Texte und Reden des Anarchisten Arthur Müller Lehning gegen Krieg und Militär
Quelle: http://ch.indymedia.org/de/2003/03/5416.shtml

• Die IAA. und der Kampf gegen Militarismus und Krieg.
• Gewalt und Gewaltlosigkeit
• Der Antimilitarismus und die Verteidigung der Revolution.
• Der revolutionäre Antimilitarismus und die antiimperialistische Taktik
• industrielle Dienstverweigerung!
• Gewalt und Revolution
• Der Wahnsinn des Nationalismus und die Stellung des revolutionären Syndikalismus
• Die Masken sind gefallen!
• Der holländische Antimilitarismus
• Sozialdemokratie und Krieg



Die IAA. und der Kampf gegen Militarismus und Krieg.

1.

Der internationale Zusammenschluss der Arbeitermassen hätte nur wenig zu bedeuten, wenn er nicht die selbstverständliche Voraussetzung enthielte, dass die gemeinsamen internationalen Interessen des Proletariats schwerer wiegen als die gemeinsamen Interessen des Proletariats mit der Bourgeoisie innerhalb eines staatlichen Verbandes.

Als die erste Internationale 1864 den ersten grossen Versuch machte, die Arbeiter aller Länder auf ökonomischer Grundlage zu vereinigen zur Befreiung der Arbeit, da erklärte sie, dass diese Befreiung kein nationales, sondern ein internationales Problem sei.

Aus dieser Auffassung ging eine klare Haltung gegen den Krieg und gegen den Militarismus hervor. Auf dem 2. Kongress der Internationalen Arbeiter-Association 1868 in Brüssel fasste sie die berühmte, von Cäsar de Paepe vorgeschlagene Resolution, in der der Krieg zu einem Bruderkrieg von Produzenten erklärt und im Kriegsfalle das Mittel des Generalstreiks empfohlen wird.

Es ist besonders Bakunin gewesen, der am schärfsten erkannt hat, dass man den Krieg nicht bekämpfen kann, ohne den Staat zu bekämpfen, und dass die Vernichtung des Staates genau so die Vorbedingung ist für den Frieden wie für die soziale Befreiung. denn der Staat ist die permanente Unterdrückung nach innen und der permanente Krieg nach aussen.

Wo die Arbeiterbewegung den Weg des ökonomischen Kampfes und der direkten Aktion verlassen hat und an ihre Stelle die politische Partei und deren Ziel: die Eroberung der Staatsmacht getreten ist, konnte sie auch den Krieg nicht mehr wesentlich bekämpfen, denn wenn man den Staat will, muss man den nationalen Staat wollen, und mit dem Staat hat man den Nationalismus und den Militarismus und den Krieg.

Die mechanisch-fatalistische Auffassung des Marxismus, dass der Kapitalismus sich notwendigerweise zum Sozialismus entwickeln würde, wirkte sich auch katastrophal auf dem Gebiete der Kriegsbekämpfung aus. Welche Folge diese Einstellung hatte, dass der Militarismus "von selbst" verschwinden würde, zeigte der August 1914, als es sich herausstellte, dass der Sozialismus auf dem Wege zur Eroberung des Staates inzwischen vom bürgerlichen Staate erobert war. Die Sozialdemokratie aller Länder liess "in der Stunde der Gefahr das Vaterland nicht im Stich" und schloss den blutigen Burgfrieden mit dem Todfeind der Arbeiterklasse.

Nach dem Kriege zeigte es sich, dass die Sozialdemokratie nichts gelernt und nichts vergessen hatte, Der instinktive Protestschrei von Millionen gegen das blutige Morden: "Nie wieder Krieg" wurde bald durch die Parteilosungen und durch die erneute Losung des Verteidigungskrieges ersetzt. In Arbeiter- und Koalitionsregierungen organisierte die Sozialdemokratie die neuen Kriegsvorbereitungen und verstärkte in allen Ländern den militaristischen Apparat des kapitalistischen Staates. Die Antwort auf die Frage, was von dieser Partei zu erwarten ist, wenn morgen ein neuer Krieg ausbrechen würde, erübrigt sich.

Der Militarismus gehört zum eisernen Bestand des Staates. Er war und ist stets eine Waffe des Kapitalismus gegen den "inneren Feind"; eines der Mittel, womit die Unterdrückung der Arbeiterklasse gehandhabt wird. Von der antistaatlichen Arbeiterbewegung ist denn auch stets der Kampf gegen die Organisation des Militarismus und gegen den Geist des Militarismus als eine unerlässliche Vorbedingung für den Kampf für eine freie Gesellschaft ohne Ausbeutung und ohne politische Unterdrückung betrachtet worden.

Auch der heutige Faschismus, der nicht nur eine nationalistische Reaktion, sondern eine wahre Konterrevolution des Militarismus darstellt, ist in seinen Wurzeln und in seinen für die Arbeiterklasse verhängnisvollen Auswirkungen gar nicht zu überwinden, ohne prinzipiell den Militarismus zu bekämpfen.

Die Syndikalistische Bewegung in allen Ländern hat darum auch stets einen rücksichtslosen Kampf gegen den Militarismus geführt. In Übereinstimmung mit einer jahrzehntelangen revolutionär-syndikalistischen Tradition und im Zusammenhang mit ihrem erstrebten Ziel: Befreiung der Arbeiterklasse von Kapital und Staat, legte die IAA mit folgenden Worten diese Auffassung in ihrer Prinzipienerklärung fest: Der revolutionäre Syndikalismus bekämpft den Militarismus in jeder Form und betrachtet die Antimilitaristische Propaganda als eine der wichtigsten Aufgaben im Kampfe gegen das herrschende System. Die Verweigerung der Persönlichkeit dem Staate gegenüber und besonders der organisierte Boykott der Arbeiter gegen die Herstellung von Heeresgerät sollte vor allem anderen ins Auge gefasst werden.

2.

Neben den nicht sehr erfolgreichen Versuchen, die im Laufe der Jahre unternommen wurden, eine anarchistische Internationale zu gründen, gab es die Bestrebungen zur Gründung einer antimilitaristischen Internationale. Sie kam auch im Jahre 1904, besonders von französischer Seite angeregt, zustande. Der holländische Anarchist Domela Nieuwenhuis setzte sich ganz für sie ein. Auf den internationalen sozialistischen Kongressen 1891 in Brüssel und 1893 in Zürich hatte er bereits auf die Notwendigkeit einer direkten Aktion gegen den Krieg hingewiesen und die konkrete Frage gestellt, was die Arbeiterklasse zu tun habe, wenn der Krieg ausbräche. Und in Übereinstimmung mit der Resolution von 1868 schlug er - bekanntlich ohne Erfolg - den Generalstreik bei Kriegsausbruch vor. Der Vorschlag wurde von den Marxisten als indiskutabel und sogar als lächerlich abgelehnt. Erst nach dem Kriege sollten sozialdemokratische Gewerkschaften die Richtigkeit dieses Gedankens, wenigstens auf dem Papier, anerkennen.

Die gegründete Internationale, die Internationale Antimilitaristische Vereinigung (IAMV) hielt noch einen zweiten Kongress 1907 ab aber sie existierte praktisch nur in Holland und kam auch nur dort zur Bedeutung. Auf dem dritten internationalen Antimilitaristen-Kongress, 1921 im Haag, wurde das Internationale Antimilitaristische Büro gegen Krieg und Reaktion (IAMB) gegründet, das jetzt nicht mehr eine Internationale von ausschliesslich antimilitaristischen Vereinigungen sein sollte, sondern alle Organisationen, die einen revolutionär-antimilitaristischen Standpunkt einnahmen, sollten auf diesem Gebiete zusammenarbeiten. So waren neben anarchistischen, antimilitaristischen, Jugend- und Frauenorganisationen auch syndikalistische Organisationen dem Büro angeschlossen.

Seit 10 Jahren hat das IAMB eine rege Propaganda für die Prinzipien des revolutionären Antimilitarismus international geführt. Es hat auf zahlreichen internationalen Kongressen seinen Standpunkt verteidigt und intervenierte und rief in zahllosen Fällen zu Protestaktionen für die verfolgten Opfer der Reaktion auf. Es bekämpfte den Pazifismus in allen seinen Formen - den Völkerbund, den Abrüstungsschwindel, den Kelloggpakt usw., sowie den Pseudo-Antimilitarismus der Sozialdemokratie - und betonte die revolutionären, sozial-ökonomischen Waffen der direkten Aktion.

Die enge Verbindung mit der IAA fand ihren organisatorischen Ausdruck in der Internationalen Antimilitaristischen Kommission (IAK), die zwecks praktischer und permanenter Zusammenarbeit auf der internationalen Konferenz der IAA im Mai 1926 in Paris gegründet wurde. Sie hat ihren Sitz in Holland und gibt einen speziellen Antimilitaristischen Pressedienst in mehreren Sprachen heraus.

3.

Die kapitalistische Welt geht einem neuen 1914 entgegen, Seit dem Ende des Krieges haben die Waffen nicht geruht. Auch die Kriegstechnik nicht. Und die Kriegsvorbereitungen nicht. Alle Versuche, den wahnsinnigen Rüstungswettkampf der Staaten auch nur zu beschränken, sind misslungen. Mit dem Scheitern der Weltabrüstungskonferenz hat die pazifistische Epoche der Nachkriegszeit ihr trauriges und definitives Ende gefunden. Denn die Regierenden aller Länder sind sich darüber einig, dass es aus dem heutigen, durch den ersten Weltkrieg hervorgerufenen wirtschaftlichen Chaos keinen anderen Ausweg gibt als neuen Krieg.

Inzwischen hat die Kriegstechnik eine Revolution durchgemacht. Der moderne Krieg ist motorisiert, der Motor ist auf dem Lande und in der Luft von überragender Bedeutung geworden; und mit dem Motor das Öl, Der Krieg ist mechanisiert, die mechanischen Kampfmittel sind von grösserer Bedeutung geworden als das Menschenmaterial, Schliesslich ist der Krieg industrialisiert : die Kriegführung ist nicht mehr abhängig allein von Pulver und Kanonenfabriken, sondern von dem gesamten Produktionsapparat eines Landes. Ohne industrielle Vorbereitung kann kein Staat den Krieg mehr führen. Auch die ganze Bevölkerung wird aktiv und passiv in den Krieg einbezogen.

Mit den neuen Kriegsmethoden hat sich auch das Kriegsziel geändert, es gilt nicht mehr, die feindliche Armee zu schlagen, sondern die militärische und technische Basis dieser Armee, die politischen und industriellen Zentren des "feindlichen" Volkes zu vernichten. Zu diesem Zwecke stehen heute bereits tausende von Flugzeugen startbereit und inzwischen wird, besonders auf diesem Gebiet, fieberhaft weiter gerüstet (während Frankreich zum Beispiel 1914 134 Flugzeuge hatte, verfügt es jetzt über etwa 3000). Der moderne Krieg ist der aero-chemische Krieg. Der Schutz der Zivilbevölkerung gegen den Luftkrieg ist unmöglich.

Dieser Wandlung der Kriegsvorbereitungen vom spezifisch militärischen aufs ökonomische Gebiet muss auch die Arbeiterklasse Rechnung tragen. Der Schwerpunkt der Kriegsbekämpfung kann nur noch auf industriellem Gebiet liegen. Nicht nur, weil dort die Kriegsvorbereitungen des Staates am besten zu treffen sind und auf dem Gebiete der Arbeit die wesentlichste Macht der Arbeiterklasse liegt, sondern auch, weil eine zweckmässige Kriegsbekämpfung nur möglich ist in Verbindung mit dem Kampf gegen den Kapitalismus überhaupt.

Die Verhinderung der Herstellung von Heeresgut, die Verweigerung von Kriegstransporten, die Kontrolle und Vorbereitung der Sabotage in den Friedensindustrien wie Farbenfabriken usw., die im Kriegsfalle sofort zur Kriegsproduktion umgewandelt werden, müssen durchgeführt werden mit Hinblick auf den organisierten Endkampf der Arbeiterklasse gegen das gesamte herrschende System, d, h. mit Hinblick auf die Eroberung der Produktionsmittel.

Wie die Tageskämpfe gegen das Unternehmertum unerlässliche Teilkämpfe sind für den Endkampf gegen den Kapitalismus, so sind die antimilitaristischen Aktionen auf industriellem Gebiet zweckmässige und notwendige Vorbereitungsaktionen zur Verhinderung des Krieges.

Denn mehr als je heisst heute die Frage: Krieg oder Revolution. Eine dritte Möglichkeit gibt es für die Arbeiterklasse nicht. Wenn sie den Krieg ablehnt, muss sie die Revolution vorbereiten, Die endgültige Besiegung des Krieges ist nur möglich durch den Sieg der Revolution.

4.

Die heutige Weltkrise ist eine ungeheure Warnung für die Arbeiterklasse der ganzen Welt. Diese Krise beweist, wie wenig der Kapitalismus imstande ist, die Wirtschaft wieder "normal" funktionieren zu lassen. Diese Krise ist ein Alarmsignal. Denn diese Krise ist erst das Vorspiel. Sie ist erst der Anfang der Krise. Die wahre Krise des Kapitalismus ist der imperialistische Krieg. Kein Völkerbund, kein Paneuropa, kein Kelloggpakt und "Nichtangriffspakt" können da helfen. Der Kapitalismus kann den Krieg ebensowenig verhindern, als er die Krise verhindern kann. Er kann den Krieg hinausschieben, um inzwischen die politischen Gruppierungen zu verändern, um neue Bündnisse zu bilden, aber schliesslich nur, um den Krieg auf breiterer Basis ausbrechen zu lassen. Die Gegensätze, die im Kapitalismus zum Kriege führen, sind unter dem Kapitalismus nicht zu lösen. Das wird zwar nicht von Pazifisten und Sozialdemokraten verstanden, aber um so mehr von den herrschenden Staatsmännern. Deshalb rüsten sie, trotz aller Friedensversicherungen, bis zum Staatsbankrott. Deshalb das Weltkriegsbudget von 20 000 Millionen Mark pro Jahr.

Die Krise unter dem Kapitalismus ist keine zufällige Erscheinung. Sie ist wie der Krieg eine gesetzmässige Folge des kapitalistischen Produktionsprozesses. Der Kapitalismus muss produzieren, um Gewinne zu produzieren. Für seine Produkte muss er Absatzgebiete finden. Die imperialistische Phase des Kapitalismus und eine der Hauptursachen des ersten Weltkrieges war der Kampf um noch nicht erschlossene Gebiete zum Absatz von Waren und von Kapital. Aber der Kampf um Kolonien ist durch den Weltkrieg und seit dem Weltkrieg mehr oder weniger zu Ende. Die Welt ist von den räuberischen Staaten aufgeteilt. Diese Aufteilung ist, wie die ganze kapitalistische Produktion, in hohem Masse chaotisch. Die Spannungen zwischen den verschiedenen Staaten sind nicht geringer geworden. Das einzige grosse Gebiet, das von den Imperialisten noch nicht vollständig beherrscht wurde und noch nicht ganz dem Kapitalismus erschlossen war - China - ist denn auch das Gebiet des heftigsten Kampfes der verschiedenen imperialistischen Staaten und bereits der Schauplatz eines offenen Kolonialkrieges, trotz Völkerbund und Kelloggpakt.

Heftiger ist dieser Kampf der imperialistischen Staaten noch geworden durch das Erscheinen der sogenannten farbigen Völker auf der weltgeschichtlichen Bühne. Sie fordern ihre "nationale Unabhängigkeit", das bedeutet, dass die aufkommende Bourgeoisie in diesen Ländern die kapitalistische Ausbeutung in ihre eigene Hand nehmen will.

Die gewalttätige Unterdrückung der Kolonialvölker durch die imperialistischen Staaten bildet eine dauernde Kriegsgefahr. Diese Unterdrückung ist übrigens nur möglich durch die tatsächliche Unterstützung der imperialistischen Bourgeoisie durch das weisse Proletariat in den verschiedenen Ländern. Die Aufgabe des weissen Proletariats ist es, die Solidarität mit der Bourgeoisie zu zerbrechen und durch die direkte Aktion der Massenverweigerung von Soldaten und Matrosen, durch die organisierte industrielle Arbeitsverweigerung und Transportverhinderung jede militärische Aktion gegen die Kolonialvölker unmöglich zu machen.

Nur der gemeinsame Kampf aller unterdrückten Rassen und Klassen gegen jeden Kapitalismus und Imperialismus kann die neuen drohenden Weltkriege verhindern und jeder Unterdrückung ein Ende machen. Denn die wirkliche Befreiung der Kolonialvölker fordert nicht die nationale Unabhängigkeit und die Errichtung neuer nationaler Staaten, sondern die soziale Unabhängigkeit, die soziale Befreiung: die Aufhebung jeder Unterdrückung und Ausbeutung des arbeitenden Volkes.

Der weisse Imperialismus hat allmählich die Grenzen seiner Expansion erreicht. Das ist einer der Gründe, weshalb die heutige Krise sich von den vorherigen Krisen unterscheidet, sowohl hinsichtlich ihrer Intensität, wie durch ihren Umfang, als auch durch die Schwierigkeiten, diese Krise zu überwinden. Denn durch die Entwicklung des Kapitalismus in den kolonialen und halbkolonialen Ländern ist der Ausweg, den der Kapitalismus früher hatte, enger geworden, Wohin früher Waren gebracht wurden, werden jetzt selbst Waren produziert, nachdem man dort eine neue bestimmte Sorte von Waren - nämlich maschinelle Produktionsmittel - hingebracht hat, die Waren produzieren können. Und zwar billiger durch die masslose Ausbeutung der farbigen Arbeitskräfte, Der "ausländische" Kapitalismus wurde nicht nur aus diesen Gebieten verdrängt, sondern auch auf dem Weltmarkt durch billigere Waren bedroht.

Neue "farbige", kapitalistische Länder - Japan, China, Indien - nehmen an, der Weltwarenproduktion teil. Der internationale Konkurrenzkampf, der Kampf auf dem Weltmarkt, der Kampf um die wenigen offenen Märkte und um "Offene Türen" ist heftiger als je. Der welthistorische Widerspruch des Kapitalismus ist dieser: Je mehr die Welt durch ihn eins wird, je enger die ökonomischen Zusammenhänge zwischen Ost und West werden, desto heftiger und umfangreicher wird die Krise, desto schärfer die imperialistischen Gegensätze, desto unvermeidlicher die imperialistische Krise des Kapitalismus: der Krieg.

5.

Gegen die ungeheure drohende Gefahr eines neuen Weltgemetzels, dessen Opfer an erster Stelle aufs neue die Arbeiterklasse sein würde, ruft die IAA die Arbeiter in allen Ländern auf zu einem Kampf gegen das herrschende System. Sie ruft die Arbeiterklasse auf, den direkten Kampf gegen den Krieg und gegen die Kriegsvorbereitungen auf ökonomischem Gebiet sofort zu beginnen. Sie erklärt, dass die Arbeiterklasse in diesem Kampf von den politischen Parteien ebensowenig etwas zu erwarten hat, wie im Kampfe für ihre soziale Befreiung. Die Vorbedingung zu einem einheitlich organisierten Kampf der gesamten Arbeiterschaft ist die praktische und ideologische Loslösung von jeder politischen Partei und von den nationalen Interessen jedes Staates.

Der reformistische internationale Gewerkschaftsbund und mehrere seiner wichtigsten Berufsverbände haben wiederholt erklärt, einen Kriegsausbruch mit dem Generalstreik beantworten zu wollen. Bis jetzt hat man noch wenig von einer Vorbereitung dazu gemerkt. Und das ist erklärlich. Solange der IGB ideologisch und politisch mit einer Sozialdemokratie verbunden ist, die ja den Verteidigungskrieg bejaht und die Kriegsvorbereitungen mit organisiert, ist dies auch nicht anders möglich.

Zwischen zwei Wegen gilt es zu wählen: entweder man bereitet sich vor auf den Verteidigungskrieg, oder man bereitet die Verhinderung des Krieges um jeden Preis auf ökonomischem Gebiete vor.

Ebensowenig wie die reformistische Sozialdemokratie ist die revolutionäre Sozialdemokratie, der Bolschewismus, eine Gewähr für einen unbedingten Kampf gegen den Krieg. Wie alle anderen Staaten - und in Verbindung mit anderen Staaten - bereitet der staatskapitalistische Sowjetstaat sich auf den Krieg vor. Wie kaum in einem anderen Lande wird, das ganze Volk mit einem nationalistischen und militaristischen Geist vergiftet.

Aussenpolitisch hat Sowjetrussland seine Verbindungen mit kapitalistischen und reaktionären Staaten in Europa und Asien: Es unterhält ausgezeichnete militärische Beziehungen mit dem italienischen Faschismus, mit der Reaktion in Persien, mit der Diktatur in der Türkei.

Im Kampfe gegen den Krieg kann deshalb die Arbeiterklasse sich nicht mit der roten Armee und dem russischen Staat verbinden, denn das würde bedeuten, dass es sich im Kriegsfalle auf die Seite jener Gruppen von Staaten stellt, die mit Russland verbündet sind. Es würde damit prinzipiell für den Krieg Partei nehmen. Deshalb ist es die Aufgabe der Arbeiterklasse, in allen Ländern bereits jetzt die Verhinderung eines jeden Krieges, unter welchen Losungen er auch geführt werden wird, zu organisieren; in allen lebenswichtigen und kriegswichtigen Betrieben, in der Metallindustrie, im Bergbau, im Transportwesen Aktionskomitees zu bilden zur Vorbereitung des Generalstreiks; womöglich ein Beispiel in der organisierten Verhinderung von Heeresmaterialproduktion zu geben und den Transport von Kriegsmaterial zu verweigern.

Bei diesen Teilkämpfen gegen die Kriegsvorbereitungen muss stets das Ziel der sozialen Revolution ins Auge gefasst werden, deren Aufgabe es ist, den Staatsapparat zu vernichten und das gesamte ökonomische Leben in die Hände der Produzenten überzuleiten.

Wenn die Arbeiterklasse durch die soziale Revolution den Krieg nicht verhindert, wird der Krieg die Arbeiterklasse vernichten. Es kommt darauf an, durch die Revolution dem Krieg zuvorzukommen, nicht nur um die Arbeiterklasse und darüber hinaus die gesamte Menschheit vor dem Wahnsinn eines modernen Krieges zu bewahren, sondern auch, weil bei einer Verzweiflungsrevolution, die gewiss im Verlauf des Krieges ausbrechen würde, die sozialistische Reorganisation der Gesellschaft erschwert wäre durch die Zerrüttung des wirtschaftlichen Lebens. Die Internationale Arbeiter-Assoziation wird nicht müde werden, vor dem Forum des Weltproletariats zu wiederholen, dass es sich hier um eine Frage um Leben und Tod der Arbeiterklasse und des Sozialismus handelt. Will die Arbeiterklasse dieneue Weltkatastrophe, die der Kapitalismus heute vorbereitet, umgehen, so wird sie ihr Schicksal in ihre eigene Hand nehmen müssen.

Auch die Befreiung der Arbeiterklasse von der Geissel des Krieges kann nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein.

A.Müller-Lehning.


Aus "I.A.A. 10 Jahre internationaler Klassenkampf / Gedenkschrift zum zehnjährigen Bestehen der Internationalen Arbeiter-Assoziation" / Berlin, 1932





Gewalt und Gewaltlosigkeit 1)

Von Arthur Müller-Lehning

Im Auftrage der "Internationale der Kriegsdienstgegner" hat Dr. Franz Kobler, Wien, ein Sammelwerk herausgegeben, das dem Kampf gegen die Gewalt gewidmet ist - nicht indem es dogmatisch das Allheilmittel der Gewaltlosigkeit predigen will, sondern das Gesamtproblem der Gewalt sozial, politisch und religiös zu umreissen versucht.

Das Buch enthält Aufsätze von etwa 40 verschiedenen Mitarbeitern und ist in drei Abschnitte geteilt: 1. Teil: Das Problem der Gewalt, Il. Teil: Aufstieg und Entwicklung des aktiven Pazifismus, III. Teil: Methoden und Praxis des aktiven Pazifismus. Der erste Teil ist der vollständigste. Die Grenze des ersten und zweiten Teils ist übrigens nicht scharf gezogen oder zu ziehen. Aufsätze von Hans Kohn: "Judentum und Gewalt," B. de Ligt: "China und der Friede" könnten ebensogut im ersten Teil untergebracht worden sein, der überwiegend philosophisch orientiert ist, ohne dass das Ganze etwa zu einer Philosophie der Gewalt geworden wäre, obgleich viel Grundlegendes zusammengebracht sein dürfte. Es ist sehr schade, dass die wichtige philosophisch-(terminologische) Auseinandersetzung des Herausgebers "Vom Wesen der Gewalt", der Versuch zu einer Begriffsbestimmung der Gewalt, etwas fragmentarisch geblieben ist. Im ersten Teil findet man ausserdem Aufsätze von Alfred Adler: "Psychologie der Macht"; Leonhard Ragaz: Jesus Christus und die Gewaltlosigkeit"; John W. Graham: "Krieg und Protestantismus"; Hans Kohn: "Nationalismus und Gewalt"; Hendrik de Man: "Sozialismus und Gewalt"; einen älteren Aufsatz von Gandhi: "Die Theorie und Praxis des passiven Widerstandes" und viele andere. Der zweite Teil versucht eine historische Übersicht von den Bewegungen gegen die Gewalt zu geben und enthält die Geschichte der Dienstverweigerung während des Krieges in einigen Ländern, ausserdem findet man hier Artikel über Tolstoi (von Stefan Zweig), Peter Chelcicky (von Carl Vogt), Mahatma Ghandi und die Satyagrabewegung (von Wilfred Wellock). Der dritte Teil enthält Artikel über Gewalt und Erziehung, Jugendbewegung, die Frauen, Sport, Alternativdienstpflicht, die Technik des Krieges (von Freiherr von Schoenaich) und einen etwas schematischen Artikel über "die Taktik des aktiven Pazifismus" von B. de Ligt und Franz Kobler.

Ein Anhang enthält Dokumentarisches, Literaturübersicht, Adressenverzeichnis pazifistischer Organisationen, Namen- und Sachregister. Die Zusammenstellung des Buches weist darauf hin, dass es sich nicht nur um das Problem der Gewalt im engeren Sinne handelt, sondern besonders um das ihrer höchsten Organisation: des Krieges. Den Ausgangspunkt des Buches bildet die Bewegung gegen den Krieg. Dadurch ist die Geschichte des Kampfes gegen die Gewalt fast vollkommen mit derjenigen der radikalen Pazifisten identifiziert, was den Tatsachen nicht vollkommen entspricht. Es ist natürlich nicht zufällig, dass der erste Versuch, das Gesamtproblem der Gewalt zu umreissen, mit der Anti-Kriegsbewegung verbunden ist. Einerseits ist es die Gewaltlosigkeit, die ein inspirierender Faktor in der Bewegung der Kriegsdienstgegner gewesen ist, andrerseits ist es die nicht gewaltlose revolutionäre antimilitaristische Bewegung, die durch ihren konsequenten Kampf gegen den Krieg zu gleicher Zeit gegen die organisierte und monopolisierte Gewalt kämpft. Da die Grenzen der Untersuchung von vornherein nicht zu eng gezogen wurden, ist dieser erste Versuch zu einem höchst interessanten und vielseitigen Werk geworden, das die weiteste Verbreitung verdient. Es ist besonders auch zu einem wichtigen Nachschlagewerk für die Bewegung der radikalen Kriegsbekämpfung geworden.

Vielleicht ist jedoch der Rahmen des Buches für das vom Herausgeber gestellte Ziel zu weit. Indem die Anhänger der Gewaltlosigkeit zu Kriegsgegnern wurden, ist es diese Bewegung, die den Ausgangspunkt von Koblers Buch bildet, während doch die Kriegsgegner nicht ohne weiteres Anhänger der Gewaltlosigkeit, ja, sogar nicht alle Kriegsdienstgegner sind. Abgesehen davon, dass die Beiträge von sehr verschiedenem Niveau sind, hat diese Gleichsetzung resp. diese Vermischung die Einheitlichkeit des Buches, insoweit es das Problem der Gewalt untersuchen will, nicht, gefördert. Ein grosser Teil des Buches wird dann auch durch den Untertitel besser charakterisiert als durch den Titel. Wenn auch das Gesamtproblem der Gewalt untersucht werden soll, so steht doch die Gewalt des Kriegsphänomens im Zentrum. Der Weltkrieg hat nicht das Ende des Krieges gebracht; seit dem Friedensschluss haben die Waffen nicht geruht, und bereits wird der nächste Krieg mit den satanischsten Mitteln vorbereitet. "Im Bewusstsein und im Angesicht einer solchen Weltlage wird die Herausgabe dieses Buches gewagt. Die Flammenlettern 'Nie wieder Krieg' sind zum Klischee verblasst, die Massen, die diesen Ruf einst ausgestossen, zum grossen Teil längst aufgeteilt in die Lager der Gewalt. Dennoch: geblieben ist die Bewegung. Ja, gerade durch den Wegfall der Vielzuvielen ist sie in ihrer Reinheit, in ihren Zusammenhängen mit den grossen Traditionen der Vorzeit sichtbar geworden. Die Bewegung, die heute wie ehedem bei allen Völkern der Erde Menschen in gemeinsamen Streben nach Ueberwindung der Gewalt verbindet. Ihr Bekenntnis, ihre Rechenschaft soll das vorliegende Sammelwerk ablegen." (Aus dem Geleitwort des Herausgebers.) In den Dienstverweigerern von Amerika, England, Holland, der "Non-Violence"-Bewegung von Gandhi sieht Kobler den - Gedanken der Gewaltlosigkeit, der ausging von der Bergpredigt und sich über Peter Chelcicky, William Penn und Leo Tolstoi fortpflanzte, in unserer Zeit realisiert.

Es ist kennzeichnend, dass die Realisierung des Gedankens der Gewaltlosigkeit gerade gesehen wird in Bewegungen, die doch eigentlich vielmehr den Charakter sozialer Bewegungen tragen als dass sie spezifische Bewegungen der Gewaltlosigkeit sind. Desto mehr ist es zu bedauern, dass, die sozialen Zusammenhänge im allgemeinen und besonders auch syndikalistische Gedankengänge so gut wie unberücksichtigt geblieben sind.

Auch werden die Zusammenhänge des Monopols der Macht und des Monopols des Besitzes nicht näher erörtert; die Untersuchung der Rolle der Gewalt in der Entwickelung des Kapitalismus ist unterblieben. Im heutigen kapitalistischen Staatssystem sind die Macht und die Gewalt identisch. Der Staat ist ein System der monopolisierten Gewalt, und der Kampf der politischen Parteien wäre als ein Kampf um dieses Monopol anzusehen. Der heutige Krieg ist zwar das typische Beispiel der Gewalt - er ist jedoch nicht weniger die unumgängliche Folge der ökonomischen Grundlage der Gesellschaft. Die Zusammenhänge dieser Grundlagen mit dem heutigen Staat, der die Organisation der Gewalt bildet, um die Macht der Ausbeutung zu handhaben, liegen klar zutage. Die Geschichte der Gewalt wäre so fast identisch mit der Geschichte der Unterdrückung und Ausbeutung.

Wir können dem Herausgeber auch nicht beistimmen, wenn er meint, die Herausgabe des Buches sei gerechtfertigt, weil das Problem der Gewalt nicht eines der vielen, sondern das Problem der Zeit sei. Gewiss - die Gewalt in allen ihren Formen ist zu einem typischen Phänomen unserer Zeit geworden, aber ihre Rolle als grundlegender Faktor der kulturellen Struktur ist doch von sekundärer Art. Die Gewalt kann deshalb, ebensowenig wie der Krieg, nicht wirklich bekämpft werden, ohne dass man ihre Ursachen bekämpft. Und was vom Kampf gegen den Krieg gilt, gilt nicht weniger vom Kampf gegen die Gewalt: dass eine Gefahr vorhanden ist, die Erscheinung des Krieges an sich bekämpfen zu wollen und sie dabei von ihren sozialen Zusammenhängen zu isolieren. Das läuft schliesslich auf jenen zweifelhaften ,Pazifismus" hinaus, der zwar den Krieg nicht will, aber alles unangetastet lässt, was unumgänglich zu ihm führt. Es gibt ja auch zahlreiche (Kriegsdienst-)Gegner der Gewalt, die zwar dem Staate gegenüber jede "Todes-und Tötungsbereitschaft" verweigern, aber die Gewalttätigkeiten des Staates in all seinen anderen Formen keineswegs bekämpfen. Wenn, also eine Gefahr vorhanden ist für eine dogmatische Bekämpfung einer von ihren gesellschaftlichen Zusammenhängen isolierten, zur abstrakten, Idee gewordenen Gewalt, dann soll dieses nicht heissen, dass diese Bewegung nicht ihre Bedeutung und Berechtigung auch für den Sozialismus hätte. Eine sozialistische Gesinnung erwarten wir nicht ohne weiteres von einer Umwälzung der ökonomischen Verhältnisse. Clara Wichmann hat es deutlich in folgenden Worten ausgesprochen: "Es ist doch wohl klar, dass das Absterben von Autorität und Gewalt nicht so 'von selbst' geschehen wird, 'weil es nichts mehr zu -unterdrücken und zu bekämpfen gibt'. . . . Zu bekämpfen und zu unterdrücken gibt es immer etwas, auch in einer klassenlosen Gesellschaft. Dies nicht sehen zu wollen, wäre Utopismus. Darum ist die Bewegung gegen die Gewaltsuggestion eine selbständige Bewegung, die auch in der sozialistischen Revolution und im Sozialismus ihr Recht behält." Die Bedeutung dieser Bewegung zu erkennen, heisst noch nicht, die Notwendigkeit der Alternative anzuerkennen: Gewalt oder Gewaltlosigkeit. "Die Sache liegt nicht so", schrieb gleichfalls Clara Wichmann, "dass wir a priori (von vornherein) ein für allemal abstrakt und im allgemeinen zu wählen haben: Soll die Revolution mit oder ohne Gewalt vollzogen werden. Wir werden in ganz anderer Art vor die Wahl gestellt: im gegebenen Augenblick, in konkreten Fällen, bei Einzelhandlungen, in der Weise, in der wir unsere Propaganda führen usw. - da stehen wir vor der Frage, ob wir den Glauben an die Gewalt, die Gewaltsuggestion fördern oder schwächen wollen. Mit anderen Worten, ob wir das Überwinden der Gewaltsuggestion als einen Bestandteil der Revolution ansehen oder nicht. Und ich bin davon überzeugt, dass in dieser Hinsicht eine Anzahl revolutionärer Propagandisten leider manches Gute ungesagt und manches Verkehrte unverschwiegen lassen."

Die Mittel, die der Syndikalismus für die revolutionäre Umwälzung der Gesellschaft propagiert, bekommen auch in diesem Zusammenhang eine grosse Bedeutung. Der Syndikalismus lehnt die Gewalt nicht ab, aber die ökonomischen Machtmittel, die er anwenden will, haben nicht den "gewalttätigen" Charakter der Gewalt und dürften schon eher Zwangsmittel genannt werden. Der Unterschied zwischen Gewalt und Militarismus ist von Kobler nicht hervorgehoben worden - sein Ausgangspunkt, der Krieg und Gewalt fast identifiziert, ist dazu auch ungeeignet aber dieser Unterschied ist doch sehr wesentlich. Der Militarismus dürfte vielleicht der entscheidende Unterschied sein zwischen der syndikalistischen, der wirklich proletarischen Gewalt und jeder demokratischen, faschistischen oder bolschewistischen Gewalt: der Unterschied, ob die Gewalt angewendet wird zur Aufrechterhaltung der Macht resp. zur Errichtung einer neuen, oder zum Sturz der Macht. Die proletarische Gewalt lehnt den Militarismus und die militärischen Methoden der Gewalt ab und ist dann auch, in ihren Mitteln und in ihrem Ziel - sie erstrebt nicht die Errichtung einer neuen "Staatsgewalt" - prinzipiell von jeder anderen - wesentlich bürgerlichen - Gewalt zu unterscheiden. Die Bedeutung dieser antimilitaristischen, Praxis liegt jedoch auch hier wieder nicht auf dem Gebiete der Gewalt oder Gewaltlosigkeit, sondern auf dem der Kampfmethoden der sozialen Bewegung. Wir wiesen bereits oben auf die Gandhibewegung hin, deren Bedeutung nicht so sehr die Gewaltlosigkeit ist, sondern die Anwendung der Gewaltlosigkeit als eine wirksame und zweckmässige Methode im sozialen Kampf. "Sein Wert" - schrieb Gandhi - (der des passiven Widerstandes) "steht deshalb, so denke ich, unbestreitbar fest, er ist eine Kraft, die, wenn sie einmal allgemein angewendet würde, die sozialen Ideale umstürzen, die Despotie und den wachsenden Militarismus hinwegfegen würde, unter dem die Völker des Westens stöhnen und beinahe zermalmt werden, und der sich anschickt, auch die Völker des Ostens zu unterwerfen." In Afrika hatte Gandhi das Satyagraha, das Nichtwiderstehen in dem Kampf gegen die englische Regierung erprobt. 1915 kehrte er nach Indien zurück "mit einem erprobten Instrument der sozialen Befreiung in der Hand" (Wilfred Wellock). Es liegt hier also klar zutage, dass es die soziale Zielsetzung und nur diese Bewegung ist, die der Anwendung der Gewaltlosigkeit ihre Bedeutung verleiht. Dass es sich nicht nur objektiv, sondern auch subjektiv bei Gandhi um eine zweckmässige Praxis - und nicht um die Realisierung der Bergpredigt - handelt, geht ausserdem daraus hervor, dass er während des Krieges zugunsten Englands an dem imperialistischen Krieg teilnahm, also keineswegs die Personifizierung der Gewaltlosigkeit ist, wie man allgemein annimmt. Wie ausserdem aus dem soeben geführtem offenen Briefwechsel von de Ligt und Gandhi her, vorgeht, will Gandhi ja sogar im Falle, dass Indien home rule (Selbstverwaltung) erhalten würde, sich nicht gegen die Einführung der Wehrpflicht und die Militarisierung Indiens widersetzen, da Indien vielleicht gezwungen sein würde, an einem Krieg teilzunehmen. Dieses alles bestätigt unsere Anschauung, dass das Wesentliche bei der Gandhi-Bewegung - und diese ist typisch für das Gesamtproblem, das hier in Frage steht - nicht die Verwirklichung der Idee der Gewaltlosigkeit ist. (Ihre Bedeutung für den sozialen Kampf wird, hier natürlich nicht in Frage gezogen - im Gegenteil.) Ausserdem zeigt sich noch in anderem Sinne als hier angedeutet die Gefahr, durch Isolierung der gewaltlosen Tendenzen, wie in diesem Falle, zu einem Zerrbild der wirklichen Tatsachen zu kommen.

Es handelt sich - um mit Gandhi zu reden - darum, die Despotie zu stürzen. Und dazu können die gewaltlosen Mittel des Boykotts der Non-cooperation usw. sehr zweckmässig sein. Dazu kann auch zweckmässig sein die proletarische Gewalt, die im Klassengegensatz begründet ist und in dem wirklichen Klassenkampf zum Ausdruck gelangt. Die passive Kriegsdienstverweigerung ist ohne Zweifel ein wichtiges Mittel im Kampfe gegen den Krieg - aber wahrscheinlich wird die Sabotage notwendig sein, und sicher sind die Methoden der sozialen Revolution auch notwendig, um den Krieg zu verhindern. Nur der Generalstreik, der nichts anderes ist als die äusserste und schärfste Form des Klassenkampfes, kann den Krieg, der nur die letzte Konsequenz der Klassengesellschaft ist, verhindern. Er hebt zu gleicher Zeit, indem er durch die passive Resistenz die gewaltsame Macht stürzt, den Klassengegensatz auf. Keine Demokratie und keine Diktatur, keine Bewegung der politischen Reform oder politischen Revolution kann der gewaltsamen Unterdrückung entbehren, da sie jedem Staatssystem immanent ist. Nur die anti-autoritäre sozialrevolutionäre Bewegung kann die Basis für eine Ueberwindung der Gewalt abgeben, weil sie eine Gesellschaft erstrebt, die die Gewalt der sozialen Grundlage entzieht. Nur eine soziale Revolution, deren Ziel die staatlose Gesellschaft ist, kann diese Grundlage legen, weil sie jede Form der organisierten und monopolisierten Gewalt, jede Form des Militarismus und des Staates ablehnt. Das direkte Ziel dieser Bewegung ist zwar nicht die Gewaltlosigkeit, aber die Freiheit- Ihre Vorbedingung ist die vollkommene soziale Befreiung. Ihre Grundlage ist ein gesellschaftliches System, wo die Herrschaft des Menschen über den Menschen Platz gemacht hat der Beherrschung der Dinge, wo das politische Unterdrückungssystem ersetzt ist durch die Organisation der Arbeit.

Die hauptsächlichste Funktion der Gewalt als Mittel zur sozialen Unterdrückung wird dadurch zwecklos werden. Die Ueberwindung der Gewalt ist nur denkbar im Zusammenhang mit der Ueberwindung von Kapitalismus und Staat. Welche Bedeutung die Verschärfung der Klassengegensätze durch die Anwendung der ökonomischen Machtmittel zur Ueberwindung des kapitalistischen Staates hat, ist von Sorel in seinem aussergewöhnlichen Buche "Ueber die Gewalt"2) dargelegt. Es weist auf die ganze Problematik von Koblers Ausgangspunkt hin, die Gewalt als die entscheidende Frage unserer Zeit zu betrachten.

"Die proletarische Gewalt verändert das Bild aller Konflikte, in deren Verlaufe man sie bemerkt; denn sie verneint die durch die Bourgeoisie organisierte Macht und erhebt den Anspruch, den Staat zu unterdrücken, der deren zentralen Kern bildet. Unter solchen Bedingungen gibt es keinerlei Möglichkeit mehr, über die Urrechte der Menschen Betrachtungen anzustellen, und aus diesem Grunde finden sich unsere parlamentarischen Sozialisten, die Kinder der Bourgeoisie sind und ausserhalb der Staatsideologie nichts kennen, gar nicht mehr zurecht, wenn sie sich der proletarischen Gewalt gegenübersehen. Sie können auf diese nicht die Gemeinplätze anwenden, deren sie sich gewöhnlich bedienen, wenn sie von der Macht sprechen, und sehen mit Schrecken Bewegungen, die zu dem Ziele führen könnten, die Institutionen zu vernichten, von denen sie leben: wo der revolutionäre Syndikalismus auftritt, kann man keine Reden mehr über die immanente Gerechtigkeit anbringen, und gibt es auch kein parlamentarisches System mehr zum Gebrauch für die Intellektuellen; - es ist ein Greuel der Verheerung! Weshalb man sich auch nicht wundern darf, wenn sie mit einem solchen Zorne von der Gewalt sprechen.

. . . Es handelt sich gar nicht darum, die Gewalttätigkeiten zu rechtfertigen, sondern zu verstehen, welche Bedeutung der Gewalt der Arbeitermassen im heutigen Sozialismus zukommt.

. . . Die proletarische Gewalt weist die Arbeitgeber auf ihre Produzentenrolle zurück und tendiert jedesmal das Gefüge der Klassen wiederherzustellen, wenn diese sich in einem demokratischen Sumpfe zu vermischen schienen.

. . . Die proletarische Gewalt erscheint derart, sofern sie als reine und einfache Aeusserung der Klassenkampfgesinnung geübt wird, als etwas sehr Schönes und Heldenhaftes; sie steht im Dienste der zutiefst begründeten Interessen der Zivilisation; sie ist vielleicht nicht die geeignetste Methode, um unmittelbare materielle Vorteile zu erlangen, aber sie vermag die Welt vor der Barbarei zu erretten" 3).


1) Gewalt und Gewaltlosigkeit. Handbuch des aktiven Pazifismus. Im Auftrag der Internationale der Kriegsdienstgegner herausgegeben von Franz Kobler. Zürich und Leipzig, Rotapfelverlag. 388 S. Preis geh. 5,20 M., Leinen 6,40 M.

2) Réflexions sur la violence, von dem vor kurzem nun auch eine deutsche Uebersetzung erschienen ist im Verlag Wagner, Innsbruck.

3) Sorel, Ueber die Gewalt, S. 21, 49, 95, 103.





(Als Manuskript gedruckt.)

Der Antimilitarismus und die Verteidigung der Revolution.

Wie wir bereits in einem früheren Pressedienst mitteilten, ist es unsere Absicht, eine Diskussion zu eröffnen über obengenanntes Thema. Der hier folgende Aufsatz soll dazu die Anregung geben. Wir bitten, Artikel zu dieser Diskussion an das Sekretariat der IAK. Laurierstraat 127, den Haag, Holland, zu senden, damit diese durch den Pressedienst international verbreitet werden können. Für diese Aufsätze ist selbstverständlich die Redaktion des Pressedienstes nicht verantwortlich. Es wird dringend empfohlen, diese äusserst wichtige Diskussion soviel wie nur möglich zu veröffentlichen.

(Pressedienst IAK.). Auf dem dritten Kongress der IAA. in Lüttich stand "Der Kampf gegen Krieg und Militarismus" auf der Tagesordnung. Es wurde eine Resolution angenommen, in welcher die Tatsache konstatiert wurde, dass die Arbeiterklasse, wenn sie nur ihre ökonomischen Machtmittel der direkten Aktion benutzt, jede militärische Aktion lahmlegen kann, weil durch die neueste Kriegstechnik die Heere ganz und gar von der Industrie abhängig geworden sind. Als Mittel, diese antimilitaristische Aktion vorzubereiten. erkannte man die individuelle und Massendienstverweigerung, wie auch die Weigerung des organisierten Proletariats, Kriegsmaterial herzustellen.

Die Kampfmittel des revolutionären Antimilitarismus gegen Krieg und Kriegsrüstung wurden also vom Kongress als richtig erkannt. Nicht angenommen aber wurde der folgende Antrag:

"Die Arbeiter der Rüstungsindustrie und der Betriebe, die für Kriegszwecke umgestaltet werden können, sind davon zu überzeugen, dass es die Pflicht der klassenbewussten Arbeiterschaft ist, bei Kriegsausbruch in den Streik zu treten, die Vorräte an Kriegsmaterial und hierfür bestimmte Rohstoffe zu vernichten und die Betriebe durch Sabotage produktionsunfähig zu machen."

Dieser Antrag wurde besonders von Huart (Frankreich) bekämpft mit dem Hinweis darauf, dass im Entscheidungskampf gegen Staat und Militarismus die Gewalt unvermeidlich sein wird und dass die Revolution durch Gewalt gegen konterrevolutionäre Angriffe verteidigt werden muss. Er stellte infolgedessen einen anderen Antrag, der vom Kongress angenommen wurde und also lautete:

"Die Arbeiter der Rüstungsindustrie und der Betriebe, die für Kriegszwecke umgestaltet werden können, sind davon zu überzeugen, dass es die Pflicht der klassenbewussten Arbeiterschaft ist, bei Kriegsausbruch in den Streik zu treten, sich der Vorräte an Kriegsmaterial und der hierfür bestimmten Rohstoffe zu bemächtigen und die Betriebe der Ausnutzung durch den Kapitalismus zu entziehen."

Hiermit war ein neues Problem angeschnitten, wobei es sich nicht nur um die antimilitaristische Taktik und den Kampf gegen den Krieg handelt, sondern um die Frage, in welcher Weise die Revolution, wenn sie gesiegt hat, sich behaupten und sich verteidigen soll. Wir sind der Ansicht, dass die von Huart in dem obigen Antrag empfohlenen Methoden für den konsequenten Kampf gegen den Militarismus gefährlich und unannehmbar sind. Wir können unsere Bedenken dagegen in folgenden drei Punkten besprechen:

1. Im Zusammenhang mit den im selben Antrag empfohlenen Kampfmethoden gegen den Krieg.

2. Im Zusammenhang mit der modernen Kriegstechnik.

3. Im Zusammenhang mit den Methoden und Zielen der sozialen Revolution.

*

1. In der Resolution werden die antimilitaristischen Kampfmethoden der direkten Aktion" empfohlen. Der Kongress fordert die Arbeiter auf, die Verweigerung der Kriegsproduktion zu propagieren und soviel wie nur möglich in der Praxis zu verwirklichen. Wenn man nun der Meinung ist, dass die Revolution mit gewalttätigen, militaristischen Mitteln verteidigt werden muss, so ist es inkonsequent gleichzeitig den Streik in der Kriegsindustrie zu propagieren. Die Propaganda für den industriellen Streik sowie für die Militärdienstverweigerung bezweckt ja nicht den Militärapparat, das stärkste Machtmittel des Staates, den Händen der Bourgeoisie zu entreissen, sondern ihn zu vernichten. Wenn das nicht die Absicht ist, wenn man diesen Apparat selber benutzen will, so soll man davon absehen, Dienstverweigerung, Sabotage und Streik in der Kriegsindustrie zu empfehlen und sich darauf beschränken, den Militärapparat für die Bourgeoisie unbrauchbar zu machen.

*

2. Es versteht sich von selbst, dass die Bourgeoisie die modernen Kriegsmethoden, welche immer mehr mechanisiert und wissenschaftlich vervollkommnet werden, in Revolutionszeiten auch gegen den "inneren Feind" gebrauchen wird. Nun gibt es, um eine siegreiche Revolution gegen konterrevolutionäre Angriffe zu verteidigen, bloss zwei Möglichkeiten: Entweder man bringt die Arbeiter dazu, dass sie alle Kriegsindustrie lahmlegen, oder man versucht, dieselben Mittel zu ergreifen, um die Bourgeoisie mit ihren eigenen Waffen zu bekämpfen. Es ist ohne weiteres klar, dass im letzten Fall die grössten Schwierigkeiten entstehen. Die Zeit der Strassenkämpfe und der Barrikaden ist vorüber. Von einer "Bewaffnung vier Arbeiter", ohne dass sie eine besondere "militärische" Macht bilden, um z. B. die in Besitz genommenen Fabriken zu verteidigen, kann gleichfalls nicht mehr die Rede sein.

Denn was bildet heutzutage die Bewaffnung? Das ist die motorisierte Artillerie, sind die Maschinengewehre. Flammenwerfer Tanks, Flugzeugseskadronen und die Feuer- und Giftgasbomben. Ohne Zweifel wird im Entscheidungskampf die Bourgeoisie nicht davor zurückschrecken, alle diese Waffen zu benutzen, um die Staatsmacht zu behaupten. Jetzt schon ist in den grossem Städten die Polizei mit Tanks, Maschinengewehren und Giftgas ausgerüstet.

Als vor einigen Monaten einige Blätter Berichte enthielten über sogenannte geheime Pläne eines kommunistischen Putsches zur Eroberung von Paris, war in der bürgerlichen Presse folgendes zu lesen:

"In den halbamtlichen Erklärungen des "Matin" wird darauf hingewiesen, dass die Zeit der Barrikaden vorüber ist. Tanks, Mitrailleusen und Flugzeuge haben dem ein Ende gemacht. Das sollen alle diejenigen sich sagen lassen, die jetzt noch in ihrer veralteten Romantik glauben, dass das Volk, wie in den Jahren 1789, 1830 und 1848, Paris erobern könnte, indem es, mit Revolvern, Jagdgewehren und Säbeln bewaffnet, sich auf die Strasse begibt."

Das ist vollkommen richtig. Nicht nur Tanks und Flugzeuge, sondern auch die ganze chemische Kriegsindustrie wird aufgeboten werden, sobald es um das Sein oder Nichtsein der kapitalistischen Staatsmacht geht.

Die Spezialisierung der Militär-Technik, von Fachleuten betrieben, macht es für Revolutionäre immer schwieriger, dieselben Waffen zu benutzen. Ein Bürgerkrieg, in dieser Weise geführt, würde übrigens, ebenso wie der moderne Krieg, einen Teil der Bevölkerung einfach vernichten. Vom sozialistischen, vom menschlichen Standpunkt aus sind diese Mittel für Revolutionäre eigentlich auch nicht mehr brauchbar.

Wer dagegen anführt, dass doch die russische Revolution gesiegt hat, weil die Armee eingriff. Der vergisst erstens, dass am Ende des Krieges die moderne Kriegstechnik noch bei weitem nicht auf der Höhe von Beute stand, zehn Jahre nach dem Frieden. Und zweitens vergisst er, dass die russische Revolution die Folge eines verlorenen Krieges war,

während der Zweck der Revolution gerade die Verhütung des Krieges sein soll

durch Sabotage des Militärapparats. Der Kapp-Putsch im Deutschland dagegen war ein lehrsames Beispiel dafür, wie durch Generalstreik der Versuch der Reaktionäre, die Staatsmacht zu erobern, lahmgelegt werde.

*

3. Wer die Mittel des modernen Militarismus gebrauchen will, der muss einen Militärapparat organisieren und schon aus bloss technischen Gründen ist er gezwungen, die Gewalt zu zentralisieren und zu monopolisieren. Ausserdem ist es eine Folge der modernen Waffentechnik, dass die jetzigem Waffen nur von einem spezialisierten und technisch-militärisch ausgebildeten Kader benutzt werden können. Das alles läuft schliesslich auf die Bildung einer Diktatur in der Revolution hinaus.

Für diejenigen, die eine sozialistische Gesellschaft erstreben, deren Vorbedingung die Vernichtung - nicht die Eroberung - der Staatsmacht ist, um an ihre Stelle die Wirtschaftsorganisation der Arbeit zu setzen, sind die Mittel, die unerbittlich zur Diktatur führen, ausserordentlich gefährlich, für die Umgestaltung der Gesellschaft auf ökonomischer Grundlage im Sinne eines anti-autoritären Syndikalismus sind die Mittel, die dem Arsenal der Staatspolitik sämtlicher Parteien entlehnt sind, unzweckmässig. Die Vernichtung - nicht die Übernahme - des Staates ist einer der Ziele der sozialen Revolution, also auch die Vernichtung - nicht die Übernahme! - des staatlichen Machtapparates par Excellence, des Militärsystems. So wenig die Revolution eine Sache der Barrikaden und der Strassenkämpfe ist, so wenig kann sie sichergestellt werden durch die "Bewaffnung des Proletariats". Solange nicht die Basis des Militarismus nicht nur den reaktionären Mächten entzogen, sondern vollkommen aufgelöst ist, bildet sie eine Gefahr für die Revolution, weil ja ein militärischer Kampf mit der Konterrevolution aus technischen Gründen allein schon zu einer zentralistischen militärischen Organisation führen muss. Diese verursacht eine militärische und autoritäre Entwicklung der Revolution, und das bedeutet den Untergang der Revolution in der Diktatur.

A. Müller-Lehning

Nachwort der Redaktion: Wir verweisen hier noch auf einen weiteren Artikel desselben Verfassers über "Gewalt und Gewaltlosigkeit", der in der Juli-Nummer der Monatszeitschrift "Die Internationale" (Verlag Der Syndikalist, Berlin O 34. Warschauer Strasse 62) erscheint und das Problem von einer anderen Seite angreift. Hält man beide Aufsätze zusammen, so ergibt sich erst ein klares Bild der Anschauungen des Verfassers und eine geeignete Grundlage der Diskussion.





Der revolutionäre Antimilitarismus und die antiimperialistische Taktik

Rede Müller-Lehnings vor dem Frankfurter Kongress

(IAK)Die Auffassung der Mehrheit dieses Kongresses hinsichtlich der chinesischen Frage und besonders des heutigen Konflikts mit Sowjet-Russland geht dahin, dass die Liga sich hinter die Sowjet-Regierung und die von ihr geführte Politik, auch im Falle eines Krieges, stellen soll.

Die Frage ist jedoch bis jetzt nicht berücksichtigt worden, ob der moderne Krieg für die Verteidigung eines Volkes noch brauchbar ist und inwieweit militärische Methoden für den Befreiungskampf der unterdrückten Völker noch geeignet sind.

Die Entwicklung der chinesischen Revolution berechtigt zu dieser Frage und hat bewiesen, dass das Volk sich nicht darauf verlassen soll, seine Befreiung von Generälen zu erwarten. Soeben hat der chinesische Genosse Chin Wito daran erinnert, dass in Brüssel mehrere Generäle anwesend waren, die jetzt zur Konterrevolution übergegangen sind.

In Brüssel - als die revolutionäre chinesische Armee siegreich vorrückte - haben wir auf diese Gefahr hingewiesen, und die Ereignisse haben unsere Furcht bestätigt. Die heutige chinesische Lage stellt dieses Problem - die Frage nach der Zweckmässigkeit der militärischen Methoden und des Krieges - in den Mittelpunkt einer Diskussion über die anti-imperialistische Taktik. Die missverständliche Polemik von Wijnkoop und Pollitt gegen DeLigt beweist, dass sie die Bedeutung dieser Frage nicht begriffen haben. Es ist nicht möglich, in einigen Minuten die Grundlinien dieser Taktik auch nur zu skizieren 1).

Wir wollen nur auf die unbestreitbare Tatsache hinweisen, dass jeder nationale Krieg heute zu einem neuen Weltkrieg zu führen droht, einem Weltkrieg, zu dem alle Staaten fieberhaft rüsten. Dieser moderne, wissenschaftliche, mechanisierte, chemische und bakteriologische Krieg ist nicht mehr ein Krieg von Volk gegen Volk. Der Zweck seiner satanischen Mittel, der Luftflotten und Giftgase, ist nicht mehr die feindliche Armee zu schlagen, sondern die politischen und ökonomischen Zentren des anderen Volkes zu vernichten, was die Ausrottung der Zivilbevölkerung bedeutet.

Würde es z.B. im heutigen russisch-chinesischen Konflikt zu einem Krieg kommen, dann würden davon nicht die Nankinger oder die russische Regierung und noch viel weniger die imperialistischen Intriganten und Interessenten getroffen werden, sondern das chinesische und russische Volk.

Die Aufgabe der Arbeiterschaft in allen Ländern muss es sein, den Krieg dadurch unmöglich zu machen, dass der Kriegsapparat zerstört wird durch Streik, durch Dienstverweigerung, durch Sabotage und die Stilllegung der Munitionsproduktion. Mit der Organisation des Krieges gegen den Krieg, des Konter-Krieges, muss nicht bis zum Kriegsausbruch gewartet werden, sondern es muss damit heute ein Anfang gemacht werden.

Die Rüstung der heutigen chinesischen Armee, die Zehntausende chinesischer Arbeiter und Bauern hingemordet hat, ist nur möglich gewesen durch die Mithilfe des weissen Proletariats, das die Waffen geschmiedet und transportiert und für den Wert vieler Millionen Dollar im Interesse der Rüstungskapitalisten in China importiert hat.

Deshalb muss von diesem Kongress die Forderung an die weisse Arbeiterschaft der ganzen Welt gehen, einen Anfang zu machen mit der Stillegung der Herstellung von Waffen und Munition und, wenn nötig, mit der Verhinderung ihres Transportes.

Dies wird die beste Hilfe sein, die die weisse Arbeiterschaft dem chinesischen Volk und allen farbigen Völkern, die für ihre Unabhängigkeit kämpfen, zu leisten vermag. Ihr Ziel muss es sein, dem Krieg ein Ende zu machen durch Entwaffnung des Staates, welche nur erfolgen kann durch die revolutionäre direkte ökonomische Aktion des werktätigen Volkes.

Die Hauptstütze der imperialistischen Herrschaft wäre damit gestürzt.

Die Ereignisse haben bewiesen, dass die militärischen Methoden die freiheitliche Entwicklung der Revolution bedrohen. Es handelt sich doch nicht darum, dass einige Generäle "umgefallen" sind - Generäle, die noch in Brüssel laut bejubelt, später zur Konterrevolution übergingen - sondern darum, ob nicht bewiesen ist, dass der ganze militärische Apparat ungeeignet ist zur sozialen Befreiung.

Das Ziel der unterdrückten Völker soll doch sein, mittels der sozialen Revolution das ganze ökonomische Leben in ihre eigenen Hände zu nehmen und eine neue Gesellschaft aufzubauen auf der Basis eines wirklich freien Rätesystems, dessen Vorbedingungen die Vernichtung des politischen Staatsapparates ist. Denn wie die Emanzipation der Arbeiterklasse, so ist auch die Befreiung der unterdrückten Völker in erster Linie ein sozial-ökonomisches Problem, das nicht durch kriegerische Siege gelöst werden kann.

Mit grossem Interesse haben wir bei den Ausführungen des Genossen Gupta des All-Indischen National-Kongresses gehört, dass eine Erhebung gegen die englische Regierung mittels der ökonomischen Mittel des Boykotts, der Non-Co-operation und Steuerverweigerung vorbereitet wird. Der Genosse Pollitt hat sich scharf gegen diese Mittel gekehrt und sogar gesagt, sie seien die Ursache davon, dass Gelegenheiten, die Unabhängigkeit zu erobern verpasst worden seien, und sie hätten grosse Opfer gekostet. Haben aber die Methoden die Pollitt befürwortete, und die in China angewendet wurden, zu einem Erfolg geführt? Dort ist das Resultat: ein Faschismus der konterrevolutionären Generäle, der zu einer furchtbaren Hinmordung von Arbeitern und Bauern geführt hat wie in keinem anderen Lande der Welt. Wir glauben, dass gegen eine konsequente Durchführung der Non-Co-operation alle militärische Gewalt und sogar die Besetzung des Landes wirkungslos ist. Deshalb setzen wir mehr Hoffnung auf diese sozial-ökonomischen Mittel, und die Geschichte wird lehren, ob Indien nicht eher seine Ziele durchsetzen wird als China.

Wir sind keine Pazifisten und keine Anhänger irgendwelcher zweifelhaften Gewaltlosigkeit. Wir sind revolutionäre Sozialisten. Ohne Zweifel erkennen wir die historische Bedeutung der russischen Revolution, aber die russische Revolution ist für uns nicht identisch mit der heutigen Sowjet-Regierung. Dennoch fordern auch wir das Proletariat der kapitalistischen Staaten zur äussersten Wachsamkeit auf gegen ihre imperialistischen Regierungen und ihre sozialfaschistischen Handlanger der II. Internationale, um jeden Versuch Russland anzugreifen, zu verhindern.

Wir müssen es jedoch ablehnen, die Solidarität mit dem russischen Volke so abzufassen, dass wir die Politik der russischen Regierung unterstützen, und wir müssen es ablehnen, den Krieg mit Mitteln zu bekämpfen, die dazu führen, ihn erst richtig auf einer Weltbasis zu organisieren.

Unsere Haltung ist klar und kann nur absichtlich missverstanden werden. Wir wollen den äussersten Kampf gegen jede Kriegsvorbereitung, auch gegen Russland, aber mit Mitteln, die den Krieg unmöglich machen. In dem Kampf gegen den Imperialismus stehen wir Schulter an Schulter mit den unterdrückten Völkern.

Die Bewegung, die ich hier vertrete, hat sich bereits am Anfang dieses Jahrhunderts für die vollkommene Unabhängigkeit der Kolonialvölker erhoben. In Holland war sie die erste proletarische Organisation, die für die Unabhängigkeit Indonesiens eintrat. Das Internationale Antimilitaristische Büro arbeitet eng zusammen mit der Internationalen Arbeiter-Assoziation, der syndikalistischen Internationale von Berlin, in der mehrere Hunderttausende revolutionärer Arbeiter in zwei Weltteilen organisiert sind.

Auf diesem Kongress sind Organisationen, die Millionen Arbeiter und Bauern vertreten, die demselben Standpunkt huldigen.

Pollitt hat am Schluss seiner Rede erklärt, dass in der Liga für alle revolutionären antiimperialistischen Organisationen Platz ist. Es arbeiten in dieser Liga Kolonialvölker, die verschiede Methoden im Kampfe für ihre Unabhängigkeit benützen, zusammen mit weissen Arbeiterorganisationen, die verschiedene Mittel anwenden im Kampf gegen den Imperialismus.

Pollitt hat gesagt: Die Liga ist keine kommunistische Mache, sondern eine Vereinigung aller anti-imperialistischen Kräfte. - Wenn dies so ist, dann darf sie sich nicht unter die Diktatur einer parteipolitischen Richtung und unter die Diktatur einer bestimmten Regierungspolitik stellen... Dann muss der föderative Charakter in den Resolutionen und der prinzipiellen Basis zum Ausdruck kommen. Ich hoffe, dass man Richtlinien entwirft, die es auch denjenigen anti-imperialistischen Organisationen, die nicht der Moskauer Partei-Doktrin huldigen, ermöglichen, in der Liga zu bleiben. Dass man eine Basis findet

zum gemeinsamen Kampf für die vollkommene soziale Befreiung der unterdrückten Klassen und Rassen der ganzen Erde, zum gemeinsamen Kampf nicht nur gegen jeden Imperialismus, sondern auch gegen jedes kapitalistische System und gegen jeden Krieg.

1) Die Redezeit in der Diskussion war auf zehn Minuten beschränkt.





industrielle Dienstverweigerung!

I

Während der erste Weltkrieg "liquidiert" wird, ist in der ganzen Welt die Vorbereitung des nächsten Krieges mit beschleunigtem Tempo im Gange.

Die ungeheuren, von Jahr zu Jahr steigenden Kriegsbudgets genügen nicht mehr: in den Tagen der Räumung des Rheinlandes, die das Ende des Krieges und den Beginn einer wahrhaften Friedenspolitik bedeuten sollte, fordert die französische Regierung einige Milliarden "zur Befestigung der Grenzen" und zur Neuanschaffung von Armeevorräten - eine Erhöhung der Kriegsbereitschaft, die von italienischer Seite sofort mit denselben Massnahmen beantwortet wird.

Das Kriegsbudget des "entwaffneten" Deutschland erreicht dieses Jahr die bisher ungekannte Höhe von 788 Millionen Mark. Trotzdem der Militarismus der Deutschen Republik von dem Versailler Friedensvertrag in genau bestimmten Grenzen gehalten ist (100.000 Mann, 288 Kanonen usw.), steigen seine Ausgaben von Jahr zu Jahr. Von den 788 Millionen fallen 515 auf die Reichswehr (gegen 338 Millionen für 1924!). Für geheime Zwecke (also Spionage, Giftgasvorbereitung usw.) ist ein Betrag von 4 Millionen angegeben worden - aber man darf annehmen, dass mindestens ein Drittel des ganzen Budgets ebenfalls für geheime Zwecke angewendet wird. Denn die angegebenen Zahlen im Reichswehrbudget sind gefälscht. Während überall ein Gewehr für 100 Mark zu haben ist, berechnet die Reichswehr 154 Mark dafür; für dieselben Kanonen, für die Frankreich 18.350 Mark zahlt, werden 50.000 Mark berechnet: die Beträge für die Unterhaltung der Waffen sind ganz phantastisch.

Durch diese Zahlenfälschung war die Reichswehr imstande, mehr Material anzuschaffen, als ihr erlaubt ist. Sie dürfte heute imstande sein, dreimal soviel Soldaten zu bewaffnen, wie es der Friedensvertrag zulässt. Die ganze Politik der "Heeresleitung" (ein Institut, das 10.238.000 Millionen Mark kostet und in dem 982 Personen beschäftigt sind - im preussischen Kriegsministerium 1913 dagegen 619!) geht lediglich darauf hinaus, aus der Reichswehr eine Kadre-Armee zu machen, um bereits jetzt die Vorbereitungen zur Organisierung einer neuen grossen Armee zu treffen, sobald die Möglichkeit dazu gegeben ist.

Zweifellos wird auch ein grosser Teil des Budgets für diese Organisierung und ausserdem für die Vorbereitung von Kriegsgerätherstellung in den Fabriken verwendet.

Eine der hauptsächlichsten Kriegsvorbereitungen aller Staaten ist die wirtschaftliche. Alle Regierungen treffen Vorbereitungen für die Zusammenfassung aller wirtschaftlichen Kräfte zu machtvoller Wirkung im Kriegsfalle. Sie breiten eine industrielle Mobilmachung vor. Diese setzt eine enge Zusammenarbeit von Militärbehörde und Industrie voraus. Sie bedeutet Einbeziehung des ganzen wirtschaftlichen Lebens, der Technik und Wissenschaft in die Kriegführung. Durch die unerhört schnelle Veraltung des Kriegsmaterials bei der stets fortschreitenden Technik ist es nicht möglich und nicht erwünscht, auf unbestimmte Zeit voraus grosse Massenvorräte anzufertigen. Deshalb zielt die Innenmobilisation der Fabriken darauf hin, den Fabriken bestimmte Anweisungen zu geben über Art und Menge des Kriegsgeräts, das sie zu verfertigen haben.

Der Massenbedarf im Kriege verlangt Massenproduktion. Dafür sind konstruktive und fabrikmässige Vorbereitungen nötig. Die Kriegsvorbereitung besteht also darin, dass die Fabriken jederzeit zu einer Umstellung auf Kriegsproduktion bereit sind, dass sie zur Massenfertigung imstande sind auf Grund der nach den letzten Erfindungen und vorgeschrittensten Technik angefertigten Modelle (Gewehre, Kanonen, Tanks usw.). Damit die Fabrik die notwendigen Vorbereitungen und Einrichtungen treffen und beim Ausbruch der Mobilmachung unverzüglich mit der Herstellung von Kriegsmaterial beginnen kann, muss sie natürlich bereits im Frieden bezahlt werden. Für diese Kriegszwecke bekommen die einschlägigen Fabriken von den Regierungen Subventionen. Es kann gar kein Zweifel darüber sein, dass auch die Reichswehr bereits heute solche Verbindungen mit der Industrie herstellt (also nicht nur in Russland ihre Giftgasfabriken hat!) und ungeheure Summen für diese Vorbereitung verwendet.

Die Mechanisierung und Motorisierung des Krieges bedeutet seine vollkommene Industrialisierung. Nicht der Soldat führt Krieg, sondern das Volk. Nicht das Heer ist der entscheidende Faktor, sondern die Industrie. Die "Verteidigung des Vaterlandes" ist eine Sache von Industrie und Oel geworden. Die Luftflotte und das Giftgas machen den modernen Krieg zu einem aero-chemischen Krieg. Aber die Grundlage für diese Produktion für den modernen Krieg bilden Fabriken für Verkehrsflugzeuge und Farbenfabriken. Zu den entscheidenden Faktoren des Maschinenheeres gehören: Lastauto, motorisierte Artillerie und Tank. Sie können in jeder grossen Metallfabrik hergestellt werden.

Mit den neuen Kriegsmethoden haben sich auch die Kriegsziele verändert. Das Ziel im nächsten Krieg ist nicht, die feindliche Armee zu schlagen, sondern das Hinterland zu vernichten: der Angriff auf die wichtigsten Industriezentren. Alle Militärsachverständigen äussern: der Beginn des nächsten Krieges wird ein ungeheurer Luftangriff auf die ökonomischen Zentren des Feindes sein, um seine wirtschaftliche Kriegsorganisation lahmzulegen, um die Inwirkungsetzung seiner Kriegsmaschine zu verhindern. Das heisst also, die Bedrohung der unbewaffneten und unbeschützbaren Massen der grossen politischen und industriellen Zentren mit einer Massenabschlachtung aus der Luft ! Die Städte werden bombardiert und mit Gas- und Brandbomben belegt. Seit dem Kriege haben die imperialistischem Kolonialmächte Frankreich und England diese Methoden zur "Zivilisierung" der farbigen Rassen in Nord-Afrika, Britisch-Indien und in Indo-China "mit Erfolg" angewandt. Der Krieg und seine Vorbereitung ist von dem spezifisch militärischen auf das industrielle verlegt worden; ohne ökonomische Kriegsvorbereitung kann kein Staat mehr Krieg führen.

Auf ökonomischem Gebiet muss daher auch mit aller Kraft die Kriegsbekämpfung anfangen: Es ist notwendig, dass ein Anfang mit industrieller Kriegsdienstverweigerung gemacht wird.

Der Kapitalismus bereitet sich mit allen Mitteln auf den nächsten Krieg vor. Während die Welt noch im Schatten des Weltkrieges lebt, wirft der nächste Krieg schon seine Schatten voraus. Während die Länder kaum imstande sind, die Kriegsschulden zu zahlen, werden phantastische Summen für neue Kriegszwecke ausgegeben.

Und die Arbeiterbewegung? Zwar hat der reformistische Amsterdamer (jetzt Berliner) "Internationale Gewerkschaftsbund" eine Resolution für den Generalstreik bei Kriegsausbruch angenommen, aber man merkt leider nichts von seiner Vorbereitung. Für eine solche Vorbereitung ist es natürlich notwendig, dass die Arbeiterschaft entschlossen ist, sich unbedingt gegen jeden Krieg, auch gegen den sogenannten "Verteidigungskrieg" zu widersetzen. Aber die Millionen, die dem IGB., Die Hunderttausende, die dem ADGB. angeschlossen sind, folgen der politischen Führung der Sozialdemokratie, die ja den Verteidigungskrieg nicht ablehnt, die die nationale Verteidigung organisiert und deren seit langer Zeit bekannter "Burgfrieden" mit der nationalen Bourgeoisie, mit der sie ja auf Gedeih und Verderb verbunden ist, "das Vaterland in der Stunde der Gefahr nicht im Stiche lassen" wird.

Aber es dürfte doch klar sein, dass es nur zwei Dinge gibt: entweder Vorbereitung des Generalstreiks, unbedingter Kampf gegen den Krieg mit allen Mitteln - oder: Organisierung des Verteidigungskriegs (andere Kriege werden bekanntlich nicht geführt!).

So wie alle Regierungen imstande sind, jeden Tag und jede Stunde die Kriegsmaschine in Wirkung zu setzen, so muss dass Proletariat bereit sein, den ersten Befehl zur Mobilisation zu beantworten mit einem passiven und aktiven Widerstand.

Am Tage der Mobilmachung ist es für die Organisation eines solchen Widerstandes zu spät. Diese Vorbereitung muss schon jetzt beginnen. Es muss bekanntgemacht werden, wo öffentlich oder geheim gerüstet wird. In allen wichtigen Betrieben sollen Fabrikkomitees gegründet werden mit dem bestimmten Zweck, die Produktion auf Kriegsproduktion zu kontrollieren und zu untersuchen, auf welchem Wege eine Umstellung der Fabriken auf Kriegsproduktion am geeignetsten zu verhindern ist; diese Verhinderung ist vorzubereiten.

Auch die Arbeiterbewegung, die den von den kapitalistischen Staaten organisierten Krieg nicht will, soll ihren "Verteidigungstag" haben: eine Probe, inwieweit alle notwendigen Massnahmen getroffen sind, einen Generalstreik bei Kriegsgefahr durchzuführen!

zur Vorbereitung dieses Generalstreiks ist es notwendig, dass schon jetzt ein Beginn mit der industriellen Dienstverweigerung gemacht wird, und es ist die Aufgabe der ökonomischen Organisationen, diese durchzuführen.

Die besonderen Schwierigkeiten solcher Aktionen, besonders bei der heutigen permanenten Arbeitslosigkeit, sollen nicht verkannt werden. Andererseits muss der Gedanke in breite Schichten der Arbeiterschaft getragen werden, dass es sich bei der Verhinderung des Krieges um Tod oder Leben handelt - nicht nur um breite Massen der Bevölkerung, nicht nur um das Proletariat, das immer und in allen Ländern jeden Krieg verliert, sondern dass es sich handelt um Tod oder Leben des Sozialismus und um die Rettung der Kultur vor dem Untergang in einer ungeheuren Barbarei .

Um diesen Untergang zu verhindern, um die Welt vor einer noch grösseren Barbarei zu retten, ist ein Kampf notwendig, der nicht ohne Opfer siegreich sein wird.

Es handelt sich bei der industriellen - noch weniger als bei der militärischen - Dienstverweigerung nicht so sehr um Akte einzelner. Bei der militärischen Dienstverweigerung herrscht der Dienstzwang, und ausserdem ist die Kriegsdienstverweigerung geeignet, aufrüttelnd zu wirken und bleibt wichtig als Propaganda und Auftakt zur Massenverweigerung. Als Protest gegen den Dienstzwang - gegen die Dienstpflicht, die auch in Deutschland wieder eingeführt zu werden droht - trotzdem die Sachverständigen technisch ausgerüstete Berufsheere für zweckmässiger halten - und als Beispiel auch für die Verweigerung der bürgerlichen Dienstpflicht, die von allen Staaten im Kriegsfalle eingeführt werden wird, behält sie ihre Bedeutung -, aber es ist nicht damit zu rechnen, dass auf diesem Wege der Militarismus vernichtet werden wird. Vielmehr noch als bei der militärischen, handelt es sich bei der industriellen Kriegsdienstverweigerung nicht vorwiegend um die Frage, ob es einige Arbeiter gibt, die sich weigern, sich an der Kriegsproduktion zu beteiligen, sondern um die Frage, wie wir dazu kommen können, die ganze Kriegsproduktion zu verhindern.

Für eine zweckmässige Propaganda und Aktion ist es notwendig, die verschiedenen Hauptarten der Rüstungsindustrie zu unterscheiden:

1. Kriegsindustrie im engeren Sinn, Fabriken, die nur für den Krieg produzieren, also Gewehre, Kanonen, Pulver usw., und

2. halbe Kriegsindustrie:

a) Fabriken, die nur von Zeit zu Zeit für den Krieg produzieren, z.B. Werften, die ausnahmsweise einen Panzerkreuzer bauen;


Kennst du die Produktion deines Betriebes?

Weisst du, ob sie der Kriegsvorbereitung dient? Hast du dir überlegt, wie du dem drohenden Kriege entgegenarbeiten kannst? Tust du darin deine Pflicht in Agitation und Organisation ?


b) Fabriken, die zwar regelmässig, aber nur zum Teil direkte Kriegsarbeit machen: Metallfabriken, die regelmässig Gasmasken herstellen (in anderen Ländern: Flugzeugfabriken, die Militär-Flugzeuge herstellen);

3. Industrien, die erst im Kriegsfalle zur Kriegsindustrie werden: Chemische Fabriken (auch Flugzeugfabriken in Deutschland).

Es ist natürlich leicht, einfach die Losung auszugeben, keine Kriegsindustrie mehr zu fördern, aber wenn unser Ziel die Massendienstverweigerung sein soll, so müssen wir nach den Wegen und Mitteln suchen, um grössere Gruppen von Arbeitern zu der Aktion für Vorbereitung der Kriegsverhinderung zu bringen.

Wir müssen damit rechnen, dass die Propaganda und Durchführung der industriellen Dienstverweigerung in der reinen Kriegsindustrie ungeheure Schwierigkeiten mit sich mitbringt, da für die meisten Arbeiter die Arbeitssicherung nun einmal schwerer wiegt als ihre Antikriegsgesinnung. Dennoch ist eine besondere Propaganda unter den Rüstungsarbeitern notwendig. Eine Propaganda die einerseits darauf hinausgeht, die Umstellung der Fabriken auf Friedensindustrie zu fordern, andererseits zur Vorbereitung der Unbrauchbarmachung der Fabriken im Kriegsfalle. Es ist ohne weiteres klar, dass bei der heutigen Arbeitslosigkeit für jeden Arbeiter, der sich weigert, in der Kriegsindustrie zu arbeiten, Tausende von Arbeitern bereitstehen, um seinen Platz einzunehmen.

Für die Industrien, die erst im Kriegsfalle zu Kriegsindustrien werden, ist eine starke Propaganda unter den Arbeitern dieser Fabriken notwendig. Es soll stets auf die wirtschaftliche Vorbereitung des Krieges hingewiesen und klargemacht werden, welche Rolle die betreffende Fabrik im Kreigsfalle spielt. Die Losung der Kontrolle der Produktion soll erhoben werden, auch zur Untersuchung ob nicht bereits jetzt Massnahmen zur Kriegsproduktion getroffen werden oder diese (Flugzeuge, Giftgasmunition) sogar schon fabriziert wird. Ein Fabrikkomitee soll die Massnahmen untersuchen, wie am zweckmässigsten die Umstellung der Fabrik auf volle und offene Kriegsarbeit verhindert werden kann.

Die Möglichkeiten direkter Aktionen sind in den Industrien der zweiten Art, den "halben" Kriegsindustrien, am besten gegeben. Hier muss die sofortige Verweigerung der Kriegsarbeit anfangen. Die Arbeiter einer Fabrik, die regelmässig optische Instrumente machen und einen Auftrag bekommen für bestimmte Kriegsgeräte z.B. einer Werft, die Handelsschiffe baut und jetzt Panzerkreuzer bauen soll, sollen diese Arbeit verweigern, die Arbeit in der ganzen Fabrik niederlegen und ihre Organisationen zwingen, diese Arbeitsverweigerung als Streik anzuerkennen!

Die propagandistische Bedeutung eines einzigen solchen Streiks schon wäre ungeheuer. Die Losung der "verantwortlichen Produktion" würde so in die Tat umgesetzt werden. Ein solches praktisches Beispiel hätte mehr Bedeutung als alle Propaganda.

Ein solcher Streik enthält im Keim die ganze Aktion der praktischen Kriegsverhinderung. Er bereitet den Generalstreik vor. Ohne solche Aktionen wird es nicht möglich sein, für breite Massen das Problem der Kriegsverhinderung zu einer konkreten Frage zu machen.

Indem die Arbeiter die Kriegsarbeit verweigern und andere Arbeit fordern, zeigen sie, dass sie sich nicht nur verantwortlich fühlen für die Arbeit, die sie tun, sondern auch für den Betrieb, in dem sie arbeiten. Sie legen damit die moralische Basis für die Besitznahme der Fabriken durch die Arbeiter, für die soziale Revolution.

Denn nur diese wird den Krieg verhindern können. Nicht nur weil der Generalstreik bei Kriegsausbruch Revolution bedeutet, sondern weil nur die Vernichtung des Kapitalismus das Ende des Krieges bedeutet.

Deshalb ist es natürlich auch richtig, dass der Kampf gegen Krieg und Militarismus ein untergeordneter Kampf ist, dass der entscheidende Kampf dem Kapitalismus selbst zu gelten habe und dass es vor allem diesen zu organisieren gilt. Gewiss, aber die entscheidende Frage des Kapitalismus wird mehr und mehr der Krieg, den er nicht verhindern kann und der doch die Lösung des ökonomischen Chaos, das der Kapitalismus geschaffen hat und täglich schafft, nicht bringen wird. Der Krieg, zu dem die ganze Welt jetzt rüstet, ist nichts anderes als der offene Ausbruch das latenten Chaos, in dem wir ständig leben. Entweder wird der Kapitalismus am nächsten Krieg zerschellen oder - der Sozialismus.

Der Kampf gegen den Krieg und seine Vorbereitung ist zu ein und demselben Kampf geworden unter einem ökonomischen System, wo Friedensarbeit und Kriegsarbeit kaum noch zu unterscheiden sind, und wo das ganze ökonomische Leben mehr und mehr zu einer riesigen Kriegsindustrie wird.

Die praktische Organisierung der Arbeiterschaft im Kampf gegen den Krieg, die Durchführung einer direkten industriellen Aktion gegen die Kriegsvorbereitung bildet heute auch die zweckmässigste Vorbereitung zu einem siegreichen Kampf gegen ein verbrecherisches System, dessen Friede nichts anderes als eine friedliche Ausbeutung und ausserdem die Vorbereitung zu neuen Kriegen bedeutet.

Wir haben jetzt die "Liquidation des Krieges" erlebt. Dieses Ende des Weltkrieges war zu gleicher Zeit die Liquidation des Pazifismus der Nachkriegszeit. Die Vorbereitung für den neuen Krieg ist jetzt öffentlich und offenbar.

Die kapitalistische Welt geht einem neuen 1914 entgegen. Nur wenn die Arbeiterklasse bis dann wieder gelernt haben wird zu kämpfen mit allen Mitteln der ökonomischen direkten Aktion - und wenn diese Kämpfe auch vorläufig Niederlagen sein würden - um die Vorbereitung eines neuen universellen Mordens zu verhindern, nur dann wird sie in dem entscheidenden Moment, jenen entscheidenden Kampf führen können, der allein die Arbeiterklasse und die Welt vor dem Untergang retten kann.

Arthur Müller Lehning.





Gewalt und Revolution

Unsere Antwort an Huart.

Müssen wir ein rotes Heer bilden?

Von A. Müller Lehning und Albert de Jong

In erster Linie fällt es uns auf, dass Huart sich derart gereizt zeigt wegen der Tatsache, dass wir im Pressedienst der IAK. das Thema der Revolutionsverteidigung zur Diskussion gestellt haben. Er spricht von dem Kampfe, welchen die "Gewaltlosen" führen gegen alle Organisationen und Kämpfer, die ihren Standpunkt sich nicht blindlings zu eigen machen. Und es ist gemäss Huart die höchste Zeit, dass die IAA. der Opposition durch die IAK ein Ende bereitet, weil nämlich die IAK. Zweifel hegt hinsichtlich der Taktik, welche durch die Kongresse der IAA. und der CGTSR. (französische Sektion der IAA.) festgelegt wurde.

Wir wussten nicht, dass in unserer Bewegung Kongress-Beschlüsse heilige Häuser wären, an denen man ebensowenig rühren darf wie an den Beschlüssen eines katholischen Kirchen-Konzils, und selbst die gelten nicht einmal als unabänderbar. Aber ausserdem: das Thema, das hier zur Diskussion kommt, ist auf den Kongressen der IAA. in seinem Gesamtumfange noch gar nicht besprochen worden; die Auffassung der IAA. hinsichtlich der einzuschlagenden Taktik ist noch keineswegs festgelegt. Das Thema der Verteidigung der Revolution ist doch überhaupt erst zum ersten Male durch Huart selbst während des Kongresses zu Lüttich in den Vordergrund gedrängt worden, im Zusammenhange mit unserem Referat über ein anderes Thema: nämlich über die Kriegsverhinderung. Von unserer Seite aus wurde damals vorgeschlagen - im Hinblick auf die verfügbare Zeit - die Behandlung jenes Themas zurückzustellen für den nächstfolgenden Kongress. Unseren Standpunkt haben wir aus jenem Grunde überhaupt noch gar nicht auseinandergesetzt.

Weiterhin - und wir legen Wert darauf, dies ausdrücklich festzustellen - ist hier gar keine Rede von einer Opposition der IAK. Im Pressedienst Nr. 16 der IAK. vom 16. Juli 1928 schrieben wir auf Seite 3 :

"Die IAK. erachtet es für sehr wichtig, dass ein nächster Kongress die Frage der Verteidigung der Revolution im Zusammenhang mit der Kriegsverhinderung ernst und gründlich behandelt. Inzwischen hält sie es für sehr erwünscht dass diese Frage bereits jetzt als Diskussion auf die Tagesordnung gesetzt wird, sowohl in den Organisationen, wie in der Presse. Wir werden in einem folgenden Pressedienst einen Artikel publizieren, der als Grundlage für eine allgemeine Diskussion über die Frage dienen kann. Die IAK. arbeitet darauf hin, dass die Presse diese Diskussion in weitestem Masse publiziert und sie bittet jeden, der über diese Frage schreiben wird - so kurz und so sachlich wie möglich - dem Sekretariat der IAK. (Albert de Jong, Laurierstraat 127, den Haag, Holland) den Artikel zu senden, damit die IAK. für internationale Publikation sorgen kann."

Dass die Anhänger einer Revolution mit Waffen dieser Einladung keine Folge geleistet haben, ist wahrlich nicht unsre Schuld. Und nunmehr nahmen wir den Artikel von Huart in unseren Pressedienst auf, trotzdem er ihn uns niemals zugesandt hat, ebensowenig wie die Zeitung, worin er abgedruckt wurde.

Ferner haben wir, im Gegensatz zu allen anderen Artikeln im Pressedienst der IAK., unsere Artikel über die Verteidigung der Revolution stets mit unseren Namen unterzeichnet, so dass sie einen persönlichen Charakter tragen und keineswegs als offizielle Artikel der IAK. angesehen werden können. Für Huart besteht dann auch keine einzige Veranlassung, um auf Grund dieser Diskussion eines bedeutenden Themas einen Angriff auf die IAK. vorzunehmen, wie dies durch ihn geschehen ist. Seit Lüttich sind 60 Ausgaben des Pressedienstes der IAK. erschienen, mit einigen hunderten von Artikeln, grösstenteils unserer Feder entstammend, aber in keinem einzigen dieser Artikel haben wir Propaganda getrieben für unseren besonderen Standpunkt, was dieses Thema anlangt. Wir fordern Huart auf, das Gegenteil zu beweisen. Und worin besteht unser Kampf gegen alle Organisationen und Kämpfer, die unseren Standpunkt nicht blindlings annehmen. Wir sind uns nichts andere bewusst, als dass wir öffentlich eine Polemik geführt haben mit Huart und anderen über ein wichtiges Thema. Wir haben dabei nichts anderes getan, als dasjenige, was auch Huart tat: unseren persönlichen Standpunkt, unsere ehrliche Überzeugung ausgesprochen. Und die IAK. als solche steht ausserhalb. In keinerlei Weise haben wir dabei von unserer Stellung als Sekretäre der IAK. Gebrauch gemacht, geschweige denn sie missbraucht.

Man möge nun über die Frage denken, wie man auch will; man kann übertreten zum Standpunkt von Huart oder zum unsrigen, kein ernsthaft denkender Mensch wird der Tatsache widersprechen, dass es hier um eine ebenso bedeutsame wie schwierige Frage geht. Das Interesse, das in der Presse für diese Polemik gezeigt wurde, beweist dies übrigens hinreichend. Ebensowenig kann in Abrede gestellt werden, dass wegen dieser Frage innerhalb der IAA. grosse Meinungsverschiedenheiten herrschen. Die CGTSR., die französische Sektion der IAA., wird vielleicht den Standpunkt Huart-Besnard unterschreiben; die niederländische Sektion, die NSV., wird in Madrid den Standpunkt von Müller Lehning und de Jong verteidigen. Andere Sektionen werden, unserer Meinung nach, einen Standpunkt zwischen den beiden einnehmen, und wir glauben nicht einmal, dass es dem Kongress zu Madrid gelingen wird, einen Standpunkt zu formulieren, den alle Sektionen annehmen werden, um so weniger, als die Zustände, Verhältnisse und Auffassungen in den verschiedenen Ländern stark auseinanderlaufen. Wollte man diesen Unterschied in der Auffassung in Abrede stellen, der Diskussion ein Ende bereiten, was bedeuten würde, dass man versuchte, das Vorhandensein der ganzen Frage abzustreiten, so würde dies eine unverzeihbare Scheuklappenpolitik sein und unseres Erachtens nach das Verkehrteste, was der vierte Kongress tun könnte. An Stelle dessen wird der Kongress diese Frage gerade gehörig in den Mittelpunkt der Diskussion bringen müssen.

Die Darlegung von Huart, als würde der Standpunkt der IAA. sich mit dem französischen decken, ist einerseits unrichtig. Die Prinzipienerklärung der IAA. Lautet:

"Gegner jeder organisierten Gewalt in der Hand irgendeiner revolutionären Regierung, verkennen die Syndikalisten nicht, dass in den entscheidenden Kämpfen zwischen der kapitalistischen Gegenwart und der freien kommunistischen Zukunft die Dinge sich nicht reibungslos abspielen werden. Sie anerkennen daher die Gewalt als Verteidigungsmittel gegen die Gewaltmethoden der regierenden Klassen, im Kampfe für die Besetzung der Betriebe und des Grund und Bodens durch das revolutionäre Volk. Ebenso wie die Expropriation der Betriebe und des Landes von den revolutionären Wirtschaftsorganisationen der Arbeiter praktisch ausgeführt und auf die Bahn der sozialen Reorganisation geführt werden muss, so darf auch die Verteidigung der Revolution nicht einer bestimmten militärischen oder irgendeiner anderen Organisation, die ausserhalb der Wirtschaftsverbände steht, überlassen bleiben, sie muss vielmehr den Massen selbst und ihren wirtschaftlichen Organisationen anvertraut sein."

Aber ergeben sich daraus nicht alle Konsequenzen, die Besnard glaubt ziehen zu müssen und die Huart unterschreibt? Zu keinem Teile. Wir haben die beiden Exemplare des Buches von Besnard von denen das eine an "den eifrigen Sekretär des IAMB.", das andere an das IAMB. selbst gesandt war, dankend erhalten. Wir haben es auch studiert, und wir wollen auch jener wichtigen Studie keineswegs unsere Wertschätzung vorenthalten, wenngleich wir nicht bereit sind, sie als den heiligen Katechismus des Syndikalismus aller Länder zu betrachten.

Und was ist nun der Standpunkt von Besnard in diesem Buch? Besnard will eine ständige Verteidigung der Revolution ohne stehendes Heer. Das Proletariat muss alle Arten von Waffen der Bourgeoisie mit grösster Sorgfalt intakt halten: Arsenale, Kriegsschiffe, Flugzeuge, Gewehre, Kanonen usw. (Die Giftgase und Bakterien führt er nicht dabei auf.) Alle dazu körperlich fähigen Arbeiter müssen nacheinander eine kurze Dienstzeit durchmachen, ausreichend, um sie zu befähigen, nach den Regeln der modernen Technik mit allen denjenigen Arten von Waffen umzugehen, in deren Besitz sie sich gesetzt haben. Dazu ist es nicht nötig, sie als Soldaten zu vermummen: jeder Arbeiter muss bewaffnet sein, und er muss sich in jedem Augenblick zu einem Verteidiger der Revolution umwandeln können. Die Verteidigung muss lokal, regional und national organisiert werden.

"Zu diesem Zwecke ist es notwendig, dass eine enge Verbindung besteht zwischen allen Verteidigern der Revolution, über das ganze Grundgebiet der Revolution hin. Diese Verbindung kann nur organisiert werden durch die lokalen und regionalen Vereinigungen und durch die Zentralen der revolutionären Gewerkschaftsorganisationen."

Diese Organisation des bewaffneten Proletariats ist nach Besnard unendlich viel zweckmässiger als das stehende Heer, und er schreibt weiter:

"Tatsächlich sind es in der Praxis gar nicht mehr die regulären stehenden Heere, welche die Sicherheit (N.B.!) verbürgen können oder die imperialistischen Ziele der Kapitalisten verwirklichen. Das ganze Volk wird einberufen, die Waffen zu erheben oder vom Hinterland aus alle Arten von Kampfmitteln zu liefern. Der Weltkrieg 1914 bis 1918 ist hierfür das schlagendste Vorbild. Sofern die stehenden Heere sich als unzureichend erwiesen haben unter dem kapitalistischen Regime, so ist damit noch kein Anlass gegeben, anzunehmen, dass sie zureichend sein sollten unter proletarischem Regime.

Da in unseren Tagen in der bürgerlichen Welt die ganze Bevölkerung, sei es an der Front, sei es im Hinterland, am Kriege teilnimmt, ist es normal, dass unter einem proletarischen Regime alle dazu fähigen Arbeiter in der gleichen Weise sich der Verteidigung der Revolution annehmen.

Ein Arbeiter muss also jeden Augenblick bereit sein, sein Werkzeug gegen das Gewehr auszutauschen, um - sobald die Gefahr gewichen ist - das Gewehr wieder durch das Werkzeug zu ersetzen.

Demnach würde es, um eine lokale oder regionale Gefahr abzuwenden, ausreichend sein, eine gewisse Anzahl bewaffneter Arbeiter zu mobilisieren, die über all das moderne Kriegsmaterial verfügen.

Um eine grössere Gefahr zu bekämpfen, wird man eine erheblichere Anzahl Arbeiter mobilisieren.

Und schliesslich, wenn es sich darum handelt, ein zu ernsten Besorgnissen Anlass gebendes, gefährlich drohendes Unheil abzuwenden, wie beispielsweise einen Angriff vom kapitalistischen Auslande aus, kombiniert mit konterrevolutionären Inlandsbestrebungen, dann wird man für die Zeit, während der dies notwendig ist, seine Zuflucht nehmen müssen zu einer "levée en masse" (einem allgemeinen Aufgebote aller Arbeiter), die Besitz ergreift von allen Waffen, die sie nötig hat."

Die gleichen Vorstellungen wurden durch Huart verteidigt auf Versammlungen, und er fügte noch hinzu:

"Jedes Komitee für den allgemeinen Arbeitsstreik muss eine militär-technische Abteilung haben, und die Verbindung der revolutionären Kräfte muss zustande gebracht werden durch ein zentrales Komitee der revolutionären Verteidigung."

Ferner befürwortete er "die Notwendigkeit eines Sicherheitsdienstes (Service de securité), dessen Aufgabe darin besteht, die zentralen Komitees über die Tätigkeit der Konterrevolution zu unterrichten."

Es ist jedermann deutlich, dass Besnard und Huart nicht schlechthin - wie die IAA. - den Standpunkt verteidigten, dass es notwendig sei, in einer Revolution die aufgedrungene Gewalt anzunehmen und die gewalttätige Revolution zu verteidigen, sondern auch die Bildung eines roten Heeres. Sie gaben sich auch noch der Illusion hin, als ob man durch einen modernen Krieg die Bevölkerung beschützen könne, während jeder Militärsachverständige, ja, beinahe jeder Laie, schon weiss, dass die moderne Kriegsführung die Bevölkerung nicht beschirmt, sondern sie ausrottet. Sie halten ein Plaidoyer für "das Volk in Waffen", sie wollen das ganze revolutionäre Vaterland zu einem Heerlager machen, und sie übernehmen bereitwilligst von Paul Boncour die Idee der Mobilisierung des ganzen Volkes, der ganzen Industrie, des ganzen Landes. Das ist wenigstens konsequent. Die stehenden Kriegsheere haben sich nach ihrer Ansicht als unzureichend erwiesen. Zehn Millionen Tote auf dem Schlachtfelde, zwanzig Millionen Verwundete, sieben Millionen Tote im Hinterland. Unzulänglich? Nun, die Flugzeuge und Giftgase werden die Millionen wohl vervielfältigen auch ohne deren dauernde Verteidigung.

Die internationale Liga der Flieger zu Paris hat ein Rundschreiben veröffentlicht. worin unter anderem das Folgende gesagt wird:

"Es ist unbedingt sicher, dass der nächste Krieg, worin die Flugzeuge eine überwiegende Rolle spielen werden, mit Hilfe von Gasen, Brandbomben und chemischen Produkten, deren zerstörende Wirkung unbeschreiblich ist, geführt werden wird. Diejenige Nation, welche über die geschwindesten kräftigsten Flugzeuge verfügt, wird imstande sein, den abscheulichsten Terror über die ganze Welt auszuüben, ohne indessen Endsieger zu sein.

Es ist bewiesen, dass bis jetzt kein einziges Verteidigungsmittel gegen die Auswirkung des Gases Bestand hat.

Gasmasken geben keine genügende Beschützung. Man stelle sich ein Geschwader Flugzeuge vor, welches eine Stadt mit Gasbomben von 500 Kilogramm angreift. Die Bomben, welche die Häuser vom Dach bis zum Keller verwüsten werden, töten sofort alle Bewohner, sogar wenn sie mit Gasmasken versehen sind. Die Bomben, die auf die Strasse fallen, werden das tötende Gas über eine Fläche von etlichen hundert Metern verbreiten und dank des Windes kann eine Bombe eine quadratkilometergrosse Fläche vergiften. Durch einen Spezialanstrich von Brandbomben mit Elektron soll eine Temperatur von 3000 Grad entwickelt werden können. Ein einziges Flugzeug kann 500 Brandbomben mit sich führen und 72 Flugzeuge 36000. Die Feuerwehr steht demgegenüber vollkommen machtlos. Wasser würde den Brand durch solche Gasbomben nur anschüren."

Wollen Besnard und Huart daran mitwirken? Der englische Generalmajor Swinton hat erklärt:

"Ich stelle mir vor, auf Grund des Fortschrittes, den wir in der Vergangenheit erlebt haben, dass wir in der Zukunft nicht allein zum Gas unsere Zuflucht nehmen werden, sondern zu jeder Naturkraft, die wir zu unserer Verfügung haben.

Wir haben X-Strahlen, wir haben Lichtstrahlen, wir haben Hitzestrahlen.

Wir werden wohl nicht mehr so sehr weit entfernt sein von der Entwicklung des einen oder des anderen "tötenden Strahles, durch den unbeschützte Wesen zusammenschrumpfen, gelähmt oder vergiftet werden. So, wie ich es sehe, wird die allerletzte Form des Menschenkrieges der Bakterienkrieg sein. Ich glaube, dass es so weit kommen wird; es besteht auch kein Grund, warum dies nicht geschehen wird, sofern man doch die Absicht hegt zu kämpfen."

Wollen Besnard und Huart daran mitwirken? Fest steht doch immerhin, dass sie sich die allermodernste militärische Technik zu eigen machen und sie auch in Anwendung bringen wollen. Meinen sie, dem Sozialismus eine Grundlage zu schaffen mit Grossbomben und Giftgasen, mit Bakterien und tötenden Strahlen, unter Ausrottung der Menschheit? Es ist deutlich, dass Huart und Besnard in dieser Hinsicht keine Revolutionäre sind, sondern ohne Bedenken den allermodernsten Barbarismus der Bourgeoisie und ihrer Militärs übernehmen.

Auf unser Argument, dass der Krieg und der Militarismus, für welchen Zweck und durch wen er auch immer geführt werden möge, den Untergang von Völkern bedeutet, die davon betroffen werden, einerlei, wer, wie man so sagt, der militärische Sieger ist, darauf wird durch die beiden mit keiner Silbe eingegangen. Wir meinen, dass dieses Argument unwiderlegbar ist, und dass wir, ganz abgesehen von anderen Beweggründen, schon deshalb zu anderen Kampfmitteln, zu anderen Formen der Gewalt, wenn man es so nennen will, unsere Zuflucht nehmen müssen, wenn uns daran gelegen ist, nicht nur die Revolution, sondern auch die Menschheit und das Proletariat selbst zu retten.

Will Huart uns nun vorgaukeln, dass die oben angezogenen Auffassungen Besnards auch die Auffassungen der IAA. sind? Das Entgegengesetzte ist wahr. Denn die Konsequenz des Standpunktes Besnard-Huart ist, dass sie sich auch in Friedenszeiten nicht einsetzen werden für die Weigerung Munition herzustellen oder den militärischen Dienst zu verweigern. Die weitere Folge davon ist, dass sie die Rüstungsvergrösserung bei der Regierung nicht mehr bekämpfen, sondern ihr zujubeln. Denn, wie dem auch sei, sie müssen sie doch demnächst übernehmen. Und was sollte, nach ihrer Auffassung, eine französische Revolution anfangen, wenn die gegenwärtigen Regierer Frankreichs nicht ebenso stark bewaffnet oder gerüstet hätten, wie ein faschistisches Italien, wie ein demnächst vielleicht national-sozialistisches Deutschland? Die Wahrheit ist, dass der Standpunkt Besnard-Huart die Grundsätze und Kampfmethoden der IAA. und des Syndikalismus -Dienstverweigerung, Boykott der Waffenindustrie - mit Füssen tritt, und dass man damit in die Arme des nationalistischen Militarismus gerät, der auch durch die Bolschewisten übernommen ist, ob man es wahrhaben will oder nicht.

Diese Auffassungen stimmen mehr überein mit dem Bolschewismus als mit dem revolutionären Syndikalismus, der zu allen Zeiten seine Kraft gesucht hat in der direkten ökonomischen Aktion der Arbeiter in den Betrieben.

Sobald die gleiche Masse, die Besnard nötig hat für seine "levée en masse", die durch uns angegebenen Kampfmittel anwendet, wird sie ein unbesiegbares Volk bilden; sie braucht dann auch nicht zu verfallen auf eine GPU., die durch Huart genannt wird "Comité de Sécurité", noch auf eine zentrale Heeresleitung, die durch Besnard genannt wird "Comité général de défense".

Es ist klar, dass Huart und Besnard sich für einen revolutionären Krieg einsetzen, der in technischer Hinsicht vollkommen gleicht dem Kriege der Militärsachverständigen im Dienste des Imperialismus. Der Hinweis von Besnard auf den Krieg 1914-1918, sein Plaidoyer für die Mobilisierung der ganzen Nation, militärisch und wirtschaftlich, für die industrielle Mobilisierung, die heute durch alle Staaten vorbereitet wird, beweist, dass er bereit ist, noch einmal einen nationalen Krieg zu führen, sobald das Proletariat die Macht in Händen hat, für ... die Sicherheit (!) der Völker.

Wie will Besnard das ganze wirtschaftliche Leben der Nation im Dienste des nationalen revolutionären Krieges beherrschen ohne Zentralisierung? Wie will Besnard die "levée en masse", die Organisation des Krieges an der Front und in den Betrieben organisieren ohne die Dienstpflicht?

Zentralisierung ist nicht nötig, sagt Huart. Aber wenn in einem derartigen revolutionär-nationalistischen Kriege, sagen wir einmal, des revolutionären Frankreichs gegen ein national-sozialistisches Deutschland, an der Verdun-Front ein Loch geschlagen wird von 50000 Mann, wie will dann Besnard dieses Loch wieder füllen, ohne Generäle, die 50000 junge Kerle dorthin dirigieren?

Das Verdienstvollste der Abhandlung von Besnard und des Standpunktes von Huart besteht darin, dass sie ihren Standpunkt bis zur letzten Konsequenz durchführen. Aber gerade jene Durchführung ihres Standpunktes beweist hinreichend, dass wir schon zu anderen Mitteln gelangen müssen, sollen nicht die Revolution und ganz Europa zu Grunde gehen in einem wahnsinnigen Barbarismus, in einem Massenselbstmord der Völker. Wir bleiben in vollem Umfange bei unserer Meinung, dass die Organisation der Verteidigung der Revolution so, wie sie durch Besnard und Huart vorgeschlagen werden, hinauslaufen auf ., Die Organisierung des Zusammenbruchs und des allgemeinen Wahnsinns".

Wenn Huart unser Argument, dass die moderne Kriegstechnik kein Kampf mehr ist von Soldaten gegen Soldaten, keine Sicherheit und keinen Schutz mehr bietet, aber zur Ausrottung der ganzen Bevölkerung führt, ein sentimentales Argument zu nennen beliebt, dann ist dies eine Auffassung, die als Grundlage für eine Diskussion nicht mehr in Frage kommt, und die - wie uns scheint - den Mangel an besseren Argumenten allzu deutlich verrät.

Wagt man es, auch weiterhin zu behaupten, dass der Standpunkt von Besnard-Huart der Standpunkt von allen Sektionen der IAA. ist? Wagt man, dabei zu verharren, dass dies der Standpunkt ist, der niedergelegt wurde in der Erklärung der Grundsätze der IAA. ?

Mitten in der deutschen Revolution, auf dem Kongresse der Rüstungsarbeiter von Deutschland, vom 18. bis 22. März 1919 in Erfurt abgehalten, hat Kamerad Rudolf Rocker, einer der Sekretäre der IAA. Befürwortet, "keine Mordwerkzeuge mehr zu fabrizieren, keine Kanonen und Gewehre mehr zu machen, um den kalten Mörder nicht länger selbst die Mordwaffe in die verruchte Hand zu drücken, sondern dafür zu sorgen, dass die Betriebe der Zerstörung und der grausigen Menschenschlächterei sich in Betriebe segensreicher und friedlicher Arbeit verwandeln."

"Wir leben - so sagte Rocker - in einer außergewöhnlichen Zeit, einer revolutionären Zeit. Und eine solche Zeit fordert außergewöhnliche Beschlüsse und revolutionäre Handlungen. Hier ist bängliches Schwanken nicht am Platz. Jedes Zaudern ist Verbrechen, ist Begünstigung des Mordes."

"Ist es nicht - so rief er aus - die höchste Zeit, der brutalen Gewalt Einhalt zu gebieten, indem man ihr die Gewaltmittel verweigert?"

"Die Verweigerung der Waffenproduktion ist die einzige Garantie, dem organisierten Massenmord ein Ende zu bereiten." "Die Zeit der politischen Revolutionen im alten Stile, wo bewaffnete Zivilisten dem Militär entgegentraten, ist bei dem heutigen Stande unserer Kriegstechnik ein für allemal vorüber. Die Überlegenheit in der militärischen Führung und der technischen Ausrüstung wird dem Militär stets den Sieg in die Hand geben." "Das alte System bricht einfach zusammen, weil ihm seine reale technische Grundlage, die Armee, unter den Füssen entglitten ist."

"Keiner von uns aber kann die Absicht haben, die Gewalt um ihrer selbst willen anwenden zu wollen, am allerwenigsten Sozialisten, da doch der Sozialismus die Abschaffung jeder Gewalt als Grundprinzip in sich enthält. Die Stärke einer grossen Kulturbewegung liegt niemals in ihren technischen Machtmitteln, sondern in der geistigen Erkenntnis der Massen, die ihr folgen, und in dem moralischen Mut ihrer einzelnen Anhänger. Die terroristische Diktatur Robespierres führte zum 9. Thermidor, zur Säbeldiktatur Napoleons. Das ist die Erfahrung der Geschichte."

Diese Methoden von Besnard und Huart schliessen ausserdem noch die grosse Gefahr in sich ein, dass man Einrichtungen, die man vernichten müsste, bestehen lässt, deshalb weil man den hauptsächlichsten Grundsatz des Staates und des Kapitalismus weiterhin gelten lässt, nämlich den Militarismus, sei es auch in einer anderen Weise reorganisiert. Dadurch setzt die Revolution sich der grossen Gefahr aus, dass die Leitung in die Hände von solchen Revolutionären kommt, die tatsächlich den Staat, die Macht und den Militarismus beibehalten wollen. Was sie von uns unterscheidet, ist in viel geringerem Masse das Endziel als wohl unsere Taktik, unsere Kampfmethode, und darin müssen wir uns in voller Konsequenz von ihnen unterscheiden. Bei ihrem gesamten Aufbau gehen Huart und Besnard davon aus, dass die Macht ganz in Händen von Arbeitern ist, die völlig auf unserem syndikalistischen Standpunkte stehen. Aber hätten wir nicht viel mehr dem Umstande Rechnung zu tragen, dass wir in vielen Ländern eine Minderheit sein werden und dass - falls wir mitwirken an einem revolutionären Kriege anstatt die Arbeiter davon zurückzuhalten - nicht wir es sein werden, welche die Organisierung der "permanenten Verteidigung" zu bestimmen haben werden?

Wir können uns tatsächlich auch nichts anderes denken, als dass die Organisierung der permanenten Verteidigung unter der Hauptleitung von der Zentrale der revolutionären Gewerkschaftsvereinigungen auf etwas anderes hinauslaufen kann als auf einen militaristischen Staat, d. h. eine zentrale Macht. Und es handelt sich ja keineswegs um das Vernichten von Gegnern, sondern um das Vernichten von Einrichtungen.

Kein geringerer als Bakunin hat darauf ausdrücklich hingewiesen, als er in seinem Programm für die "Alliance de la Demokratie socialiste" schrieb.

"Die Revolution muss alles vernichten: keinen Stein auf dem anderen lassen. Doch man bedenke wohl, dass das Uebel nicht in den Personen, sondern in den Einrichtungen sitzt. Man muss also den Menschen gegenüber nachsichtig sein. Wir unserseits haben Ehrfurcht vor dem Menschen. Wenn bei einem Aufstande viele getötet werden, dann ist es weder moralisch, noch nützlich: das ist nun einmal so; man hat es sehen können an der Guillotine von 1793; ein politisches Blutbad vernichtet niemals die Partei, denn die Macht hat ihren Sitz nicht in den Personen, sondern in der Einrichtung des individuellen Eigentums. Also muss man den Staat und das Eigentum ausrotten, vor allem und an erster Stelle den Staat."

Und er sagt dann weiter:

"Die Revolution muss radikal und vollständig den Staat und alle Staatseinrichtungen vernichten. In unserem Programm ist also inbegriffen das Nichtbezahlen der Staatsschulden, die Steuerverweigerung, die Auflösung von Heer, Magistratur, Beamtengewalt, Polizei und Priesterschaft, das nicht länger Anerkennen der offiziellen Rechtspflege, ein Auto-da-Fé aller Eigentumstitel, aller Kauf- und Verkaufsakten, aller Prozessakten."

Schliesslich sprach Bakunin sich auch zu Gunsten der Föderation der Barrikaden aus; aber die Barrikade gehört nicht mehr in unsere Zeit. Auch Rocker hat darauf hingewiesen. Auf keinen Fall kann sie in dem entscheidenden Endkampfe noch eine. Rolle spielen. An ihre Stelle ist der allgemeine Arbeiterstreik getreten, der, ebenso wie die Barrikade, revolutionäre Situationen hervorruft die revolutionäre Gesinnung der Massen auf die Probe stellt, und der das typische Kampfmittel der proletarischen Revolution ist, ebenso wie die Barrikade das typische Kampfmittel der bürgerlichen Revolution war.

Besnard und Huart verfechten aber tatsächlich eine ganz andere Idee als die der revolutionären Barrikade. Sie verfechten die Instandhaltung eines nach ihren Ideen organisierten militärischen Systems und - wir wiederholen - behalten dadurch eine Einrichtung bei, statt sie zu vernichten. Wir wollen nach dieser Kritik des Huartschen Standpunkts noch einmal in Kürze unseren eigenen Standpunkt zusammenfassen, und zwar an Hand einiger konkreter Fragen.

1. Wird das Proletariat bei der Revolution Gewalt anwenden müssen?

Wir antworten rundheraus mit "Ja", weil wir mit Elisée Reclus davon überzeugt sind, dass die Bourgeoisie niemals gequält werden wird durch kollektive Tugendhaftigkeitsanfälle, und dass nur die Macht der Arbeiterklasse im Stande sein wird, die Macht der Bourgeoisie, den Kapitalismus und den Staat, zu brechen. In dieser Hinsicht unterschreiben wir den Standpunkt der IAA., und unterscheiden uns von den Gewaltlosen, den Tolstojanern. Wir haben übrigens niemals das sentimentale Argument gebraucht, dass wir aus Mitgefühl mit dem Leben unserer Gegner von der Anwendung der Gewalt absehen wollten. Wir wissen mit Huart, dass der Kapitalismus tagaus tagein auch in Friedenszeiten Tausende von Proletariern, ausgemergelte Arbeiter, schwache Frauen, unterenährte Kinder tötet. Wir wissen, dass das System des Kapitalismus grundsätzlich auf Gewalt beruht, sowohl in Friedens-, wie in Kriegszeiten. Wir wissen, dass die Geschichte der Bourgeoisie mit Blut geschrieben ist (die blutige Unterdrückung von Aufständen und Revolutionen im 19. Jahrhundert, die Kommune von Paris, die Petition an den Zaren im Januar 1905, die weisse und die faschistische Reaktion nach dem Kriege). Aber diese Gefühlserwägungen können uns doch nicht dazu führen, jene Methoden der Bourgeoisie zu übernehmen, selbst wenn dies geschichtlich zu rechtfertigen wäre. Gerechtfertigt erachten wir alle Gewaltmethoden, sofern sie tatsächlich notwendig sind für die Befreiung der Arbeiterklasse. Aber welche Gewaltmethoden angewandt werden müssen, kann u. E. nur bestimmt werden durch die Beantwortung der sachlichen Frage: in welcher Weise können Staat, Kapitalismus und Militarismus tatsächlich vernichtet werden, um die Arbeiterklasse wirk1ich zu befreien und den Sozialismus auf der Grundlage einer staatsgegnerischen Gesinnung aufzubauen.

Nochmals: wir sind keine Tolstojaner! Wir stehen nicht auf dem Standpunkt, dass es besser sei, sich töten zu lassen, als selbst zu töten. Wir stehen auf dem Standpunkte der Verteidigung des Einzelwesens, des Volkes und der Revolution. Gerade deswegen lehnen wir die Vernichtungsmethoden des modernen Militarismus vollkommen ab. Wir beide sind, solange wir in der revolutionären Bewegung stehen, Mitglieder gewesen der Internationalen Antimilitaristischen Vereinigung, die 1904 durch Domela Nieuwenhuis gegründet wurde, und woraus sich das IAMB. entwickelt hat. In ihrer Broschüre "Was die rote Internationale will", erklärte die IAMV. im Jahre 1904:

"Die Gewaltlosigkeit wird allerdings durch die Vereinigung nicht als Grundsatz anerkannt" und

"Kämpfend gegen die organisierte Gewalt der Regierungen in der Form, in der

sich der Militarismus zeigt, rechnet die Vereinigung gleichzeitig mit der Möglichkeit, dass in dem Klassenkampfe der Gewalttat nicht mehr ausgewichen werden kann, noch dass sie zu verurteilen ist."

In jenem Geiste haben wir stets gelebt. Aber nunmehr stellen wir diese Frage:

2. Müssen wir Waffengewalt gebrauchen? Müssen wir die moderne militärische Gewalt organisieren?

Und bei Beantwortung dieser Frage stehen wir auf dem Standpunkte, dass in diesem Zeitabschnitte

im Hinblick auf die moderne militärische Technik, gegen welche keine Verteidigung möglich ist;

im Hinblick auf die Gefahr der Militarisierung der Revolution;

im Hinblick auf die vollkommen bewaffnete Konterrevolution;

im Hinblick auf die Erfahrungen in Russland und China

eine Revision unseres Standpunktes in Bezug auf die Gewalt dringend notwendig ist. Die Lösung der Frage haben wir gefunden in der Taktik des revolutionären Syndikalismus selber.

Wegen Beantwortung der Frage, was die Arbeiterklasse dann tatsächlich zu tun hätte, verweisen wir auf die Grundsätze für das Referat, das durch Albert de Jong in Madrid gehalten werden sollte (Pressedienst IAK., Nr. 73). Auf alle Argumente, die wir gegen die bewaffnete Gewalt vorgebracht haben, ist Huart, wenn man es genau nimmt mit keinen einzigen Worte eingegangen. Er hat ausschliesslich seine Kraft versucht in einem Angriffe auf unsere Methoden. Wir möchten aber unsererseits eine kategorische Antwort geben auf die Fragen, die Huart uns stellt.

1. Wie wir uns zu Beherrschern der Produktionsmittel machen müssen, ist deutlich. Ein Volk in Revolution, das imstande ist zu einer "levée en masse", ist auch imstande, in den Betrieben die Erzeugung selbst zu regeln und jeden Versuch, dies zu verhindern, aufs Neue zu beantworten mit einem Verlassen der Betriebe und dem völligen gesellschaftlichen Boykott von allen, die dies verhindern wollen. (Siehe ferner Pressedienst Nr. 73, Grundsätze Albert de Jong.)

2. Die ganze Organisation des kapitalistischen Staates kann vernichtet werden, durch die Mittel, die hier oben wiedergegeben sind und die Bakunin entlehnt wurden. Wir verweisen nur noch auf den konsequent durchgeführten Boykott von Polizei, Staatsbeamten und Militärpersonen.

Huart möge behaupten, dass wir dadurch, dass wir lediglich diese Mittel in Anwendung bringen, die entwaffnete Revolution der bewaffneten Reaktion ausliefern; wir behaupten jedoch auch weiterhin, dass die Methode Besnard-Huart das Proletariat ausliefern würde an die Ausrottung durch die Mittel der modernen Militärtechnik. Ueberdies ist in allen Revolutionen der Militarismus viel stärker entwaffnet worden durch die gewaltige Todesverachtung des in der Regel schlecht bewaffneten Proletariats als durch die Kraft seiner unzulänglichen Bewaffnung.

3. Warum sollten wir nicht die Steuerzahlung verweigern können? Warum sollten wir nicht selbst als Einleitung der Revolution einen Boykott durchführen können der hauptsächlichsten Artikel, bei denen indirekte Steuern erhoben werden: Tabak, Alkohol, Fleisch?

4. Huart meint, dass, wenn die Inder bewaffneten Widerstand geleistet hätten gegen England, dass dann in Indien kein Engländer mehr sein sollte. Für uns ist es jedoch noch die Frage, auf welche Weise der englischen Herrschaft ein Ende bereitet wird, ohne dass ein neuer kapitalistischer Ausbeutungsstaat gegründet wird. Und dann antworten wir, dass, sofern, die Methode Besnard-Huart in Indien in Anwendung gekommen wäre, abgesehen von der Tatsache, dass die Inder über keine Waffen verfügen, in Indien in gleichem Augenblick wahrscheinlich die gleichen Zustände herrschen würden, wie in China, nämlich die militärische Diktatur.

Im Gegensatz zu Huart sind wir der Ansicht, dass die direkte Aktion des indischen Volkes bereits sehr bedeutende Ergebnisse gezeitigt hat, und die Weltgeschichte ist auch für Indien noch lange nicht abgeschlossen. Ob diese Bewegung auf einen Verrat hinauslaufen wird, wird nicht entschieden durch die Frage der Kampfesweise, trotzdem gerade der bewaffnete Aufstand dafür die grösste Gefahr bietet: Tschang-Kai-Tschek in China.

5. Huart fragt uns, was wir von der Lage in Spanien halten.

Im Allgemeinen möchten wir sagen, dass, sofern das spanische Proletariat die Methoden, die durch uns beide verfochten werden, konsequent und systematisch anwendet, hierin die einzige Möglichkeit liegt für die Selbstbefreiung der spanischen Arbeiterklasse und für die Gründung einer anarcho-syndikalistischen Gesellschaft.

In dem Geiste der Methoden, die wir im Kampfe gegen den Militarismus der Bourgeoisie verfechten, hat das spanische Volk gehandelt, als es die Klöster, die Wahrzeichen und die Herde der klerikalen Reaktion, der politischen und geistigen Unterdrückung, in Brand steckte. Im Geiste dieser Methoden haben unsere spanischen Kameraden gehandelt, als sie die Gefängnisse stürmten und alle politischen Gefangenen befreiten. Als die syndikalistische Organisation in Barcelona den Beschluss fasste, dass kein Bauarbeiter an dem durch den Volkssturm demolierten Gefängnisse Wiederinstandsetzungsarbeiten verrichten dürfe, war dies eine symbolische Tat - in Uebereinstimmung mit der schönsten Tradition der syndikalistischen Arbeiterbewegung Spaniens - die fortleben wird in der Geschichte des Sozialismus.

Wir glauben, dass allein auf diesem Wege der gegenrevolutionäre Militarismus zu brechen ist; dass allein auf diesem Wege das Volk sich für alle Zeiten vom Militarismus und vom bürgerlichen Barbarismus befreien kann.

Die gewaltsame Vernichtung aller Bastillen, aller Kasernen, aller Arsenale, kurz: des gesamten gewalttätigen Machtapparats der Bourgeoisie und des Staates, um als, dann durch wirtschaftliche Machtentfaltung die Erbauung neuer Kasernen, die Inbetriebsetzung einer neuen Rüstungsindustrie zu verhindern, - in jenem Geiste, auf jenem Wege sehen wir für die spanische Arbeiterklasse - und für jede Arbeiterklasse die Möglichkeit, die militärische Macht der Bourgeoisie zu vernichten, und die schliessliche Vernichtung des Militarismus. Die Arbeiterklasse, die - von jenem Geiste beseelt - den Kampf führt für eine sozialistische Gesellschaft, wird unbesiegbar sein.

6. Was unsere Lobgesänge auf den Zentralismus anlangt: Diese Argumente von Huart sind zum grössten Teile Sophismen. Uebrigens wollen wir noch darauf weisen, dass ein grundsätzlicher -und psychologischer - Unterschied besteht zwischen dem Aufbau der Gesellschaft auf syndikalistischer Grundlage und der Organisation der Massenvernichtung.

7. Wir verharren bei unserer Ansicht, dass die Bourgeoisie mit ihren faschistischen Organisationen in der Technik und im System der Menschenvernichtung das Proletariat jederzeit übertreffen wird, schon wegen der folgenden Gründe: das ganze System der Bourgeoisie, jenes System der Unterdrückung und Ausbeutung, beruht auf Gewalt, Macht und Terror-, diese Kampfmittel gehören zum Charakter, zum Wesen der bürgerlichen Gesellschaft und der Herrschaft. Die Grundlagen der proletarischen Arbeiterbewegung sind dagegen Solidarität, Freiheit, Abwendung vom Militarismus, und wir wiederholen hier das Wort von Rocker: "Der Sozialismus schliesst in sich die Ueberwindung der Gewalt".

Wir geben uns durchaus nicht der Illusion hin, dass wir hiermit alle Kameraden in der IAA. und die draussen Stehenden von der Richtigkeit unseres Standpunktes überzeugt haben. Wir haben nicht im entferntesten die Anmassung, dass durch uns in der Festlegung einer neuen Taktik das letzte Wort gesprochen sein sollte oder auch nur durch uns gesprochen werden könnte.

Wir begreifen auch, dass in diesem Augenblick und unter allen Umständen die Arbeiterklasse noch nicht so weit ist, um zum Handeln überzugehen im Geiste unseres Standpunktes. Aber auf der anderen Seite ist es ebenso wahr, dass die revolutionäre Bewegung in mehr als in einem Lande sich ernsthaft Rechenschaft ablegen muss von dem Vorhandensein einer anderen Mentalität die glücklicherweise unter den Massen immer stärker wird, nämlich einer tiefgehenden Abscheu gegen den Krieg, gegen jeden Krieg und gegen jedes Kriegführen. Dieser Mentalität müssen wir uns bei unserer Propaganda gegen Staat und Krieg und für eine sozialistische Gesellschaft anschliessen; diese Mentalität müssen wir verstärken. Diesem wichtigen und für den Anarchismus sehr glücklichen psychologischen Momente tragen Besnard und Huart nicht im geringsten Rechnung; ihre Mentalität steht leider näher bei derjenigen des Militarismus und der nationalen Verteidigung als bei der Mentalität eines stets wachsenden Teiles der Bevölkerungen, nämlich der Abscheu vor dem Kriege.

Wir begreifen, dass die Möglichkeit, diese Kampfmethoden anzuwenden, erst langsam reifen kann. Dieses Reifen kann nur geschehen im Kampfe. Aber wir möchten, dass alle unsere Kameraden von einer Sache durchdrungen würden, und dass ist diese: der gegenwärtige Charakter der Gewalt, unter dem Einfluss der zugespitzten militärischen Technik, die mit Hilfe von Millionen durch den Staat in allen Ländern zu einer bislang nicht gekannten Höhe getrieben ist ein Charakter, der von uns stets als Argument gebraucht wird gegen den Krieg und gegen den Militarismus, er zwingt uns, unseren eigenen Standpunkt zu revidieren, mit Bezug auf die Gewalt, und neue Wege zu suchen. Dieses gemeinschaftlich zu tun, betrachten wir als die Ausgabe der IAA. und von allen, die den revolutionären Standpunkt teilen. Unsere Kameraden hierzu anzuspornen ist das einzige, was uns treibt in dieser ganzen Polemik.





Der Wahnsinn des Nationalismus
und die Stellung des revolutionären Syndikalismus


Keine grössere Gefahr für die Arbeiterklasse als der Nationalismus, er ist die wahre Ideologie des Staates und der Diktatur. Wenn der Staat ein Volk in den Krieg getrieben hat, in die Niederlage und in das Elend - dann ist es der Nationalismus, der ablenkt: nicht die eigene Regierung, nicht der eigene Staat, nicht der eigene Kapitalismus ist schuld - sondern der ausländische Kapitalismus, der andere Staat, die andere Regierung. Aber niemals ist der Nationalismus etwas anderes gewesen als der Schrittmacher für die Interessen, für die Profite der herrschenden Klasse. Denn die herrschende Klasse versteht den Patriotismus auf ihre Art. Sie organisiert ihre "blutige Internationale" und macht auf Kosten der Völker ihre patriotischen Geschäfte mit Freunden und Feinden. Sie kennt keine Parteien und keine Nationen. Wenn es sich um Profite handelt und um Unterdrückung der Arbeiterklasse, dann ist der Kapitalismus international, und dann wird sogar der Erbfeind zum Verbündeten. Zur selben Zeit, während des Ruhrkrieges, als die nationalen Parteien im Reichstag den Abbruch aller Beziehungen mit Frankreich forderten, verhandelte Stinnes mit dem Oberbefehlshaber der französischen Besatzung, dem General Degoutte, um die Aufhebung des 8-Stundentags zu erwirken! Man vergesse das nie!

Die internationale Solidarität der Arbeiterklasse, die eine Selbstverständlichkeit für jeden Sozialismus ist, setzt die Verneinung des nationalen Staates voraus; diese Solidarität ist der Todfeind jedes Nationalismus.

Es Bedarf keiner weiteren Überlegung, dass der Klassenkampf durch die "Arbeitsgemeinschaft" und durch die Versöhnung von Kapital und Arbeit ersetzt ist, wo die "wertvolle Gegenwart der Republik" an die Stelle der staatenlosen Gesellschaft getreten ist, die auch Marx als die wahre und einzig mögliche Form des Sozialismus ansah - da ist natürlich auch freie Bahn für den Nationalsozialismus. Und Jahrzehnte hat die deutsche Arbeiterschaft die nationalistische (und militaristische) Propaganda einer nationalen Sozialdemokratie über sich ergehen lassen müssen. Dass die revolutionären Sozialdemokraten, die Kommunisten immer wieder in dasselbe Horn blasen und auf die nationalistischen Instinkte des deutschen Proletariats - und Kleinbürgertums! - spekulieren, beweist den charakterlosen und gefährlichen Opportunismus dieser Partei, der zur Erreichung ihrer Ziele alle Mittel recht sind. Das ist ja bekanntlich die höchste politische Weisheit in Moskau. Diese Politik wird ausserdem bestimmt durch die Interessen der Auslandspolitik des staatskapitalistischen Russlands, denen immer wieder die elementarsten Interessen des Proletariats der anderen Länder geopfert werden.

Und so war es möglich, dass 1923 die deutsche Kommunistische Partei in inniger Zusammenarbeit mit der deutschen Reaktion das deutsche Proletariat zum Kriege gegen Frankreich hetzte. Diese Politik wurde eingeleitet durch die Rede Karl Radeks in der Exekutive der Kommunistische Internationale am 28. Juni 1923 über Leo Schlageter, "den Wanderer ins Nichts", den "mutigen Soldaten der Konterrevolution", der einen Monat vorher wegen Sabotageakten im Ruhrgebiet von den Franzosen erschossen worden war. Dann begann die Propaganda für die "nationale Revolution". Die KPD erklärte plötzlich dem deutschen Proletariat, nicht mehr die Weltrevolution, sondern die "nationale Befreiung" sei die Vorbedingung für die wirtschaftliche Befreiung. Die konservativen Ideologen der Reaktion bestätigten es der "Roten Fahne". Es war die glorreiche Zeit, da der Graf Reventlov als Mitarbeiter der "Roten Fahne" bereit war ein "Stück des Wegs" mit der Revolution zu gehen. Trotz allem "Trennenden" fand die KPD den Schnittpunkt von Bolschewismus und Faschismus, die nationale Befreiung Deutschlands. "Wir Kommunisten" - so schreibt die "Rote Fahne" - "sagen diesen Offizieren: alle jenen ehrlichen Elemente, die Deutschland vom französischen Imperialismus befreien wollen, müssen an der Seite der Proletarier kämpfen". Und einer von ihnen - der ehemalige Offizier Hans von Hentig - bestätigte den KPD-Mitgliedern: "Zur Nation zu stehen, die sich in der Arbeiterschaft verkörpert, wird für den deutschen Offizier nichts Neues, nur Pflichterfüllung sein."

Als der deutsche Kapitalismus nicht geneigt schien, den passiven Ruhrkampf in einen aktiven umzuändern, schrieb Radek: "Wenn die deutsche Bourgeoisie kapituliert, wird die Arbeiterklasse die Interessen des ganzen Volkes verteidigen, sie wird siegen, indem sie ihren Klassenkampf mit dem nationalen Freiheitskampf verbindet." Und der Kommunist Paul Fröhlich ergänzte: "Wer vom Klassenkampf ausgeht wie wir, dem erwächst die Aufgabe der Errettung der Nation!"

In unverfälscht nationalistischer Terminologie wandte die Zentrale der KPD sich gegen "die Regierung der nationalen Schmach", und am 25. Juli wandte sie sich an die "Volksgenossen" und erklärte: "Der Kampf an der Ruhr muss geführt werden, und wir lehnen prinzipiell kein Mittel dieses Kampfes ab." Die Kriegsparole hiess: "Für das Bündnis mit Sowjetrussland zum Kampf gegen die Entente". Während in dieser Weise die KPD die nationalistischen Instinkte der Arbeiterschaft aufzupeitschen versuchte während sie mit den reaktionärsten Mächten in Deutschland paktierte und öffentlich den Krieg propagierte, arbeiteten nationalistische Kreise zusammen mit der Reichswehr daran - wie die Enthüllungen des Hochmeisters des Jungdeutschen Ordens, Mahraun, es später bewiesen - den Krieg zu organisieren. Aber so weit kam es nicht, da die Politik der Schwerindustrie weitsichtig genug war, um von solch einem abenteuerlichen Unternehmen keinen Erfolg zu erwarten.

In den nächsten Jahren kam dann die offizielle "Verständigungspolitik", Locarno, Thoiry und der "Eisenpakt"! Für die nationalistische Parole vom "Kampf gegen die Entente" war es eine schlechte Konjunktur. Auch für die KPD waren es also schlechte Zeiten. Die nationale Politik hiess jetzt: Völkerbund, Abrüstung, Verständigung. Es kamen herrliche Zeiten für die SPD, ohne dass allerdings Breitscheid Aussenminister wurde! Man war ja auch mit Stresemann zufrieden: er vertrat genau die kapitalistische Aussenpolitik wie die SPD sie verstand. Die Regierung Hermann Müller baute dann den ersten Panzerkreuzer. (Doch der zweite folgte sogleich.) Trotz Völkerbund, Abrüstung und Verständigung. Trotz des Plakats - es war leider nur ein Wahlplakat, also nur Schwindel, - der hungernden Kinder: "Wählt SPD!". Mit dem grössten Erfolg dieser Politik, der Befreiung des Rheinlands, war ihr Höhepunkt bereits überschritten. Der Abmarsch der Franzosen war das Signal zu einer ungeheuren nationalistischen und militaristischen Orgie. Wie die Verständigung aussah, zeigte der Aufmarsch der Stahlhelm-Armee in Coblenz. Er wurde jenseits der Grenze verstanden! Dieser Aufstieg des Nationalismus ging wie in einer kommunizierenden Röhre - zusammen mit dem Niedergang der Wirtschaft. Die Rationalisierung seit dem Ende der Inflation auf Kosten der Arbeiterschaft hatte nur eine Scheinprosperität gebracht. Die Rationalisierung der technischen Methoden, die Zusammenlegung und Aufhebung von Unternehmungen, die Bildung von Kartellen und Konzernen, national und international, hat die Widersprüche der kapitalistischen Wirtschaft nicht aus der Welt schaffen können. Von Hunderttausenden wuchs die Arbeitslosigkeit zu Millionen. Das Verhältnis von Produktion und Konsumtion war zu einem unlösbaren Widersinn geworden. 1928 begann bereits die "Krise". Seit dem "Krach" der New-Yorker Börse im Herbst 1929, dem Beginn der "Weltwirtschaftskrise", wuchs sie zu einem in der Geschichte des Kapitalismus ungekannten und drohenden Massstabe an. Die kapitalistische Krise, diese ganze Entwicklung des Kapitalismus zur Ausschaltung der freien Konkurrenz und die Bildung eines Monopolkapitalismus und der Preisdiktatur

wirkte sich jetzt nicht nur in einer Verschlechterung der Lage der Arbeitnehmer aus, der gesamtproletarischen Klasse, sondern wirkte sich geradezu katastrophal auf die ganze Mittelschicht des Kleinbürgertums aus. Die ökonomische und soziale Basis zu einem Aufstieg einer faschistischen Bewegung in grossem Umfange war damit gegeben.

Und eine neue Hochkonjunktur des Nationalismus begann. Zwischen sozialistischen Phrasen und kapitalistischen Geldgebern bahnte der National-Sozialismus sich mit einer Anhängerschaft von Millionen den Weg zur Staatsmacht. Je unklarer sein Programm, um so deutlicher seine Demagogie. Die Parolen : gegen die Novemberverbrechen, Brechung der Zinsknechtschaft, gegen Marxismus und gegen Juden und sonstige demagogische Phrasen - sie hatten Anziehungskraft, weil sie für Millionen auf einem zweifach realen Boden blühten: dem der wirtschaftlichen Entwurzelung und des Bankrotts der Demokratie. Und deshalb konnte das Ziel des National-Sozialismus: die nationale Diktatur zur Befreiung Deutschlands, das Ziel und die Hoffnung eines grossen Teiles des Volkes werden, da es die Rettung verhiess aus diesem zweifachen Sumpf: der parlamentarischen Parteiwirtschaft und der wirtschaftlichen Verelendung.

Die "Befreiung Deutschlands", der "Kampf gegen Versailles" stand mal wieder auf der Tagesordnung. Die neue Parole hiess jetzt: gegen die "Young-Versklavung"

Also war auch wieder die Zeit für den National-Bolschewismus gekommen. Die Phrasen des kommunistischen Wahlmanifestes zur Reichstagswahl im September waren dem Programm des National-Sozialismus entnommen - oder hätten es sein können. Die KPD machte wieder in Nationalismus. Statt "internationaler Klassenkampf" hiess es: Kampf gegen die Youngversklavung. Die kommunistischen Arbeiter mussten wieder einmal die Befreiung der Arbeiterklasse von der nationalen Befreiung erwarten. Weshalb sollten die Faschisten sich nicht der KPD anschliessen? Sie erstrebte ja die beiden selben Ziele : Diktatur und Kampf gegen den Young Kapitalismus. Leutnant Scheringer war dieser Ansicht: er ging von den Faschisten zu den Kommunisten. Er wurde als Repräsentant einer Avant-garde - und ausserdem als militärischer Sachverständiger und "begabter Gasoffizier" - begrüsst. Ist die deutsche Arbeiterklasse denn nicht durch die Young-Ketten versklavt? Wird nicht insbesondere die deutsche Arbeiterklasse von dem internationalen Kapital ausgebeutet? Gewiss. Aber dies ist doch nur dadurch möglich, dass die Arbeiterklasse in erster Linie dem eigenen, dem deutschen Kapitalismus "versklavt" ist. Er wälzt die Lasten auf die Arbeiterklasse ab. Ohne den deutschen Kapitalismus und seine Ausbeutung gäbe es auch keine internationale Ausbeutung.

Die Befreiung vom deutschen Kapitalismus bedeutet auch die Befreiung vom Young Kapitalismus.

Wenn die deutsche Arbeiterschaft sich von dem eigenen Kapitalismus befreit haben wird, wird kein anderer Kapitalismus imstande sein, sie aufs neue zu versklaven. Der Kapitalismus ist international, aber

das Proletariat ist national an die Versklavungsketten der Ausbeutung geschmiedet. Und hier - und auch nur auf dem ökonomischen Gebiet des Kapitalismus, auf dem Gebiet der Arbeit - können die Ketten gebrochen werden. Die Befreiung der Arbeiterklasse erfordert nicht den nationalen Kampf gegen den ausländischen Feind - sondern den internationalen Kampf gegen den inneren Feind.

Eine solche Befreiung vom eigenen, nationalen Kapitalismus wird ausserdem eine wahre internationale, eine Welt-Befreiung sein.

Artur Müller Lehning





Die Masken sind gefallen!

I.

Als am 2. Februar unter Glockengeläut der Genfer Kirchen die erste Weltabrüstungskonferenz feierlich eröffnet wurde, ging der Fasching des Pazifismus zu Ende. Er hat vierzehn Jahre gedauert. "Wir sind an einem geschichtlichen Augenblick angelangt", sagte denn auch der Vorsitzende Henderson mit Recht, als er die Konferenz, "die ihresgleichen nicht hat", eröffnete. "Das gibts nur einmal", dürfte man von diesem Kongress sagen, auf dem 64 Staaten vertreten sind, die etwa 1700 Millionen Menschen, also mehr oder weniger die ganze Welt, umfassen. Und dieser Konferenz, die den Völkern den Frieden sichern und den Krieg verhindern soll, gehören u. a. - ausser Diplomaten und Ministern - an: 28 Generäle, 15 Admirale und viele hundert Generalstabs- und Admiralstabsoffiziere . . .

Wie sollte man in dieser Gesellschaft nicht die feierliche Abrüstungsstimmung bekommen? Weshalb sollte man dieser Gesellschaft nicht die auf Lastkraftwagen angefahrenen Pakete mit den Millionen Unterschriften der Pazifisten-Petitionen zur Abrüstung - feierlich überreichen? Und weshalb sollten die Glocken nicht läuten in einem solchen geschichtlichen Augenblick? Es gehört zu den Paradoxen der Weltgeschichte, dass der heuchlerischste Imperialismus im entscheidenden Augenblick die imperialistische Heuchelei entlarvte und der pazifistischen Komödie ein Ende bereitete.

Japan hatte keine Zeit und keine Lust, sich an den geschichtlichen Augenblicken des Herrn Henderson zu beteiligen: es macht seine eigene Geschichte. Es war ja auch nicht so schlimm, dass man, wo man schon vierzehn Jahre gewartet hatte, um die Versprechungen einzulösen, die man den Völkern gegeben hatte, diese historische Stunde den grossen Abrüstung noch um eine Stunde verzögern wollte, da inzwischen ein kleiner Krieg ausgebrochen war.

Dieser bedauerliche und unopportune Zwischenfall hat die Stimmung der feierlichen Abrüstungsstunde mit dem Glockengeläut etwas gedrückt. Denn die Akteure und Zuschauer im Palast der Nationen dürften die dumpfe Empfindung gehabt haben: mit dem Fasching geht es zu Ende. Die Friedensglocken wurden schliesslich nur von den Genfer Kleinbürgern gehört, aber den Kanonendonner von Schanghai hörten die Arbeiter der ganzen Welt.

II.

Der Weltkrieg sollte der letzte Krieg sein, so war es den Völkern von ihren Staatslenkern erklärt worden. Der "Völkerbund", dessen Ziel es war, den ewigen Frieden - und besonders den von Versailles - zu sichern, sollte die allgemeine Abrüstung organisieren. In direktem Zusammenhang mit den Friedensverträgen - also auf den Spitzen der Bajonette gegründet - sollte der Völkerbund den Krieg unmöglich machen. Aber trotz dieses Völkerbundpakts waren sämtliche Staaten nach wie vor der Meinung, dass die beste Bürgschaft für die Sicherheit doch noch immer Tanks, Giftgas und Luftflotten seien. Inzwischen wurde weiter gerüstet, bis zum Staatsbankrott.

Siebzig bis fünfundsiebzig Prozent des gesamten Staatsbudgets den grossen Staaten werden heute für Kriegszwecke verwendet: zur Liquidierung des vorigen und zur Vorbereitung des nächsten Krieges . . . Das Weltkriegsbudget beträgt heute 1.800 Millionen Mark.

Es stehen bereit : 20.000 Flugzeuge, 6.000 Tankes, 43.000 Kanonen und Flammenwerfer, 250.000 Maschinengewehre, 115 grosse Schlachtschiffe, 2.000 Kreuzer und andere Kriegsschiffe.

Und wichtiger als dieses ganze Kriegsmaterial, das jede Stunde in Aktion treten kann, ist das Arsenal bereitstehender Kräfte. Wichtiger als die Flugzeuge und Kanonen, die fertig sind, sind die Fabriken, die imstande sind, sie schnellstens in genügender Anzahl herstellen zu können.

Zur heutigen Kriegsindustrie gehören nicht nur die spezifischen Rüstungsfabriken im engeren Sinne. Zur Vorbereitung des Krieges gehört vor allem die wirtschaftliche. In allen Staaten wird heute die industrielle Mobilmachung vorbereitet. Sie bedeutet die Einbeziehung des ganzen wirtschaftlichen Lebens, der Technik und der Wissenschaft in die Kriegführung. Zur Grundlage der Rüstungen gehören deshalb - ausser Petroleum - vor allem die Metallindustrie, die chemische Industrie und die elektrische Industrie. Das Land, das über diese Industrien verfügt - wie Deutschland -, ist für die Rüstung bereit. Wichtiger, als grosse Massenvorräte zu haben, die bei der schnellen Entwicklung der Technik veralten können, ist es, die Fabrikorganisation bereit zu haben, die sie sofort in Massen produzieren kann. Diese Innenmobilisation der Fabriken ist denn auch in vollem Gange, Es ist gar nicht daran zu zweifeln, dass das unerhörte und sogar teilweise verschleierte Budget der deutschen Reichswehr zu einem bedeutenden Teil zu Subventionen für die Industrie verwendet wird, um die Umstellung auf Kriegsproduktion vorzubereiten.

Ein Vertreter des amerikanischen Kriegsministeriums erklärte, dass man ein Verzeichnis von 3876 Erzeugnissen der "Friedensindustrie" aufgestellt habe, die als strategisch wichtig für Kriegsproduktion in Betracht kommen. Mit 202 Fabriken habe man Verbindungen angeknüpft wegen eventueller Verwendung für Heeresbedürfnisse. Schon hat man industrielle Probemobilisationen organisiert. Die Mechanisierung und Motorisierung des Krieges bedeutet seine vollständige Industrialisierung.

Der Krieg selbst ist nichts anderes mehr als eine Industrie zur Menschenvertilgung.

Auf ökonomischem Gebiete muss auch der Schwerpunkt der Kriegsbekämpfung liegen. Die Kontrolle sämtlicher Industrien auf ihre Organisierung und Verwendung für den Krieg durch die Arbeiter ist notwendig. Die Stilllegung jeder direkten Rüstungsarbeit und die Verhinderung jedes Kriegstransportes muss zu einer der Losungen der Arbeiterschaft erhoben werden.

Diese Vorbereitungen zur direkten Aktion gegen den Krieg und seine Vorbereitung bilden die wichtigste Etappe zur Übernahme des gesamten industriellen Apparates, der mehr und mehr zu einer einzigen Kriegsindustrie wird.

III.

Der Kapitalismus kann den Krieg nicht verhindern, so wenig wie er die Krise vermeiden kann. Krise und Krieg gehören zusammen. Die Krise wird immer heftiger, der Weltkrieg immer drohender. Die heutige Weltkrise demonstriert den ganzen Wahnsinn des heutigen Systems.

Die heutige Krise ist heftiger und schwieriger zu überwinden als jemals eine andere. Die grossen Gebiete, die bis zum Weltkriege, ausser Europa-Amerika, "kolonisiert" werden konnten, um die Akkumulationswut des imperialistischen Kapitalismus zu befriedigen, sind von den kapitalistischen Staaten verteilt. Der weisse Imperialismus hat die Grenzen seiner Ausdehnung erreicht.

Der verfügbare Raum für einen erfolgreichen Prozess der kapitalistischen Profitmacherei ist verteilt. Wo früher Waren hingebracht worden sind, werden heute nachdem man Waren hingebracht hat, die Waren produzieren können (maschinelle Produktionsmittel), selbst Ware produziert. Und zwar billiger, dank der masslosen Ausbeutung der farbigen Arbeiter. Der ausländische Kapitalismus wird nicht nur verdrängt, er wird sogar durch diese billigere Warenproduktion auf dem Weltmarkt bedroht.

Diese Entwicklung verschärft die imperialistischen Gegensätze und verschärft die Krise. Der Kampf für die sogenannte "nationale Unabhängigkeit" - vorläufig hauptsächlich im Interesse der aufkommenden nationalen Bourgeoisie - hat begonnen. Die Beteiligung neuer - farbiger Kapitalismen an dem kapitalistischen Weltprozess hat die Konkurrenzkämpfe verschärft. Der Kampf um die übriggebliebenen, noch zu erobernden Märkte ist heftiger als je. Nachdem mit dem Weltkriege der Kampf um Kolonien und ,,Interessengebiete" abgeschlossen war, kommt heute nur noch ein grosses Gebiet in Betracht: China, ein Gebiet von fast 2 Millionen Quadratmeilen mit einer Bevölkerungszahl von über 400 Millionen.

Es bildet einen der Brennpunkte des imperialistischen Kampfes. Was wir heute dort erleben, ist das imperialistische Vorspiel des kommenden grossen Krieges.

IV.

Die heutige Weltkrise und der Krieg in China ist ein Alarm für die Arbeiterklasse in allen Ländern.

Als Japan am 18. September in die Mandschurei einrückte, setzte es die koloniale Raubpolitik der kapitalistischen Staaten des 19. Jahrhunderts in Asien fort. Seit einem halben Jahrhundert hatte der schnell aufgekommene japanische Kapitalismus kein anderes Ziel als einen Teil des chinesischen Gebietes in eine japanische Kolonie zu verwandeln. Im nordöstlichen Teil von China hatte er besonders grosse wirtschaftliche Interessen. Auf über 4000 Millionen Mark schätzt man das japanische Kapital, das dort in Landwirtschaft, Bergbau, Industrie, Banken und vor allem in Eisenbahnen angelegt ist. Japan erachtete den Augenblick für günstig, um sein Ziel durchzuführen, dieses Gebiet auch politisch zu verwalten.

Sowohl Japan wie China waren zwar Mitglieder des Völkerbundes und Unterzeichner des Kellogg-Paktes - aber Japan kümmerte sich nicht um die "feierlichen" Verträge noch um die Proteste und eingesetzten Kommissionen, sondern setzte seinen Aufmarsch ruhig fort, bis es die ganze Mandschurei besetzt hatte.

Nachdem dieses Ziel erreicht war, ging Japan weiter. Es sandte seine Flotte und Armee nach Schanghai. Fünfzig Kriegsschiffe und 50 000 Soldaten standen vor diesem asiatischen Zentrum des internationalen Imperialismus. Denn militärisch hatte Japan zwar gesiegt, aber die wichtigste Waffe der Chinesen:

der wirtschaftliche Boykott der japanischen Waren blieb ungebrochen. Er verursachte dem japanischen Kapitalismus unberechenbaren Schaden.

Mit Indien gehörte China zu dem wichtigsten Ausfuhrmarkt Japans. Ein Drittel seiner Waren ging nach China. Eine grosse Anzahl der Industriewerke in China sind in japanischen Händen. Der grösste Teil der Auslandsanlagen des japanischen Kapitalismus ist in China investiert.

Die militärische Operation der Japaner stiess zwar nicht auf Widerstand beim Völkerbund und den Unterzeichnern des Neunmächtevortrags von 1922, die die politische Unabhängigkeit von China garantiert hatten, aber auf einen unerwarteten Widerstand der Chinesen. Es war nicht mehr möglich, den ohne Kriegserklärung ausgebrochenen Krieg nicht einen Krieg zu nennen.

Der Völkerbund - d. h. die interessierten Grossmächte - liessen Japan freies Spiel. Der Völkerbund dachte nicht daran, etwas Ernstes gegen den ausgebrochenen Krieg zu unternehmen. Die Tatsachen sprachen eine deutlichere Sprache als die schönen juristischen Artikel des Völkerbund-Paktes. Der Völkerbund hat sein wahres Gesicht gezeigt. Die heutigen Ereignisse beweisen, dass die kapitalistischen Staaten für ihre imperialistischen Gegensätze gar keinen anderen Ausweg sehen als den Krieg. Sie bereiten sich auf ihn vor. Die famose Abrüstungskonferenz hat kein anderes Ziel, als für jeden die eigenen Rüstungen auf Kosten der Gegner zu sichern. Um so mehr, da das beste kapitalistische Geschäft in dieser Krisenzeit noch immer das Kriegsgeschäft ist. Während in Genf geredet wird und in Schanghai Soldaten und Zivilbevölkerung niedergemacht werden, arbeiten die Munitionsfabriken der Welt unter Hochdruck. Die Rüstungsaktion steigen.

Die Industrie, die in Krieg handelt, die vom Kriege, die durch den Krieg lebt, die mit dem Blut von Millionen ihre Geschäfte macht, wittert Morgenluft.

Der Kapitalismus sieht bereits seinen Ausweg ans der Krise: den Krieg.

Was dieser Krieg bedeutet, weiss heute jedes Kind. Er bedeutet den Rückfall in die Barbarei. Für die Organisierung des Kampfes gegen den Krieg ist kein Augenblick mehr zu verlieren. Diesen Kampf dort zu führen, wo der Krieg vorbereitet wird: auf ökonomischein Gebiet, in allen Betrieben und Werkstätten, das ist die Aufgabe der klassenbewussten Arbeiterschaft, die den Krieg nicht will. Das wird auch die beste Antwort sein an die Abrüstungsdemagogie des parlamentarischen Sozialismus und des imperialistischen Völkerbundes. Nur dort, und mit den Waffen der direkten ökonomischen Aktion ist der Faschismus zu schlagen. Nur dort kann der Krieg bekämpft werden, weil der Krieg nur verhindert werden kann durch die Vernichtung des heutigen Systems, das ihn vorbereitet und ihn nicht umgehen kann. Die Arbeiterklasse hat keine andere Wahl: Weltfaschismus und Weltkrieg oder soziale Umwälzung. Die Arbeiterklasse hat zu wählen: Vernichtung des Kapitalismus und jeder Unterdrückung oder noch einmal Millionen Tote. Ein Drittes gibt es nicht. Und viel Zeit ist nicht mehr. Die Lawine ist bereits im Rollen.

Das ist die warnende Lehre von Genf und von Schanghai.

Artur Müller Lehning.





Der holländische Antimilitarismus

Nur der herbste, zäheste Barbarismus der Vorzeit, der Krieg, bleibt noch dem uns angeborenen Antibarbarus zuletzt zu überwinden übrig. (Jean Paul.)

Im Gegensatz zu anderen Ländern hat die anti-militaristische Bewegung in Holland einen ausgesprochen revolutionären Charakter. Am Nie-wieder-Krieg-Tag war denn auch keine bürgerliche Organisation beteiligt. Das ist erklärlich, wenn man in Betracht zieht, dass die Revolutionäre schon im Weltkrieg angefangen hatten den 1. August für ihre antimilitaristische Propaganda zu benutzen. Dadurch bekam dieser Tag zugleich einen antikapitalistisch Charakter. Das geht schon daraus deutlich hervor, dass die erste Auflage einer Broschüre "Krieg oder Revolution" die Wiedergabe einer Rede, die der holländische Anarchist B. de Ligt am 1. August 1920 im Haag, gehalten hatte, von der Polizei beschlagnahmt und die Kolporteure verhaftet wurden. Eine zweite Auflage erschien unter dem Titel "Der kommende Krieg,". Nach einem Jahr erschien eine dritte Auflage, die dreimal so gross war wie die ursprüngliche. Der besondere Charakter der holländischen antimilitaristischen Bewegung hängt eng mit der geschichtlichen Entwicklung zusammen. Es ist hier kurz auf folgende Faktoren hinzuweisen:

a) Im neunzehnten Jahrhundert blieb Holland ausserhalb der grossen Weltkonflikte. Es fühlte sich nicht bedroht und hatte also auch kaum das Bedürfnis, sich zu verteidigen. Dabei war Holland ein Land, dessen ökonomische Bedeutung ganz in Handel und Schiffahrt lag; im besonderen im Durchfuhrhandel. Seine Kolonien waren zu gross für das eigene Land und bildeten ein gesuchtes Absatzgebiet für andere Länder. Es hatte also das grösste Interesse an einem Weltfrieden.

b) Die geschichtliche Entwicklung des holländischen Volkes wirkte dabei mit: es herrschte dort eine kleinbürgerliche individualistische Tradition (es ist eine der ältesten Demokratien) mit einer starken Antipathie gegen jede Art Unterordnung.

c) Die relative Unabhängigkeit und Selbständigkeit des holländischen Kleinbürgers äusserte sich in einem religiösen Individualismus und einem gemeinschaftlichen Kampf von kleinen Bauern und Bürgern gegen grosse Besitzer. Sekten mit religiös-demokratischer und religiös-sozialistischer Tendenz wurden hervorgerufen. Die religiös-sozialistische Bewegung in Holland ist einzigartig und von einer Bedeutung in der sozialistischen Bewegung, wie in keinem anderen Lande.

d) Die sozialistische Bewegung zählte im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts einen grossen Prozentsatz von Freien, Libertären und Anarchisten. Die antimilitaristischen Aufrufe von Tolstoi fanden denn auch schon vor 1900 in Holland Wiederklang. Seitdem arbeitet eine Richtung im Geiste Tolstois kräftig weiter.

e) Aus diesen verschiedenen Motiven konzentrierte sich die antimilitaristische Tendenz des modernen Sozialismus in der holländischen Bewegung. 1904 fand - mit Domela Nieuwenhuis - der erste antimilitaristische Kongress in Amsterdam statt 1907 der zweite. Bereits diese Kongresse trugen einen absolut anti-kapitalistischen Charakter, so dass Antimilitarismus an sich schon revolutionärer Antimilitarismus bedeutet. (Anders wie in England bedeutet Pazifismus in Holland: "bürgerlicher Antimilitarismus").

Die I.A.M.V. (Internationale antimilitaristische Vereinigung), 1904 gegründet, bleibt nur in Holland bestehen. Und kämpft konsequent weiter gegen die Militärpflicht, gegen den freiwilligen Dienst bei der kolonialen Armee und gegen die Flottenpolitik der Regierung.

1914 bereitet die I.A.M.V. einen Weltkongress vor, der infolge des inzwischen ausgebrochenen Krieges nicht stattfinden kann. 1917 wird von neuem versucht, die abgebrochenen internationalen Beziehungen wieder anzuknüpfen. Bis zu seinem Tode arbeitet Domela Nieuwenhuis noch mit an dem Zustandekommen des Kongresses, der dann schliesslich Ostern 1921 im Haag stattfindet und wo ein Internationales Büro "gegen Krieg und Reaktion" gegründet wird. 1) Das Büro ist zusammengesetzt aus revolutionär-antimilitaristischen Organisationen und hat den Zweck, den Militarismus international zu bekämpfen, um die Unterdrückung der Arbeiterklasse und den Krieg unmöglich zu machen." 2)

Die religiös-sozialistische Bewegung konzentrierte sich 1914 noch in dem 1907 gegründeten Bund der Christen-Sozialisten, der ursprünglich von orthodox-christlichen Grundsätzen ausging, dann aber seit 1. Mai 1910, als der Pfarrer A. R. de Jong, Pfarrer de Ligt, Pfarrer Kruyt und Frau Truus Kruyt-Hoogerzeil sich dem Bund angeschlossen hatten, einen freieren religiösen Standpunkt einnahm und anfing, die Bedeutung von Marx, vom wissenschaftlichen Sozialismus, mehr und mehr anzuerkennen. Indem sie zurückgriffen auf die israelitischen Propheten, auf die evangelische Tradition, die sozialistische Tendenz der Kirchenväter, die revolutionären Sekten im Mittelalter und über die deutsche Geschichtsphilosophie dieses alles verbanden mit der Soziologie von Marx, wurde ihnen der Sozialismus eine Kulturfrage. Und indem sie sich abwandten von der fast nur noch materialistisch orientierten Sozialdemokratie, fanden sie im Christen-Sozialismus ihre eigene Aufgabe. Hier zeigte sich "die Einheit von Utopie und Wissenschaft, und beide kamen prinzipiell zu ihrem Recht." -

De Ligt, A. R. de Jong und Truus Kruyt-Hoogerzeil bildeten dann die Redaktion des Organs "Opwaarts", an dem später auch Dr. jur. Clara Wichmann mitarbeitete. Sie war, noch sehr jung, in der holländischen Frauenbewegung hervorgetreten. Ihre Dissertation über das Strafrecht und weitere juristische Arbeiten hatten ihr wissenschaftliche Anerkennung geschaffen. Sie war die Sekretärin und die Seele des "Komitees zur Bekämpfung der herrschenden Auffassung, über Verbrechen und Strafe". 3) Unter dem Einfluss des Weltkrieges wendet sie sich völlig dem Sozialismus zu. Im Sozialismus findet sie den letzten Sinn ihres Lebens und wird dank ihrer juristischen, soziologischen und philosophischen Studien (besonders der deutschen Philosophie und Hegels) eine der hervorragendsten Theoretiker des Wissenschaftlichen Sozialismus. - Sie vertritt die anarchistischen Ideen und kämpft konsequent für den revolutionären Antimilitarismus. -

In ihrer Propaganda legte sie immer wieder das Hauptgewicht auf das positive, bindende, konstruktive Element der Revolution. Der sozialistische Kampf war ihr vor allem: Befreiung der menschlichen Persönlichkeit. In einer scharfen Analyse legte sie mehrere Male den Nachdruck auf die Bedeutung der Kampfmittel: auf die unlösliche Verbindung von Mittel und Zweck. -

So war auch ihr Leben eines der edelsten Beispiele, von der Verwirklichung der Ideen in der Tat. Nachdem sie ein Jahr mit dem Anarchisten J. B. Meyer verheiratet gewesen war, starb sie plötzlich dieses Jahr, erst 36 Jahre alt. Die internationale sozialistische Bewegung wird kaum jemals erfahren, was sie in ihr verloren hat. Nur die holländischen Kameraden, denen sie durch ihre ganze Persönlichkeit, ihre tiefe Menschlichkeit - so sehr nahe war, wissen, wie unermesslich schwer der Schlag ist, der die anarchistische und weit darüber hinaus die sozialistische Bewegung getroffen hat.

Bei Kriegsausbruch schreiben Kruyt und de Ligt, die später beide aus der Kirche austraten, im "Opwaarts" einen Artikel, der später als Manifest verbreitet und von der Polizei beschlagnahmt wird: Die Schuld der Kirche, in dem sie diejenigen, die die Führung in der Kirche hatten, verantwortlich machten, weil sie das "Jeder für sich" und den Mammondienst sanktionierten und weil die Kirche als ganzes sich an die Seite der Imperialisten gestellt hat. Pfarrer de Jong wird wegen einer Rede, in der er u. a. sagte, dass der moderne Mensch sittlich nicht mehr imstande ist, Krieg zu führen, aus dem Gebiet der dritten Armeedivision verbannt. Ebenso wird de Ligt wegen einer Predigt von der militärischen Behörde aus fünf Provinzen - bis zum 1. Mai 1920 - verbannt. - Nachdem der Bund der Christen-Sozialisten sich bereits früher für Gewissensfreiheit auch hinsichtlich des Kriegsdienstes prinzipiell eingesetzt hatte, wenden 44 Theologen sich in einem Manifest an die Regierung, in dem sie diese Gewissensfreiheit für alle diejenigen fordern, die unüberbrückbare Gewissensbedenken hätten gegen die Anwendung der Waffengewalt. Inzwischen geht der Bund der Christen-Sozialisten weiter und führt einen grundsätzlichen Kampf gegen den Militarismus.

"Man richte sich also nicht" - schreibt de Ligt - "mit dem sozialdemokratischen 'Volk' und dem bürgerlichen 'Telegraph'" - (die, die militaristische Gefahr nur in Preussen sahen -) "hauptsächlich gegen Deutschland. Man rüste sich zum Kampf gegen die international akzeptierten militaristischen und imperialistischen Grundsätze, allererst im eigenen Land, im eigenen Kreis im eigenen Herzen."

Inzwischen hatten die Christen-Sozialisten engeren Kontakt bekommen mit den Neo-Marxisten (den späteren Kommunisten), die entgegen der mechanistischen Auffassung der Sozialdemokratie den Standpunkt vertraten, dass mit Einsicht noch nicht alles gewonnen sei und eine neue Gesinnung und Opferwilligkeit Not tue und geweckt werden solle, während die Christen-Sozialisten mehr und mehr sich auf die gesellschaftliche Entwicklung einstellten. "Die Sozialdemokratie hat weder die Arbeiterköpfe aufgeklärt, noch die Arbeiterherzen geheiligt".

Und so wenden sich die Christen-Sozialisten eben so sehr gegen die offizielle Sozialdemokratie, wie gegen die offizielle Kirche.

Im Sommer 1915 erscheint das "Dienstverweigerungsmanifest", in dem es u.a. heisst: " . . . . wir sehen in der Dienstverweigerung eines der Mittel, wodurch der Militarismus vernichtet werden wird, und wobei die persönliche Dienstverweigerung einen grossen sittlichen Wert hat, auch um die Massendienstverweigerung zu erreichen, den Militarismus international zu bekämpfen und die Unterdrückung der Arbeiterklasse und den Krieg unmöglich zu machen." Dieses Manifest, an dem Christen-Sozialisten, Christen-Anarchisten und Kommunisten zusammen mitarbeiten, wird in Zehntausenden von Exemplaren verbreitet und ruft Grosse Bewegungen im Lande hervor. Die Verfasser werden verfolgt. -

So sehen wir also während des Krieges die antimilitaristische Aktion einerseits in der I.A.M.V., die sich hauptsächlich an die Gewerkschaftsbewegung wandte und die Massenaktion propagierte, andererseits in der Dienstverweigerungsbewegung, die sich auf Gewissensgründe stützte. Mehr und mehr vereinigten sich dann diese beiden Richtungen und häufiger und schärfer werden die Konflikte mit der Regierung. Hunderte von Dienstverweigerern wurden und werden mit Gefängnis bestraft. Und in Verbindung mit der Lage Hollands werden die Konflikte stets schwieriger. De Ligt hat, als er Oktober 1921 in der Friedensgesellschaft in Berlin hierüber sprach, darauf hingewiesen, wie sich der Schwerpunkt des Weltkonflikts von dem Atlantischen nach dem Stillen Ozean verschoben hat und demzufolge Holland in den Kreis der kommenden Konflikte einbezogen ist. Durch die Verpachtung von Djambi - den reichsten indischen Petroleumfeldern - an die Royal-Dutch-Shell-Gruppe, d.h. also an den englischen Imperialismus, hat Holland bereits seine wirtschaftlichen Interessen mit den Unausbleibbaren kommenden politischen Konflikten verquickt. - Schon zeigt die holländische Regierung grosse Neigung, die Kolonien zu verteidigen und zeigt offensichtlich mehr und mehr ihren defensiv-imperialistischen Charakter.

"Wir bleiben einbezogen", so schreibt de Ligt über Djambi, 4) "in eine internationale Frage, die nur durch eine internationale Aktion gelöst werden kann. Alle, die weder Militarismus noch Kapitalismus wollen, haben sich gegen ihre eigene Regierung in einem ruhelosen, revolutionären, d. h. einem welt- und lebenerneuernden Kampf zu wenden. Die alte Losung: Indien los von Holland! sei von neuem kundgetan, und zwar in dem Sinne, dass die Inder sich dem holländischen Imperialismus entziehen sollen, und wir hier in Verbindung mit den Revolutionären aller Länder die holländischen Machthaber hindern sollen, im besonderen, wo es Ausbeutung und Militarismus betrifft. Weiter: tun, was wir können, um national und international die öffentliche Meinung zu wecken und revolutionäre Taten hervorzurufen, Predigen von Dienstverweigerung; ruheloses Eifern für absoluten Streik aller Kriegsmittelproduktion - in Wort und Tat. Der Geist der Auflehnung im Volke muss gestärkt werden; die Macht der Herrscher und Kriegsausbrüter zerbrochen werden. Und sollte dem kommenden Weltkrieg, durch prinzipielle gesellschaftliche Umwälzung nicht mehr vorzubeugen sein, so lasst uns, Kameraden, international wenigstens dafür Sorge tragen, dass wir im Stande sein werden, den Weltkrieg in Weltrevolution zu wenden. Krieg oder Revolution: Welterneuerung oder Weltzerstörung, wenn es sein muss, durch Zerstörung hindurch, das ist der Sinn der Zukunft aufs Neue zusammengefasst''

Dass Holland bei der - trotz allem - inzwischen enorm fortschreitenden internationalen Bewaffnung nicht zurückbleibt, geht wohl genügend aus seinem, geradezu wahnsinnigen Flottenplan von 300 Millionen Gulden, und sofortige Ausgabe von 100 Millionen Gulden für Kanonen, hervor. (Siehe "Syndikalist" No.41, Aufruf des I.A.M.B.)

Vor einiger Zeit besuchte der englische Antimilitarist Fenner-Brockway, der während des Krieges zwei und ein halb Jahr, wegen Dienstverweigerung gefangen war, mit seiner Frau, die während des Krieges die, Initiative zum "No conscription Fellowship" (Gegner des Pflicht-Kriegsdienstes) ergriffen hatten, Holland. Sie konferierten mit verschiedenen Vertretern der antimilitaristischen Bewegung, im besonderen mit dem Internationalen Antimilitaristischen Büro, und gewannen den Eindruck, dass der Antimilitarismus in Holland stärker und weniger kompromissschliessend sei, als irgendwo anders. 5) Aus allem diesem ist es erklärlich, dass an dem Nie-wieder-Krieg-Tag in Holland sich keine einzige bürgerliche Organisation beteiligte.

Die grosse Demonstration am 31. Juli hatte sich in Amsterdam konzentriert. Es nahmen fast 10.000 Menschen daran teil, eine sehr grosse Zahl, wenn man bedenkt, dass die Demonstration in London nicht mehr Menschen zählte. Man demonstrierte mit der Parole: "Verweigert jeden Kriegsdienst", "Verweigert Produktion von Kriegsmaterial", "Macht nicht mehr mit" - Von den beteiligten Organisationen sind zu nennen. die I.A.M.V.; die syndikalistische Gewerkschaftsorganisation; der Bund der religiös-ananarchistischen Kommunisten; die Jugendorganisation der Mehrheitssozialisten, die sich geweigert hatte, an der Bewegung teilzunehmen; die Kommunistische Partei.

Obgleich die Kommunisten in London sich dem Umzug angeschlossen hatten, unter der Devise: "Wir unterstützen diese Demonstration nicht, es ist Humbug!", beteiligte die Kommunistische Partei Hollands sich an der Demonstration, was scharfe Proteste innerhalb der beteiligten Organisationen hervorrief. Es ist jedoch eine loyale Zusammenarbeit mit den Kommunisten möglich. Es gibt eine Basis, auf der man mit den Kommunisten sehr gut unter einer Losung gegen den drohenden imperialistischen Weltkrieg demonstrieren kann. Das Inkorrekte und Illoyale in diesem Falle, lag darin, dass die Kommunisten die Demonstration mitmachten unter der Parole. "Verweigert jeden Krigsdienst".-

Von den verschiedensten Aufschriften der Schilder, die in dem grossen Umzug mitgetragen wurden, seien noch genannt: "Nie wieder Krieg, kein Brudermord"; "Jesus war gewaltlos"; "Mütter, lasst Eure Söhne den Dienst verweigern"; "Polizeigewalt ist auch Gewalt"; "Die Liebe Christus zwingt uns"; "Krieg macht die Armen ärmer"; "Die Revolution bringt Erlösung". -

Ansprachen wurden gehalten von Lansink (Syndikalist), Pfarrer Schermerhorn (I.A.M.V.), Kees Boeke (Absolutist), Brommert (K.P.).

Ausser in Amsterdam wurde eine Demonstration im Norden von Holland, in Groningen, gehalten, wo der Anarchist J. B. Meyer sprach. - Einige Tage später fand auch in Utrecht eine Nie-wieder-Krieg-Versammlung statt, mit dem Engländer A. Fenner-Brockway. -

Der Nie-wieder-Krieg-Tag in Holland zeigte, aufs neue, dass der Antimilitarismus in breiten Schichten des holländischen Volkes verwurzelt ist. - Und dass der Kampf gegen Krieg und Militarismus einen revolutionären Kampf bedeutet für eine prinzipielle Umgestaltung der Gesellschaft.

In der persönlichen Dienstverweigerung und Einstellung der Kriegsproduktion finden wir die Verwirklichung von Ruskin's Wort, dass man gute Arbeit tun soll, es sei denn, dass man lebe oder sterbe. Konsequenter Antimilitarismus (auch gegen den passiven psychischen Militarismus, der besonders hier in Deutschland noch stark vertreten ist) findet seine "Resoltitions-Aufgabe" nicht in einer politischen Konjunktur. Es ist die Revolution in Permanenz.

Arthur Müller.


1) Siehe auch die Artikel über die Vorgeschichte und das Werk des I.A.M.B. in "Le Libertaire" No. 140 (4te année). u.

folgende.

2) "Bericht über den I.A.M. Kongress im Haag 1921." Deutsche Ausgabe. Verlag Fritz Kater, Berlin.

3) Siehe: Dr. jur. Clara Meyer,Wichmann: "Die Grausamkeit der herrschenden Auffassung über Verbrechen und Strafe."

(Verlag "Der Freie Arbeiter". Berlin O., Bödikerstr. 30, und: "Verbrechen, Strafe und Gesellschaft". Verlag "Der Syndikalist". Fritz Kater.)

4) B. de Ligt: "Djambi im Lichte der Weltpolitik"

5) Siehe "Labor header" 24 august 1922.





Sozialdemokratie und Krieg


I

Die bürgerliche und sozialistische Welt feiert ihr Jubiläum des Ausbruchs des "Ersten" Weltkriegs, Nach zehn Jahren ist die Frage berechtigt: Wo stehen wir? Auch vor 1914 organisierte man Friedens-Kongresse sowohl im Haag als in Basel. Auch vor 1914 erklärten viele - vom Zar bis Kautsky - den Frieden zu wollen. Trotzdem brach der Krieg aus. Dieser Ausbruch - erklärte Kautsky - "bedeutet nicht einen Bankrott, sondern eine Bestätigung unserer theoretischen Anschauungen. Wir haben nichts zu bereuen, nichts zu revidieren. Wir fühlen uns in den Anschauungen entschieden bekräftigt, die wir bis zum Kriege vertraten." 1) Die Anschauungen, die bestätigt wurden, und für die man heute auch noch eintritt, können wie folgt zusammengefasst werden:

I. Die Ursachen des Krieges liegen im kapitalistischen gesellschaftlichen System;

II. Der Krieg widerspricht allen Interessen des Proletariats;

III. Der zunehmende Einfluss auf die Regierung - der kapitalistischen Staaten -ist das hauptsächlichste Mittel, die Kriegsgefahr zu bekämpfen.

Verschiedenes wurde auch nicht bestätigt, so z.B. dass das "organisierte sozialistische Proletariat aller Länder der einzig zuverlässige Bürge für den Frieden der Welt" sein würde, 2) Ferner bewies die letzte Zeit, dass auch sogenannte sozialistische Regierungen - die ja auch nur kapitalistische, resp. staatskapitalistische Interessen vertreten - nicht im mindesten die Kriegsgefahr verringern. Da das kapitalistische System noch nicht beseitigt ist, muss man nach diesen marxistischen Anschauungen - mit Recht - mit weiteren Weltkriegen rechnen. Diese Anschauung wird übrigens durch die Tatsachen der internationalen Politik täglich bestätigt. Man weiss, wie seit Versailles sowohl die Konflikte, wie die Bewaffnungen, die unabwendbar zu einem neuen Kriege führen, unaufhaltsam zunehmen. Man weiss, mit welchen irrsinnigen, chemischen und technischen, barbarischen Vernichtungsmitteln die ganze Menschheit bedroht wird. Dies wird alles von bürgerlicher Seite bestätigt. Ich führe es hier nicht weiter aus.

Es ist nicht zu verwundern, dass man erklärt, was wir erlebt haben - und was wir bald erleben werden, wird sich in technischer Hinsicht zu dem Weltkrieg verhalten wie dieser zu 1870 -, darf sich niemals wiederholen. Aber auch vor dem Kriege erklärte man, dass das, was geschehen ist, niemals hätte geschehen dürfen.

Die "internationale revolutionäre Sozialdemokratie", die Sozialdemokratie aller Länder hat nichts gelernt, hat nichts zu bereuen und nichts zu revidieren. Das ist richtig. Zeigte es sich, dass die Friedensresolutionen vor dem Kriege Phrase waren, so sind die heutigen Erklärungen, dass das, was geschehen ist, sich nicht wiederholen darf, ohne weiteres Betrug. Bei jedem Protest gegen Krieg und Militarismus, bei jeder Friedensresolution stelle man die Frage: Was werdet ihr tun, wenn morgen der Krieg ausbricht? Der Beantwortung dieser Frage ist man - bis 1914! - ausgewichen. Man weicht ihr aufs neue aus!

Eigentlich hat Kautsky die Antwort auch schon gegeben: Man hat nichts zu revidieren. Der internationale Sozialismus war nicht bankrott; versagte nicht; es war - in der Tat - eine Bestätigung. Eine Bestätigung der ganzen sozialdemokratischen Taktik. Es war, wenn man will, eine Demaskierung. Es war eine Bestätigung von allem, was seit Jahrzehnten von anarchistischer Seite prophezeit wurde.

So wie der Krieg das Wesen des Kapitalismus vollkommen offenbarte, alles, was im Frieden schon latent vorhanden war, scharf beleuchtete und auf grausame Weise zur Entfaltung brachte (und wie der Friede wieder eine Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln war), so kam auch der wahre Charakter von dem, was Sozialismus hiess, durch den Krieg und nach dem Kriege ans Licht. Auch der Sozialismus musste Farbe bekennen, es halfen hier kein Programm und keine Resolutionen. Und er zeigte sein wahres Gesicht. Der sogenannte "Verrat" folgte von selbst aus seinem ganzen Charakter, aus seiner Ideologie, aus seiner Taktik. Es war eine unumgängliche Konsequenz.

Wir werden im folgenden kurz der Frage des Militarismus in der Arbeiterbewegung des letzten halben Jahrhunderts nachgehen und feststellen, dass diese Frage zusammenhängt mit und bestimmt wird durch die Kampfmethoden der ökonomischen Emanzipation des Proletariats überhaupt. Es war die ganze Ideologie und Taktik dieser sozialdemokratischen, marxistischen Kampfmethoden, deren Bankrott beim Ausbruch des Krieges bestätigt wurde und seitdem in steigendem Masse bestätigt wird.

Die 1864 gegründete Erste Internationale war der erste grosse Versuch, die Arbeiter aller Länder unter der Fahne des Klassenkampfes zu vereinigen und die Arbeit von der Sklaverei zu befreien. Ihre Losung war, dass "die Befreiung der Arbeiter das Werk der Arbeiter selbst sein muss". Zu ihrer wichtigsten Waffe erklärte sie die "ökonomische Solidarität". Unter der "Emanzipation der Arbeiterklasse", die sie erstrebte, verstand sie die ökonomische Gleichheit, ohne die jede politische Freiheit nur trügerischer Schein ist, und sie erklärte, dass diese Befreiung kein nationales, sondern ein internationales Problem sei. Sie rief deshalb die Arbeiter auf zum internationalen Kampf und zur internationalen Solidarität. Und in Uebereinstimmung mit Marx' Worten aus seinem "Kommunistischen Manifest" von 1848, sollten die Arbeiter von diesem Augenblick an kein anderes Vaterland mehr haben als die grosse Föderation der Arbeiter der ganzen Welt. - Es ist ohne weiteres klar, dass hieraus ein Antikriegsstandpunkt hervorgeht, der sich sehr unterscheidet von der Haltung der heutigen vaterlandsliebenden Sozialisten. In der Internationale wurde die Kriegsfrage ausführlich besprochen, um so mehr, als durch das Luxemburger Problem diese Frage wieder brennend wurde.

Verschiedene Sektionen der Internationale protestierten gegen den drohenden Krieg. So rief z.B. die Sektion Locle - 28. April 1867 auf, "zu protestieren gegen einen Kampf, der nicht anders als katastrophal sein kann für die Arbeit und für die Freiheit. Heute ist jeder Krieg zwischen europäischen Völkern nicht mehr ein nationaler Krieg, sondern ein Bürgerkrieg". Wir werden sehen, wie Marx seine von ihm selbst formulierten Grundsätze bald verleugnete. So schreibt er höhnend an Engels am 7. Juni 1866:

"Die Proudhonclique unter den Studenten in Paris predigt den Frieden, erklärt den Krieg für veraltet, Nationalitäten für Unsinn, attackiert Bismarck und Garibaldi" und am 20. Juni: "Uebrigens rückten die Repräsentanten der "jeune France" damit heraus, dass alle Nationalitäten und Nationen selbst veraltete Vorurteile sind. Proudhonnisierter Stirnerianismus; alles Auflösen in kleine Gruppen oder Kommunen, die wieder einen "Verein" bilden, aber keinen Staat. 3)

1867 fand der zweite Kongress der Internationale in Lausanne statt. Man fasste eine Resolution, in der es hiess, dass nur eine neue soziale Ordnung, die in der Gesellschaft nicht mehr zwei Klassen kennt, von denen die eine durch die andere ausgebeutet wird, den Frieden sichern kann. Indem man den Frieden als erste Bedingung stellt und die Aufhebung der Ausbeutung als eine Folge davon ansieht, zäumt man das Pferd am Schwanz auf, bemerkte de Paepe. Man fasste eine Resolution, die aufs neue feststellte, "dass, um zur Aufhebung des Krieges zu kommen, es nicht genügt, die Heere nach Hause zu schicken, sondern dass man ausserdem die soziale Organisation ändern muss..." 4). Diese Resolution wurde von einer Delegation, u. a. von Guillaume, dem Friedenskongress vorgelegt, der kurz darauf in Genf tagte. Dieser Kongress war von den damaligen republikanischen radikal-demokratischen Elementen in Europa einberufen worden. Auch waren 26 Delegierte des Lausanner Kongresses anwesend, die den Kongress in revolutionär antimilitaristischer Richtung zu beeinflussen hofften. Dupont, der Delegierte der Internationale von London, setzte den Kriegsstandpunkt der Internationale auseinander und kehrte sich scharf gegen allen bürgerlichen Pazifismus:

"Glaubt man denn, dass, wenn die stehenden Heere aufgelöst und durch Volksheere ersetzt sein werden, wir den dauernden Frieden haben werden? Nein! Um den Frieden zu sichern, muss man alle Gesetze abschaffen, die die Arbeit unterdrücken und aus allen Bürgern eine einzige Klasse von Arbeitern machen. In einem Wort: Man muss die soziale Revolution akzeptieren in all ihren Konsequenzen." 5)

Erfuhr diese Auffassung einen starken Widerstand der bürgerlichen Elemente dieses Kongresses, der Rede Bakunins, die das Uebel an der Wurzel angriff, erging es nicht besser. Seine Rede, in der er den Staat als Kriegsursache bekämpfte, war wohl das Konsequenteste und gehört zu dem Besten, was in dieser Zeit gegen den Krieg geschrieben oder gesprochen worden ist. Bakunin war von Neapel nach Genf gekommen, wo er eine günstige Gelegenheit zur Propaganda für seine Ideen zu finden hoffte. Seit einigen Jahren hatte er revolutionäre Elemente um sich versammelt, bekannt unter dem Namen der "Fraternité internationale". Dieser Bund beruhte hauptsächlich auf den persönlichen Verbindungen seiner Mitglieder. Sein Programm war atheistisch, sozialistisch und föderalistisch (gegen den Staat gerichtet). In der "Liga für Friede und Freiheit" hoffte er mit diesem Programm durchzudringen, aber beim folgenden Kongress 1868 in Bern sah er ein, dass von den bürgerlichen Pazifisten nichts zu erwarten war. Die Geschichte der Liga war in gewissem Sinne die Geschichte des Kampfes zwischen der Mehrheit der liberalen und radikalen Bourgeoisie und der Minderheit der revolutionären Sozialisten. Bakunin und seine Freunde trennten sich von der Liga, und Bakunin rief seine Freunde auf, Mitglied der Internationale zu werden. Man gründete die "Internationale Alliance der sozialen Demokratie" (womit Bakunin, der sich schon eher der Internationale angeschlossen hatte, nicht einverstanden war), die sich der Internationale anschloss und deren Statuten annahm.

Bakunins Rede in Genf enthielt im Keim alle Ideen, die er seit 1868 in der Internationale propagierte.

"Wer die Freiheit lieb hat - führte er aus - und diese wünscht, muss begreifen, dass sie nur durch eine freie Föderation von Provinzen und Völkern, d.h. durch die Vernichtung des Reiches, verwirklicht werden kann. Sonst ist die Freiheit der Provinzen und Gemeinden ein leeres Wort. Es gibt keine Freiheit und keinen Frieden, solange der Staat nicht vernichtet ist. Jeder zentralisierte Staat, sogar mit einer liberalen oder republikanischen Staatsform, ist ein Unterdrücker, ein Ausbeuter der arbeitenden Volksmassen zugunsten der privilegierten Klasse. Er braucht ein Heer, um diese Massen zu beherrschen. Es kann deshalb kein Friede sein, solange nicht jede Nation, gross oder klein, jede Provinz, Gemeinde das absolute Recht hat, sich frei und autonom zu regieren. Solange die heutigen Staaten existieren, ist der allgemeine Friede unmöglich. Wir müssen also ihre Auflösung wünschen, damit auf der Ruine dieser forzierten Einheiten, die von oben her durch Despotismus und Eroberung organisiert sind, freie Einheiten, von unten auf organisiert, sich als freie Föderationen von Gemeinde zu Provinz, von Provinz zu Nation und von Nation zu den Vereinigten Staaten von Europa entwickeln können." 6)

Borkheim, der Freund von Marx - und auf dessen Veranlassung erklärte dagegen, um den Frieden in Europa zu sichern, müsste man den Krieg an Russland erklären! Wir werden sehen, wie dieses russische Phantom durch Marx und die deutsche Sozialdemokratie in dem folgenden halben Jahrhundert - bis zur ersten Augustwoche 1914 - stets wieder als Vorwand benutzt wurde, um ihre militaristische und imperialistische Politik zu verteidigen.

"Muss man nicht lachen - bemerkte Domela Nieuwenhuis 1893 in Zürich bei der Verteidigung der holländischen Resolution -, wenn man Russland den Hort der Grausamkeit und Barbarei nennt. Als wenn Deutschland ein Hort der Bildung und Sanftmut wäre! Frankreich könne ebenso gegen Deutschland diesen Vorwurf erheben, denn Frankreich sei eine Republik. Wo soll aber das Ende sein, wenn die Sozialisten gegen andere Nationen solche Vorwürfe erheben?"

Auf dem dritten Kongress der Ersten Internationale 1868 in Brüssel hatte man hinsichtlich der Kriegsfrage seine Haltung genau bestimmt. Es fand eine ausführliche Diskussion statt, an der sich besonders Cäsar de Paepe beteiligte.

"Man erwartet von uns - so führte er aus -, die den Krieg als ein selbstverständliches Uebel betrachten, dass wir ausser unseren ewigen Protesten etwas tun werden, ihn zu beseitigen. Dazu gibt es zwei Wege: Erstens ihn direkt anzugreifen: durch die Militärdienstverweigerung, oder, was dasselbe ist, die allgemeine Arbeitseinstellung, da die Armeen Proviant brauchen. Der zweite Weg ist kein direkter, denn er führt durch die Lösung der sozialen Frage zum Verschwinden des Krieges selbst: das ist der Weg, dem die Internationale durch ihre Entwicklung vorbestimmt ist, zum Siege zu verhelfen. Bei dem ersten muss man immer aufs neue anfangen. Nur der zweite greift das Uebel an der Wurzel an. Man hat die Ursache des Krieges einzelnen zuschreiben wollen. Das ist ein Irrtum: die Könige, Kaiser sind nur Nebensache, Werkzeuge. Die einzig wahre Ursache des Krieges ist in unseren sozialen Einrichtungen gelegen." 7)

In diesem Geist wurde mit Stimmenmehrheit eine Resolution angenommen:

Die wichtigsten permanenten Ursachen des Krieges sind ökonomische Faktoren, aber nicht weniger ist eine Nebenursache die Willkür, "die eine Folge der Zentralisation und des Despotismus ist". Schon jetzt können die Völker die Zahl der Kriege verringern dadurch, dass sie sich gegen diejenigen kehren, die sie machen oder sie erklären. Den arbeitenden Klassen steht ein wirksames und realisierbares Mittel zur Verfügung, dieses zu verwirklichen. Da die Gesellschaft in der Tat nicht leben könnte, wenn die Produktion eine zeitlang aussetzt, brauchen die Produzenten deshalb nur die Arbeit einzustellen, um das Unternehmen der despotischen Regierung unmöglich zu machen. Sie endete wie folgt:

"Der Kongress der Internationalen Arbeiter-Association in Brüssel protestiert aufs energischste gegen den Krieg.

Er lädt alle Sektionen der Association in den verschiedenen Ländern sowie alle Arbeitervereine und Arbeiterorganisationen ohne Unterschied ein, mit der grössten Aktivität dahin zu wirken, einen Krieg von Volk zu Volk zu verhindern, der heute, weil unter Produzenten - also Brüdern und Bürgern - geführt, nicht anders als ein Bürgerkrieg anzusehen wäre.

Der Kongress empfiehlt den Arbeitern besonders die Niederlegung der Arbeit für den Fall des Ausbruches des Krieges in ihrem Lande." 8)

Marx, der auf den Kongressen niemals selbst anwesend war, schrieb sofort danach an Engels über den "belgischen Unsinn", gegen den Krieg zu streiken. Die deutsche Sozialdemokratie und die von ihr beherrschte Zweite Internationale würde auch in dieser Hinsicht ihrem grossen Meister folgen und nach einem Wort von Auer den Generalstreik - überhaupt - für Generalblödsinn erklären. Als zwei Jahre später - 1870 - der seit langem drohende Krieg zwischen Frankreich und Deutschland ausbrach, erklärte Marx im Namen des Generalrats der Internationale:

"Von deutscher Seite ist der Krieg ein Verteidigungskrieg." Er rechtfertigte damit den Krieg von deutscher Seite, im Widerspruch mit seinen Worten aus dem Kommunistischen Manifest, dass man den Arbeitern nicht nehmen kann, was sie nicht besitzen, und in vollkommenem Widerspruch mit den Entschlüssen von Brüssel, dass jeder Krieg zu verwerfen sei, da dieser nichts anderes als ein Bruderkrieg sein könne.

Mit der Prägung des Wortes "Verteidigungskrieg" wurde jeder konsequenten Kriegsbekämpfung der Boden entzogen. Seitdem wurde und wird denn auch von marxistischer Seite jeder konsequente antimilitaristische Kampf sabotiert und jede imperialistische Politik verteidigt! Diese Erklärung von Marx ist begreiflich, wenn man weiss, dass er den Sieg von Preussen-Deutschland wünschte. Ein Sieg von Bismarck war ihm ein Sieg seines preussischen Staatssozialismus. Die Gründung des deutschen Staates - wenn auch eines imperialistischen - würde der erste Schritt auf dem Wege zum Volksstaat sein. "Bismarck tut jetzt ein Stück von unserer Arbeit", so schrieb Marx an Engels am 15. August - und am 20. Juli:

"Die Franzosen brauchen Prügel. Siegen die Preussen, so ist die Zentralisation der Staatsgewalt der Zentralisation der deutschen Arbeiterklasse nützlich. Das deutsche Uebergewicht wird ferner den Schwerpunkt der westeuropäischen Arbeiterbewegung von Frankreich nach Deutschland verlegen ... Ihr Uebergewicht (der deutschen Arbeiterklasse) auf dem Welttheater über die französische wäre zugleich das Uebergewicht unserer Theorie über die Proudhons usw." 9)

Die Loblieder über die Verbrüderung der Arbeiter, die Marx in seiner Adresse des Generalrats vom 23. Juli 1870 anstimmte, hatten also nur einen mehr oder weniger platonischen Charakter:

"Während das offizielle Frankreich und das offizielle Deutschland sich in einen brudermörderischen Kampf stürzen, senden die Arbeiter einander Botschaften des Friedens und der Freundschaft. Diese einzige grosse Tatsache, ohnegleichen in der Geschichte der Vergangenheit, eröffnet die Aussicht auf eine hellere Zukunft."

Aber all diese Proklamationen haben natürlich nur wenig Sinn, wenn schliesslich doch das offizielle "Vaterland" verteidigt werden muss ...

Ein Sozialist schrieb im "Volksstaat" 10):

"Was würde geschehen, wenn alle Arbeiter von Frankreich und Deutschland an einem bestimmten Tag und nach einer gemeinsamen Verabredung die Arbeit einstellten und in dieser Weise dem Krieg den internationalen Streik entgegenstellten? Ich bin überzeugt, dass in diesem Fall der Krieg innerhalb einiger Tagen beendet sein würde, ohne dass sogar ein Tropfen Blut vergossen wäre. Denn ebensosehr wie der Krieg gute Arbeit unmöglich macht, würde das Einstellen der Arbeit den Krieg unmöglich machen."

Diese Auffassung entsprach der Resolution von 1868 und war gewiss ein wirksameres Mittel, den Krieg zu verhindern, als gegenseitige Brüderschaftsbeteuerungen. Wäre dieser Vorschlag in die Praxis umgesetzt, er würde jedenfalls mehr Aussichten auf eine "hellere Zukunft" eröffnet haben!

Die Pariser Sektion der Internationale blieb gleichfalls den Beschlüssen von Brüssel treu. In ihrem Aufruf vom 12. Juli 1870 protestierte sie scharf gegen den Krieg: gegen die "systematische Vernichtung der menschlichen Rasse", gegen einen Kampf, der nur "wilde Instinkte und nationalen Hass weckt und nur ein Deckmantel der Regierungen zur Unterdrückung der öffentlichen Freiheit ist." "Hört nicht auf die unsinnigen Provokationen, denn ein Krieg zwischen uns würde ein Bruderkrieg sein. Unsere Spaltung würde nur auf beiden Seiten des Rheins dem Despotismus zum Siege verhelfen."

Als im Anfang 1870 eine neue Aushebung in Frankreich stattfand, waren es die Frauen von Lyon, unter denen Virginie Barbet, die ein Manifest - das wohl als eines der ersten Kriegsverweigerungsmanifeste gelten darf - verbreiteten, in dem sie zur direkten Militärdienstverweigerung aufriefen:

"Man muss durch eine revolutionäre Tat, durch die Tat der Dienstverweigerung, protestieren, und nicht durch nutzlose Proteste. Wir nennen uns zivilisiert, emanzipiert - wir sind noch elende Sklaven, und was das Schlimmste ist, wir sind es nicht nur materiell, sondern auch moralisch, da wir ohne zu revoltieren den Zustand, den man uns aufdrängt, über uns ergehen lassen ... Es bietet sich eine Gelegenheit, ein Beispiel von menschlicher Würde zu geben - lasst diese nicht vorübergehen. Ihr werdet der Revolution damit dienen." 11)

Man kann im allgemeinen wohl sagen, dass eine konsequente antimilitaristische - und das heisst stets antinationalistische - Taktik zu den wesentlichen Kampfmitteln der Ersten Internationale gehörte. Aus der Erklärung, dass die Befreiung der Arbeiterklasse kein nationales, sondern ein internationales Problem sei, folgt dies eigentlich von selbst. Und man kann sagen, dass sie überall dort diesen Charakter behielt, wo sie den revolutionären Klassenkampf nicht mit einem Kampf um Wahlstimmen verwechselte. Es war Marx' Staatsauffassung, die ihn mit dem von ihm selbst vorgezeichneten Weg in Widerspruch brachte und diesen Weg verlassen liess. Und eng war damit verbunden die mehr und mehr in den Vordergrund tretende parlamentarische Politik, mit der eine konsequent antinationale und antimilitaristische Politik nicht zu vereinigen war. Nur die seit 1872 nach der Abtrennung der marxistischen Elemente weiter bestehende antiautoritäre (bakuninistische) Internationale konnte diesen Weg weiter verfolgen, weil sie prinzipiell jede parlamentarische Politik verwarf, weil sie keinen zentralisierten Staat erobern wollte, um den Sozialismus - demokratisch oder diktatorisch - einzuführen, sondern es als die erste Aufgabe der Arbeiter ansah, den Staat zu vernichten, und kein anderes Heil als von den ökonomischen Organisationen der Arbeiter selbst erwartete - wenn sie auch eine ökonomische Zentralisation als notwendig anerkannte.

Die Taktik der nationalen sozialdemokratischen Parteien, in denen sich in gewissem Sinne die marxistische Hälfte der Ersten Internationale aufgelöst hatte, führte schliesslich dorthin, wo sie nicht anders hinführen konnte: zum 1. August 1914. Die Sozialdemokratische Partei - und nicht weniger die vom sozialdemokratischen Geiste durchdrungenen Gewerkschaften - hatten sich schliesslich so in das ganze System des kapitalistischen Staates eingebaut, waren selbst ein so integrierender Teil dieses Staates geworden, dass ihre ganze "sozialistische" Taktik, die ja auch nur darauf ausging, ihren Einfluss in diesem Staat zu vergrössern, es zu einer absoluten Unmöglichkeit machte, dass sie eines guten Tages plötzlich diesen Staat selbst im Stiche lassen könnten. Es war - es kann nicht oft genug wiederholt werden - eine unumgängliche Konsequenz.

Wer die Taktik dieser internationalen Friedensresolutionen, aber nationalen Kriegspolitik zu bekämpfen meint, ohne sich gegen die ganze nationale, staatssozialistische Taktik zu kehren, zäumt aufs neue das Pferd am Schwanze auf.

III

Marx' Prophezeihung bestätigte sich. Der Sieg Preussens war ein Sieg des "deutschen Sozialismus". Der Geist der Internationale wurde bald der Geist der deutschen Sozialdemokratie, die sozusagen den wahren Marxismus gepachtet hatte. In der 1889 gegründeten Zweiten Internationale siegte 1896 in London endgültig der deutsche Standpunkt. Seitdem war die "Internationale" nur noch eine Vereinigung von parlamentarisch-sozialistischen Parteien. Und verliess damit den Weg der Ersten Internationale.

War in Deutschland von dem antiparlamentarischen, anarchistischen Sozialismus wenig oder nichts zu verspüren, er lebte dagegen in anderen, besonders romanischen Ländern um so stärker. Der deutsche Sozialismus wurde zum einzigen, offiziellen Sozialismus proklamiert. Die deutsche Partei wurde ein Beispiel für alle anderen Länder. In keinem anderen Lande war man imstande, solch ein diszipliniertes Arbeiterheer zu organisieren. Schon durch ihre Wahlerfolge marschierte die deutsche Sozialdemokratie an der Spitze der Internationale. Die marxistische Literatur war deutsch, Marx und Engels eng mit der Entwicklung der Partei verbunden. Die späteren Theoretiker des Marxismus waren gleichfalls Deutsche. Es war nicht zufällig, dass der wahre Kern des Marxismus in Deutschland zu seiner vollen Geltung kam: marxistischer Sozialismus war Staatssozialismus. Es war ein preussischer Sozialismus. Seiner Art nach war dieser Sozialismus autoritär und zentralistisch, antirevolutionär, militaristisch.

Oswald Spengler, der den Untergang von Preussen für den Untergang der Welt hält und mehr Morphologe als Soziologe ist, hat diesen Sozialismus objektiv scharf charakterisiert. Man kann aus dieser interessanten Broschüre 12) von Spengler, der zwar etwas vom "preussischen Geist", aber nichts von Sozialismus begreift, lernen, welch eine verhängnisvolle Entwicklung der moderne Sozialismus in Deutschland genommen hat. Spengler, der diesen deutschen Sozialismus sah und eine preussisch-zentralisierte Massenorganisation mit einem militaristischen Beamtenapparat für das Wesentliche des Sozialismus überhaupt hielt, erklärte das Preussentum ohne weiteres zum einzigen, zum Sozialismus par excellence und Friedrich Wilhelm I. und nicht Marx zum ersten bewussten Sozialisten! "Die preussische Armee, das preussische Beamtentum, die Arbeiterschaft Bebels" - das sind Produkte des preussischen Gedankens. "Sozialismus ist, rein technisch gesprochen, das Beamtenprinzip". 13) Das ist Spengler als Sozialist! Nicht weniger scharf wird von Spengler das Wesen des Staates ergriffen: "Staatengeschichte ist die Geschichte von Kriegen, Wirtschaftskämpfe werden zu Kämpfen zwischen Staaten . . . Krieg ist die ewige Form höheren menschlichen Daseins, und Staaten sind um des Krieges willen da. Sie sind Ausdruck der Bereitschaft zum Kriege." 13)

Es braucht wenig hinzugefügt zu werden. Treffend werden hier von einem Nationalisten die Theorien aller konsequenten Antimilitaristen, die zwar den Krieg nicht als die höchste, sondern als die niedrigste, die meist barbarische Form menschlichen Daseins ansehen, bestätigt: Es ist diese permanente "Bereitschaft" zum Kriege, diese "permanente Unterdrückung nach innen und dieser permanente Krieg nach aussen" (Bakunin) - der Staat, der bekämpft werden muss, wenn man den Krieg bekämpfen will.

Aber dieser Kampf war von der Partei, die sich als deutsche Sozialdemokratie entwickelte, nicht zu erwarten. Man bewegte sich ausserdem in einem Kreise: man erklärte, dass "der Frieden die erste und unerlässliche Bedingung jeder Arbeiter-Emanzipation sei" und zu gleicher Zeit: "dass der Krieg, das traurige Produkt der gegenwärtigen ökonomischen Verhältnisse, erst verschwinden wird, wenn die kapitalistische Produktionsweise der Emanzipation der Arbeit und dem internationalen Triumph des Sozialismus Platz gemacht hat". Aber zur ersten und unerlässlichen Bedingung dieser Emanzipation erklärte man den Frieden . . .

Bereits 1867 hatte de Paepe, wie wir sahen, das Verhängnisvolle dieses Gedankenganges eingesehen, und 1868 erkannte man in Brüssel den einzigen Weg, diesen Kreis zu durchbrechen.

So musste Domela Nieuwenhuis 1891 aufs neue die Frage aufwerfen: Und wenn doch der Krieg ausbricht? Die deutsche Resolution, von Liebknecht verteidigt, erklärte, dass der Militarismus nur durch den Sozialismus beseitigt werden könne, und dass die Verantwortung einer Kriegskatastrophe einzig und allein den herrschenden Klassen zufällt. Domela Nieuwenhuis dagegen verteidigte die holländische Resolution, die mit den folgenden Worten schloss:

"In Erwägung, dass keine einzige Regierung sich entschuldigen kann, dass sie provoziert ist, weil der Krieg das Resultat des internationalen Willens des Kapitalismus ist, beschliesst der Internationale Sozialistische Kongress von Brüssel, dass die Sozialisten aller Länder eine etwaige Kriegserklärung beantworten werden mit einem Aufruf des Volkes zur allgemeinen Arbeitseinstellung."

Wenn man in der deutschen Resolution, führte Domela Nieuwenhuis aus, die Worte Sozialdemokrat und Sozialdemokratie mit Christ und Christentum vertausche, so werden und können die Heilsarmee wie der Papst, kurz alle Parteien dafür stimmen ... Der Chauvinismus ist eine Gefahr für unsere ganze sozialistische Bewegung. Der Chauvinismus führt zu Unterscheidungen zwischen Angriffs- und Verteidigungskriegen. Ich verwerfe diese Unterscheidung. Es ist bekannt, dass die Diplomaten die Kunst verstehen, jeden Krieg als offensiven oder defensiven hinzustellen, wie sie es brauchen. Was unsere Haltung beim Kriegsausbruch anbetrifft, so gibt es nur einen Weg: passiven Widerstand. Der Bürgerkrieg des Proletariats gegen die Bourgeoisie wird unsererseits dem Kriege der Nationen vorgezogen. Wenn die Regierungen den Krieg erklären, so ist das eine Revolution. Und darauf haben wir das Recht, unsererseits mit einer Revolution zu antworten, mit der Aufforderung an das Volk, die Waffen nicht zu ergreifen. Das Volk will den Krieg nicht... 14)

Liebknecht protestierte:

"Der ganze Weltstreik ist nichts als eine jämmerliche Phrase! Wollten wir den Weltstreik proklamieren, würde die Bourgeoisie uns auslachen! Der Fluch der Sozialdemokratie wäre die Herrschaft der Phrase! Befreien Sie sich von der Phrase! Die revolutionärste Betätigung des Proletariats ist: dem Proletariat durch Organisation die Macht zu verschaffen" . . .

Domela Nieuwenhuis wusste damals noch nicht, wie er in seiner Autobiographie "Van christen tot anarchist" mitteilt, dass sein Vorschlag in Uebereinstimmung war mit den Auffassungen der Internationale 1868 in Brüssel. Zwei Jahre später, auf dem folgenden Kongress in Zürich 1893, berief er sich mit Recht auf die Resolution des Brüsseler Kongresses. Aufs neue brachte er einen Antrag ein, der in seinem entscheidenden Passus lautete:

"dass die sozialistischen Arbeiter der in Betracht kommenden Länder eine Kriegserklärung seitens der Regierungen mit der

Dienstverweigerung der Militärpflichtigen, der Reserve (Militärstreik), durch einen allgemeinen Streik, besonders in all den Industriezweigen, welche auf den Krieg Bezug haben, und durch einen Appell an die Frauen, ihre Männer und Söhne zurückzuhalten, beantworten sollen."

"Das Merkwürdigste ist, dass die Idee, die ich 1891 verteidigte, schon im Jahre 1868 auf dem Kongress der Internationale in Brüssel nicht nur besprochen, sondern sogar einstimmig angenommen worden ist. Man hat mich einen Träumer, einen Schwärmer, einen Utopisten genannt - aber ich teile diesen Namen mit Longuet, der 1868 in Brüssel diesen Antrag stellte, mit Cäsar de Paepe, ja mit dem ganzen Kongress . . . Ist es nun ein Fortschritt oder ein Rückschritt, dass man 1891 gegen 1868 zurückwich? . . . Die Folge der Verweigerung ist allerdings der Bürgerkrieg, aber der Bürgerkrieg ist dem Kriege der Nationen vorzuziehen; der Bürgerkrieg wird wenigstens gegen den wahrhaften Feind, den Kapitalismus, geführt. Wir haben hier gleichzeitig einen Kongress der Eisenbahnangestellten. Diese haben es in der Hand, durch einfache Arbeitseinstellung jeden Krieg unmöglich zu machen." 15)

Aufs neue wurde sein Vorschlag, wie man weiss, verworfen. Der Vertreter von Australien Sceusa erklärte: "Ich kann es nicht verstehen, wie sich Brüder noch dazu kommandieren lassen können, sich gegenseitig zu zerfleischen. Würde ich zu einem solchen Morde kommandiert werden, so würde ich der erste sein, der seinen Kommandanten niederschösse." Für die holländische Resolution stimmten ausser Australien nur Norwegen und Frankreich. Die übergrosse Mehrheit war für den deutschen Vorschlag. Man meinte, ein Militärstreik würde gerade in erster Linie die Kulturvölker (!) entwaffnen und West-Europa den russischen Kosaken preisgeben. Das einzige Mittel, zum Ziele zu gelangen, ist, dahin zu arbeiten, dass die Massen von den sozialistischen Ideen durchdrungen werden, "dass die Leute schon als Sozialisten in die Kasernen kommen". Indem stets mehr sozialistische Rekruten einverleibt werden, ist der Militarismus auf dem Wege seiner Selbstvernichtung, bis er schliesslich keine Schutzwehr für den Kapitalismus mehr bildet. Eine Auffassung, die der von Engels entsprach.

In seinem Anti-Dühring schrieb er:

"Die Armee ist Hauptzweck des Staats, ist Selbstzweck geworden, die Völker sind nur noch dazu da, die Soldaten zu liefern und zu ernähren. Der Militarismus beherrscht und verschlingt Europa. Aber dieser Militarismus trägt auch den Keim seines eigenen Untergangs in sich; indem er das ganze Volk mit dem Waffengebrauch vertraut macht, wird es befähigt, in einem gewissen Moment seinen Willen gegenüber der kommandierenden Militärherrlichkeit durchzusetzen... Die Maschine versagt den Dienst, der Militarismus geht unter an der Dialektik seiner eigenen Entwicklung". (Vgl. 3. Aufl. 1894, S. 177.)

Aber die Marx-Engelssche historisch-materialistische Dialektik war keine gesetzmässige; ebensowenig, wie der Kapitalismus an seiner eigenen Dialektik zugrunde ging, ebensowenig erfolgte die Sprengung des Militarismus von innen heraus.

Diese Auffassungen waren in Uebereinstimmung mit der ganzen Taktik der Sozialdemokratie, die ja auch keineswegs den Militarismus konsequent bekämpfen wollte. Man bekämpfte nur die Form des Militarismus, und wenn man den Heeresetat verwarf, so nur deshalb, weil man dieses bestimmte militärische System verwarf. Das Parteiprogramm forderte ja auch die allgemeine Wehrbarmachung des Volkes; statt stehender Heere wollte man Volksheere. Mit einem Wort, man wollte das Heer demokratisieren, die Auswüchse bekämpfen, wenn möglich, das System verbessern.

So forderte z.B. Bebel im Reichstag andere Uniformen, damit "im nächsten Krieg nicht Zehntausende unserer eigenen Genossen durch die Ungeschicklichkeit unserer Militärverwaltung zwecklos auf die Schlachtbank geführt werden". Das war der Kampf gegen den Militarismus.

Typisch für die Haltung der Sozialdemokratie war die Auseinandersetzung mit Schippel auf dem Kongress in Hamburg 1897. Sie wurde von Auer, Liebknecht und Bebel bestätigt. Bezüglich der Kritik über die Haltung der Parlamentsfraktion hinsichtlich der von der Regierung geforderten neuen Kanonen erklärte Schippel:

"Wir haben die Soldaten nicht bewilligt, aber sie sind nun einmal da. Für Milizanträge und Abschaffung aller stehenden Heere ist keine Mehrheit vorhanden und in absehbarer Zeit auch nicht zu schaffen. Das ist eine Tatsache, die uns sicher unangenehm ist, mit der wir aber rechnen müssen. Sollten wir nun, weil die bürgerlichen Parteien uns in dieser Beziehung nicht unseren Willen tun, die deutschen Arbeiter, gleichsam zur Strafe, vor die Gefahr stellen, dass sie mit ihrem Blut den Unverstand der Gegner einmal zu büssen haben? Das wäre widersinnig und gegen die Interessen der Arbeiter gehandelt."

Und Auer führte aus:

"Wir sind prinzipielle Gegner des Krieges, wir können ihn aber nicht verhindern, wir müssen mit der Eventualität rechnen, dass es gegen unseren Willen zum Kriege kommt. Zum entscheidenden Punkt unseres Angriffs auf den Militarismus können wir diese Angelegenheit (Bewilligung der neuen Kanonen) nicht machen, das ist nicht der Punkt, wo die Agitation einsetzen kann."

Mit Recht bemerkte die Opposition, dass man mit diesen Auffassungen auch für eine fortwährende Vermehrung der Flotte eintreten und stets neue Kanonen für das Heer bewilligen müsse:

"Wo die Parole ist, diesem System keinen Mann und keinen Groschen, da kommt der Genosse Schippel und ist sogar für Kanonen zu haben. Der Krieg, ob er gegen Frankreich, ob er gegen Russland geführt wird, er richtet sich in letzter Linie gegen das arbeitende Volk, und dem müssen wir entgegentreten. Wer die Aktionsfähigkeit der Armee stärkt, stärkt den Kampf gegen das Proletariat, und das müssen wir ablehnen." 16)

Die Opposition war vergeblich. Die Auffassung von Schippel war die herrschende in der Partei, und das in Deutschland, wo der Militarismus wie kaum in einem anderen Lande zeigte, welch mächtige Waffe er in der Hand der herrschenden Klasse war; welche Bedrohung er in jeder Hinsicht für die Befreiung der Arbeiterklasse darstellte. Wo der Charlatan Kaiser Wilhelm diesen Charakter und diese Aufgabe des Militarismus brutal-offen anerkannt hatte: "Aber nicht nur ein äusserer, ein innerer Feind wird zu bekämpfen sein, und auch dagegen schützt uns mit Gottes Hilfe unser starkes Heer".

Kennzeichnend schrieb die nationalistische Presse nach diesem Hamburger Parteitag: "Es ist wirklich beruhigend, zu wissen, dass solche Männer die ausschlaggebenden Männer der Sozialdemokratie sind".

Und auf jedem Parteitag, bei dem der Militarismus auf der Tagesordnung war, erklärte man mit dem Motto "Keinen Mann und keinen Groschen", dass, wenn Deutschland "angegriffen" werden würde, man das Vaterland mit Begeisterung verteidigen und gegen die bürgerlichen Parteien nicht zurückstehen würde. Was man bekämpfen wollte, war der unnötige Drill und die Soldatenmisshandlungen, die Abschliessung der Offizierskaste usw. Scharf verwahrte man sich gegen den Vorwurf, dass die Sozialdemokratie die Disziplin im Heer untergraben würde, mit dem Hinweis darauf, dass man in der Partei ja auch Disziplin forderte! Und man stimmte sogar für Steuern, die man für Kriegszwecke verwendete, weil die Form dieser Steuer eine direkte war, die hauptsächlich auf der besitzenden Klasse lastete, mit der Motivierung, dass diese Steuer wegen ihrer Form im Interesse des Proletariats sei. Man war wohl sehr weit entfernt von der Auffassung, die Liebknecht Dezember 1875 vertrat, dass man dem kapitalistischen System prinzipiell jede Steuer verweigern müsste. Gerade wie heute sozialistische Führer und Gewerkschaftler den Bau von Kriegsschiffen beschliessen, und freudig zustimmen mit dem Argument, dass dieses im Interesse des Proletariats sei, weil dadurch die Arbeitslosigkeit bekämpft wird! Wie sehr wird die Meinung von Max Nettlau bestätigt, der schon 1897 auseinandersetzte, dass das Proletariat sich nicht von der Sklaverei der Arbeit befreien wird, solange die Arbeiter sich nicht verantwortlich fühlen für die Arbeit, die sie leisten. 17)

Man stimmte für diese verschleierten Kriegsausgaben, obgleich man auf den Parteitagen beschlossen hatte, dem zwar in dieser Form existierenden militaristischen System nichts zu bewilligen, obgleich es den Beschlüssen des Internationalen Sozialisten-Kongresses in Paris (1900) widersprach, wo man klar und unzweideutig festgelegt hatte:

"dass die sozialistischen Vertreter in allen Parlamenten unbedingt gegen jede Ausgabe des Militarismus, Marinismus oder der Kolonialexpeditionen zu stimmen verpflichtet sind".

Es ist begreiflich, dass die Entwicklung dieses deutschen "Antimilitarismus" von vielen Sozialisten mit einigem Misstrauen beobachtet wurde. Aber die Auffassung der deutschen Partei wurde mehr und mehr richtunggebend für die ganze Internationale. Sie musste dies auch werden in dem Masse, wie sie überall den Weg der Ersten Internationale, die den Schwerpunkt auf den ökonomischen Kampf legte, verliess, um dagegen politischen Einfluss zu gewinnen in dem nationalen und militaristischen Staat. Man wollte ja auch nicht den Militarismus bekämpfen. - Wie man den Staat nicht mehr abschaffen, sondern reformieren wollte, so wollte man den Militarismus "demokratisieren".

Beschloss man 1900 noch, sich gegen jede koloniale Expedition zu widersetzen, so führte Bernstein 1907 in Stuttgart aus: "Eine gewisse Vormundschaft der Kulturvölker gegenüber Nicht-Kulturvölkern ist eine Notwendigkeit, die auch Sozialisten anerkennen sollten. . . . Jedenfalls steht fest, dass es besser wäre, wenn der Kongo unter der Herrschaft eines Parlaments (!) stände, in das die Arbeiterklasse ihre Vertreter sendet, als wenn er von einer rein kapitalistischen Privatgesellschaft ausgebeutet wird!" Mit den Arbeitervertretern im Parlament fand man mehr und mehr die Ausbeutung im allgemeinen weniger schlimm als die Ausbeutung des Kapitalismus - von schwarzen und weissen Sklaven - ohne Parlament und ohne Vertreter der Arbeiterklasse, bis schliesslich, im Interesse des Kapitalismus, Sozialisten sogar Kriegsminister wurden, scheinbar mit demselben Motiv, dass es besser sei, einen Krieg mit Sozialisten in der Regierung zu führen, als dass dieser Krieg ein rein kapitalistisches Unternehmen sei.

Und was nach der sogenannten Revolution in Deutschland geschah, übertraf die höchsten Erwartungen. Es erreichte schliesslich seinen Höhepunkt, als die kapitalistische Regierung mit seinen sozialistischen Ministern eine reaktionäre Soldateska nach Sachsen schickte und mit klingendem Spiel und aufgepflanztem Bajonett die parlamentarisch-sozialistische Regierung aus den Ministerien holte, die Regierung für abgesetzt erklärte und den Landtag nach Hause schickte. Es würde zu weit führen in diesem Zusammenhang, den Weg zur Macht weiter zu verfolgen. Es war schliesslich grotesk!

1907 trat diese nationalistische Haltung eigentlich schon in Stuttgart klar zutage. Bebel sprach es öffentlich aus: Solange die Verhältnisse der einzelnen Staaten zueinander sich nicht von Grund aus geändert haben, können wir auch als Sozialdemokraten militärische Rüstungen nicht gänzlich entbehren.

Die Mehrheit der französischen Delegation beantragte:

"Die Verhütung und Verhinderung des Krieges durch nationale und internationale sozialistische Aktionen der Arbeiterklasse mit allen Mitteln, von der parlamentarischen Intervention, der öffentlichen Agitation bis zum Massenstreik und zum Aufstand zu bewirken".

Sie wurde von Vaillant und Jaurès verteidigt. Bekannt ist das Wort von Vaillant: "Plutôt l'insurrection que la guerre". (Lieber die Revolte als den Krieg.) Gerade bei dieser Frage, welche Mittel man anwenden würde, den Ausbruch des Krieges zu verhindern, entstand von deutscher Seite die heftigste Opposition: "Wir müssen die Resolution mit aller Entschiedenheit bekämpfen und als völlig unannehmbar erklären!" Man könne sich nicht mit anarchistischen Träumereien beschäftigen. Nicht nur aus Klugheitserwägungen, sondern aus prinzipiellen Gründen. "Wir können uns nicht zu Kampfmethoden drängen lassen, die dem Parteileben und unter Umständen auch der Existenz der Partei verhängnisvoll werden können." Die deutsche Resolution wurde schliesslich mit Stimmenmehrheit angenommen. Der Schlusspassus lautete: 18)

"Droht der Ausbruch eines Krieges, so sind die arbeitenden Klassen und deren parlamentarische Vertretungen in den beteiligten Ländern verpflichtet, unterstützt durch die zusammenfassende Tätigkeit des Internationalen Büros, alles aufzubieten, um durch die Anwendung der ihnen am wirksamsten erscheinenden Mittel den Ausbruch des Krieges zu verhindern, die sich je nach der Verschärfung des Klassenkampfes und der Verschärfung der allgemeinen politischen Situation naturgemäss ändern.

Falls der Krieg dennoch ausbrechen sollte, ist es die Pflicht, für dessen rasche Beendigung einzutreten und mit allen Kräften dahin zu streben, die durch den Krieg herbeigeführte wirtschaftliche und politische Krise zur Aufrüttlung des Volkes auszunutzen und dadurch die Beseitigung der kapitalistischen Klassenherrschaft zu beschleunigen."

Weiter sah die Resolution in der demokratischen Organisation des Heerwesens, der Volkswehr an Stelle der stehenden Heere, eine wesentliche Garantie dafür, Angriffskriege unmöglich zu machen. Die Engländer und Amerikaner aber wollten von der Forderung der allgemeinen Volksbewaffnung nichts wissen, wollten nicht, dass der Militarismus auch in ihrem Lande ausgebreitet würde. Sie waren der Meinung, dass die Resolution die militaristischen Neigungen keineswegs bekämpfe. Der Vertreter der Schweiz bemerkte, dass in seinem Lande bereits ein Milizheer bestand, das aber ebensosehr einen Klassencharakter trug.

Wenn Kautsky bemerkt, dass die Internationale das Schwergewicht auf die "Verhinderung" des Krieges legte, und behauptet: "Sie untersuchte kaum die Haltung, die sie einzunehmen hatte für den Fall, dass der Krieg trotzdem ausbrach" 19), so ist dieses eine bewusste Irreführung. Wir sahen, wie stets auf allen Kongressen darauf hingewiesen wurde, dass Friedensresolutionen keine genügende Bürgschaft dafür seien, dass der Krieg nicht ausbrechen würde. Ein Vorschlag, diesen Ausbruch des Krieges zu verhindern, erschien immer wieder auf der Tagesordnung. Und er wurde stets als anarchistische Schwärmerei charakterisiert und stets - am heftigsten von deutscher Seite - als unannehmbar bekämpft und schliesslich immer vom Kongress verworfen.

Auf dem dritten Kongress in Kopenhagen 1910 wurde die Haltung, die man "einzunehmen hatte für den Fall, dass der Krieg ausbrach, ausführlich diskutiert. Dies kann Kautsky, der selbst in Kopenhagen war, doch nicht unbekannt sein. Diesmal war es Keir Hardie von der Independent Labour Party, der nicht nur zu einem wirklich konsequenten antimilitaristischen Kampf aufrief, sondern es zu einer absoluten Notwendigkeit erklärte, dass man seine Haltung und die Mittel bestimmte, die, wenn die kapitalistischen Regierungen einen Krieg erklären würden, den Ausbruch dieses Krieges verhindern. Diese Haltung die Keir Hardie eingenommen sehen wollte, würde zugleich das Mittel sein, den Krieg überhaupt unmöglich zu machen.

"Wir sind", führte Keir Hardie aus, "nicht nur gegen den Krieg, sondern auch gegen den Militarismus. Militarismus und Freiheit stehen in unüberbrückbarem Gegensatz, und weil wir die Freiheit lieben, kämpfen wir gegen den Militarismus. Wir sind deshalb auch hocherfreut, dass unsere dänischen und norwegischen Genossen so glänzend den Kampf für die allgemeine Abrüstung aufgenommen haben und sich nicht begnügt haben, auf eine Verminderung der Kriegslasten hinzuwirken, sondern absolut die vollständige Entwaffnung des Landes gefordert haben. Die Geschichte der Menschheit wird ein neues Ruhmesblatt aufschlagen, wenn das erste Volk vollständig abrüstet, alle Waffen wegwirft. Wir müssen hier einen Schritt weitergehen wie in Stuttgart. Die Arbeiter sind stark genug, den Krieg zu verhindern. Entfalten wir die lebhafteste Agitation gegen den Krieg in den Gewerkschaften. Am Tage der Kriegserklärung müssen die Arbeiter aufhören zu arbeiten. Schon der Streik der Bergleute würde genügen, den Krieg zu verhindern. Wenn die parlamentarischen Vertreter des Proletariats nicht stark genug sind, den Krieg zu verhindern, müssen es die Arbeiter selbst tun, indem sie sich weigern, Waffen und Munition herzustellen und Kohlen für die Schiffe zu fördern 20)

Der Vorschlag (Keir Hardie-Vaillant) lautete:

"unter allen Mitteln, welche angewandt werden sollen, um einem Kriege vorzubeugen und ihn zu verhindern, beschliesst der Kongress als besonders zweckmässig den allgemeinen Streik der Arbeiter, hauptsächlich in den Industrien, welche für den Krieg die Materialien liefern (Waffen, Munition, Transport usw.), eine aktive Agitation des Volkes und zwar mit den äussersten Mitteln."

Der Kongress dagegen erneuerte die Beschlüsse von Stuttgart. Man beschloss, den Vorschlag Keir Hardie-Vaillant dem Internationalen Sozialistischen Büro "zum Studium zu überweisen", da man der Meinung war, dass eigentlich nur die Frage des Schiedsgerichts und der Abrüstung zu prüfen sei. Ein Vorschlag, den Krieg mit der Tat zu bekämpfen, war noch stets unannehmbar. Das war der Grund, weshalb man die Haltung, die man bei Ausbruch des Krieges einzunehmen hatte, nicht näher "untersuchte", und jeden Vorschlag - wie wir sahen - von 1891 bis 1910, der eine Haltung, die in Uebereinstimmung war mit dem Geiste der Resolutionen und in Uebereinstimmung mit dem Lebensinteresse des Proletariats, verwarf.

Das Büro sollte dem nächsten Internationalen Sozialistenkongress über sein Studium Bericht erstatten. Da dieser nächste Kongress Basel 1912 - zwar gegen den Krieg, aber ausserdem als ein ausserordentlicher Kongress einberufen worden war, stand diese Frage scheinbar nicht auf der Tagesordnung. Dagegen fanden grosse Demonstrationen statt, und man verfasste ein Friedensmanifest. Die Beschlüsse von Stuttgart und Kopenhagen wurden nochmals bestätigt. Unter grosser Bewegung und langanhaltendem stürmischen Beifall erklärte Jaurès "Wir sind zu allen Opfern bereit". Und zum letztenmal appellierte Keir Hardie an das internationale Proletariat, nicht zu zögern, seine zweite grosse ökonomische Waffe zu gebrauchen: den internationalen revolutionären Gegenkriegsstreik.

Der Kongress, dem das I.S.B. über den Vorschlag von Keir Hardie Bericht erstatten sollte, fand nicht mehr statt. Einige Wochen, bevor man aufs neue über den Frieden sprechen sollte, brach der Krieg aus.

Es war die Apotheose der Eroberung der politischen Macht.

Es war der endgültige Sieg, der grosse Tag des preussischen Sozialismus.

IV

Man war zu allen Opfern bereit.

Am 4. August erklärte Hugo Haase im Namen der sozialdemokratischen Fraktion im Reichstag: "Jetzt machen wir wahr, was wir immer betont haben, wir lassen in der Stunde der Gefahr das Vaterland nicht im Stich. . . . Jetzt stehen wir vor der ehernen Tatsache des Krieges. Nicht für oder gegen den Krieg haben wir heute zu entscheiden, sondern über die Frage der für die Verteidigung des Landes erforderlichen Mittel. Für unser Volk und seine freiheitliche Zukunft (!) steht bei einem Sieg des russischen Despotismus viel, wenn nicht alles, auf dem Spiel."

Wenn dieses alles weder dem Geiste der internationalen Kongresse, noch den Worten der nationalen Parteiresolutionen entspricht (oder man müsste die Kriegskredite nicht als eine militaristische Ausgabe ansehen), so kann mit einem relativen Recht gesagt werden, dass die Sozialdemokratie ihre Haltung nicht prinzipiell veränderte, ihre Grundsätze nicht verriet, sondern ihrer Tradition treu blieb.

Diejenigen, die zuviel von den internationalen Friedensresolutionen erwartet hatten, hatten vergessen, dass Bebel noch 1913 auf diese Tradition unzweideutig hingewiesen hatte: wir müssen mit der Möglichkeit eines Angriffskrieges rechnen. Ein solcher Krieg würde zum Weltkrieg führen und unser Vaterland vor die Frage von Sein oder Nichtsein stellen. Deshalb ist die Wehrhaftmachung des letzten Mannes bei uns nicht nur gerechtfertigt, sondern sie ist eine notwendige Folgerung. "Die Sozialdemokratie war die erste grosse politische Partei, die das klar erkannt hat und daher in ihr Programm den Satz aufgenommen hat, der die Wehrhaftmachung, der die Erziehung des Volkes zur allgemeinen Wehrhaftigkeit ausspricht."

Aber, so heisst es in einer offiziellen Parteibroschüre, die Sozialdemokratie geht noch weiter! "Sie will die Wehrhaftmachung des Volkes nicht nur vom körperlichen und technischen Standpunkt aus betreiben. Das Vaterland verteidigt man nicht nur mit Kanonen, Gewehren, Säbeln, starken Fäusten und schnellen Beinen. Dazu gehören auch bestimmte geistige und sittliche Eigenschaften desVolkes, und die Sozialdemokratie will auch diese geistigen Eigenschaften des Volkes stärken... Diese geistigen und sittlichen Eigenschaften sieht sie tief begründet in dem auf wirklicher Freiheit und Gleichheit wurzelnden Gefühl der Zusammengehörigkeit der Volksangehörigen." 21)

Jedes weitere Zitat in dieser Hinsicht ist wohl überflüssig. Diese Worte schrieb die Partei, in deren Programm die Worte standen:

"Immer grösser wird die Zahl der Proletarier, immer massenhafter die Armee der überschüssigen Arbeiter, immer schroffer der Gegensatz zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten, immer erbitterter der Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat..."

Die übrigen Taten der "Internationalen revolutionären Sozialdemokratie" waren in Uebereinstimmung mit diesen Proklamationen, in denen man auf den seit einem halben Jahrhundert verkündeten revolutionären "Klassenkampf" verzichtete und das nationale Interesse des Kapitals, die kapitalistischen Interessen der Nation über die elementarsten Interessen der Arbeiterklasse stellte. Auch in dieser Hinsicht ist es richtig dass man seine Traditionen fortführte und nichts Neues begann. Neu war nur, dass es für jeden deutlich und unzweideutig ans Tageslicht trat.

Auf die Worte und Taten der Parteien der Internationale seit der Zustimmung der Kriegskredite bis zur Unterzeichnung des Versailler Friedens gehe ich hier nicht weiter ein. Ich führe hier nur eine offizielle "Rechtfertigung" an, die so kennzeichnend ist für den wahren Charakter der Partei, dass jede weiteren Erörterungen unnötig sind.

"Die Ursache des Krieges ist in ökonomischen Gründen gelegen - so heisst es dort 22) -, das Ziel der Feinde ist die ökonomische Vernichtung Deutschlands. Dieses würde eine grosse Arbeitslosigkeit mit sich ziehen. Der Lohn würde sinken und auch der Mut zum Kampf gegen das Schicksal, gegen Druck und Elend. Die Grundlagen brechen zusammen, auf denen sich der stolze Bau der deutschen Arbeiterbewegung erhob: die starken politischen und Gewerkschaftlichem Organisationen, die Früchte langjähriger gewerkschaftlicher Organisationsarbeit, das dichte Netz der politischen Sekretariate usw.: "Dies alles, was unsere Bewegung ausmacht", denn die Stärke dieser Bewegung und ihre Erfolge beruhten auf dem wirtschaftlichen Aufstieg der deutschen Arbeiterklasse, der seinerseits, erst durch den Aufstieg der deutschen Volkswirtschaft möglich wurde. Diesen aber will die Entente treffen. Es wäre so, als wenn man einem Gebäude die Fundamente herausreissen wollte - das Ganze müsste zusammenbrechen. Darum hat das Wort: "Für das bedrohte Vaterland", den besonderen Sinn "für den deutschen Sozialismus". Der Sozialismus als Schatten, als Reflex, nur noch als Produkt des Kapitalismus! - kann es deutlicher ausgedrückt werden? Behauptete Kautsky, dass aus der Eroberung der politischen Macht der Sozialismus von selbst folgen würde, und wollte Renner noch den "Staat als Hebel" für den Sozialismus brauchen, so zog Heinrich Cunow die letzte Konsequenz, indem er einfach den "weiterentwickelten Staat" zum Sozialismus erklärte. In diesem Zusammenhang ist es erklärlich, wenn er bemerkt, dass es lächerlich ist, sich dem Imperialismus widersetzen zu wollen, da er ja nicht etwas Zufälliges, sondern eine notwendige Etappe auf dem zum Sozialismus führenden kapitalistischen Entwicklungswege ist.

Auf diese Weise betrachtete man auch den Krieg als eine notwendige Etappe auf dem kapitalistischen Entwicklungsweg zum Sozialismus.

V

Wie will man die folgende Etappe des Kapitalismus, den nächsten Weltkrieg, bekämpfen, da man ja den bis jetzt verfolgten Weg nicht glaubt revidieren zu müssen? Oder glaubt man, dass der Kapitalismus etwas zu revidieren hat? Wenn Kautsky den Zusammenbruch der Zweiten Internationale und ihre Friedenspolitik entschuldigen will mit der Behauptung, dass sie "im wesentlichen ein Friedensinstrument, aber "kein wirksames Werkzeug im Kriege" gewesen sei, dann ist dieses wohl sehr naiv. Um so mehr, da Kautsky ebenfalls meint, dass man (obgleich sie also kein wirksames Werkzeug im Kriege war) weder die Internationale, noch ihre Leitung, noch ihre Organisation für diesen Bankrott verantwortlich machen kann. Wenn keine der sozialistischen Parteien vermochte, ihre Regierung vom Eintritt in den Krieg abzuhalten, lag das teils daran, dass das Proletariat noch nicht über die genügende Kraft verfügte, zum Teil daran, dass grosse Massen des Proletariats sich selbst vom Kriegstaumel fortreissen liessen. Für die Schwäche und Unselbständigkeit des Proletariats in einzelnen Ländern kann man aber unmöglich die Internationale verantwortlich machen, weder ihre Leitung, noch ihre Organisation." 23) An denjenigen, die die Kraft der sozialistischen Parteien in den Ländern, die den Krieg entfesselten, überschätzt haben, lag der Fehler, nicht an der Internationale.

Das Argument der Schwäche des Proletariats wird man richtig einschätzen, wenn man bedenkt, dass Kautsky - in derselben Broschüre bemerkt, dass die deutsche Sozialdemokratie, gerade weil sie so stark, weil sie mehr Massenpartei war als jede andere sozialistische Partei, im Kriege vom nationalen Empfinden besonders stark erfasst wurde, was sie an die Seite der wilhelminischen Regierung trieb. Die Ursache der verschiedenen Haltung der russischen und deutschen Sozialdemokratie bei der Abstimmung über die Kriegskredite liegt, nach Bernstein, im Unterschied der Grösse und des Einflusses dieser sozialistischen Partei: Je grösser die Partei und je grösser ihr parlamentarischer Einfluss, desto grösser auch die "sachliche Verantwortung".

Was von dieser Partei zu erwarten ist, wenn sie noch grösser und stärker geworden sein wird, und demzufolge die Verantwortlichkeit auch noch grösser ist, ist ohne weiteres deutlich. Dem Proletariat wird weiter seine Unselbständigkeit vorgeworfen von dem Theoretiker der Partei, die ein halbes Jahrhundert lang dieses Proletariat in einer militärischen Disziplin erzogen hatte, die jede eigene Initiative, jede Selbstaktion unterdrückte und damit jeden Keim schöpferischer Kraft vernichtete. Ihm wird seine nationalistische Haltung zum Vorwurf gemacht, wo ihm ein halbes Jahrhundert lang, mit der russischen Gefahr vor Augen, die Notwendigkeit seiner Wehrhaftmachung und der Verteidigung des bedrohten Vaterlandes eingeprägt wurde. Kautskys Versuch, die Taktik der Internationale und ihrer nationalen Parteien auf diese Weise zu entlasten, ist zu durchsichtig, um nicht zu sagen, zu feige. Während er dem Proletariat seinen nationalen Kriegstaumel vorwirft, sieht er selbst den deutlichsten Ausdruck der "Bedeutung, die das Proletariat bereits erlangt hat, in den sozialistischen (Kriegs-) Ministern Frankreichs und Belgien"! Es ist, wie wenn man einem Kind syphilitischer Eltern seinen Idiotismus zum Vorwurf machen wollte.

Die Zweite Internationale, nach dem Krieg in Hamburg versammelt, fasste zwar den Beschluss, dass man aus dem Kriege die Erfahrung geschöpft habe, dass die Internationale nicht nur ein Instrument für die Aufgaben des Friedens, sondern ein ebenso unentbehrliches Instrument während des Krieges sein muss. Dieses bedeutet vor allem, "dass das, was wir erlebt haben, sich niemals wiederholen darf."

Die Auffassung der deutschen Mehrheitler, dass die Sozialisten "in der Stunde der Gefahr" stets zu ihrem "Lande", d.h. zu ihrer Regierung stehen müssten, wie auch immer deren Politik sei, müsste jede internationale Politik unmöglich machen. Kautsky schlägt deshalb vor, dass man nur dann Kriegskredite einer Regierung votieren soll, wenn sie "unzweideutige Garantien" dafür gibt, dass sie den Krieg bloss als Verteidigungs-, nicht als Eroberungskrieg führt. Dass man den sogenannten Verteidigungskrieg nicht ablehnen kann, ist die allgemeine Auffassung der Zweiten Internationale, und dieses, während von sozialdemokratischer Seite selbst anerkannt wird, dass man bei einer Kriegserklärung absolut nicht imstande ist, zu konstatieren, ob es sich um einen Verteidigungs- oder Eroberungskrieg handelt.

In solch einem Moment, schreibt Bernstein, spitzen sich die Beziehungen der Staaten zu einander zu einer Krise zu, wird die Information der Völker über die Vorgänge an beiden Seiten der Grenze immer lückenhafter einseitiger und tendenziöser, so dass ein klarer Ausblick nicht mehr möglich ist. Die objektivste Stimme des Proletariats wird von dem lauten nationalistischen Geschrei übertönt. Bei der heutigen Natur der militärischen Rüstungen und der Grösse der modernen Heere ist der Streit darüber, wer mit den Kriegsvorbereitungen angefangen habe, und auf welcher Seite zuerst die Grenze verletzt worden sei, die am schwersten zu entscheidende Sache von der Welt. Das Urteil über den Anlass zum Krieg wird unsicher; man kann nicht beurteilen, ob der Krieg Angriff oder Verteidigung heisst. 24)

Auch Kautsky selbst schreibt übrigens, dass in keinem Kriege die Dinge einfach genug liegen, "um eine sofortige einheitliche Stellungnahme schon bei Kriegsausbruch zu ermöglichen". Da aber jede Regierung die Mittel in Händen hat, jeden Krieg als einen Verteidigungskrieg hinzustellen, läuft der neue Standpunkt der Internationale hinsichtlich des "Verteidigungs"-Krieges wesentlich auf die Verteidigung jedes Krieges hinaus. Praktisch gibt es also keinen Unterschied mit dem Standpunkt, der jede "internationale Politik unmöglich macht".

Dass man den Charakter eines Krieges bei seinem Ausbruch nicht feststellen kann, ist nun für Bernstein wieder ein Grund, jedes Mittel, diesen Ausbruch des Krieges zu verhindern, zu verwerfen, da man ja dann nicht weiss, "ob der Streik gegen den Krieg nicht Streik gegen das in legitimer Abwehr eines Angriffs begriffene eigene Land heissen würde". Wozu dann noch kommt, dass der in solchem Augenblick verkündete Kriegszustand die Militärbehörde in die Lage versetzt, jeden Versuch einer Propagandierung und Organisierung von gegen den Krieg gerichteten Streiks mit Gewalt und unter Verhängung schwerster Strafen zu unterdrücken. (Deshalb eben muss im Frieden vorbereitet werden, dass das Proletariat bei jeder Kriegserklärung automatisch, ohne einen Befehl der Führer abzuwarten, und - wenn nötig - gegen die Führer in den Streik tritt.) Ausserdem haben die Organisationen der Arbeiter in solchen Tagen ganz andere Sorgen, als einen Massenstreik ins Werk zu setzen. Sie haben so viel mit den schon Arbeitslosen zu tun, dass sie gar nicht daran denken können, die noch in Arbeit stehenden Mitglieder zur Niederlegung der Arbeit aufzufordern. Nur wilde Organisationen, die sich um ihre Arbeitslosen nicht kümmern, könnten das tun. Es ist denn auch gerade in denjenigen der am Krieg beteiligten Länder, wo die Arbeiter gut gewerkschaftlich organisiert sind, ein ernsthafter Versuch in dieser Richtung nicht einmal gedanklich in Angriff genommen worden." 25)

Das ist richtig. Man lernt aus dieser Auseinandersetzung von Bernstein die Argumente kennen, mit denen die Propaganda für die Kriegsverhinderung mit der Tat bekämpft wird. Um die Arbeitslosigkeit nicht zu vergrössern, stürzt man die Arbeiterklasse in einen Kampf, der ein Anschlag ist auf ihr Leben und ein Anschlag auf den Sozialismus. Statt einer nationalen Arbeitslosigkeit wählte man lieber den internationalen Massenmord, der Millionen von Proletariern im Interesse ihrer Unterdrücker das Leben kostete und ein solch unerträgliches Elend mit sich brachte, dass dieses Proletariat sich, sogar gegen den Willen dieser Führer 26), erhob und das herrschende System, ohne es in seiner ökonomischen Macht anzugreifen, zu Fall brachte.

Man darf dabei das eine nicht vergessen: dass Bernstein nicht bestreitet, und dass von sozialdemokratischer Seite nie bestritten worden ist, dass ein Generalstreik in allen Ländern den Ausbruch des Krieges verhindern könnte.

Und wieviel mehr gilt heute die Bemerkung von Domela Nieuwenhuis von 1901:

Wenn die Sozialisten den Mut gehabt hätten, auf dem Kongress in Brüssel 1868 anzunehmen, dass die Sozialisten eine Kriegserklärung mit dem Generalstreik beantworten sollten, dann glaube ich meinen zu dürfen, dass eine kräftige Propaganda für diesen Gedanken uns in zehn Jahren viel weiter gebracht hätte, als wir jetzt sind. 27)

Trotzdem meint Bernstein, dass die erste Augustwoche 1914 die Unrealisierbarkeit der Idee der Bekämpfung der Kriege durch den Massenstreik bewiesen hat (während man es nicht einmal "gedanklich in Angriff genommen hat"!) und daher aus den Diskussionen zukünftiger Arbeiterkongresse als Programmpunkt wohl ausscheiden wird.

Dieses Argument zeigte sich leider nur als zu richtig. Als auf dem Weltfriedenskongress im Haag 1922 das I.A.M.B., das eine grosse Anzahl revolutionär-antimilitaristischer Organisationen und revolutionärer Arbeiterorganisationen vertrat, diese Frage auf die Tagesordnung stellte, wurde kaum die Gelegenheit gegeben, die diesbezügliche Resolution zu verteidigen, und sie wurde ohne Diskussion verworfen. 28) Diese Resolution endete folgendermassen:

"In Uebereinstimmung mit der auf dem Kongress der Ersten Internationale 1868 angenommenen Resolution, in Uebereinstimmung mit den Vorschlägen von Domela Nieuwenhuis 1891 und 1893 und von Keir Hardie in Kopenhagen 1910, ruft der Kongress die Arbeiterklasse auf, Kriege unmöglich zu machen, indem sie die Solidarität mit den herrschenden Klassen bricht und eventuellem Krieg durch Generalstreik und Massendienstverweigerung vorbeugt.

Der Kongress erklärt es für die Aufgabe aller, die diese Auffassungen als die ihrigen anerkennen, mit oder ohne Zustimmung der Führer ihrer Organisationen jede Mobilisation in den betreffenden Ländern durch Streik und Dienstverweigerung zu beantworten, dahingestellt, ob man Aussicht hat, den Kampf zu gewinnen oder zu verlieren.

Der Kongress ruft alle Organisationen der sozialistischen Arbeiter auf, sich in moralischer, technischer und organisatorischer Hinsicht vorzubereiten, sich zu Generalstreik und Massendienstverweigerung bereit zu halten, und darauf hinzuzielen, einen trotzdem ausgebrochenen Krieg zur sozialen Revolution zu wenden."

VI

Es ist vorläufig in dieser Richtung nicht viel zu erwarten.

Es ist aus dem Vorhergehenden wohl zu begreifen, dass die Sozialdemokratie heute genau so "international", genau so "revolutionär" und "völkerbefreiend" ist wie vor zehn Jahren. Auch wenn sie nach dem vierjährigen Intermezzo, wo sie "Proletarier aller Länder mordet Euch" zur Losung nahm, aufs neue auf ihre Fahne geschrieben hat:

"Proletarier aller Länder vereinigt Euch!"

Auch von den kommunistischen Parteien ist kein wesentlicher Kampf gegen Krieg und Militarismus zu erwarten. Dass dies nicht der Fall ist im Lande, wo diese Partei die Regierungsmacht in Händen hat, ist selbstredend. Auch sie konnte den eisernen Konsequenzen, die nun einmal ein zentralisierter, nationaler Staat mit sich bringt, nicht entgehen. Denn wer den Staat will, muss den nationalen Staat wollen, und wer den nationalen Staat will, muss den Krieg wollen. Sogar auch dann, wenn nach Trotzki's "Ideal" diese Staaten vereinigt sein würden vom Ural bis zum Atlantischen Ozean. Was die K. P. verwirklichen will, ist ja auch nur das sozialdemokratische, marxistische Staatsideal, wenn auch mit putschistischen, blanquistischen (nicht bakuninistischen!) Mitteln. Um so mehr, als die K.P. der verschiedenen Länder, die ganze Dritte Internationale nur ein Instrument in Händen der Regierer des nationalen, staatskapitalistischen Sowjetstaates ist. Es war die zentralisierte Parteidiktatur und Staatsdiktatur, die die ersten Keime wirklicher proletarischer Selbstbefreiung, die sich in den Räten manifestiert hatten, vernichtete. Das Dekret, das die Rote Armee einsetzte - im Gegensatz zu den Freiwilligenheeren, die, unterstützt durch den Partisanenkrieg, die russische Revolution gegen die konterrevolutionären Angriffe verteidigt hatten - war nicht die Rettung, sondern die Vernichtung der Revolution.

Die heutige Kommunistische Partei kann und will den Militarismus nicht bekämpfen, weil sie die meist militaristischen und gewalttätigsten Methoden anwenden will, um ihr Ziel, die Eroberung der politischen Macht (die für sie die soziale Revolution bedeutet!) zu verwirklichen. Sie will die Produktionsmittel des Todes, den ganzen militärischen Machtapparat nicht vernichten, sondern diese der herrschenden Klasse entreissen. Dies bedeutet, dass sie bei der Anwendung ihrer Gewaltmittel natürlich nicht hinter denen des Imperialismus zurückstehen kann. Henriette Roland Holst hat bereits in einer Untersuchung über die Kampfmethoden der sozialen Revolution (1918) darauf hingewiesen und in unübertrefflicher Weise auseinandergesetzt, dass der revolutionäre Sozialismus die Ansicht überwinden muss; dass er mit allen Mitteln, welche es auch sein mögen, sein Ziel erreichen kann, dass mit diesen Methoden die soziale Revolution mit derselben Notwendigkeit versagen muss, als der Irrtum der Reformisten, die meinten, dass die Grösse und die Vollkomenheit ihrer Organisationen das Proletariat unbedingt zum Siege führen würde. Jede militärische Organisation wird unumgänglich ein Instrument, das die Freiheit der Masse bedroht oder angreift. Deshalb muss nicht nur der Militarismus tatkräftig bekämpft werden, sondern jede militärische Organisation muss verworfen werden. Es wird für das Proletariat keine Befreiung geben, solange es sich nicht vollkommen lossagt von dem Glauben, in der Waffengewalt eines der Mittel zu sehen, die die Volksmassen zum Siege führen müssen 29).

Wort für Wort findet man hier eine Bestätigung für die Notwendigkeit der revolutionär-antimilitaristischen Taktik im Klassenkampf. Wort für Wort ist es eine Verurteilung der Politik, die die Sowjetregierung seit 1919 geführt hat, Wort für Wort ist es eine Verwerfung der heutigen Taktik der Kommunistischen Partei.

Die heutige Kommunistische Partei hat auch nichts mehr gemein mit dem Spartakusbund, noch mit seinen Gründern. Ueber die Einführung des Sozialismus durch die diktatorische Macht einer Regierung sagt Rosa Luxemburg in ihrer Programmrede auf dem Gründungsparteitag der K. P. D.:

"Der Sozialismus wird nicht gemacht und kann nicht gemacht werden durch Dekrete, auch nicht von einer noch so ausgezeichneten sozialistischen Regierung. Der Sozialismus muss durch die Massen, durch jeden Proletarier gemacht werden. Dort, wo sie an die Kette des Kapitals geschmiedet sind, dort muss die Kette zerbrochen werden."

Und in dem Spartakusprogramm heisst es: "Der Spartakusbund ist keine Partei, die über der Arbeitermasse oder durch die Arbeitermasse zur Herrschaft gelangen will."

Ich weise auf dies alles nur mit einem Worte hin, weil sich auch hier wieder zeigt, wie sehr die revolutionär-antimilitaristische Taktik, die konsequente Kriegsbekämpfung unlöslich mit den Kampfmethoden der sozialen Revolution verbunden sind.

Der Krieg hat bewiesen, dass der Weg, den das Proletariat ging, nicht der Weg seiner Befreiung, nicht der Weg der Befreiung vom Kriege war.

Es gibt für die Befreiung des Proletariats kein anderes Heil als die ökonomischen Kampforganisationen, als Selbstorganisation, als internationaler revolutionärer Klassenkampf. Es gibt auch keinen anderen Weg, den Krieg zu bekämpfen. Man muss sich von der Utopie befreien, dass der Staat "absterben" würde durch eine ungekannte zentralistische Staatsdiktatur. Man muss sich von der Utopie befreien, dass die Freiheit zu verwirklichen sein würde durch den Despotismus.

Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Arbeiter selbst sein - von keinem Staat, von keinem nationalen oder internationalen Parlament, von keiner politischen Partei kann die Arbeiterklasse die Befreiung erwarten. Sie wird sich auch nur selbst befreien können von der furchtbaren Geissel, die sie zu vernichten droht - von dem Krieg.

Und wer den Krieg wesentlich bekämpfen will, muss die prinzipielle Umwälzung dieses ganzen gesellschaftlichen Systems wollen, "in einem Wort, man muss die soziale Revolution akzeptieren in all ihren Konsequenzen."

Der August 1914 brachte den Bankrott des offiziellen Sozialismus. - Das war das Schlimmste nicht. Millionen starben für eine Lüge, auch das war vielleicht das Schlimmste nicht.

Am 15. August 1914 publizierte das schwedische Blatt "Brand" ein anarchistisches Manifest 30), in dem gesagt wird, dass die Tausend, die mit gebeugtem Nacken den Tod jetzt erwarten, tausendmal gehört haben, wie der Krieg hätte verhindert werden können, und das mit den Worten endet:

"Einmal richten sich doch wohl noch die Arbeiter der ganzen Welt aus Blut und Tränen empor, aufs neue gedenken wir aus dem Chaos uns zu erheben, das die Gewaltpolitik geschaffen hat, und dann bringen wir eine teuer erkaufte, aus dem Schlunde der Hölle selbst geholte Erfahrung mit, eine Erfahrung, Genossen, die mit donnernder Stimme, doppelt gewaltig uns ruft zum Kampf wider die verbrecherische kapitalistische Gesellschaftsordnung, die erste und letzte Ursache dieses Weltunglücks ist. Mögen wir dann zeigen, was wir gelernt haben, und dass das Blut nicht vergebens geflossen ist."

Das ist das Schlimmste, das ist das unbegreiflich Fürchterlichste dieses Krieges. Dort stehen wir heute. Morgen vielleicht bricht die Hölle wieder los. Vielleicht war der Weltfriedenskongress im Haag bereits ein zweites Basel. Man wird "Nieder mit dem Krieg" rufen und gegen die "Kulturschande" protestieren - und dann werden wieder alle marschieren.

Herzen hat einmal das prophetische Wort gesprochen: "Ihr habt den Sozialismus nicht gewollt, nun gut, so werdet ihr den Krieg haben."

Der Weg, den die Arbeiterklasse heute geht, ist der Weg zu neuem Krieg und neuem Untergang.


1) Vergl. Karl Kautsky: Die Internationalität und der Krieg S. 6.

2) Vergl. die Friedensresolution des Internationalen Sozialistenkongresses 1910 in Kopenhagen.

3) Vergl. Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx (Stuttgart 1921) Band III, S. 323, 328.

4) Vergl. James Guillaume, L'Internationale. Documents et Souvenirs. Tome 1, S. 37.

5) Guillaume a.a. O.S. 51.

6) Vergl. Bakunin's Sozialpolitischer Briefwechsel mit A. J. Herzen und Ogarjow (Stuttgart 1895) S. 311.

7) Vergl. 0. Testut, Livre bleu de l'Internationale, Paris 1870, S. 170.

8) Vergl. Guillaume a. a. 0. 1 S. 68, 69.

9) Briefwechsel a. a. 0. Band IV, S. 319 und 296.

10) Vergl. Guillaume a. a. 0. II, S. 70.

11) Vergl. 0. Testut, L'Internationale et le Jacobinisme S. 277

12) Oswald Spengler, Preussentum und Sozialismus (1920) S. 32, 42, 76.

13) Vergl. Spengler a. a. 0. S. 52, 53. Man muss ein preussischer Philosoph sein, um den Mut zu haben, 1920! zu erklären, dass die höchste Form menschlichen Daseins in Schützengräben, Giftgasen, Dumdumgeschossen, Kathedralbeschiessungen, Lusitaniaversenkungen, Hungerblockaden, Bombardierungen aus der Luft und so weiter und so weiter besteht!

14) Vergl. Verhandlungen und Beschlüsse des Internationalen Arbeiterkongresses zu Brüssel 1891, S. 27 ff.

15) Protokoll des Intern. Soz. Arbeiterkongresses in Zürich 1893, S. 21-30.

16) Vergl. Parteitags-Protokoll Hamburg 1897, S. 122, 134-155.

17) Vergl. Max Nettlau "Verantwortlichkeit und Solidarität im Klassenkampf" (Der Syndikalist, Berlin).

18) Vergl. Protokoll des Allgem. Inter., Soz. Kongresses Stuttgart 1907, S. 65, 66, 67, 81-105.

19) Karl Kautsky "Vergangenheit und Zukunft der Internationale" (Wien 1920) S. 5.

20) Vergl. Protokoll Intern. Soz.-Kongress Kopenhagen 1919, S. 36, 37, 99, 103.

21) Vergl. Sozialdemokratie und Landesverteidigung; herausgegeben vom Bezirksvorstand der Provinz Brandenburg (Vorwärts, Berlin 1915) S. 9.

22) Vergl. "Die Kriegspolitik der Partei". (Herausgegeben vom Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.)

23) Kautsky, Vergangenheit und Zukunft der Internationale, S. 3.

24) Vergl. Eduard Bernstein: Die internationale der Arbeiterklasse und der europäische Krieg. S. 4, 5, 18, 22, 23.

25) Bernstein a. a. 0. S. 4-5

26) Auf dem sozialdemokratischen Parteitag-Kongress 1924, Berlin, erklärte Scheidemann: Ich bin dankbar, dass festgestellt worden ist, dass Ebert und ich an der Novemberrevolution nicht schuld sind.

27) Domela Nieuwenhuis, Krieg dem Krieg, Freier Arbeiter-Verlag, Berlin 1907, S. 14.

28) Vergl. Directe Actie! De antimilitaristen van de daad op het vreedes-kongres van het I. V. V., 10.-15. Dec. 1922 door B. de Ligt. B. I. A., Edition du Bureau International Antimilitariste (Bilthoven, Hollande 1924).
Siehe: "Erkenntnis und Befreiung". Jahrg. Vl. Nr. 1.

29) Vergl. Henriette Roland Holst "De strijdmiddelen der sociale revolutie" (Bos & Co., Amsterdam).

30) Vergl. Die Internationale und der Weltkrieg. Materialien gesammelt von Carl Grünberg. S. 289.