotageaktionen und in Gestalt von Deserteuren und
"Wehrkraftzersetzern" sogar innerhalb der Wehrmacht nicht Menschen und
Gruppen, die den NS militant oder militärisch bekämpft haben und
gleichzeitig mit der Befreiung vom NS auch eine befreite Gesellschaft
im Sinn hatten? Militanter Antifaschismus braucht eine differenzierte
Gesellschaftsanalyse und manchmal Waffen, aber er braucht keine
Nationalfahnen! Fahnenflucht statt Fahnenhype!"
Die politischen Grenzen der Lauti-Gruppe waren bisher weit
gesteckt. Eine Aktion wurde unterstützt, wenn zwei von uns sich Zeit
nahmen und ins Cockpit stiegen. Nur wenige Gruppen gibt es, die wir
ganz sicher nicht fahren bzw. deren RednerInnen wir sofort das Mikro
abdrehen. Zu ihnen gehören die "Bahamas" oder die RIM/ RK.
Innerhalb der Lauti-Gruppe gibt es immer wieder Zweifel an dieser
Praxis: Hintergrund der Debatte ist, dass es dem emanzipatorischen
Anspruch der Lauti-Gruppe widerspricht, Gruppen laut zu machen, die
anti-emanzipatorische Inhalte vertreten.
Ostdeutsche Kühe & Schweine
In der Tat: vielen von uns stehen die Haare zu Berge, wenn sie sich
an der Infrastruktur einer Demo beteiligen, die geschlossen hinter
Stars&Stripes- sowie Union-Jack-Bannern herläuft und auf der sie
sich vom Gros der TeilnehmerInnen oder gar von den ModeratorInnen im
Lauti Parolen wie "Kühe, Schweine - Ostdeutschland!" oder "Bomber
Harris - do it again!" um die Ohren hauen lassen müssen.
Beide Slogans schreiben Menschen unveränderliche und stereotype
Identitäten zu, dissen diese Personen aufgrund dieser Zuschreibungen
und haben einen unangenehm autoritär-maskulinen Beigeschmack. Trotzdem
sind sie Ausdruck des Politikverständnisses ePadaS und besonders auf
antifaschistischen Demonstrationen in letzter Zeit schwer in Mode.
Es macht gelegentlich Sinn, politische GegnerInnen aufs Mark zu
provozieren und bloßzustellen. Aber Provokation, die ständig nur der
Selbstbestätigung dient und auf jeden vermittelnden Ansatz verzichtet,
halten wir meist für falsch. Wer ZuschauerInnen und BeobachterInnen von
Demonstrationen im Osten der Republik mit dem Ruf "Kühe, Schweine -
Ostdeutschland!" begrüßt, will weder etwas vermitteln oder verändern,
sondern Verhältnisse festschreiben, die eigentlich für bekämpfenswert
gehalten werden.
Mach's noch mal, Harris?
Wir wollen an dieser Stelle nicht darüber spekulieren, wie
militärisch notwendig die alliierten Flächenbombardements deutscher
Städte während des Zweiten Weltkriegs waren. Die Parole "Bomber Harris
- do it again!" halten viele von uns für zynisch und autoritär.
Außerdem macht sie identitäre Zuschreibungen zur Grundlage für eine
politische Strategie und verzichtet auf jede antimilitaristische
Kritik. Dem politischen Gegner die Tötung per Bombardement anzudrohen,
ist nicht emanzipativ, sondern bringt lediglich patriarchale
Kriegsgelüste zum Ausdruck.
Die Bomber-Parole macht aus allen Deutschen AntisemitInnen, Nazis
und RassistInnen. Wir wissen immerhin so viel über die Geschichte
dieses Landes, als dass wir widerspruchslos der Ansicht zustimmen
könnten, es hätte zwischen 1933-1945 ausschließlich Nazis,
AntisemitInnen und Mitläufer in Deutschland gegeben und an diesem
Zustand hätte sich seitdem auch nichts geändert (fraglich ist, wie sich
ePadaS ihre Existenz erklären...). Was will mensch von einer
Bevölkerung, der nur der Tod in Form des Bombardements gewünscht werden
kann? Ein Gedanke, der etwas mit Befreiung und Glück, also Emanzipation
zu tun hat, ist in dieser Logik nirgends zu finden.
Auf die Bremse treten?
Es gibt für einige von uns Gründe, auch weiterhin diese Demos zu
fahren: zum Beispiel thematisieren ePadaS häufig den erstarkenden
Antisemitismus und deutschen Nationalchauvinismus. Wieso dann nicht ein
paar Fahnen und schlechte Parolen in Kauf nehmen? Und die Fahne Israels
auf der Gegendemo gegen den al Quds-Tag (der die Befreiung Israels von
den Juden in Erinnerung rufen soll) zu zeigen, ist politisch richtig.
Zudem ist es problematisch, die Spaltung innerhalb der
Linksradikalen noch weiter voranzutreiben und mehr Gruppen in eine
"Lauti-Blacklist" aufzunehmen. Schließlich verstehen wir uns als eine
Infrastruktur der gesamten linksradikalen Szene. Steht es uns zu,
darüber zu verfügen, wer dazu gehört und den Lauti bekommt?
Nun ließe sich mit der gewohnt pragmatischen Herangehensweise, der
die Lauti-Gruppe ihre langjährige Existenz verdankt, begegnen: die
fraglichen Demos werden nur von denen gefahren, die ein starkes
Nervenkostüm, viel Spaß an politischem Cabaret oder eine gewisse
Sympathie für einzelne Versatzstücke antideutscher Ideologie
aufbringen. Allein: unsere Kapazitäten sind ebenso begrenzt wie der
Wille, jeden politischen Blödsinn unterstützen zu müssen.
Mit diesem Text wollen wir unser Problem transparent machen. Wir
verzichten darauf, bestimmten Gruppen den Lauti zu entziehen. Aber wir
wollen eine Auseinandersetzung, denn mit der Debatte sind wir nicht am
Ende. Bei einigen von uns liegen die Nerven blank und es ist damit zu
rechnen, dass öfter mal EinEr auf die Bremse tritt...
Eure Lautis
1 Wir sind Teil der autonomen, widerständigen Infrastruktur Berlins
(wie z.B auch der Ermittlungsausschuß). Seit mehr als 15 Jahren stellen
wir linken Gruppen einen Lautsprecherwagen nebst Soundsystem und eine
kleine Lautsprecheranlage auf einem Handwagen für Aktionen zur
Verfügung.
2 Wir sprechen bewusst nicht von den Antideutschen. Dies ist ein
Text einzelner Personen aus der Lauti-Gruppe, die mit einigen
Positionen einzelner Personen aus dem antideutschen Spektrum (ePePadaS)
Probleme haben. Wir wissen, dass unter dem Label "antideutsch"
verschiedenste und auch gegensätzliche Positionen vertreten werden, von
denen einzelne Personen aus der Lautigruppe einige teilen. ;o)
3 Nationalfahnen können allerdings für eine linke Bewegung auch
starker, emanzipativer Bezugspunkt sein. In Chile und anderen Ländern
war das der Fall.
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Der Lauti – alles ganz einfach
Der Lautsprecherwagen und die dazugehörigen Anlagen sind eine Institution der Berliner linken/linksradikalen Szene.
Die Idee dahinter ist einfach: für politische Aktionen, Demos und
Kundgebungen ist fast immer eine kleine Anlage, oder noch besser, ein
Lautsprecherwagen mit Anlage nötig. Diese Anforderungen für politische
Gruppen bereitstellen zu können, verringert einigen
Organisationsaufwand und macht das Leben schöner.
Gedacht und umgesetzt wurde die Idee bereits Anfang der 80er Jahre
im Rahmen des damals bestehenden Kneipenkollektivs EX im Mehringhof.
Das heißt, der Lauti entstand ungefähr zur gleichen Zeit wie der
Ermittlungsausschuss (EA) – wir bereiten die Demos vor und mit, der EA
nach.
Das EX-Kollektiv betrieb damals die komplette Organisation und
Betreuung des Lautsprecherwagens mitsamt Anlage als Teil ihres
politischen Selbstverständnisses. Anfragen liefen dementsprechend über
das EX-Plenum, bis sich das EX in seiner ursprünglichen Form Ende
Januar 1998 endgültig auflöste. Daraufhin entstand die Lauti-Gruppe in
ihrer noch heute bestehenden Form: eine Gruppe von Leuten, die sich um
die Pflege, Organisation und Wartung des Lautis, seiner Anlage und der
kleinen Demo-Anlage, den „Hund“, kümmern und den Lauti auf Demos und
Kundgebungen fahren.
Jeden Freitag von 19 bis 20 Uhr könnt Ihr nun im Café Morgenrot,
Kastanienallee 85, Eure Anfragen stellen. Das Prinzip, auf dessen
Grundlage wir Demos oder Kundgebungen unterstützen, ist auch wieder
einfach, klappt aber: wenn sich eineR findet, die Zeit und Lust zu
fahren, und es keine überzeugenden Gegenargumente aus der Gruppe gibt,
wird gefahren. Wir wollen keine Bezahlung für unsere ohnehin
unbezahlbare Zeit – trotzdem müssen wir leider Steuern, Benzin,
notwendige Reparaturen und Neuanschaffungen und ab und an auch ein
bullenkonfisziertes Auto bezahlen.
Deswegen sind wir auf Eure Spenden angewiesen.
Viva la revolución!
Die Lauti-Gruppe