Offener Brief an die Offene Antifa Münster
Nachwort

Am 1. Mai wurde eine Bündnisdemonstration mit dem Titel "Unsere Agenda heisst Widerstand - Kapitalismus ist nicht reformierbar" veranstaltet. Einige Personen der OAM haben dazu ein Flugblatt verteilt, indem in arroganter und selbstherrlicher Manier der herausgegebene Demoaufruf kritisiert wird. Danke, wir haben sehr gelacht.
Uns ist aber nicht ganz klar, was ihr mit eurer "Strategie der offenen Anpisse" bezweckt. Sollte es euch um eine inhaltliche Auseinandersetzung gehen (was kaum anzunehmen ist) wäre es sinnvoll gewesen, auf einem unserer vielen offenen Vorbereitungstreffen vorbeizuschauen und sich der Diskussion zu stellen. Sich hinter bedrucktem Papier zu verschanzen bringt natürlich weniger Unannehmlichkeiten mit sich; aber wenn bedrucktes Papier die einzige Sprache ist, die ihr versteht: Bitte sehr!

Kapitalismus ist Realität

Wir kritisieren und bekämpfen die zunehmende Verelendung und mehrfache Ausbeutung (mehr Arbeit für weniger Lohn...), den Klassenkampf von oben und praktizieren deswegen radikale Gegnerschaft zu diesem kapitalistischen System!
Dass wir im real existierenden Kapitalismus leben, wir bestimmten Zwängen, Gesetzen und Herrschafts-verhältnissen ausgesetzt sind, ist uns allen klar. Dass es verschiedene Kapitalismusanalysen gibt, wisst ihr ebenso, ihr habt ja einige Unterschiede zwischen der "ausserparlamentarischen Linken der Stadt" und euch in dem Flugblatt aufgedeckt. Respekt! Aber, Potzblitz, wie kommt ihr zu der Frage, inwieweit die Politik unseres Bündnisses sich nicht (oder war nur das Aktionsbündnis gegen den Krieg gemeint, was aber genauso absurd wäre) "von der Politik der NPD unterscheidet"? Habt ihr die Frage wirklich ernst gemeint, sollen wir dazu wirklich Stellung beziehen? Sollen wir euch so wirklich ernst nehmen? Nö.

Libertärer Kommunismus als Idee

Natürlich: wer den Kapitalismus abschaffen will, darf vor dem Sozialstaat nicht halt machen. Wir sind uns im klaren darüber, dass es eine Aufgabe des Sozialstaates ist, arbeitslose Menschen mit dem Minimum an Grundversorgung über Wasser zu halten und sie ruhig zu stellen. Solange die Menschen noch konsumieren können, so die Idee, und noch von der kapitalistischen Propaganda (Medien, Werbung ect.) versorgt werden, rebellieren sie nicht. Okay, so weit so schlecht. Aber der Umkehrschluss, dass, wenn die Menschen verelenden, sie dann auf die Barrikaden steigen, ist stark verkürzt. Solange keine greifbare Alternative im Bewusstsein der Verelendeten vorhanden ist, streben sie weiterhin nach den Gütern, die ihnen aufgrund mangelnder Knete vorenthalten werden. Nur die Perspektive einer sozialen Revolution stellt den gleichen Zugang zu den gesellschaftlich produzierten Gütern in Aussicht. Aber solange diese soziale Revolution in weiter Ferne liegt, kämpfen wir dagegen bis aufs Blut ausgequetscht zu werden.

Wichtige Erungenschaften wie den 8 Stunden Tag, formelle geschlechtliche Gleichberechtigung in Betrieben, Kündigungsschutz usw. für die tausende GenossInnen ihr Leben gelassen haben, sind zwar nicht genug aber weiterhin notwendig, damit wir uns nicht im hier und jetzt nur für den Mehrwert abrackern sondern auch noch ein wenig Zeit für wichtige Dinge haben: für den Widerstand! Es ist einfach die Verelendungstheorie zu vertreten; sind ja die anderen, die verrecken. Es ist auch einfach das Motto "es gibt kein richtiges Leben im falschen" zu propagieren, so macht mensch es sich leicht sein Nichts-tun innerhalb der sozialen Kämpfe zu rechtfertigen. Natürlich gibt es ein richtiges Leben im falschen, nämlich den Kampf gegen das System. Oder ist das auch falsch?

Habt ihr schon mal 8 Stunden sagen wir beim Strassenbau malocht? Wie habt ihr euch danach gefühlt? Und wie würdet ihr euch fühlen, für das gleiche Geld 10 Stunden zu malochen? Einfach mal so, ohne Protest von irgend jemandem? Hui, das klingt ganz stark nach Reformismus! Aber um es klar zu stellen: wir erwarten nicht vom Staat - und stellen keine Forderungen an staatliche Institutionen - unsere Situation zu verbessern; das können wir nur selber tun!
Es ist ganz klar, dass es schwierig ist, manchmal etwas umzusetzen, was nicht direkt "revolutionär" ist. Aber wir leben nun mal im Kapitalismus, und der Widerstand dagegen ist nicht frei von Widersprüchen. Entweder mensch kann in Widersprüchen denken und handeln oder mensch tut: nichts oder: falsches.

Wie lebt ihr eigentlich mit dem Widerspruch, "anarchistische Kuschelecken" wie die Baracke für eure fortschrittlich kommerziellen Konzerte und Parties zu benutzen?

Was wir euch eigentlich sagen wollen:

Ehrlich gesagt haben wir überhaupt keine Lust mehr, uns mit euch auseinanderzusetzen. Das ist in der Vergangenheit schon nicht sehr produktiv gewesen. Wir sind uns bewusst darüber, dass ihr euch als "Freunde Israels" auf die moralische Unangreifbarkeit verlasst, weil eine Kritik an euch zwangsläufig dann auch eine Kritik an Israel impliziert, antisemitisch oder zumindest strukturell antisemitisch sein muss. Aber Kritik muss sein, besonders nach den aktuellen Vorfällen können wir nicht mehr stillschweigend hinnehmen, was aus eurer Gruppe kommt. Apropos, was eure Gruppe betrifft, sind wir immer davon ausgegangen, dass sie nicht nur aus "Antideutschen" besteht. Daher erwarten wir von jenen AntifaschistInnen sich zu den folgenden Vorwürfen zu äussern und zu verhalten, ansonsten gilt für sie dasselbe, wie für den "Antideutschen" Flügel.

Kritikpunkte an der "antideutschen" Ideologie und deren Praxis gibt es zu genüge. Die "antideutsche" Ideologie begründet sich in erster Linie auf dem Kampf gegen Antisemitismus und gegen verkürzte Kapitalismuskritik. Das allein ist ja noch nicht schlimm, eher erfreulich, auch wir kritisieren aufs schärfste die antisemitischen Kontinuitäten in Deutschland wie auch weltweit und auch wir wollen den Kapitalismus abschaffen. Doch sehen wir Antisemitismus und Kapitalismus nicht als Hauptwidersprüche und andere Unterdrückungs- und Herrschaftsformen als Nebenwidersprüche. Wir sehen vielmehr eine Gefahr in der Vereinfachung gesellschaftlicher Zustände und -Prozesse. Ein fataler Trugschluss der sich aus diesem Weltbild ergibt, teilt die gesellschaftlichen AkteurInnen in Pro-zionistische und Pro-islamistische Lager, die so nicht existieren. Vergessen werden die Menschen, die sich nicht in religiöse, nationale, ethnische, politische, soziale, in dichotome Kategorien einordnen lassen. Schwarz und weiss ist uns zu wenig...

Eskalieren tut dieser Konflikt in der Frage nach der Rechtmässigkeit von Welt-ordnungskriegen, wie der Besatzung vom Irak, den Angriffskriegen gegen Afghanistan, Kosovo und die vielen kleinen schmutzigen Kriege in Afrika und Lateinamerika. Auch wir sehen dabei die Gefahr und teilen die Kritik an einem erstarkendem Antiamerikanismus und dem Pazifismus grosser Teile der Friedens-bewegung. Die Kritik daran ist keine Erfindung der "Antideutschen", vielmehr eine angeeignete Waffe, um unbeliebte radikale Linke anzugreifen (oder zumindest es zu versuchen). Statt jedoch diese Kriege nach dem ökonomischen Nutzen der kriegsführenden Parteien zu hinterfragen, wird die "antifaschistische Aktion" der US-Streitkräfte gefeiert, und gejubelt wenn wieder ein paar hundert verhasste muslimische Zivilisten von den "Befreiern" ermordet, gefoltert oder verschleppt werden, denn, wie wir alle wissen sollten, geschieht das im Namen des aufgeklärten Westens gegen antisemitische Islamofaschisten. So einfach ist das!?!

Um es noch mehr zu verdeutlichen, benutzen "antideutsche" Ideologen den Holocaust und implantieren ihn in die Gegenwart. Das antisemitische, faschistische Deutschland scheint jetzt der "Orient" zu sein; Israel, die Juden (und die "Antideutschen") die Opfer und die USA die antifaschistischen Befreier. 6o Jahre Nachkriegsgeschichte mit diversen Menschenrechtsverletzungen, Kriegen und neuen Ausbeutungsmechanismen werden schlichtweg ignoriert, sonst würde das Kartenhaus "antideutscher" Ideologie zusammenfallen. Statt die aktuelle politische und soziale Situation im globalisierten Kapitalismus nach ökonomischen Nutzen und Machtverhältnissen zu analysieren, wird fleissig Adorno und Marx studiert und kommt zu dem Schluss, dass nur die unbedingte Solidarität mit den bürgerlichen Staaten Israel und USA (nicht mit den dort lebenden Menschen, die dort Widerstand leisten!) geübt wird und in autoritärer Manier alle Kritiker als Antisemiten und Feinde erklärt werden. Dieser stark entpolitisierte Prozess gipfelt in einem nationalistischen, völkischen und rassistischen Verhalten, dass durch ihre moralische Unangreifbarkeit und der Sicherheit vor Kritik (wer uns kritisiert ist Antisemit...) als einzige Verteidiger der nationalstaatlichen Interessen Israels innewohnt. Eine linksradikale Praxis brauchen diese Ideologen nicht mehr, denn der Konflikt wird auf dem Rücken der Menschen im "Orient" (inklusive der Menschen in Israel) ausgetragen, und der ist fern. Solidarität durch wedeln von mit nationalen Symbolen bedruckten Stofffetzen, am besten noch Waffen für Israel fordern, mehr bleibt nicht zu tun. Wäret ihr konsequent, würdet ihr bewaffnet gegen Deutschland oder in der IDF gegen die "Islamisten" kämpfen... aber nein, da ist es doch einfacher die radikale Linke vor Ort zu beleidigen und deren Infrastruktur zu nutzen, um die ehemaligen GenossInnen zu bekämpfen. Ist ja auch einfacher, oder? Doch das sind wir nicht mehr bereit zu dulden!

Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen: Wir positionieren uns keinesfalls auf die Seite irgendeiner nationalistischen Bewegung. Wir wissen auch, dass es auf Seiten radikalislamistischer oder antiimperialistischer Menschen und Gruppierungen (wie zum Beispiel der "red community") antisemitische, national-istische und autoritäre Ideologien vertreten werden, die wir unmissverständlich Ablehnen. Wir solidarisieren uns mit allen Menschen, die in Bezug auf den "Nah-Ost Konflikt" eine friedliche Lösung des Konfliktes anstreben. Das heißt mit den Friedensbewegungen innerhalb- und außerhalb Israels.

Die "Strategie der offenen Anpisse"...

Der persönliche Kontakt zu euch ist im laufe der Zeit immer schwieriger geworden. Manch Freundschaft ist an diesem politischen (?) Konflikt zerbrochen, aber auch die Zusammenarbeit mit der gesamten OAM ist für nicht wenige Gruppen in der Stadt unmöglich geworden. Auch ein Produkt der überheblichen und arroganten Art, nicht wenige sind von euch als "Faschisten" oder "Antisemiten" beschimpft worden, was freundlich ausgedrückt, eine krasse Relativierung dieser Begriffe bedeutet. Desweiteren ist nicht nur beleidigt worden, auch wurde offensiv gegen diverse Bündnisse und Gruppen gehetzt. Nicht nur das "Aktionsbündnis gegen den Krieg" ist pauschal als "antisemitisch" und "faschistisch" beschimpft worden und wird es auch weiterhin; auch die Vorbereitungsgruppe der Bundesweiten antimilitaristischen Demonstration am 15.03.03 ist in dem Papier "einsen und nullen" äusserst unsolidarisch und destruktiv kritisiert worden.

Wir sind auch nicht mehr bereit, uns eure verquirrlte (schriftliche) Scheisse in Form der "T-34" anzutun, die regelmäßig im UWZ herumfliegt. Genauso wie die nationalistische Hetzschrift "Bahamas", die zu Recht in keinem Münsteraner Buch/ Infoladen mehr verkauft wird, könnt ihr sie euch ja persönlich zuschicken lassen.

Auch Reader wie "Antiamerikanismus und Antizionismus" mit Texten von zwei Chefideologen antideutscher Kriegsführung, Justus Wertmüller und Uli Krug (die u.a. den sexistischen Text "Infantile Inquisition"(Bahamas Nr.32) geschrieben haben, der für große Aufregung in der Berliner Sexismusdebatte 2000/2001 gesorgt hatte), könnt ihr besser in den Giftschrank stecken, als sie im UWZ zu verkaufen. Ein wichtiges Thema sind nicht eingehaltene Absprachen, wie exemplarisch die Absprachen für die Antifaschistische Demonstration in Hamm. Dort wurde beschlossen, dass Nationalfahnen nicht auf der Demo mitgeführt werden sollten, und falls dies dennoch geschehe, sie im hinteren Teil der Demo zu tragen seien. Das Ende davon ist allerorts bekannt...
Wir wissen, daß solche Vorfälle keine Zufälle, sondern Teil der Strategie sind, politische Zusammenhänge zu zerstören.

... soll Folgen haben!

Wer nicht bereit ist, sich an Absprachen zu halten, wer nationalistisch und rassistisch argumentiert, wer linke Infrastruktur benutzt um sie gegen die "eigenen Reihen" zu richten; wer das, in der radikalen Linken übliche solidarische Leben und Handeln miteinander eintauscht durch Aussagen wie: "ne looserdemo ansicken, die inhaltlich nichts zu bieten hat und politisch bedeutungslos ist, weil es ihnen nur darum geht sich selbst zu feiern" (O-Ton eines OAMlers); wer sich über allem erhaben sieht und sich als Elite und Speerspitze der Revolution wähnt; der/die hat in linken Räumen nichts mehr zu suchen!

Wir fordern euch also auf, das Umweltzentrum, die Baracke, das Emma Goldmann Zentrum, und das Versetzt nicht mehr als Gruppe zu nutzen oder zu betreten!

Wir würden es begrüßen wenn sich andere Gruppen und Zusammenhänge ebenfalls zu den Vorfällen äußern und verhalten.

Mai 2004

Schwarze Katze
Medien.Kollektiv Münster
FAU Ortsgruppe Münster
Gruppe Crescendo
Verein für politische Flüchtlinge
Falling Down Records
mehrere Einzelpersonen