Thesen zu den Antideutschen
ein Mitarbeiter der "Arbeitsgruppe gegen die Kriegspolitk" Göttingen, www.pampa-net.de

Die Fraktion der Antideutschen entstand 1989/90 in Reaktion auf den unerwarteten Anschluss der DDR an die Bundesrepublik. Im Zuge der nun stattfindenden Entlassung Deutschlands aus den letzten politischen Beschränkungen durch die alliierte Koalition des 2. Weltkriegs und der langsam beginnenden ausländerfeindlichen Mobilisierung drückte sich die Sorge aus, Deutschland könne sich wieder auf eine aggressive Aussenpolitik und eine faschistoide Formierung der inneren Strukturen hinbewegen.

1. Die Antideutschen bildeten sich im Zuge der "Nie Wieder Deutschland-Kongresse", einer der organisatorischen Kerne entstand aus der Spaltung des Kommunistischen Bundes (KB), und zwar aus der "Minderheit", während die "Mehrheit" bald in die PDS wechselte. Er erhielt Zulauf von den Grünen enttäuschten Menschen aus deren linkem Flügel (Austritt von Ebermann und Trampert), von Autonomen, die sich nach dem Ende der grossen Basisbewegungen der 80er nach einer neuen politischen Orientierung umschauten.

2. Wichtig für das Wachstum der Antideutschen war die Kontroverse um die Beurteilung der Bewegung gegen den Golfkrieg, der wegen der (angeblichen?) Ignorierung der Bedrohung Israels durch irakische C-Waffen Antisemitismus unterstellt wurde. Hier kam Unterstützung durch das Flaggschiff der linken Medien, die "Konkret" und ihr Herausgeber Gremlitza.

3. In den Jahren danach bekam die antideutsche Position immer mehr Einfluss in linken Medien, wie etwa in der "Jungen Welt" vor ihrer Spaltung und in der taz. Eine neugegründete Zeitschrift aus dem KB-Minderheitsspektrum, die "Bahamas" engagierte sich stark im Sinne der antideutschen Position. Jürgen Elsässer und Gremlitza gehörten zu den bekanntesten antideutschen Autoren.

4. Für den zunehmenden Einfluss der antideutschen Positionen in der schrumpfenden, zunehmend einflusslosen Linken wichtig war die kulturelle Verbindung mit einem allgemeinen tiefgehenden Zynismus, der über die engere Linke hinausreichte und der jedes Denken in die Richtung einer positiven gesellschaftlichen Mobilisierung einstampfen wollte. Er ging einher mit einer zunehmenden Betonierung und Konservierung überkommener linker Disskussionsstrukturen und Milieus, in der jede Möglichkeit einer breiteren Disskussion der Verhältnisse in der "Neuen Weltordnung" absichtlich verhindert wurde. Einer der wichtigsten Sprachrohre dieses Zynismus, der über die Existenz der "Political Correctness" der linken "Moralfraktion" seine Munition fand, ist Wiglaf Droste, der mittlerweile in den etablierten Feuilletons rezensiert wird: das zeigt, dass der Zynismus zeitweise ein verkaufswirksames Segment des Medienmarktes bildete.

5. Die inhaltlichen Schwerpunkte bis etwa zum Beginn der rot-grünen Koalition wurden markiert von dem Ziel der Verhinderung einer deutschen Grossmacht, der potentiell so ziemlich alles zugetraut wurde. Man versuchte, etwa durch Unterstützung Russlands (Jelzins und der nationalchauvinistischen KP) und Premierministerin Thatchers die Machtstellung Deutschlands einzurahmen und einen Sonderweg zu verhindern. In diesem Zusammenhang kamen Phantasien wie etwa die nochmalige Bombardierung Dresdens hoch. Russland wurde etwa in einem Artikel das Recht eingeräumt, den Tschetschenienkrieg zu führen, da es als Ordnungsmacht gegen Deutschland stark bleiben müsse. Ausserdem hätten die Tschetschenen im 2. Weltkrieg die Nazis unterstützt, deshalb geschehe ihnen recht. Auch Milosevics Serbien wurde als Opfer grossdeutscher Bestrebungen in der Wiederholung der Nazi-Neuordnungsvisionen unterstützt. Ein anderer Schwerpunkt war die Ablehnung sozialer Verbesserungen in Deutschland selbst, denn nach den Pogromen in Hoyerswerda und Rostock und den vielen ausländerfeindlichen Anschlägen könne die soziale Frage in Deutschland nur als Abgrenzung der Deutschen gegen MigrantInnen und somit als nationale Frage gestellt werden, was abzulehnen sei.

6. Erstes Fazit: Die antideutsche Position hat mit einem wesentlichem Teil des linken Inhaltsfundus nichts zu tun, dem Internationalismus. Das Leben und Überleben von Menschen in anderen Weltregionen interessiert nur soweit, wenn es für den Kampf gegen die negative Projektion Deutschlands brauchbar ist. Das Soziale in der Gesellschaft mit seinen Interessenkonflikten und –kämpfen existiert nicht, alle sind bereits als "Entmündigte" im Sinne der Vulgärrezeption der Kritischen Theorie im nationalem Kollektiv vereinheitlicht. Die negative Fixierung auf dieses Zerrbild der Nation ist so total, das ich es als Negativen Nationalismus bezeichne. Diese Totalität kann leicht in ihr Gegenteil umschlagen.

7. Mit der neuen Bundesregierung war möglicherweise mit der neuen Aufbruchsstimmung innerhalb der Gesellschaft mit totalem Negativismus kein Staat mehr zu machen. Eine positive Identifikation war gefragt. Diese besteht in der Bekämpfung der Bedrohung Israels als einziges sicheres Land für die Juden durch den Islamismus. Israel wird als äusserst gefährdet eingeschätzt, da es im Zuge der Oslo-Verträge von den USA und Europa zu Zugeständnissen gezwungen worden sei, die die "Palästinensiche Volksgemeinschaft" zu einer immer stärkeren Ausweitung des Terrors genutzt habe.

8. Der Islamismus wird als Bewegung eingeschätzt, die die Werte der Aufklärung und Zivilisation negiert und deshalb als Ausprägung eines neuen Faschismus radikal bekämpft werden muss. So sei auch der Krieg in Afghanistan richtig, weil er den fanatischen Vernichtungswillen des deformierten Islam gegen Israel möglicherweise in die Schranken weise und auch seine heimlichen Unterstützer in Deutschland, die in Übertragung im Islamismus eine Kompensation für seine Benachteiligung in der internationalen Politik sähen.

9. Der Hauptmasstab der antideutschen Erörterungen bildet nun der Antisemitismus. So werden den Anschlägen in New York antisemitische Motive unterstellt, da Aktionen gegen Finanzinstitutionen antikapitalistische Motive unterstellt werden, die seit dem Beginn des modernen Antisemitismus im spätem 19. Jahrhundert immer gegen die Undurchschaubarkeit der Finanzspekulation gerichtet seien, die v.a. von Juden ausgeübt werde. Angeknüpft wird auch an die Disskussion in den 90ern über den Antizionismus und Antisemitismus innerhalb der Linken seit der propalästinensichen Wende des Antiimperialismus nach 1968. Keine linke Diskussion, die den herrschenden Antisemitismus beiseite lasse, habe Berechtigung und sei selbst Ausdruck eines latenten Antisemitismus.

10. Diese Einschätzung führt dazu, dass mittlerweile andere Meinungen als antisemitisch abqualifiziert werden und gar nicht mehr angehört werden. Hier werden nun selbst moralische Keulen benutzt, die in früheren Jahren als Zielscheibe "schwarzen Humors" galten. Ein Dialog über die Situation scheint nur mehr schwierig herstellbar zu sein. In entsprechenden Diskussionen im Internet werden fast nur noch Beschimpfungen ausgetauscht.

11. Zweites Fazit: Der antideutsche Diskurs zeigt wieder einmal alte Probleme der Linken auf. Einige ihrer Fraktionen brauchen immer wieder eine totale Identifikation mit einem Objekt. Beispiele sind die RAF bzw. der Bewaffnete Kampf, der Antiimperialismus oder die Partei. Eine differenzierte Sicht oder das Akzeptieren einer Situation weitgehender Unklarheiten scheint nicht akzeptierbar zu sein. Auch das Annehmen der Verbrechen des Nationalsozialismus scheint nicht möglich zu sein, viele projizieren es nach aussen im Sinne einer nachträglichen Kompensation bzw. Sieges über den NS. Das Handhaben von Moralkeulen hat Tradition. Beispiel sind die Begriffe Kleinbürger, Antikommunist Reformist und jetzt eben Antisemit.