Im Visier der »Antideutschen«: Was tun gegen Provokationen?
junge welt 11.09.03
Interview: Markus Bernhardt, Dortmund

Felix Oekentorp ist aktiv bei der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK), deren Landesgeschäftsführer er bis Ende September 2002 in NRW war. Er engagiert sich auch bei ATTAC und in der antifaschistischen Bewegung

F: Seit geraumer Zeit haben sich sogenannte antideutsche Gruppen in Dortmund dem Ziel verschrieben, theoretisch wie praktisch gegen linke Veranstaltungen und Demonstrationen vorzugehen. Wer steckt hinter diesen Freunden der israelischen Besatzungspolitik?

In Dortmund gibt es aktuell zwei Gruppen der »antideutschen« Szene. Das sind zum einen die Antifaschistische Aktion Dortmund (AA/DO) und die Kommunistische Initiative (KI). Zusammen können sie durchschnittlich etwa 70 Personen mobilisieren.

F: Wann haben die Störversuche dieser Gruppen gegen Linke politische Arbeit in Dortmund begonnen?

Deutlich wurde dieser Konflikt, als die AA/DO vor zwei Jahren auf einer Friedensdemonstration zu Beginn des Angriffskrieges gegen Afghanistan ein Transparent mit der Aufschrift »Kein Frieden mit den Feinden Israels« entrollte und auf Flugblättern begann, die Friedensbewegung mit Antisemiten und Faschisten auf eine Stufe zu stellen. In diesem Zuge verglichen die AA/DO und mit ihnen zusammenarbeitende Gruppen zum Beispiel auch die DKP mit der NPD und die junge Welt mit der neofaschistischen Nationalzeitung. Die »Antideutschen« nehmen seitdem jede sich bietende Möglichkeit wahr, Veranstaltungen und Demonstrationen zu stören und organisieren auch eigene Aktionen. Unter anderem marschierten sie am Vorabend des Jahrestages der deutschen Einheit im Jahre 2002 mit mehreren hundert Teilnehmern in Dortmund auf und bekundeten ihre Solidarität mit Israel und der »westlichen Zivilisation«. AA/DO und KI gingen im Vorjahr so weit, selbst eine vom Dortmunder »Bündnis gegen Rechts« veranstaltete Kundgebung zur Erinnerung an die von den Nazis am 9. November 1938 gegen Juden organisierten Pogrome zu stören, auf der sie durch ihr aggressives Auftreten ein kurzes Handgemenge provozierten.

F: Ist mit »antideutschen« Aktionen im Laufe der Wehrmachtsausstellung, die am 18. September in Dortmund eröffnet wird, zu rechnen?

Ich denke, ja. Klar ist jedoch, daß sich sowohl das Bündnis »Dortmund gegen Rechts« als auch das antifaschistische Bündnis »Wir stellen uns quer« einig darin sind, weder Israel- noch USA-Fahnen bzw. irgendwie geartete »antideutsche« Hetzpropaganda zuzulassen. Die Sensibilisierung in bezug auf die Aktionsformen der »Antideutschen« ist nach einer kurzen Phase der Unterschätzung dieses Problems innerhalb der antifaschistischen Szene mittlerweile sehr hoch. Die aktiven Linken der Stadt wenden sich nun entschiedener denn je gegen jegliche Art von Vereinnahmungsversuchen durch die »Antideutschen« und schließen Kriegsbefürworter ohne weitere Debatten von ihren Veranstaltungen aus – so geschehen auch beim diesjährigen Ostermarsch Ruhr.

F: Die Probleme mit den »Antideutschen« in Dortmund scheinen sehr groß. Wie wollen Sie in Zukunft mit diesem Phänomen umgehen, und was raten Sie politischen Gruppen in anderen Orten?

Ich denke, es ist ein grundsätzlicher Fehler, diese Gruppen zu tolerieren. Ebenso ist es falsch, sie immer noch als Teil der Linken zu betrachten. Justus Wertmüller sehnte in der Bahamas bereits den Untergang der Linken herbei, Flüchtlingsinitiativen werden als »notorische Antisemiten« bezeichnet, und ein nahezu unglaublicher Rassismus gegenüber Menschen aus den arabischen Ländern wird von den »Antideutschen« gepflegt. Auch geben sich weite Teile dieser Gruppen sehr schwulenfeindlich und unterstützen, ja fordern sogar offensiv, weitere Angriffskriege der USA. Wer solche Gruppen und Personen toleriert bzw. mit ihnen kooperiert, muß wissen, daß er sich zum willigen Helfer reaktionärer und menschenverachtender Politik macht.