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Die IAA. und der Kampf gegen Militarismus und Krieg.
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Gewalt und Gewaltlosigkeit
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Der Antimilitarismus und die Verteidigung der Revolution.
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Der revolutionäre Antimilitarismus und die antiimperialistische
Taktik
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industrielle Dienstverweigerung!
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Gewalt und Revolution
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Der Wahnsinn des Nationalismus und die Stellung des revolutionären
Syndikalismus
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Die Masken sind gefallen!
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Der holländische Antimilitarismus
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Sozialdemokratie und Krieg
Die IAA. und der Kampf gegen Militarismus
und Krieg.
1.
Der internationale
Zusammenschluss der Arbeitermassen hätte nur wenig zu bedeuten, wenn
er nicht die selbstverständliche Voraussetzung enthielte, dass die
gemeinsamen internationalen Interessen des Proletariats schwerer
wiegen als die gemeinsamen Interessen des Proletariats mit der
Bourgeoisie innerhalb eines staatlichen Verbandes.
Als die
erste Internationale 1864 den ersten grossen Versuch machte, die
Arbeiter aller Länder auf ökonomischer Grundlage zu vereinigen zur
Befreiung der Arbeit, da erklärte sie, dass diese Befreiung kein
nationales, sondern ein internationales Problem sei.
Aus
dieser Auffassung ging eine klare Haltung gegen den Krieg und gegen
den Militarismus hervor. Auf dem 2. Kongress der Internationalen
Arbeiter-Association 1868 in Brüssel fasste sie die berühmte, von
Cäsar de Paepe vorgeschlagene Resolution, in der der Krieg zu einem
Bruderkrieg von Produzenten erklärt und im Kriegsfalle das Mittel
des Generalstreiks empfohlen wird.
Es ist besonders Bakunin
gewesen, der am schärfsten erkannt hat, dass man den Krieg nicht
bekämpfen kann, ohne den Staat zu bekämpfen, und dass die
Vernichtung des Staates genau so die Vorbedingung ist für den
Frieden wie für die soziale Befreiung. denn der Staat ist die
permanente Unterdrückung nach innen und der permanente Krieg nach
aussen.
Wo die Arbeiterbewegung den Weg des ökonomischen
Kampfes und der direkten Aktion verlassen hat und an ihre Stelle die
politische Partei und deren Ziel: die Eroberung der Staatsmacht
getreten ist, konnte sie auch den Krieg nicht mehr wesentlich
bekämpfen, denn wenn man den Staat will, muss man den nationalen
Staat wollen, und mit dem Staat hat man den Nationalismus und den
Militarismus und den Krieg.
Die mechanisch-fatalistische
Auffassung des Marxismus, dass der Kapitalismus sich
notwendigerweise zum Sozialismus entwickeln würde, wirkte sich auch
katastrophal auf dem Gebiete der Kriegsbekämpfung aus. Welche Folge
diese Einstellung hatte, dass der Militarismus "von selbst"
verschwinden würde, zeigte der August 1914, als es sich
herausstellte, dass der Sozialismus auf dem Wege zur Eroberung des
Staates inzwischen vom bürgerlichen Staate erobert war. Die
Sozialdemokratie aller Länder liess "in der Stunde der Gefahr das
Vaterland nicht im Stich" und schloss den blutigen Burgfrieden mit
dem Todfeind der Arbeiterklasse.
Nach dem Kriege zeigte es
sich, dass die Sozialdemokratie nichts gelernt und nichts vergessen
hatte, Der instinktive Protestschrei von Millionen gegen das blutige
Morden: "Nie wieder Krieg" wurde bald durch die Parteilosungen und
durch die erneute Losung des Verteidigungskrieges ersetzt. In
Arbeiter- und Koalitionsregierungen organisierte die
Sozialdemokratie die neuen Kriegsvorbereitungen und verstärkte in
allen Ländern den militaristischen Apparat des kapitalistischen
Staates. Die Antwort auf die Frage, was von dieser Partei zu
erwarten ist, wenn morgen ein neuer Krieg ausbrechen würde, erübrigt
sich.
Der Militarismus gehört zum eisernen Bestand des
Staates. Er war und ist stets eine Waffe des Kapitalismus gegen den
"inneren Feind"; eines der Mittel, womit die Unterdrückung der
Arbeiterklasse gehandhabt wird. Von der antistaatlichen
Arbeiterbewegung ist denn auch stets der Kampf gegen die
Organisation des Militarismus und gegen den Geist des Militarismus
als eine unerlässliche Vorbedingung für den Kampf für eine freie
Gesellschaft ohne Ausbeutung und ohne politische Unterdrückung
betrachtet worden.
Auch der heutige Faschismus, der nicht nur
eine nationalistische Reaktion, sondern eine wahre Konterrevolution
des Militarismus darstellt, ist in seinen Wurzeln und in seinen für
die Arbeiterklasse verhängnisvollen Auswirkungen gar nicht zu
überwinden, ohne prinzipiell den Militarismus zu
bekämpfen.
Die Syndikalistische Bewegung in allen Ländern hat
darum auch stets einen rücksichtslosen Kampf gegen den Militarismus
geführt. In Übereinstimmung mit einer jahrzehntelangen
revolutionär-syndikalistischen Tradition und im Zusammenhang mit
ihrem erstrebten Ziel: Befreiung der Arbeiterklasse von Kapital und
Staat, legte die IAA mit folgenden Worten diese Auffassung in ihrer
Prinzipienerklärung fest: Der revolutionäre Syndikalismus bekämpft
den Militarismus in jeder Form und betrachtet die
Antimilitaristische Propaganda als eine der wichtigsten Aufgaben im
Kampfe gegen das herrschende System. Die Verweigerung der
Persönlichkeit dem Staate gegenüber und besonders der organisierte
Boykott der Arbeiter gegen die Herstellung von Heeresgerät sollte
vor allem anderen ins Auge gefasst werden.
2.
Neben
den nicht sehr erfolgreichen Versuchen, die im Laufe der Jahre
unternommen wurden, eine anarchistische Internationale zu gründen,
gab es die Bestrebungen zur Gründung einer antimilitaristischen
Internationale. Sie kam auch im Jahre 1904, besonders von
französischer Seite angeregt, zustande. Der holländische Anarchist
Domela Nieuwenhuis setzte sich ganz für sie ein. Auf den
internationalen sozialistischen Kongressen 1891 in Brüssel und 1893
in Zürich hatte er bereits auf die Notwendigkeit einer direkten
Aktion gegen den Krieg hingewiesen und die konkrete Frage gestellt,
was die Arbeiterklasse zu tun habe, wenn der Krieg ausbräche. Und in
Übereinstimmung mit der Resolution von 1868 schlug er - bekanntlich
ohne Erfolg - den Generalstreik bei Kriegsausbruch vor. Der
Vorschlag wurde von den Marxisten als indiskutabel und sogar als
lächerlich abgelehnt. Erst nach dem Kriege sollten
sozialdemokratische Gewerkschaften die Richtigkeit dieses Gedankens,
wenigstens auf dem Papier, anerkennen.
Die gegründete
Internationale, die Internationale Antimilitaristische Vereinigung
(IAMV) hielt noch einen zweiten Kongress 1907 ab aber sie existierte
praktisch nur in Holland und kam auch nur dort zur Bedeutung. Auf
dem dritten internationalen Antimilitaristen-Kongress, 1921 im Haag,
wurde das Internationale Antimilitaristische Büro gegen Krieg und
Reaktion (IAMB) gegründet, das jetzt nicht mehr eine Internationale
von ausschliesslich antimilitaristischen Vereinigungen sein sollte,
sondern alle Organisationen, die einen
revolutionär-antimilitaristischen Standpunkt einnahmen, sollten auf
diesem Gebiete zusammenarbeiten. So waren neben anarchistischen,
antimilitaristischen, Jugend- und Frauenorganisationen auch
syndikalistische Organisationen dem Büro angeschlossen.
Seit
10 Jahren hat das IAMB eine rege Propaganda für die Prinzipien des
revolutionären Antimilitarismus international geführt. Es hat auf
zahlreichen internationalen Kongressen seinen Standpunkt verteidigt
und intervenierte und rief in zahllosen Fällen zu Protestaktionen
für die verfolgten Opfer der Reaktion auf. Es bekämpfte den
Pazifismus in allen seinen Formen - den Völkerbund, den
Abrüstungsschwindel, den Kelloggpakt usw., sowie den
Pseudo-Antimilitarismus der Sozialdemokratie - und betonte die
revolutionären, sozial-ökonomischen Waffen der direkten
Aktion.
Die enge Verbindung mit der IAA fand ihren
organisatorischen Ausdruck in der Internationalen
Antimilitaristischen Kommission (IAK), die zwecks praktischer und
permanenter Zusammenarbeit auf der internationalen Konferenz der IAA
im Mai 1926 in Paris gegründet wurde. Sie hat ihren Sitz in Holland
und gibt einen speziellen Antimilitaristischen Pressedienst in
mehreren Sprachen heraus.
3.
Die kapitalistische Welt
geht einem neuen 1914 entgegen, Seit dem Ende des Krieges haben die
Waffen nicht geruht. Auch die Kriegstechnik nicht. Und die
Kriegsvorbereitungen nicht. Alle Versuche, den wahnsinnigen
Rüstungswettkampf der Staaten auch nur zu beschränken, sind
misslungen. Mit dem Scheitern der Weltabrüstungskonferenz hat die
pazifistische Epoche der Nachkriegszeit ihr trauriges und
definitives Ende gefunden. Denn die Regierenden aller Länder sind
sich darüber einig, dass es aus dem heutigen, durch den ersten
Weltkrieg hervorgerufenen wirtschaftlichen Chaos keinen anderen
Ausweg gibt als neuen Krieg.
Inzwischen hat die Kriegstechnik
eine Revolution durchgemacht. Der moderne Krieg ist motorisiert, der
Motor ist auf dem Lande und in der Luft von überragender Bedeutung
geworden; und mit dem Motor das Öl, Der Krieg ist mechanisiert, die
mechanischen Kampfmittel sind von grösserer Bedeutung geworden als
das Menschenmaterial, Schliesslich ist der Krieg industrialisiert :
die Kriegführung ist nicht mehr abhängig allein von Pulver und
Kanonenfabriken, sondern von dem gesamten Produktionsapparat eines
Landes. Ohne industrielle Vorbereitung kann kein Staat den Krieg
mehr führen. Auch die ganze Bevölkerung wird aktiv und passiv in den
Krieg einbezogen.
Mit den neuen Kriegsmethoden hat sich auch
das Kriegsziel geändert, es gilt nicht mehr, die feindliche Armee zu
schlagen, sondern die militärische und technische Basis dieser
Armee, die politischen und industriellen Zentren des "feindlichen"
Volkes zu vernichten. Zu diesem Zwecke stehen heute bereits tausende
von Flugzeugen startbereit und inzwischen wird, besonders auf diesem
Gebiet, fieberhaft weiter gerüstet (während Frankreich zum Beispiel
1914 134 Flugzeuge hatte, verfügt es jetzt über etwa 3000). Der
moderne Krieg ist der aero-chemische Krieg. Der Schutz der
Zivilbevölkerung gegen den Luftkrieg ist unmöglich.
Dieser
Wandlung der Kriegsvorbereitungen vom spezifisch militärischen aufs
ökonomische Gebiet muss auch die Arbeiterklasse Rechnung tragen. Der
Schwerpunkt der Kriegsbekämpfung kann nur noch auf industriellem
Gebiet liegen. Nicht nur, weil dort die Kriegsvorbereitungen des
Staates am besten zu treffen sind und auf dem Gebiete der Arbeit die
wesentlichste Macht der Arbeiterklasse liegt, sondern auch, weil
eine zweckmässige Kriegsbekämpfung nur möglich ist in Verbindung mit
dem Kampf gegen den Kapitalismus überhaupt.
Die Verhinderung
der Herstellung von Heeresgut, die Verweigerung von
Kriegstransporten, die Kontrolle und Vorbereitung der Sabotage in
den Friedensindustrien wie Farbenfabriken usw., die im Kriegsfalle
sofort zur Kriegsproduktion umgewandelt werden, müssen durchgeführt
werden mit Hinblick auf den organisierten Endkampf der
Arbeiterklasse gegen das gesamte herrschende System, d, h. mit
Hinblick auf die Eroberung der Produktionsmittel.
Wie die
Tageskämpfe gegen das Unternehmertum unerlässliche Teilkämpfe sind
für den Endkampf gegen den Kapitalismus, so sind die
antimilitaristischen Aktionen auf industriellem Gebiet zweckmässige
und notwendige Vorbereitungsaktionen zur Verhinderung des
Krieges.
Denn mehr als je heisst heute die Frage: Krieg oder
Revolution. Eine dritte Möglichkeit gibt es für die Arbeiterklasse
nicht. Wenn sie den Krieg ablehnt, muss sie die Revolution
vorbereiten, Die endgültige Besiegung des Krieges ist nur möglich
durch den Sieg der Revolution.
4.
Die heutige
Weltkrise ist eine ungeheure Warnung für die Arbeiterklasse der
ganzen Welt. Diese Krise beweist, wie wenig der Kapitalismus
imstande ist, die Wirtschaft wieder "normal" funktionieren zu
lassen. Diese Krise ist ein Alarmsignal. Denn diese Krise ist erst
das Vorspiel. Sie ist erst der Anfang der Krise. Die wahre Krise des
Kapitalismus ist der imperialistische Krieg. Kein Völkerbund, kein
Paneuropa, kein Kelloggpakt und "Nichtangriffspakt" können da
helfen. Der Kapitalismus kann den Krieg ebensowenig verhindern, als
er die Krise verhindern kann. Er kann den Krieg hinausschieben, um
inzwischen die politischen Gruppierungen zu verändern, um neue
Bündnisse zu bilden, aber schliesslich nur, um den Krieg auf
breiterer Basis ausbrechen zu lassen. Die Gegensätze, die im
Kapitalismus zum Kriege führen, sind unter dem Kapitalismus nicht zu
lösen. Das wird zwar nicht von Pazifisten und Sozialdemokraten
verstanden, aber um so mehr von den herrschenden Staatsmännern.
Deshalb rüsten sie, trotz aller Friedensversicherungen, bis zum
Staatsbankrott. Deshalb das Weltkriegsbudget von 20 000 Millionen
Mark pro Jahr.
Die Krise unter dem Kapitalismus ist keine
zufällige Erscheinung. Sie ist wie der Krieg eine gesetzmässige
Folge des kapitalistischen Produktionsprozesses. Der Kapitalismus
muss produzieren, um Gewinne zu produzieren. Für seine Produkte muss
er Absatzgebiete finden. Die imperialistische Phase des Kapitalismus
und eine der Hauptursachen des ersten Weltkrieges war der Kampf um
noch nicht erschlossene Gebiete zum Absatz von Waren und von
Kapital. Aber der Kampf um Kolonien ist durch den Weltkrieg und seit
dem Weltkrieg mehr oder weniger zu Ende. Die Welt ist von den
räuberischen Staaten aufgeteilt. Diese Aufteilung ist, wie die ganze
kapitalistische Produktion, in hohem Masse chaotisch. Die Spannungen
zwischen den verschiedenen Staaten sind nicht geringer geworden. Das
einzige grosse Gebiet, das von den Imperialisten noch nicht
vollständig beherrscht wurde und noch nicht ganz dem Kapitalismus
erschlossen war - China - ist denn auch das Gebiet des heftigsten
Kampfes der verschiedenen imperialistischen Staaten und bereits der
Schauplatz eines offenen Kolonialkrieges, trotz Völkerbund und
Kelloggpakt.
Heftiger ist dieser Kampf der imperialistischen
Staaten noch geworden durch das Erscheinen der sogenannten farbigen
Völker auf der weltgeschichtlichen Bühne. Sie fordern ihre
"nationale Unabhängigkeit", das bedeutet, dass die aufkommende
Bourgeoisie in diesen Ländern die kapitalistische Ausbeutung in ihre
eigene Hand nehmen will.
Die gewalttätige Unterdrückung der
Kolonialvölker durch die imperialistischen Staaten bildet eine
dauernde Kriegsgefahr. Diese Unterdrückung ist übrigens nur möglich
durch die tatsächliche Unterstützung der imperialistischen
Bourgeoisie durch das weisse Proletariat in den verschiedenen
Ländern. Die Aufgabe des weissen Proletariats ist es, die
Solidarität mit der Bourgeoisie zu zerbrechen und durch die direkte
Aktion der Massenverweigerung von Soldaten und Matrosen, durch die
organisierte industrielle Arbeitsverweigerung und
Transportverhinderung jede militärische Aktion gegen die
Kolonialvölker unmöglich zu machen.
Nur der gemeinsame Kampf
aller unterdrückten Rassen und Klassen gegen jeden Kapitalismus und
Imperialismus kann die neuen drohenden Weltkriege verhindern und
jeder Unterdrückung ein Ende machen. Denn die wirkliche Befreiung
der Kolonialvölker fordert nicht die nationale Unabhängigkeit und
die Errichtung neuer nationaler Staaten, sondern die soziale
Unabhängigkeit, die soziale Befreiung: die Aufhebung jeder
Unterdrückung und Ausbeutung des arbeitenden Volkes.
Der
weisse Imperialismus hat allmählich die Grenzen seiner Expansion
erreicht. Das ist einer der Gründe, weshalb die heutige Krise sich
von den vorherigen Krisen unterscheidet, sowohl hinsichtlich ihrer
Intensität, wie durch ihren Umfang, als auch durch die
Schwierigkeiten, diese Krise zu überwinden. Denn durch die
Entwicklung des Kapitalismus in den kolonialen und halbkolonialen
Ländern ist der Ausweg, den der Kapitalismus früher hatte, enger
geworden, Wohin früher Waren gebracht wurden, werden jetzt selbst
Waren produziert, nachdem man dort eine neue bestimmte Sorte von
Waren - nämlich maschinelle Produktionsmittel - hingebracht hat, die
Waren produzieren können. Und zwar billiger durch die masslose
Ausbeutung der farbigen Arbeitskräfte, Der "ausländische"
Kapitalismus wurde nicht nur aus diesen Gebieten verdrängt, sondern
auch auf dem Weltmarkt durch billigere Waren bedroht.
Neue
"farbige", kapitalistische Länder - Japan, China, Indien - nehmen
an, der Weltwarenproduktion teil. Der internationale
Konkurrenzkampf, der Kampf auf dem Weltmarkt, der Kampf um die
wenigen offenen Märkte und um "Offene Türen" ist heftiger als je.
Der welthistorische Widerspruch des Kapitalismus ist dieser: Je mehr
die Welt durch ihn eins wird, je enger die ökonomischen
Zusammenhänge zwischen Ost und West werden, desto heftiger und
umfangreicher wird die Krise, desto schärfer die imperialistischen
Gegensätze, desto unvermeidlicher die imperialistische Krise des
Kapitalismus: der Krieg.
5.
Gegen die ungeheure
drohende Gefahr eines neuen Weltgemetzels, dessen Opfer an erster
Stelle aufs neue die Arbeiterklasse sein würde, ruft die IAA die
Arbeiter in allen Ländern auf zu einem Kampf gegen das herrschende
System. Sie ruft die Arbeiterklasse auf, den direkten Kampf gegen
den Krieg und gegen die Kriegsvorbereitungen auf ökonomischem Gebiet
sofort zu beginnen. Sie erklärt, dass die Arbeiterklasse in diesem
Kampf von den politischen Parteien ebensowenig etwas zu erwarten
hat, wie im Kampfe für ihre soziale Befreiung. Die Vorbedingung zu
einem einheitlich organisierten Kampf der gesamten Arbeiterschaft
ist die praktische und ideologische Loslösung von jeder politischen
Partei und von den nationalen Interessen jedes Staates.
Der
reformistische internationale Gewerkschaftsbund und mehrere seiner
wichtigsten Berufsverbände haben wiederholt erklärt, einen
Kriegsausbruch mit dem Generalstreik beantworten zu wollen. Bis
jetzt hat man noch wenig von einer Vorbereitung dazu gemerkt. Und
das ist erklärlich. Solange der IGB ideologisch und politisch mit
einer Sozialdemokratie verbunden ist, die ja den Verteidigungskrieg
bejaht und die Kriegsvorbereitungen mit organisiert, ist dies auch
nicht anders möglich.
Zwischen zwei Wegen gilt es zu wählen:
entweder man bereitet sich vor auf den Verteidigungskrieg, oder man
bereitet die Verhinderung des Krieges um jeden Preis auf
ökonomischem Gebiete vor.
Ebensowenig wie die reformistische
Sozialdemokratie ist die revolutionäre Sozialdemokratie, der
Bolschewismus, eine Gewähr für einen unbedingten Kampf gegen den
Krieg. Wie alle anderen Staaten - und in Verbindung mit anderen
Staaten - bereitet der staatskapitalistische Sowjetstaat sich auf
den Krieg vor. Wie kaum in einem anderen Lande wird, das ganze Volk
mit einem nationalistischen und militaristischen Geist
vergiftet.
Aussenpolitisch hat Sowjetrussland seine
Verbindungen mit kapitalistischen und reaktionären Staaten in Europa
und Asien: Es unterhält ausgezeichnete militärische Beziehungen mit
dem italienischen Faschismus, mit der Reaktion in Persien, mit der
Diktatur in der Türkei.
Im Kampfe gegen den Krieg kann
deshalb die Arbeiterklasse sich nicht mit der roten Armee und dem
russischen Staat verbinden, denn das würde bedeuten, dass es sich im
Kriegsfalle auf die Seite jener Gruppen von Staaten stellt, die mit
Russland verbündet sind. Es würde damit prinzipiell für den Krieg
Partei nehmen. Deshalb ist es die Aufgabe der Arbeiterklasse, in
allen Ländern bereits jetzt die Verhinderung eines jeden Krieges,
unter welchen Losungen er auch geführt werden wird, zu organisieren;
in allen lebenswichtigen und kriegswichtigen Betrieben, in der
Metallindustrie, im Bergbau, im Transportwesen Aktionskomitees zu
bilden zur Vorbereitung des Generalstreiks; womöglich ein Beispiel
in der organisierten Verhinderung von Heeresmaterialproduktion zu
geben und den Transport von Kriegsmaterial zu verweigern.
Bei
diesen Teilkämpfen gegen die Kriegsvorbereitungen muss stets das
Ziel der sozialen Revolution ins Auge gefasst werden, deren Aufgabe
es ist, den Staatsapparat zu vernichten und das gesamte ökonomische
Leben in die Hände der Produzenten überzuleiten.
Wenn die
Arbeiterklasse durch die soziale Revolution den Krieg nicht
verhindert, wird der Krieg die Arbeiterklasse vernichten. Es kommt
darauf an, durch die Revolution dem Krieg zuvorzukommen, nicht nur
um die Arbeiterklasse und darüber hinaus die gesamte Menschheit vor
dem Wahnsinn eines modernen Krieges zu bewahren, sondern auch, weil
bei einer Verzweiflungsrevolution, die gewiss im Verlauf des Krieges
ausbrechen würde, die sozialistische Reorganisation der Gesellschaft
erschwert wäre durch die Zerrüttung des wirtschaftlichen Lebens. Die
Internationale Arbeiter-Assoziation wird nicht müde werden, vor dem
Forum des Weltproletariats zu wiederholen, dass es sich hier um eine
Frage um Leben und Tod der Arbeiterklasse und des Sozialismus
handelt. Will die Arbeiterklasse dieneue Weltkatastrophe, die der
Kapitalismus heute vorbereitet, umgehen, so wird sie ihr Schicksal
in ihre eigene Hand nehmen müssen.
Auch die Befreiung der
Arbeiterklasse von der Geissel des Krieges kann nur das Werk der
Arbeiterklasse selbst sein.
A.Müller-Lehning.
Aus
"I.A.A. 10 Jahre internationaler Klassenkampf / Gedenkschrift zum
zehnjährigen Bestehen der Internationalen Arbeiter-Assoziation" /
Berlin, 1932
Gewalt und Gewaltlosigkeit
1)
Von Arthur Müller-Lehning
Im Auftrage der
"Internationale der Kriegsdienstgegner" hat Dr. Franz Kobler, Wien,
ein Sammelwerk herausgegeben, das dem Kampf gegen die Gewalt
gewidmet ist - nicht indem es dogmatisch das Allheilmittel der
Gewaltlosigkeit predigen will, sondern das Gesamtproblem der Gewalt
sozial, politisch und religiös zu umreissen versucht.
Das
Buch enthält Aufsätze von etwa 40 verschiedenen Mitarbeitern und ist
in drei Abschnitte geteilt: 1. Teil: Das Problem der Gewalt, Il.
Teil: Aufstieg und Entwicklung des aktiven Pazifismus, III. Teil:
Methoden und Praxis des aktiven Pazifismus. Der erste Teil ist der
vollständigste. Die Grenze des ersten und zweiten Teils ist übrigens
nicht scharf gezogen oder zu ziehen. Aufsätze von Hans Kohn:
"Judentum und Gewalt," B. de Ligt: "China und der Friede" könnten
ebensogut im ersten Teil untergebracht worden sein, der überwiegend
philosophisch orientiert ist, ohne dass das Ganze etwa zu einer
Philosophie der Gewalt geworden wäre, obgleich viel Grundlegendes
zusammengebracht sein dürfte. Es ist sehr schade, dass die wichtige
philosophisch-(terminologische) Auseinandersetzung des Herausgebers
"Vom Wesen der Gewalt", der Versuch zu einer Begriffsbestimmung der
Gewalt, etwas fragmentarisch geblieben ist. Im ersten Teil findet
man ausserdem Aufsätze von Alfred Adler: "Psychologie der Macht";
Leonhard Ragaz: Jesus Christus und die Gewaltlosigkeit"; John W.
Graham: "Krieg und Protestantismus"; Hans Kohn: "Nationalismus und
Gewalt"; Hendrik de Man: "Sozialismus und Gewalt"; einen älteren
Aufsatz von Gandhi: "Die Theorie und Praxis des passiven
Widerstandes" und viele andere. Der zweite Teil versucht eine
historische Übersicht von den Bewegungen gegen die Gewalt zu geben
und enthält die Geschichte der Dienstverweigerung während des
Krieges in einigen Ländern, ausserdem findet man hier Artikel über
Tolstoi (von Stefan Zweig), Peter Chelcicky (von Carl Vogt), Mahatma
Ghandi und die Satyagrabewegung (von Wilfred Wellock). Der dritte
Teil enthält Artikel über Gewalt und Erziehung, Jugendbewegung, die
Frauen, Sport, Alternativdienstpflicht, die Technik des Krieges (von
Freiherr von Schoenaich) und einen etwas schematischen Artikel über
"die Taktik des aktiven Pazifismus" von B. de Ligt und Franz
Kobler.
Ein Anhang enthält Dokumentarisches,
Literaturübersicht, Adressenverzeichnis pazifistischer
Organisationen, Namen- und Sachregister. Die Zusammenstellung des
Buches weist darauf hin, dass es sich nicht nur um das Problem der
Gewalt im engeren Sinne handelt, sondern besonders um das ihrer
höchsten Organisation: des Krieges. Den Ausgangspunkt des Buches
bildet die Bewegung gegen den Krieg. Dadurch ist die Geschichte des
Kampfes gegen die Gewalt fast vollkommen mit derjenigen der
radikalen Pazifisten identifiziert, was den Tatsachen nicht
vollkommen entspricht. Es ist natürlich nicht zufällig, dass der
erste Versuch, das Gesamtproblem der Gewalt zu umreissen, mit der
Anti-Kriegsbewegung verbunden ist. Einerseits ist es die
Gewaltlosigkeit, die ein inspirierender Faktor in der Bewegung der
Kriegsdienstgegner gewesen ist, andrerseits ist es die nicht
gewaltlose revolutionäre antimilitaristische Bewegung, die durch
ihren konsequenten Kampf gegen den Krieg zu gleicher Zeit gegen die
organisierte und monopolisierte Gewalt kämpft. Da die Grenzen der
Untersuchung von vornherein nicht zu eng gezogen wurden, ist dieser
erste Versuch zu einem höchst interessanten und vielseitigen Werk
geworden, das die weiteste Verbreitung verdient. Es ist besonders
auch zu einem wichtigen Nachschlagewerk für die Bewegung der
radikalen Kriegsbekämpfung geworden.
Vielleicht ist jedoch
der Rahmen des Buches für das vom Herausgeber gestellte Ziel zu
weit. Indem die Anhänger der Gewaltlosigkeit zu Kriegsgegnern
wurden, ist es diese Bewegung, die den Ausgangspunkt von Koblers
Buch bildet, während doch die Kriegsgegner nicht ohne weiteres
Anhänger der Gewaltlosigkeit, ja, sogar nicht alle
Kriegsdienstgegner sind. Abgesehen davon, dass die Beiträge von sehr
verschiedenem Niveau sind, hat diese Gleichsetzung resp. diese
Vermischung die Einheitlichkeit des Buches, insoweit es das Problem
der Gewalt untersuchen will, nicht, gefördert. Ein grosser Teil des
Buches wird dann auch durch den Untertitel besser charakterisiert
als durch den Titel. Wenn auch das Gesamtproblem der Gewalt
untersucht werden soll, so steht doch die Gewalt des Kriegsphänomens
im Zentrum. Der Weltkrieg hat nicht das Ende des Krieges gebracht;
seit dem Friedensschluss haben die Waffen nicht geruht, und bereits
wird der nächste Krieg mit den satanischsten Mitteln vorbereitet.
"Im Bewusstsein und im Angesicht einer solchen Weltlage wird die
Herausgabe dieses Buches gewagt. Die Flammenlettern 'Nie wieder
Krieg' sind zum Klischee verblasst, die Massen, die diesen Ruf einst
ausgestossen, zum grossen Teil längst aufgeteilt in die Lager der
Gewalt. Dennoch: geblieben ist die Bewegung. Ja, gerade durch den
Wegfall der Vielzuvielen ist sie in ihrer Reinheit, in ihren
Zusammenhängen mit den grossen Traditionen der Vorzeit sichtbar
geworden. Die Bewegung, die heute wie ehedem bei allen Völkern der
Erde Menschen in gemeinsamen Streben nach Ueberwindung der Gewalt
verbindet. Ihr Bekenntnis, ihre Rechenschaft soll das vorliegende
Sammelwerk ablegen." (Aus dem Geleitwort des Herausgebers.) In den
Dienstverweigerern von Amerika, England, Holland, der
"Non-Violence"-Bewegung von Gandhi sieht Kobler den - Gedanken der
Gewaltlosigkeit, der ausging von der Bergpredigt und sich über Peter
Chelcicky, William Penn und Leo Tolstoi fortpflanzte, in unserer
Zeit realisiert.
Es ist kennzeichnend, dass die Realisierung
des Gedankens der Gewaltlosigkeit gerade gesehen wird in Bewegungen,
die doch eigentlich vielmehr den Charakter sozialer Bewegungen
tragen als dass sie spezifische Bewegungen der Gewaltlosigkeit sind.
Desto mehr ist es zu bedauern, dass, die sozialen Zusammenhänge im
allgemeinen und besonders auch syndikalistische Gedankengänge so gut
wie unberücksichtigt geblieben sind.
Auch werden die
Zusammenhänge des Monopols der Macht und des Monopols des Besitzes
nicht näher erörtert; die Untersuchung der Rolle der Gewalt in der
Entwickelung des Kapitalismus ist unterblieben. Im heutigen
kapitalistischen Staatssystem sind die Macht und die Gewalt
identisch. Der Staat ist ein System der monopolisierten Gewalt, und
der Kampf der politischen Parteien wäre als ein Kampf um dieses
Monopol anzusehen. Der heutige Krieg ist zwar das typische Beispiel
der Gewalt - er ist jedoch nicht weniger die unumgängliche Folge der
ökonomischen Grundlage der Gesellschaft. Die Zusammenhänge dieser
Grundlagen mit dem heutigen Staat, der die Organisation der Gewalt
bildet, um die Macht der Ausbeutung zu handhaben, liegen klar
zutage. Die Geschichte der Gewalt wäre so fast identisch mit der
Geschichte der Unterdrückung und Ausbeutung.
Wir können dem
Herausgeber auch nicht beistimmen, wenn er meint, die Herausgabe des
Buches sei gerechtfertigt, weil das Problem der Gewalt nicht eines
der vielen, sondern das Problem der Zeit sei. Gewiss - die Gewalt in
allen ihren Formen ist zu einem typischen Phänomen unserer Zeit
geworden, aber ihre Rolle als grundlegender Faktor der kulturellen
Struktur ist doch von sekundärer Art. Die Gewalt kann deshalb,
ebensowenig wie der Krieg, nicht wirklich bekämpft werden, ohne dass
man ihre Ursachen bekämpft. Und was vom Kampf gegen den Krieg gilt,
gilt nicht weniger vom Kampf gegen die Gewalt: dass eine Gefahr
vorhanden ist, die Erscheinung des Krieges an sich bekämpfen zu
wollen und sie dabei von ihren sozialen Zusammenhängen zu isolieren.
Das läuft schliesslich auf jenen zweifelhaften ,Pazifismus" hinaus,
der zwar den Krieg nicht will, aber alles unangetastet lässt, was
unumgänglich zu ihm führt. Es gibt ja auch zahlreiche
(Kriegsdienst-)Gegner der Gewalt, die zwar dem Staate gegenüber jede
"Todes-und Tötungsbereitschaft" verweigern, aber die
Gewalttätigkeiten des Staates in all seinen anderen Formen
keineswegs bekämpfen. Wenn, also eine Gefahr vorhanden ist für eine
dogmatische Bekämpfung einer von ihren gesellschaftlichen
Zusammenhängen isolierten, zur abstrakten, Idee gewordenen Gewalt,
dann soll dieses nicht heissen, dass diese Bewegung nicht ihre
Bedeutung und Berechtigung auch für den Sozialismus hätte. Eine
sozialistische Gesinnung erwarten wir nicht ohne weiteres von einer
Umwälzung der ökonomischen Verhältnisse. Clara Wichmann hat es
deutlich in folgenden Worten ausgesprochen: "Es ist doch wohl klar,
dass das Absterben von Autorität und Gewalt nicht so 'von selbst'
geschehen wird, 'weil es nichts mehr zu -unterdrücken und zu
bekämpfen gibt'. . . . Zu bekämpfen und zu unterdrücken gibt es
immer etwas, auch in einer klassenlosen Gesellschaft. Dies nicht
sehen zu wollen, wäre Utopismus. Darum ist die Bewegung gegen die
Gewaltsuggestion eine selbständige Bewegung, die auch in der
sozialistischen Revolution und im Sozialismus ihr Recht behält." Die
Bedeutung dieser Bewegung zu erkennen, heisst noch nicht, die
Notwendigkeit der Alternative anzuerkennen: Gewalt oder
Gewaltlosigkeit. "Die Sache liegt nicht so", schrieb gleichfalls
Clara Wichmann, "dass wir a priori (von vornherein) ein für allemal
abstrakt und im allgemeinen zu wählen haben: Soll die Revolution mit
oder ohne Gewalt vollzogen werden. Wir werden in ganz anderer Art
vor die Wahl gestellt: im gegebenen Augenblick, in konkreten Fällen,
bei Einzelhandlungen, in der Weise, in der wir unsere Propaganda
führen usw. - da stehen wir vor der Frage, ob wir den Glauben an die
Gewalt, die Gewaltsuggestion fördern oder schwächen wollen. Mit
anderen Worten, ob wir das Überwinden der Gewaltsuggestion als einen
Bestandteil der Revolution ansehen oder nicht. Und ich bin davon
überzeugt, dass in dieser Hinsicht eine Anzahl revolutionärer
Propagandisten leider manches Gute ungesagt und manches Verkehrte
unverschwiegen lassen."
Die Mittel, die der Syndikalismus für
die revolutionäre Umwälzung der Gesellschaft propagiert, bekommen
auch in diesem Zusammenhang eine grosse Bedeutung. Der Syndikalismus
lehnt die Gewalt nicht ab, aber die ökonomischen Machtmittel, die er
anwenden will, haben nicht den "gewalttätigen" Charakter der Gewalt
und dürften schon eher Zwangsmittel genannt werden. Der Unterschied
zwischen Gewalt und Militarismus ist von Kobler nicht hervorgehoben
worden - sein Ausgangspunkt, der Krieg und Gewalt fast
identifiziert, ist dazu auch ungeeignet aber dieser Unterschied ist
doch sehr wesentlich. Der Militarismus dürfte vielleicht der
entscheidende Unterschied sein zwischen der syndikalistischen, der
wirklich proletarischen Gewalt und jeder demokratischen,
faschistischen oder bolschewistischen Gewalt: der Unterschied, ob
die Gewalt angewendet wird zur Aufrechterhaltung der Macht resp. zur
Errichtung einer neuen, oder zum Sturz der Macht. Die proletarische
Gewalt lehnt den Militarismus und die militärischen Methoden der
Gewalt ab und ist dann auch, in ihren Mitteln und in ihrem Ziel -
sie erstrebt nicht die Errichtung einer neuen "Staatsgewalt" -
prinzipiell von jeder anderen - wesentlich bürgerlichen - Gewalt zu
unterscheiden. Die Bedeutung dieser antimilitaristischen, Praxis
liegt jedoch auch hier wieder nicht auf dem Gebiete der Gewalt oder
Gewaltlosigkeit, sondern auf dem der Kampfmethoden der sozialen
Bewegung. Wir wiesen bereits oben auf die Gandhibewegung hin, deren
Bedeutung nicht so sehr die Gewaltlosigkeit ist, sondern die
Anwendung der Gewaltlosigkeit als eine wirksame und zweckmässige
Methode im sozialen Kampf. "Sein Wert" - schrieb Gandhi - (der des
passiven Widerstandes) "steht deshalb, so denke ich, unbestreitbar
fest, er ist eine Kraft, die, wenn sie einmal allgemein angewendet
würde, die sozialen Ideale umstürzen, die Despotie und den
wachsenden Militarismus hinwegfegen würde, unter dem die Völker des
Westens stöhnen und beinahe zermalmt werden, und der sich anschickt,
auch die Völker des Ostens zu unterwerfen." In Afrika hatte Gandhi
das Satyagraha, das Nichtwiderstehen in dem Kampf gegen die
englische Regierung erprobt. 1915 kehrte er nach Indien zurück "mit
einem erprobten Instrument der sozialen Befreiung in der Hand"
(Wilfred Wellock). Es liegt hier also klar zutage, dass es die
soziale Zielsetzung und nur diese Bewegung ist, die der Anwendung
der Gewaltlosigkeit ihre Bedeutung verleiht. Dass es sich nicht nur
objektiv, sondern auch subjektiv bei Gandhi um eine zweckmässige
Praxis - und nicht um die Realisierung der Bergpredigt - handelt,
geht ausserdem daraus hervor, dass er während des Krieges zugunsten
Englands an dem imperialistischen Krieg teilnahm, also keineswegs
die Personifizierung der Gewaltlosigkeit ist, wie man allgemein
annimmt. Wie ausserdem aus dem soeben geführtem offenen Briefwechsel
von de Ligt und Gandhi her, vorgeht, will Gandhi ja sogar im Falle,
dass Indien home rule (Selbstverwaltung) erhalten würde, sich nicht
gegen die Einführung der Wehrpflicht und die Militarisierung Indiens
widersetzen, da Indien vielleicht gezwungen sein würde, an einem
Krieg teilzunehmen. Dieses alles bestätigt unsere Anschauung, dass
das Wesentliche bei der Gandhi-Bewegung - und diese ist typisch für
das Gesamtproblem, das hier in Frage steht - nicht die
Verwirklichung der Idee der Gewaltlosigkeit ist. (Ihre Bedeutung für
den sozialen Kampf wird, hier natürlich nicht in Frage gezogen - im
Gegenteil.) Ausserdem zeigt sich noch in anderem Sinne als hier
angedeutet die Gefahr, durch Isolierung der gewaltlosen Tendenzen,
wie in diesem Falle, zu einem Zerrbild der wirklichen Tatsachen zu
kommen.
Es handelt sich - um mit Gandhi zu reden - darum, die
Despotie zu stürzen. Und dazu können die gewaltlosen Mittel des
Boykotts der Non-cooperation usw. sehr zweckmässig sein. Dazu kann
auch zweckmässig sein die proletarische Gewalt, die im
Klassengegensatz begründet ist und in dem wirklichen Klassenkampf
zum Ausdruck gelangt. Die passive Kriegsdienstverweigerung ist ohne
Zweifel ein wichtiges Mittel im Kampfe gegen den Krieg - aber
wahrscheinlich wird die Sabotage notwendig sein, und sicher sind die
Methoden der sozialen Revolution auch notwendig, um den Krieg zu
verhindern. Nur der Generalstreik, der nichts anderes ist als die
äusserste und schärfste Form des Klassenkampfes, kann den Krieg, der
nur die letzte Konsequenz der Klassengesellschaft ist, verhindern.
Er hebt zu gleicher Zeit, indem er durch die passive Resistenz die
gewaltsame Macht stürzt, den Klassengegensatz auf. Keine Demokratie
und keine Diktatur, keine Bewegung der politischen Reform oder
politischen Revolution kann der gewaltsamen Unterdrückung entbehren,
da sie jedem Staatssystem immanent ist. Nur die anti-autoritäre
sozialrevolutionäre Bewegung kann die Basis für eine Ueberwindung
der Gewalt abgeben, weil sie eine Gesellschaft erstrebt, die die
Gewalt der sozialen Grundlage entzieht. Nur eine soziale Revolution,
deren Ziel die staatlose Gesellschaft ist, kann diese Grundlage
legen, weil sie jede Form der organisierten und monopolisierten
Gewalt, jede Form des Militarismus und des Staates ablehnt. Das
direkte Ziel dieser Bewegung ist zwar nicht die Gewaltlosigkeit,
aber die Freiheit- Ihre Vorbedingung ist die vollkommene soziale
Befreiung. Ihre Grundlage ist ein gesellschaftliches System, wo die
Herrschaft des Menschen über den Menschen Platz gemacht hat der
Beherrschung der Dinge, wo das politische Unterdrückungssystem
ersetzt ist durch die Organisation der Arbeit.
Die
hauptsächlichste Funktion der Gewalt als Mittel zur sozialen
Unterdrückung wird dadurch zwecklos werden. Die Ueberwindung der
Gewalt ist nur denkbar im Zusammenhang mit der Ueberwindung von
Kapitalismus und Staat. Welche Bedeutung die Verschärfung der
Klassengegensätze durch die Anwendung der ökonomischen Machtmittel
zur Ueberwindung des kapitalistischen Staates hat, ist von Sorel in
seinem aussergewöhnlichen Buche "Ueber die Gewalt"2) dargelegt. Es
weist auf die ganze Problematik von Koblers Ausgangspunkt hin, die
Gewalt als die entscheidende Frage unserer Zeit zu
betrachten.
"Die proletarische Gewalt verändert das Bild
aller Konflikte, in deren Verlaufe man sie bemerkt; denn sie
verneint die durch die Bourgeoisie organisierte Macht und erhebt den
Anspruch, den Staat zu unterdrücken, der deren zentralen Kern
bildet. Unter solchen Bedingungen gibt es keinerlei Möglichkeit
mehr, über die Urrechte der Menschen Betrachtungen anzustellen, und
aus diesem Grunde finden sich unsere parlamentarischen Sozialisten,
die Kinder der Bourgeoisie sind und ausserhalb der Staatsideologie
nichts kennen, gar nicht mehr zurecht, wenn sie sich der
proletarischen Gewalt gegenübersehen. Sie können auf diese nicht die
Gemeinplätze anwenden, deren sie sich gewöhnlich bedienen, wenn sie
von der Macht sprechen, und sehen mit Schrecken Bewegungen, die zu
dem Ziele führen könnten, die Institutionen zu vernichten, von denen
sie leben: wo der revolutionäre Syndikalismus auftritt, kann man
keine Reden mehr über die immanente Gerechtigkeit anbringen, und
gibt es auch kein parlamentarisches System mehr zum Gebrauch für die
Intellektuellen; - es ist ein Greuel der Verheerung! Weshalb man
sich auch nicht wundern darf, wenn sie mit einem solchen Zorne von
der Gewalt sprechen.
. . . Es handelt sich gar nicht darum,
die Gewalttätigkeiten zu rechtfertigen, sondern zu verstehen, welche
Bedeutung der Gewalt der Arbeitermassen im heutigen Sozialismus
zukommt.
. . . Die proletarische Gewalt weist die Arbeitgeber
auf ihre Produzentenrolle zurück und tendiert jedesmal das Gefüge
der Klassen wiederherzustellen, wenn diese sich in einem
demokratischen Sumpfe zu vermischen schienen.
. . . Die
proletarische Gewalt erscheint derart, sofern sie als reine und
einfache Aeusserung der Klassenkampfgesinnung geübt wird, als etwas
sehr Schönes und Heldenhaftes; sie steht im Dienste der zutiefst
begründeten Interessen der Zivilisation; sie ist vielleicht nicht
die geeignetste Methode, um unmittelbare materielle Vorteile zu
erlangen, aber sie vermag die Welt vor der Barbarei zu erretten"
3).
1) Gewalt und Gewaltlosigkeit. Handbuch des aktiven
Pazifismus. Im Auftrag der Internationale der Kriegsdienstgegner
herausgegeben von Franz Kobler. Zürich und Leipzig, Rotapfelverlag.
388 S. Preis geh. 5,20 M., Leinen 6,40 M.
2) Réflexions sur
la violence, von dem vor kurzem nun auch eine deutsche Uebersetzung
erschienen ist im Verlag Wagner, Innsbruck.
3) Sorel, Ueber
die Gewalt, S. 21, 49, 95, 103.
(Als Manuskript gedruckt.)
Der Antimilitarismus und die Verteidigung
der Revolution.
Wie wir bereits in einem früheren
Pressedienst mitteilten, ist es unsere Absicht, eine Diskussion zu
eröffnen über obengenanntes Thema. Der hier folgende Aufsatz soll
dazu die Anregung geben. Wir bitten, Artikel zu dieser Diskussion an
das Sekretariat der IAK. Laurierstraat 127, den Haag, Holland, zu
senden, damit diese durch den Pressedienst international verbreitet
werden können. Für diese Aufsätze ist selbstverständlich die
Redaktion des Pressedienstes nicht verantwortlich. Es wird dringend
empfohlen, diese äusserst wichtige Diskussion soviel wie nur möglich
zu veröffentlichen.
(Pressedienst IAK.). Auf dem dritten
Kongress der IAA. in Lüttich stand "Der Kampf gegen Krieg und
Militarismus" auf der Tagesordnung. Es wurde eine Resolution
angenommen, in welcher die Tatsache konstatiert wurde, dass die
Arbeiterklasse, wenn sie nur ihre ökonomischen Machtmittel der
direkten Aktion benutzt, jede militärische Aktion lahmlegen kann,
weil durch die neueste Kriegstechnik die Heere ganz und gar von der
Industrie abhängig geworden sind. Als Mittel, diese
antimilitaristische Aktion vorzubereiten. erkannte man die
individuelle und Massendienstverweigerung, wie auch die Weigerung
des organisierten Proletariats, Kriegsmaterial
herzustellen.
Die Kampfmittel des revolutionären
Antimilitarismus gegen Krieg und Kriegsrüstung wurden also vom
Kongress als richtig erkannt. Nicht angenommen aber wurde der
folgende Antrag:
"Die Arbeiter der Rüstungsindustrie und der
Betriebe, die für Kriegszwecke umgestaltet werden können, sind davon
zu überzeugen, dass es die Pflicht der klassenbewussten
Arbeiterschaft ist, bei Kriegsausbruch in den Streik zu treten, die
Vorräte an Kriegsmaterial und hierfür bestimmte Rohstoffe zu
vernichten und die Betriebe durch Sabotage produktionsunfähig zu
machen."
Dieser Antrag wurde besonders von Huart (Frankreich)
bekämpft mit dem Hinweis darauf, dass im Entscheidungskampf gegen
Staat und Militarismus die Gewalt unvermeidlich sein wird und dass
die Revolution durch Gewalt gegen konterrevolutionäre Angriffe
verteidigt werden muss. Er stellte infolgedessen einen anderen
Antrag, der vom Kongress angenommen wurde und also
lautete:
"Die Arbeiter der Rüstungsindustrie und der
Betriebe, die für Kriegszwecke umgestaltet werden können, sind davon
zu überzeugen, dass es die Pflicht der klassenbewussten
Arbeiterschaft ist, bei Kriegsausbruch in den Streik zu treten, sich
der Vorräte an Kriegsmaterial und der hierfür bestimmten Rohstoffe
zu bemächtigen und die Betriebe der Ausnutzung durch den
Kapitalismus zu entziehen."
Hiermit war ein neues Problem
angeschnitten, wobei es sich nicht nur um die antimilitaristische
Taktik und den Kampf gegen den Krieg handelt, sondern um die Frage,
in welcher Weise die Revolution, wenn sie gesiegt hat, sich
behaupten und sich verteidigen soll. Wir sind der Ansicht, dass die
von Huart in dem obigen Antrag empfohlenen Methoden für den
konsequenten Kampf gegen den Militarismus gefährlich und unannehmbar
sind. Wir können unsere Bedenken dagegen in folgenden drei Punkten
besprechen:
1. Im Zusammenhang mit den im selben Antrag
empfohlenen Kampfmethoden gegen den Krieg.
2. Im Zusammenhang
mit der modernen Kriegstechnik.
3. Im Zusammenhang mit den
Methoden und Zielen der sozialen Revolution.
*
1. In
der Resolution werden die antimilitaristischen Kampfmethoden der
direkten Aktion" empfohlen. Der Kongress fordert die Arbeiter auf,
die Verweigerung der Kriegsproduktion zu propagieren und soviel wie
nur möglich in der Praxis zu verwirklichen. Wenn man nun der Meinung
ist, dass die Revolution mit gewalttätigen, militaristischen Mitteln
verteidigt werden muss, so ist es inkonsequent gleichzeitig den
Streik in der Kriegsindustrie zu propagieren. Die Propaganda für den
industriellen Streik sowie für die Militärdienstverweigerung
bezweckt ja nicht den Militärapparat, das stärkste Machtmittel des
Staates, den Händen der Bourgeoisie zu entreissen, sondern ihn zu
vernichten. Wenn das nicht die Absicht ist, wenn man diesen Apparat
selber benutzen will, so soll man davon absehen, Dienstverweigerung,
Sabotage und Streik in der Kriegsindustrie zu empfehlen und sich
darauf beschränken, den Militärapparat für die Bourgeoisie
unbrauchbar zu machen.
*
2. Es versteht sich von
selbst, dass die Bourgeoisie die modernen Kriegsmethoden, welche
immer mehr mechanisiert und wissenschaftlich vervollkommnet werden,
in Revolutionszeiten auch gegen den "inneren Feind" gebrauchen wird.
Nun gibt es, um eine siegreiche Revolution gegen konterrevolutionäre
Angriffe zu verteidigen, bloss zwei Möglichkeiten: Entweder man
bringt die Arbeiter dazu, dass sie alle Kriegsindustrie lahmlegen,
oder man versucht, dieselben Mittel zu ergreifen, um die Bourgeoisie
mit ihren eigenen Waffen zu bekämpfen. Es ist ohne weiteres klar,
dass im letzten Fall die grössten Schwierigkeiten entstehen. Die
Zeit der Strassenkämpfe und der Barrikaden ist vorüber. Von einer
"Bewaffnung vier Arbeiter", ohne dass sie eine besondere
"militärische" Macht bilden, um z. B. die in Besitz genommenen
Fabriken zu verteidigen, kann gleichfalls nicht mehr die Rede
sein.
Denn was bildet heutzutage die Bewaffnung? Das ist die
motorisierte Artillerie, sind die Maschinengewehre. Flammenwerfer
Tanks, Flugzeugseskadronen und die Feuer- und Giftgasbomben. Ohne
Zweifel wird im Entscheidungskampf die Bourgeoisie nicht davor
zurückschrecken, alle diese Waffen zu benutzen, um die Staatsmacht
zu behaupten. Jetzt schon ist in den grossem Städten die Polizei mit
Tanks, Maschinengewehren und Giftgas ausgerüstet.
Als vor
einigen Monaten einige Blätter Berichte enthielten über sogenannte
geheime Pläne eines kommunistischen Putsches zur Eroberung von
Paris, war in der bürgerlichen Presse folgendes zu lesen:
"In
den halbamtlichen Erklärungen des "Matin" wird darauf hingewiesen,
dass die Zeit der Barrikaden vorüber ist. Tanks, Mitrailleusen und
Flugzeuge haben dem ein Ende gemacht. Das sollen alle diejenigen
sich sagen lassen, die jetzt noch in ihrer veralteten Romantik
glauben, dass das Volk, wie in den Jahren 1789, 1830 und 1848, Paris
erobern könnte, indem es, mit Revolvern, Jagdgewehren und Säbeln
bewaffnet, sich auf die Strasse begibt."
Das ist vollkommen
richtig. Nicht nur Tanks und Flugzeuge, sondern auch die ganze
chemische Kriegsindustrie wird aufgeboten werden, sobald es um das
Sein oder Nichtsein der kapitalistischen Staatsmacht
geht.
Die Spezialisierung der Militär-Technik, von Fachleuten
betrieben, macht es für Revolutionäre immer schwieriger, dieselben
Waffen zu benutzen. Ein Bürgerkrieg, in dieser Weise geführt, würde
übrigens, ebenso wie der moderne Krieg, einen Teil der Bevölkerung
einfach vernichten. Vom sozialistischen, vom menschlichen Standpunkt
aus sind diese Mittel für Revolutionäre eigentlich auch nicht mehr
brauchbar.
Wer dagegen anführt, dass doch die russische
Revolution gesiegt hat, weil die Armee eingriff. Der vergisst
erstens, dass am Ende des Krieges die moderne Kriegstechnik noch bei
weitem nicht auf der Höhe von Beute stand, zehn Jahre nach dem
Frieden. Und zweitens vergisst er, dass die russische Revolution die
Folge eines verlorenen Krieges war,
während der Zweck der
Revolution gerade die Verhütung des Krieges sein soll
durch
Sabotage des Militärapparats. Der Kapp-Putsch im Deutschland dagegen
war ein lehrsames Beispiel dafür, wie durch Generalstreik der
Versuch der Reaktionäre, die Staatsmacht zu erobern, lahmgelegt
werde.
*
3. Wer die Mittel des modernen Militarismus
gebrauchen will, der muss einen Militärapparat organisieren und
schon aus bloss technischen Gründen ist er gezwungen, die Gewalt zu
zentralisieren und zu monopolisieren. Ausserdem ist es eine Folge
der modernen Waffentechnik, dass die jetzigem Waffen nur von einem
spezialisierten und technisch-militärisch ausgebildeten Kader
benutzt werden können. Das alles läuft schliesslich auf die Bildung
einer Diktatur in der Revolution hinaus.
Für diejenigen, die
eine sozialistische Gesellschaft erstreben, deren Vorbedingung die
Vernichtung - nicht die Eroberung - der Staatsmacht ist, um an ihre
Stelle die Wirtschaftsorganisation der Arbeit zu setzen, sind die
Mittel, die unerbittlich zur Diktatur führen, ausserordentlich
gefährlich, für die Umgestaltung der Gesellschaft auf ökonomischer
Grundlage im Sinne eines anti-autoritären Syndikalismus sind die
Mittel, die dem Arsenal der Staatspolitik sämtlicher Parteien
entlehnt sind, unzweckmässig. Die Vernichtung - nicht die Übernahme
- des Staates ist einer der Ziele der sozialen Revolution, also auch
die Vernichtung - nicht die Übernahme! - des staatlichen
Machtapparates par Excellence, des Militärsystems. So wenig die
Revolution eine Sache der Barrikaden und der Strassenkämpfe ist, so
wenig kann sie sichergestellt werden durch die "Bewaffnung des
Proletariats". Solange nicht die Basis des Militarismus nicht nur
den reaktionären Mächten entzogen, sondern vollkommen aufgelöst ist,
bildet sie eine Gefahr für die Revolution, weil ja ein militärischer
Kampf mit der Konterrevolution aus technischen Gründen allein schon
zu einer zentralistischen militärischen Organisation führen muss.
Diese verursacht eine militärische und autoritäre Entwicklung der
Revolution, und das bedeutet den Untergang der Revolution in der
Diktatur.
A. Müller-Lehning
Nachwort der Redaktion:
Wir verweisen hier noch auf einen weiteren Artikel desselben
Verfassers über "Gewalt und Gewaltlosigkeit", der in der Juli-Nummer
der Monatszeitschrift "Die Internationale" (Verlag Der Syndikalist,
Berlin O 34. Warschauer Strasse 62) erscheint und das Problem von
einer anderen Seite angreift. Hält man beide Aufsätze zusammen, so
ergibt sich erst ein klares Bild der Anschauungen des Verfassers und
eine geeignete Grundlage der Diskussion.
Der revolutionäre
Antimilitarismus und die antiimperialistische
Taktik
Rede Müller-Lehnings vor dem Frankfurter
Kongress
(IAK)Die Auffassung der Mehrheit dieses Kongresses
hinsichtlich der chinesischen Frage und besonders des heutigen
Konflikts mit Sowjet-Russland geht dahin, dass die Liga sich hinter
die Sowjet-Regierung und die von ihr geführte Politik, auch im Falle
eines Krieges, stellen soll.
Die Frage ist jedoch bis jetzt
nicht berücksichtigt worden, ob der moderne Krieg für die
Verteidigung eines Volkes noch brauchbar ist und inwieweit
militärische Methoden für den Befreiungskampf der unterdrückten
Völker noch geeignet sind.
Die Entwicklung der chinesischen
Revolution berechtigt zu dieser Frage und hat bewiesen, dass das
Volk sich nicht darauf verlassen soll, seine Befreiung von Generälen
zu erwarten. Soeben hat der chinesische Genosse Chin Wito daran
erinnert, dass in Brüssel mehrere Generäle anwesend waren, die jetzt
zur Konterrevolution übergegangen sind.
In Brüssel - als die
revolutionäre chinesische Armee siegreich vorrückte - haben wir auf
diese Gefahr hingewiesen, und die Ereignisse haben unsere Furcht
bestätigt. Die heutige chinesische Lage stellt dieses Problem - die
Frage nach der Zweckmässigkeit der militärischen Methoden und des
Krieges - in den Mittelpunkt einer Diskussion über die
anti-imperialistische Taktik. Die missverständliche Polemik von
Wijnkoop und Pollitt gegen DeLigt beweist, dass sie die Bedeutung
dieser Frage nicht begriffen haben. Es ist nicht möglich, in einigen
Minuten die Grundlinien dieser Taktik auch nur zu skizieren
1).
Wir wollen nur auf die unbestreitbare Tatsache hinweisen,
dass jeder nationale Krieg heute zu einem neuen Weltkrieg zu führen
droht, einem Weltkrieg, zu dem alle Staaten fieberhaft rüsten.
Dieser moderne, wissenschaftliche, mechanisierte, chemische und
bakteriologische Krieg ist nicht mehr ein Krieg von Volk gegen Volk.
Der Zweck seiner satanischen Mittel, der Luftflotten und Giftgase,
ist nicht mehr die feindliche Armee zu schlagen, sondern die
politischen und ökonomischen Zentren des anderen Volkes zu
vernichten, was die Ausrottung der Zivilbevölkerung
bedeutet.
Würde es z.B. im heutigen russisch-chinesischen
Konflikt zu einem Krieg kommen, dann würden davon nicht die
Nankinger oder die russische Regierung und noch viel weniger die
imperialistischen Intriganten und Interessenten getroffen werden,
sondern das chinesische und russische Volk.
Die Aufgabe der
Arbeiterschaft in allen Ländern muss es sein, den Krieg dadurch
unmöglich zu machen, dass der Kriegsapparat zerstört wird durch
Streik, durch Dienstverweigerung, durch Sabotage und die Stilllegung
der Munitionsproduktion. Mit der Organisation des Krieges gegen den
Krieg, des Konter-Krieges, muss nicht bis zum Kriegsausbruch
gewartet werden, sondern es muss damit heute ein Anfang gemacht
werden.
Die Rüstung der heutigen chinesischen Armee, die
Zehntausende chinesischer Arbeiter und Bauern hingemordet hat, ist
nur möglich gewesen durch die Mithilfe des weissen Proletariats, das
die Waffen geschmiedet und transportiert und für den Wert vieler
Millionen Dollar im Interesse der Rüstungskapitalisten in China
importiert hat.
Deshalb muss von diesem Kongress die
Forderung an die weisse Arbeiterschaft der ganzen Welt gehen, einen
Anfang zu machen mit der Stillegung der Herstellung von Waffen und
Munition und, wenn nötig, mit der Verhinderung ihres
Transportes.
Dies wird die beste Hilfe sein, die die weisse
Arbeiterschaft dem chinesischen Volk und allen farbigen Völkern, die
für ihre Unabhängigkeit kämpfen, zu leisten vermag. Ihr Ziel muss es
sein, dem Krieg ein Ende zu machen durch Entwaffnung des Staates,
welche nur erfolgen kann durch die revolutionäre direkte ökonomische
Aktion des werktätigen Volkes.
Die Hauptstütze der
imperialistischen Herrschaft wäre damit gestürzt.
Die
Ereignisse haben bewiesen, dass die militärischen Methoden die
freiheitliche Entwicklung der Revolution bedrohen. Es handelt sich
doch nicht darum, dass einige Generäle "umgefallen" sind - Generäle,
die noch in Brüssel laut bejubelt, später zur Konterrevolution
übergingen - sondern darum, ob nicht bewiesen ist, dass der ganze
militärische Apparat ungeeignet ist zur sozialen
Befreiung.
Das Ziel der unterdrückten Völker soll doch sein,
mittels der sozialen Revolution das ganze ökonomische Leben in ihre
eigenen Hände zu nehmen und eine neue Gesellschaft aufzubauen auf
der Basis eines wirklich freien Rätesystems, dessen Vorbedingungen
die Vernichtung des politischen Staatsapparates ist. Denn wie die
Emanzipation der Arbeiterklasse, so ist auch die Befreiung der
unterdrückten Völker in erster Linie ein sozial-ökonomisches
Problem, das nicht durch kriegerische Siege gelöst werden
kann.
Mit grossem Interesse haben wir bei den Ausführungen
des Genossen Gupta des All-Indischen National-Kongresses gehört,
dass eine Erhebung gegen die englische Regierung mittels der
ökonomischen Mittel des Boykotts, der Non-Co-operation und
Steuerverweigerung vorbereitet wird. Der Genosse Pollitt hat sich
scharf gegen diese Mittel gekehrt und sogar gesagt, sie seien die
Ursache davon, dass Gelegenheiten, die Unabhängigkeit zu erobern
verpasst worden seien, und sie hätten grosse Opfer gekostet. Haben
aber die Methoden die Pollitt befürwortete, und die in China
angewendet wurden, zu einem Erfolg geführt? Dort ist das Resultat:
ein Faschismus der konterrevolutionären Generäle, der zu einer
furchtbaren Hinmordung von Arbeitern und Bauern geführt hat wie in
keinem anderen Lande der Welt. Wir glauben, dass gegen eine
konsequente Durchführung der Non-Co-operation alle militärische
Gewalt und sogar die Besetzung des Landes wirkungslos ist. Deshalb
setzen wir mehr Hoffnung auf diese sozial-ökonomischen Mittel, und
die Geschichte wird lehren, ob Indien nicht eher seine Ziele
durchsetzen wird als China.
Wir sind keine Pazifisten und
keine Anhänger irgendwelcher zweifelhaften Gewaltlosigkeit. Wir sind
revolutionäre Sozialisten. Ohne Zweifel erkennen wir die historische
Bedeutung der russischen Revolution, aber die russische Revolution
ist für uns nicht identisch mit der heutigen Sowjet-Regierung.
Dennoch fordern auch wir das Proletariat der kapitalistischen
Staaten zur äussersten Wachsamkeit auf gegen ihre imperialistischen
Regierungen und ihre sozialfaschistischen Handlanger der II.
Internationale, um jeden Versuch Russland anzugreifen, zu
verhindern.
Wir müssen es jedoch ablehnen, die Solidarität
mit dem russischen Volke so abzufassen, dass wir die Politik der
russischen Regierung unterstützen, und wir müssen es ablehnen, den
Krieg mit Mitteln zu bekämpfen, die dazu führen, ihn erst richtig
auf einer Weltbasis zu organisieren.
Unsere Haltung ist klar
und kann nur absichtlich missverstanden werden. Wir wollen den
äussersten Kampf gegen jede Kriegsvorbereitung, auch gegen Russland,
aber mit Mitteln, die den Krieg unmöglich machen. In dem Kampf gegen
den Imperialismus stehen wir Schulter an Schulter mit den
unterdrückten Völkern.
Die Bewegung, die ich hier vertrete,
hat sich bereits am Anfang dieses Jahrhunderts für die vollkommene
Unabhängigkeit der Kolonialvölker erhoben. In Holland war sie die
erste proletarische Organisation, die für die Unabhängigkeit
Indonesiens eintrat. Das Internationale Antimilitaristische Büro
arbeitet eng zusammen mit der Internationalen Arbeiter-Assoziation,
der syndikalistischen Internationale von Berlin, in der mehrere
Hunderttausende revolutionärer Arbeiter in zwei Weltteilen
organisiert sind.
Auf diesem Kongress sind Organisationen,
die Millionen Arbeiter und Bauern vertreten, die demselben
Standpunkt huldigen.
Pollitt hat am Schluss seiner Rede
erklärt, dass in der Liga für alle revolutionären
antiimperialistischen Organisationen Platz ist. Es arbeiten in
dieser Liga Kolonialvölker, die verschiede Methoden im Kampfe für
ihre Unabhängigkeit benützen, zusammen mit weissen
Arbeiterorganisationen, die verschiedene Mittel anwenden im Kampf
gegen den Imperialismus.
Pollitt hat gesagt: Die Liga ist
keine kommunistische Mache, sondern eine Vereinigung aller
anti-imperialistischen Kräfte. - Wenn dies so ist, dann darf sie
sich nicht unter die Diktatur einer parteipolitischen Richtung und
unter die Diktatur einer bestimmten Regierungspolitik stellen...
Dann muss der föderative Charakter in den Resolutionen und der
prinzipiellen Basis zum Ausdruck kommen. Ich hoffe, dass man
Richtlinien entwirft, die es auch denjenigen anti-imperialistischen
Organisationen, die nicht der Moskauer Partei-Doktrin huldigen,
ermöglichen, in der Liga zu bleiben. Dass man eine Basis
findet
zum gemeinsamen Kampf für die vollkommene soziale
Befreiung der unterdrückten Klassen und Rassen der ganzen Erde, zum
gemeinsamen Kampf nicht nur gegen jeden Imperialismus, sondern auch
gegen jedes kapitalistische System und gegen jeden Krieg.
1)
Die Redezeit in der Diskussion war auf zehn Minuten
beschränkt.
industrielle
Dienstverweigerung!
I
Während der erste
Weltkrieg "liquidiert" wird, ist in der ganzen Welt die Vorbereitung
des nächsten Krieges mit beschleunigtem Tempo im Gange.
Die
ungeheuren, von Jahr zu Jahr steigenden Kriegsbudgets genügen nicht
mehr: in den Tagen der Räumung des Rheinlandes, die das Ende des
Krieges und den Beginn einer wahrhaften Friedenspolitik bedeuten
sollte, fordert die französische Regierung einige Milliarden "zur
Befestigung der Grenzen" und zur Neuanschaffung von Armeevorräten -
eine Erhöhung der Kriegsbereitschaft, die von italienischer Seite
sofort mit denselben Massnahmen beantwortet wird.
Das
Kriegsbudget des "entwaffneten" Deutschland erreicht dieses Jahr die
bisher ungekannte Höhe von 788 Millionen Mark. Trotzdem der
Militarismus der Deutschen Republik von dem Versailler
Friedensvertrag in genau bestimmten Grenzen gehalten ist (100.000
Mann, 288 Kanonen usw.), steigen seine Ausgaben von Jahr zu Jahr.
Von den 788 Millionen fallen 515 auf die Reichswehr (gegen 338
Millionen für 1924!). Für geheime Zwecke (also Spionage,
Giftgasvorbereitung usw.) ist ein Betrag von 4 Millionen angegeben
worden - aber man darf annehmen, dass mindestens ein Drittel des
ganzen Budgets ebenfalls für geheime Zwecke angewendet wird. Denn
die angegebenen Zahlen im Reichswehrbudget sind gefälscht. Während
überall ein Gewehr für 100 Mark zu haben ist, berechnet die
Reichswehr 154 Mark dafür; für dieselben Kanonen, für die Frankreich
18.350 Mark zahlt, werden 50.000 Mark berechnet: die Beträge für die
Unterhaltung der Waffen sind ganz phantastisch.
Durch diese
Zahlenfälschung war die Reichswehr imstande, mehr Material
anzuschaffen, als ihr erlaubt ist. Sie dürfte heute imstande sein,
dreimal soviel Soldaten zu bewaffnen, wie es der Friedensvertrag
zulässt. Die ganze Politik der "Heeresleitung" (ein Institut, das
10.238.000 Millionen Mark kostet und in dem 982 Personen beschäftigt
sind - im preussischen Kriegsministerium 1913 dagegen 619!) geht
lediglich darauf hinaus, aus der Reichswehr eine Kadre-Armee zu
machen, um bereits jetzt die Vorbereitungen zur Organisierung einer
neuen grossen Armee zu treffen, sobald die Möglichkeit dazu gegeben
ist.
Zweifellos wird auch ein grosser Teil des Budgets für
diese Organisierung und ausserdem für die Vorbereitung von
Kriegsgerätherstellung in den Fabriken verwendet.
Eine der
hauptsächlichsten Kriegsvorbereitungen aller Staaten ist die
wirtschaftliche. Alle Regierungen treffen Vorbereitungen für die
Zusammenfassung aller wirtschaftlichen Kräfte zu machtvoller Wirkung
im Kriegsfalle. Sie breiten eine industrielle Mobilmachung vor.
Diese setzt eine enge Zusammenarbeit von Militärbehörde und
Industrie voraus. Sie bedeutet Einbeziehung des ganzen
wirtschaftlichen Lebens, der Technik und Wissenschaft in die
Kriegführung. Durch die unerhört schnelle Veraltung des
Kriegsmaterials bei der stets fortschreitenden Technik ist es nicht
möglich und nicht erwünscht, auf unbestimmte Zeit voraus grosse
Massenvorräte anzufertigen. Deshalb zielt die Innenmobilisation der
Fabriken darauf hin, den Fabriken bestimmte Anweisungen zu geben
über Art und Menge des Kriegsgeräts, das sie zu verfertigen
haben.
Der Massenbedarf im Kriege verlangt Massenproduktion.
Dafür sind konstruktive und fabrikmässige Vorbereitungen nötig. Die
Kriegsvorbereitung besteht also darin, dass die Fabriken jederzeit
zu einer Umstellung auf Kriegsproduktion bereit sind, dass sie zur
Massenfertigung imstande sind auf Grund der nach den letzten
Erfindungen und vorgeschrittensten Technik angefertigten Modelle
(Gewehre, Kanonen, Tanks usw.). Damit die Fabrik die notwendigen
Vorbereitungen und Einrichtungen treffen und beim Ausbruch der
Mobilmachung unverzüglich mit der Herstellung von Kriegsmaterial
beginnen kann, muss sie natürlich bereits im Frieden bezahlt werden.
Für diese Kriegszwecke bekommen die einschlägigen Fabriken von den
Regierungen Subventionen. Es kann gar kein Zweifel darüber sein,
dass auch die Reichswehr bereits heute solche Verbindungen mit der
Industrie herstellt (also nicht nur in Russland ihre Giftgasfabriken
hat!) und ungeheure Summen für diese Vorbereitung
verwendet.
Die Mechanisierung und Motorisierung des Krieges
bedeutet seine vollkommene Industrialisierung. Nicht der Soldat
führt Krieg, sondern das Volk. Nicht das Heer ist der entscheidende
Faktor, sondern die Industrie. Die "Verteidigung des Vaterlandes"
ist eine Sache von Industrie und Oel geworden. Die Luftflotte und
das Giftgas machen den modernen Krieg zu einem aero-chemischen
Krieg. Aber die Grundlage für diese Produktion für den modernen
Krieg bilden Fabriken für Verkehrsflugzeuge und Farbenfabriken. Zu
den entscheidenden Faktoren des Maschinenheeres gehören: Lastauto,
motorisierte Artillerie und Tank. Sie können in jeder grossen
Metallfabrik hergestellt werden.
Mit den neuen Kriegsmethoden
haben sich auch die Kriegsziele verändert. Das Ziel im nächsten
Krieg ist nicht, die feindliche Armee zu schlagen, sondern das
Hinterland zu vernichten: der Angriff auf die wichtigsten
Industriezentren. Alle Militärsachverständigen äussern: der Beginn
des nächsten Krieges wird ein ungeheurer Luftangriff auf die
ökonomischen Zentren des Feindes sein, um seine wirtschaftliche
Kriegsorganisation lahmzulegen, um die Inwirkungsetzung seiner
Kriegsmaschine zu verhindern. Das heisst also, die Bedrohung der
unbewaffneten und unbeschützbaren Massen der grossen politischen und
industriellen Zentren mit einer Massenabschlachtung aus der Luft !
Die Städte werden bombardiert und mit Gas- und Brandbomben belegt.
Seit dem Kriege haben die imperialistischem Kolonialmächte
Frankreich und England diese Methoden zur "Zivilisierung" der
farbigen Rassen in Nord-Afrika, Britisch-Indien und in Indo-China
"mit Erfolg" angewandt. Der Krieg und seine Vorbereitung ist von dem
spezifisch militärischen auf das industrielle verlegt worden; ohne
ökonomische Kriegsvorbereitung kann kein Staat mehr Krieg
führen.
Auf ökonomischem Gebiet muss daher auch mit aller
Kraft die Kriegsbekämpfung anfangen: Es ist notwendig, dass ein
Anfang mit industrieller Kriegsdienstverweigerung gemacht
wird.
Der Kapitalismus bereitet sich mit allen Mitteln auf
den nächsten Krieg vor. Während die Welt noch im Schatten des
Weltkrieges lebt, wirft der nächste Krieg schon seine Schatten
voraus. Während die Länder kaum imstande sind, die Kriegsschulden zu
zahlen, werden phantastische Summen für neue Kriegszwecke
ausgegeben.
Und die Arbeiterbewegung? Zwar hat der
reformistische Amsterdamer (jetzt Berliner) "Internationale
Gewerkschaftsbund" eine Resolution für den Generalstreik bei
Kriegsausbruch angenommen, aber man merkt leider nichts von seiner
Vorbereitung. Für eine solche Vorbereitung ist es natürlich
notwendig, dass die Arbeiterschaft entschlossen ist, sich unbedingt
gegen jeden Krieg, auch gegen den sogenannten "Verteidigungskrieg"
zu widersetzen. Aber die Millionen, die dem IGB., Die
Hunderttausende, die dem ADGB. angeschlossen sind, folgen der
politischen Führung der Sozialdemokratie, die ja den
Verteidigungskrieg nicht ablehnt, die die nationale Verteidigung
organisiert und deren seit langer Zeit bekannter "Burgfrieden" mit
der nationalen Bourgeoisie, mit der sie ja auf Gedeih und Verderb
verbunden ist, "das Vaterland in der Stunde der Gefahr nicht im
Stiche lassen" wird.
Aber es dürfte doch klar sein, dass es
nur zwei Dinge gibt: entweder Vorbereitung des Generalstreiks,
unbedingter Kampf gegen den Krieg mit allen Mitteln - oder:
Organisierung des Verteidigungskriegs (andere Kriege werden
bekanntlich nicht geführt!).
So wie alle Regierungen imstande
sind, jeden Tag und jede Stunde die Kriegsmaschine in Wirkung zu
setzen, so muss dass Proletariat bereit sein, den ersten Befehl zur
Mobilisation zu beantworten mit einem passiven und aktiven
Widerstand.
Am Tage der Mobilmachung ist es für die
Organisation eines solchen Widerstandes zu spät. Diese Vorbereitung
muss schon jetzt beginnen. Es muss bekanntgemacht werden, wo
öffentlich oder geheim gerüstet wird. In allen wichtigen Betrieben
sollen Fabrikkomitees gegründet werden mit dem bestimmten Zweck, die
Produktion auf Kriegsproduktion zu kontrollieren und zu untersuchen,
auf welchem Wege eine Umstellung der Fabriken auf Kriegsproduktion
am geeignetsten zu verhindern ist; diese Verhinderung ist
vorzubereiten.
Auch die Arbeiterbewegung, die den von den
kapitalistischen Staaten organisierten Krieg nicht will, soll ihren
"Verteidigungstag" haben: eine Probe, inwieweit alle notwendigen
Massnahmen getroffen sind, einen Generalstreik bei Kriegsgefahr
durchzuführen!
zur Vorbereitung dieses Generalstreiks ist es
notwendig, dass schon jetzt ein Beginn mit der industriellen
Dienstverweigerung gemacht wird, und es ist die Aufgabe der
ökonomischen Organisationen, diese durchzuführen.
Die
besonderen Schwierigkeiten solcher Aktionen, besonders bei der
heutigen permanenten Arbeitslosigkeit, sollen nicht verkannt werden.
Andererseits muss der Gedanke in breite Schichten der Arbeiterschaft
getragen werden, dass es sich bei der Verhinderung des Krieges um
Tod oder Leben handelt - nicht nur um breite Massen der Bevölkerung,
nicht nur um das Proletariat, das immer und in allen Ländern jeden
Krieg verliert, sondern dass es sich handelt um Tod oder Leben des
Sozialismus und um die Rettung der Kultur vor dem Untergang in einer
ungeheuren Barbarei .
Um diesen Untergang zu verhindern, um
die Welt vor einer noch grösseren Barbarei zu retten, ist ein Kampf
notwendig, der nicht ohne Opfer siegreich sein wird.
Es
handelt sich bei der industriellen - noch weniger als bei der
militärischen - Dienstverweigerung nicht so sehr um Akte einzelner.
Bei der militärischen Dienstverweigerung herrscht der Dienstzwang,
und ausserdem ist die Kriegsdienstverweigerung geeignet, aufrüttelnd
zu wirken und bleibt wichtig als Propaganda und Auftakt zur
Massenverweigerung. Als Protest gegen den Dienstzwang - gegen die
Dienstpflicht, die auch in Deutschland wieder eingeführt zu werden
droht - trotzdem die Sachverständigen technisch ausgerüstete
Berufsheere für zweckmässiger halten - und als Beispiel auch für die
Verweigerung der bürgerlichen Dienstpflicht, die von allen Staaten
im Kriegsfalle eingeführt werden wird, behält sie ihre Bedeutung -,
aber es ist nicht damit zu rechnen, dass auf diesem Wege der
Militarismus vernichtet werden wird. Vielmehr noch als bei der
militärischen, handelt es sich bei der industriellen
Kriegsdienstverweigerung nicht vorwiegend um die Frage, ob es einige
Arbeiter gibt, die sich weigern, sich an der Kriegsproduktion zu
beteiligen, sondern um die Frage, wie wir dazu kommen können, die
ganze Kriegsproduktion zu verhindern.
Für eine zweckmässige
Propaganda und Aktion ist es notwendig, die verschiedenen Hauptarten
der Rüstungsindustrie zu unterscheiden:
1. Kriegsindustrie im
engeren Sinn, Fabriken, die nur für den Krieg produzieren, also
Gewehre, Kanonen, Pulver usw., und
2. halbe
Kriegsindustrie:
a) Fabriken, die nur von Zeit zu Zeit für
den Krieg produzieren, z.B. Werften, die ausnahmsweise einen
Panzerkreuzer bauen;
Kennst du die Produktion deines
Betriebes?
Weisst du, ob sie der Kriegsvorbereitung dient?
Hast du dir überlegt, wie du dem drohenden Kriege entgegenarbeiten
kannst? Tust du darin deine Pflicht in Agitation und Organisation
?
b) Fabriken, die zwar regelmässig, aber nur zum Teil
direkte Kriegsarbeit machen: Metallfabriken, die regelmässig
Gasmasken herstellen (in anderen Ländern: Flugzeugfabriken, die
Militär-Flugzeuge herstellen);
3. Industrien, die erst im
Kriegsfalle zur Kriegsindustrie werden: Chemische Fabriken (auch
Flugzeugfabriken in Deutschland).
Es ist natürlich leicht,
einfach die Losung auszugeben, keine Kriegsindustrie mehr zu
fördern, aber wenn unser Ziel die Massendienstverweigerung sein
soll, so müssen wir nach den Wegen und Mitteln suchen, um grössere
Gruppen von Arbeitern zu der Aktion für Vorbereitung der
Kriegsverhinderung zu bringen.
Wir müssen damit rechnen, dass
die Propaganda und Durchführung der industriellen Dienstverweigerung
in der reinen Kriegsindustrie ungeheure Schwierigkeiten mit sich
mitbringt, da für die meisten Arbeiter die Arbeitssicherung nun
einmal schwerer wiegt als ihre Antikriegsgesinnung. Dennoch ist eine
besondere Propaganda unter den Rüstungsarbeitern notwendig. Eine
Propaganda die einerseits darauf hinausgeht, die Umstellung der
Fabriken auf Friedensindustrie zu fordern, andererseits zur
Vorbereitung der Unbrauchbarmachung der Fabriken im Kriegsfalle. Es
ist ohne weiteres klar, dass bei der heutigen Arbeitslosigkeit für
jeden Arbeiter, der sich weigert, in der Kriegsindustrie zu
arbeiten, Tausende von Arbeitern bereitstehen, um seinen Platz
einzunehmen.
Für die Industrien, die erst im Kriegsfalle zu
Kriegsindustrien werden, ist eine starke Propaganda unter den
Arbeitern dieser Fabriken notwendig. Es soll stets auf die
wirtschaftliche Vorbereitung des Krieges hingewiesen und klargemacht
werden, welche Rolle die betreffende Fabrik im Kreigsfalle spielt.
Die Losung der Kontrolle der Produktion soll erhoben werden, auch
zur Untersuchung ob nicht bereits jetzt Massnahmen zur
Kriegsproduktion getroffen werden oder diese (Flugzeuge,
Giftgasmunition) sogar schon fabriziert wird. Ein Fabrikkomitee soll
die Massnahmen untersuchen, wie am zweckmässigsten die Umstellung
der Fabrik auf volle und offene Kriegsarbeit verhindert werden
kann.
Die Möglichkeiten direkter Aktionen sind in den
Industrien der zweiten Art, den "halben" Kriegsindustrien, am besten
gegeben. Hier muss die sofortige Verweigerung der Kriegsarbeit
anfangen. Die Arbeiter einer Fabrik, die regelmässig optische
Instrumente machen und einen Auftrag bekommen für bestimmte
Kriegsgeräte z.B. einer Werft, die Handelsschiffe baut und jetzt
Panzerkreuzer bauen soll, sollen diese Arbeit verweigern, die Arbeit
in der ganzen Fabrik niederlegen und ihre Organisationen zwingen,
diese Arbeitsverweigerung als Streik anzuerkennen!
Die
propagandistische Bedeutung eines einzigen solchen Streiks schon
wäre ungeheuer. Die Losung der "verantwortlichen Produktion" würde
so in die Tat umgesetzt werden. Ein solches praktisches Beispiel
hätte mehr Bedeutung als alle Propaganda.
Ein solcher Streik
enthält im Keim die ganze Aktion der praktischen Kriegsverhinderung.
Er bereitet den Generalstreik vor. Ohne solche Aktionen wird es
nicht möglich sein, für breite Massen das Problem der
Kriegsverhinderung zu einer konkreten Frage zu machen.
Indem
die Arbeiter die Kriegsarbeit verweigern und andere Arbeit fordern,
zeigen sie, dass sie sich nicht nur verantwortlich fühlen für die
Arbeit, die sie tun, sondern auch für den Betrieb, in dem sie
arbeiten. Sie legen damit die moralische Basis für die Besitznahme
der Fabriken durch die Arbeiter, für die soziale
Revolution.
Denn nur diese wird den Krieg verhindern können.
Nicht nur weil der Generalstreik bei Kriegsausbruch Revolution
bedeutet, sondern weil nur die Vernichtung des Kapitalismus das Ende
des Krieges bedeutet.
Deshalb ist es natürlich auch richtig,
dass der Kampf gegen Krieg und Militarismus ein untergeordneter
Kampf ist, dass der entscheidende Kampf dem Kapitalismus selbst zu
gelten habe und dass es vor allem diesen zu organisieren gilt.
Gewiss, aber die entscheidende Frage des Kapitalismus wird mehr und
mehr der Krieg, den er nicht verhindern kann und der doch die Lösung
des ökonomischen Chaos, das der Kapitalismus geschaffen hat und
täglich schafft, nicht bringen wird. Der Krieg, zu dem die ganze
Welt jetzt rüstet, ist nichts anderes als der offene Ausbruch das
latenten Chaos, in dem wir ständig leben. Entweder wird der
Kapitalismus am nächsten Krieg zerschellen oder - der
Sozialismus.
Der Kampf gegen den Krieg und seine Vorbereitung
ist zu ein und demselben Kampf geworden unter einem ökonomischen
System, wo Friedensarbeit und Kriegsarbeit kaum noch zu
unterscheiden sind, und wo das ganze ökonomische Leben mehr und mehr
zu einer riesigen Kriegsindustrie wird.
Die praktische
Organisierung der Arbeiterschaft im Kampf gegen den Krieg, die
Durchführung einer direkten industriellen Aktion gegen die
Kriegsvorbereitung bildet heute auch die zweckmässigste Vorbereitung
zu einem siegreichen Kampf gegen ein verbrecherisches System, dessen
Friede nichts anderes als eine friedliche Ausbeutung und ausserdem
die Vorbereitung zu neuen Kriegen bedeutet.
Wir haben jetzt
die "Liquidation des Krieges" erlebt. Dieses Ende des Weltkrieges
war zu gleicher Zeit die Liquidation des Pazifismus der
Nachkriegszeit. Die Vorbereitung für den neuen Krieg ist jetzt
öffentlich und offenbar.
Die kapitalistische Welt geht einem
neuen 1914 entgegen. Nur wenn die Arbeiterklasse bis dann wieder
gelernt haben wird zu kämpfen mit allen Mitteln der ökonomischen
direkten Aktion - und wenn diese Kämpfe auch vorläufig Niederlagen
sein würden - um die Vorbereitung eines neuen universellen Mordens
zu verhindern, nur dann wird sie in dem entscheidenden Moment, jenen
entscheidenden Kampf führen können, der allein die Arbeiterklasse
und die Welt vor dem Untergang retten kann.
Arthur Müller
Lehning.
Gewalt und
Revolution
Unsere Antwort an Huart.
Müssen
wir ein rotes Heer bilden?
Von A. Müller Lehning und Albert
de Jong
In erster Linie fällt es uns auf, dass Huart sich
derart gereizt zeigt wegen der Tatsache, dass wir im Pressedienst
der IAK. das Thema der Revolutionsverteidigung zur Diskussion
gestellt haben. Er spricht von dem Kampfe, welchen die "Gewaltlosen"
führen gegen alle Organisationen und Kämpfer, die ihren Standpunkt
sich nicht blindlings zu eigen machen. Und es ist gemäss Huart die
höchste Zeit, dass die IAA. der Opposition durch die IAK ein Ende
bereitet, weil nämlich die IAK. Zweifel hegt hinsichtlich der
Taktik, welche durch die Kongresse der IAA. und der CGTSR.
(französische Sektion der IAA.) festgelegt wurde.
Wir wussten
nicht, dass in unserer Bewegung Kongress-Beschlüsse heilige Häuser
wären, an denen man ebensowenig rühren darf wie an den Beschlüssen
eines katholischen Kirchen-Konzils, und selbst die gelten nicht
einmal als unabänderbar. Aber ausserdem: das Thema, das hier zur
Diskussion kommt, ist auf den Kongressen der IAA. in seinem
Gesamtumfange noch gar nicht besprochen worden; die Auffassung der
IAA. hinsichtlich der einzuschlagenden Taktik ist noch keineswegs
festgelegt. Das Thema der Verteidigung der Revolution ist doch
überhaupt erst zum ersten Male durch Huart selbst während des
Kongresses zu Lüttich in den Vordergrund gedrängt worden, im
Zusammenhange mit unserem Referat über ein anderes Thema: nämlich
über die Kriegsverhinderung. Von unserer Seite aus wurde damals
vorgeschlagen - im Hinblick auf die verfügbare Zeit - die Behandlung
jenes Themas zurückzustellen für den nächstfolgenden Kongress.
Unseren Standpunkt haben wir aus jenem Grunde überhaupt noch gar
nicht auseinandergesetzt.
Weiterhin - und wir legen Wert
darauf, dies ausdrücklich festzustellen - ist hier gar keine Rede
von einer Opposition der IAK. Im Pressedienst Nr. 16 der IAK. vom
16. Juli 1928 schrieben wir auf Seite 3 :
"Die IAK. erachtet
es für sehr wichtig, dass ein nächster Kongress die Frage der
Verteidigung der Revolution im Zusammenhang mit der
Kriegsverhinderung ernst und gründlich behandelt. Inzwischen hält
sie es für sehr erwünscht dass diese Frage bereits jetzt als
Diskussion auf die Tagesordnung gesetzt wird, sowohl in den
Organisationen, wie in der Presse. Wir werden in einem folgenden
Pressedienst einen Artikel publizieren, der als Grundlage für eine
allgemeine Diskussion über die Frage dienen kann. Die IAK. arbeitet
darauf hin, dass die Presse diese Diskussion in weitestem Masse
publiziert und sie bittet jeden, der über diese Frage schreiben wird
- so kurz und so sachlich wie möglich - dem Sekretariat der IAK.
(Albert de Jong, Laurierstraat 127, den Haag, Holland) den Artikel
zu senden, damit die IAK. für internationale Publikation sorgen
kann."
Dass die Anhänger einer Revolution mit Waffen dieser
Einladung keine Folge geleistet haben, ist wahrlich nicht unsre
Schuld. Und nunmehr nahmen wir den Artikel von Huart in unseren
Pressedienst auf, trotzdem er ihn uns niemals zugesandt hat,
ebensowenig wie die Zeitung, worin er abgedruckt
wurde.
Ferner haben wir, im Gegensatz zu allen anderen
Artikeln im Pressedienst der IAK., unsere Artikel über die
Verteidigung der Revolution stets mit unseren Namen unterzeichnet,
so dass sie einen persönlichen Charakter tragen und keineswegs als
offizielle Artikel der IAK. angesehen werden können. Für Huart
besteht dann auch keine einzige Veranlassung, um auf Grund dieser
Diskussion eines bedeutenden Themas einen Angriff auf die IAK.
vorzunehmen, wie dies durch ihn geschehen ist. Seit Lüttich sind 60
Ausgaben des Pressedienstes der IAK. erschienen, mit einigen
hunderten von Artikeln, grösstenteils unserer Feder entstammend,
aber in keinem einzigen dieser Artikel haben wir Propaganda
getrieben für unseren besonderen Standpunkt, was dieses Thema
anlangt. Wir fordern Huart auf, das Gegenteil zu beweisen. Und worin
besteht unser Kampf gegen alle Organisationen und Kämpfer, die
unseren Standpunkt nicht blindlings annehmen. Wir sind uns nichts
andere bewusst, als dass wir öffentlich eine Polemik geführt haben
mit Huart und anderen über ein wichtiges Thema. Wir haben dabei
nichts anderes getan, als dasjenige, was auch Huart tat: unseren
persönlichen Standpunkt, unsere ehrliche Überzeugung ausgesprochen.
Und die IAK. als solche steht ausserhalb. In keinerlei Weise haben
wir dabei von unserer Stellung als Sekretäre der IAK. Gebrauch
gemacht, geschweige denn sie missbraucht.
Man möge nun über
die Frage denken, wie man auch will; man kann übertreten zum
Standpunkt von Huart oder zum unsrigen, kein ernsthaft denkender
Mensch wird der Tatsache widersprechen, dass es hier um eine ebenso
bedeutsame wie schwierige Frage geht. Das Interesse, das in der
Presse für diese Polemik gezeigt wurde, beweist dies übrigens
hinreichend. Ebensowenig kann in Abrede gestellt werden, dass wegen
dieser Frage innerhalb der IAA. grosse Meinungsverschiedenheiten
herrschen. Die CGTSR., die französische Sektion der IAA., wird
vielleicht den Standpunkt Huart-Besnard unterschreiben; die
niederländische Sektion, die NSV., wird in Madrid den Standpunkt von
Müller Lehning und de Jong verteidigen. Andere Sektionen werden,
unserer Meinung nach, einen Standpunkt zwischen den beiden
einnehmen, und wir glauben nicht einmal, dass es dem Kongress zu
Madrid gelingen wird, einen Standpunkt zu formulieren, den alle
Sektionen annehmen werden, um so weniger, als die Zustände,
Verhältnisse und Auffassungen in den verschiedenen Ländern stark
auseinanderlaufen. Wollte man diesen Unterschied in der Auffassung
in Abrede stellen, der Diskussion ein Ende bereiten, was bedeuten
würde, dass man versuchte, das Vorhandensein der ganzen Frage
abzustreiten, so würde dies eine unverzeihbare Scheuklappenpolitik
sein und unseres Erachtens nach das Verkehrteste, was der vierte
Kongress tun könnte. An Stelle dessen wird der Kongress diese Frage
gerade gehörig in den Mittelpunkt der Diskussion bringen
müssen.
Die Darlegung von Huart, als würde der Standpunkt der
IAA. sich mit dem französischen decken, ist einerseits unrichtig.
Die Prinzipienerklärung der IAA. Lautet:
"Gegner jeder
organisierten Gewalt in der Hand irgendeiner revolutionären
Regierung, verkennen die Syndikalisten nicht, dass in den
entscheidenden Kämpfen zwischen der kapitalistischen Gegenwart und
der freien kommunistischen Zukunft die Dinge sich nicht reibungslos
abspielen werden. Sie anerkennen daher die Gewalt als
Verteidigungsmittel gegen die Gewaltmethoden der regierenden
Klassen, im Kampfe für die Besetzung der Betriebe und des Grund und
Bodens durch das revolutionäre Volk. Ebenso wie die Expropriation
der Betriebe und des Landes von den revolutionären
Wirtschaftsorganisationen der Arbeiter praktisch ausgeführt und auf
die Bahn der sozialen Reorganisation geführt werden muss, so darf
auch die Verteidigung der Revolution nicht einer bestimmten
militärischen oder irgendeiner anderen Organisation, die ausserhalb
der Wirtschaftsverbände steht, überlassen bleiben, sie muss vielmehr
den Massen selbst und ihren wirtschaftlichen Organisationen
anvertraut sein."
Aber ergeben sich daraus nicht alle
Konsequenzen, die Besnard glaubt ziehen zu müssen und die Huart
unterschreibt? Zu keinem Teile. Wir haben die beiden Exemplare des
Buches von Besnard von denen das eine an "den eifrigen Sekretär des
IAMB.", das andere an das IAMB. selbst gesandt war, dankend
erhalten. Wir haben es auch studiert, und wir wollen auch jener
wichtigen Studie keineswegs unsere Wertschätzung vorenthalten,
wenngleich wir nicht bereit sind, sie als den heiligen Katechismus
des Syndikalismus aller Länder zu betrachten.
Und was ist nun
der Standpunkt von Besnard in diesem Buch? Besnard will eine
ständige Verteidigung der Revolution ohne stehendes Heer. Das
Proletariat muss alle Arten von Waffen der Bourgeoisie mit grösster
Sorgfalt intakt halten: Arsenale, Kriegsschiffe, Flugzeuge, Gewehre,
Kanonen usw. (Die Giftgase und Bakterien führt er nicht dabei auf.)
Alle dazu körperlich fähigen Arbeiter müssen nacheinander eine kurze
Dienstzeit durchmachen, ausreichend, um sie zu befähigen, nach den
Regeln der modernen Technik mit allen denjenigen Arten von Waffen
umzugehen, in deren Besitz sie sich gesetzt haben. Dazu ist es nicht
nötig, sie als Soldaten zu vermummen: jeder Arbeiter muss bewaffnet
sein, und er muss sich in jedem Augenblick zu einem Verteidiger der
Revolution umwandeln können. Die Verteidigung muss lokal, regional
und national organisiert werden.
"Zu diesem Zwecke ist es
notwendig, dass eine enge Verbindung besteht zwischen allen
Verteidigern der Revolution, über das ganze Grundgebiet der
Revolution hin. Diese Verbindung kann nur organisiert werden durch
die lokalen und regionalen Vereinigungen und durch die Zentralen der
revolutionären Gewerkschaftsorganisationen."
Diese
Organisation des bewaffneten Proletariats ist nach Besnard unendlich
viel zweckmässiger als das stehende Heer, und er schreibt
weiter:
"Tatsächlich sind es in der Praxis gar nicht mehr die
regulären stehenden Heere, welche die Sicherheit (N.B.!) verbürgen
können oder die imperialistischen Ziele der Kapitalisten
verwirklichen. Das ganze Volk wird einberufen, die Waffen zu erheben
oder vom Hinterland aus alle Arten von Kampfmitteln zu liefern. Der
Weltkrieg 1914 bis 1918 ist hierfür das schlagendste Vorbild. Sofern
die stehenden Heere sich als unzureichend erwiesen haben unter dem
kapitalistischen Regime, so ist damit noch kein Anlass gegeben,
anzunehmen, dass sie zureichend sein sollten unter proletarischem
Regime.
Da in unseren Tagen in der bürgerlichen Welt die
ganze Bevölkerung, sei es an der Front, sei es im Hinterland, am
Kriege teilnimmt, ist es normal, dass unter einem proletarischen
Regime alle dazu fähigen Arbeiter in der gleichen Weise sich der
Verteidigung der Revolution annehmen.
Ein Arbeiter muss also
jeden Augenblick bereit sein, sein Werkzeug gegen das Gewehr
auszutauschen, um - sobald die Gefahr gewichen ist - das Gewehr
wieder durch das Werkzeug zu ersetzen.
Demnach würde es, um
eine lokale oder regionale Gefahr abzuwenden, ausreichend sein, eine
gewisse Anzahl bewaffneter Arbeiter zu mobilisieren, die über all
das moderne Kriegsmaterial verfügen.
Um eine grössere Gefahr
zu bekämpfen, wird man eine erheblichere Anzahl Arbeiter
mobilisieren.
Und schliesslich, wenn es sich darum handelt,
ein zu ernsten Besorgnissen Anlass gebendes, gefährlich drohendes
Unheil abzuwenden, wie beispielsweise einen Angriff vom
kapitalistischen Auslande aus, kombiniert mit konterrevolutionären
Inlandsbestrebungen, dann wird man für die Zeit, während der dies
notwendig ist, seine Zuflucht nehmen müssen zu einer "levée en
masse" (einem allgemeinen Aufgebote aller Arbeiter), die Besitz
ergreift von allen Waffen, die sie nötig hat."
Die gleichen
Vorstellungen wurden durch Huart verteidigt auf Versammlungen, und
er fügte noch hinzu:
"Jedes Komitee für den allgemeinen
Arbeitsstreik muss eine militär-technische Abteilung haben, und die
Verbindung der revolutionären Kräfte muss zustande gebracht werden
durch ein zentrales Komitee der revolutionären
Verteidigung."
Ferner befürwortete er "die Notwendigkeit
eines Sicherheitsdienstes (Service de securité), dessen Aufgabe
darin besteht, die zentralen Komitees über die Tätigkeit der
Konterrevolution zu unterrichten."
Es ist jedermann deutlich,
dass Besnard und Huart nicht schlechthin - wie die IAA. - den
Standpunkt verteidigten, dass es notwendig sei, in einer Revolution
die aufgedrungene Gewalt anzunehmen und die gewalttätige Revolution
zu verteidigen, sondern auch die Bildung eines roten Heeres. Sie
gaben sich auch noch der Illusion hin, als ob man durch einen
modernen Krieg die Bevölkerung beschützen könne, während jeder
Militärsachverständige, ja, beinahe jeder Laie, schon weiss, dass
die moderne Kriegsführung die Bevölkerung nicht beschirmt, sondern
sie ausrottet. Sie halten ein Plaidoyer für "das Volk in Waffen",
sie wollen das ganze revolutionäre Vaterland zu einem Heerlager
machen, und sie übernehmen bereitwilligst von Paul Boncour die Idee
der Mobilisierung des ganzen Volkes, der ganzen Industrie, des
ganzen Landes. Das ist wenigstens konsequent. Die stehenden
Kriegsheere haben sich nach ihrer Ansicht als unzureichend erwiesen.
Zehn Millionen Tote auf dem Schlachtfelde, zwanzig Millionen
Verwundete, sieben Millionen Tote im Hinterland. Unzulänglich? Nun,
die Flugzeuge und Giftgase werden die Millionen wohl vervielfältigen
auch ohne deren dauernde Verteidigung.
Die internationale
Liga der Flieger zu Paris hat ein Rundschreiben veröffentlicht.
worin unter anderem das Folgende gesagt wird:
"Es ist
unbedingt sicher, dass der nächste Krieg, worin die Flugzeuge eine
überwiegende Rolle spielen werden, mit Hilfe von Gasen, Brandbomben
und chemischen Produkten, deren zerstörende Wirkung unbeschreiblich
ist, geführt werden wird. Diejenige Nation, welche über die
geschwindesten kräftigsten Flugzeuge verfügt, wird imstande sein,
den abscheulichsten Terror über die ganze Welt auszuüben, ohne
indessen Endsieger zu sein.
Es ist bewiesen, dass bis jetzt
kein einziges Verteidigungsmittel gegen die Auswirkung des Gases
Bestand hat.
Gasmasken geben keine genügende Beschützung. Man
stelle sich ein Geschwader Flugzeuge vor, welches eine Stadt mit
Gasbomben von 500 Kilogramm angreift. Die Bomben, welche die Häuser
vom Dach bis zum Keller verwüsten werden, töten sofort alle
Bewohner, sogar wenn sie mit Gasmasken versehen sind. Die Bomben,
die auf die Strasse fallen, werden das tötende Gas über eine Fläche
von etlichen hundert Metern verbreiten und dank des Windes kann eine
Bombe eine quadratkilometergrosse Fläche vergiften. Durch einen
Spezialanstrich von Brandbomben mit Elektron soll eine Temperatur
von 3000 Grad entwickelt werden können. Ein einziges Flugzeug kann
500 Brandbomben mit sich führen und 72 Flugzeuge 36000. Die
Feuerwehr steht demgegenüber vollkommen machtlos. Wasser würde den
Brand durch solche Gasbomben nur anschüren."
Wollen Besnard
und Huart daran mitwirken? Der englische Generalmajor Swinton hat
erklärt:
"Ich stelle mir vor, auf Grund des Fortschrittes,
den wir in der Vergangenheit erlebt haben, dass wir in der Zukunft
nicht allein zum Gas unsere Zuflucht nehmen werden, sondern zu jeder
Naturkraft, die wir zu unserer Verfügung haben.
Wir haben
X-Strahlen, wir haben Lichtstrahlen, wir haben
Hitzestrahlen.
Wir werden wohl nicht mehr so sehr weit
entfernt sein von der Entwicklung des einen oder des anderen
"tötenden Strahles, durch den unbeschützte Wesen zusammenschrumpfen,
gelähmt oder vergiftet werden. So, wie ich es sehe, wird die
allerletzte Form des Menschenkrieges der Bakterienkrieg sein. Ich
glaube, dass es so weit kommen wird; es besteht auch kein Grund,
warum dies nicht geschehen wird, sofern man doch die Absicht hegt zu
kämpfen."
Wollen Besnard und Huart daran mitwirken? Fest
steht doch immerhin, dass sie sich die allermodernste militärische
Technik zu eigen machen und sie auch in Anwendung bringen wollen.
Meinen sie, dem Sozialismus eine Grundlage zu schaffen mit
Grossbomben und Giftgasen, mit Bakterien und tötenden Strahlen,
unter Ausrottung der Menschheit? Es ist deutlich, dass Huart und
Besnard in dieser Hinsicht keine Revolutionäre sind, sondern ohne
Bedenken den allermodernsten Barbarismus der Bourgeoisie und ihrer
Militärs übernehmen.
Auf unser Argument, dass der Krieg und
der Militarismus, für welchen Zweck und durch wen er auch immer
geführt werden möge, den Untergang von Völkern bedeutet, die davon
betroffen werden, einerlei, wer, wie man so sagt, der militärische
Sieger ist, darauf wird durch die beiden mit keiner Silbe
eingegangen. Wir meinen, dass dieses Argument unwiderlegbar ist, und
dass wir, ganz abgesehen von anderen Beweggründen, schon deshalb zu
anderen Kampfmitteln, zu anderen Formen der Gewalt, wenn man es so
nennen will, unsere Zuflucht nehmen müssen, wenn uns daran gelegen
ist, nicht nur die Revolution, sondern auch die Menschheit und das
Proletariat selbst zu retten.
Will Huart uns nun vorgaukeln,
dass die oben angezogenen Auffassungen Besnards auch die
Auffassungen der IAA. sind? Das Entgegengesetzte ist wahr. Denn die
Konsequenz des Standpunktes Besnard-Huart ist, dass sie sich auch in
Friedenszeiten nicht einsetzen werden für die Weigerung Munition
herzustellen oder den militärischen Dienst zu verweigern. Die
weitere Folge davon ist, dass sie die Rüstungsvergrösserung bei der
Regierung nicht mehr bekämpfen, sondern ihr zujubeln. Denn, wie dem
auch sei, sie müssen sie doch demnächst übernehmen. Und was sollte,
nach ihrer Auffassung, eine französische Revolution anfangen, wenn
die gegenwärtigen Regierer Frankreichs nicht ebenso stark bewaffnet
oder gerüstet hätten, wie ein faschistisches Italien, wie ein
demnächst vielleicht national-sozialistisches Deutschland? Die
Wahrheit ist, dass der Standpunkt Besnard-Huart die Grundsätze und
Kampfmethoden der IAA. und des Syndikalismus -Dienstverweigerung,
Boykott der Waffenindustrie - mit Füssen tritt, und dass man damit
in die Arme des nationalistischen Militarismus gerät, der auch durch
die Bolschewisten übernommen ist, ob man es wahrhaben will oder
nicht.
Diese Auffassungen stimmen mehr überein mit dem
Bolschewismus als mit dem revolutionären Syndikalismus, der zu allen
Zeiten seine Kraft gesucht hat in der direkten ökonomischen Aktion
der Arbeiter in den Betrieben.
Sobald die gleiche Masse, die
Besnard nötig hat für seine "levée en masse", die durch uns
angegebenen Kampfmittel anwendet, wird sie ein unbesiegbares Volk
bilden; sie braucht dann auch nicht zu verfallen auf eine GPU., die
durch Huart genannt wird "Comité de Sécurité", noch auf eine
zentrale Heeresleitung, die durch Besnard genannt wird "Comité
général de défense".
Es ist klar, dass Huart und Besnard sich
für einen revolutionären Krieg einsetzen, der in technischer
Hinsicht vollkommen gleicht dem Kriege der Militärsachverständigen
im Dienste des Imperialismus. Der Hinweis von Besnard auf den Krieg
1914-1918, sein Plaidoyer für die Mobilisierung der ganzen Nation,
militärisch und wirtschaftlich, für die industrielle Mobilisierung,
die heute durch alle Staaten vorbereitet wird, beweist, dass er
bereit ist, noch einmal einen nationalen Krieg zu führen, sobald das
Proletariat die Macht in Händen hat, für ... die Sicherheit (!) der
Völker.
Wie will Besnard das ganze wirtschaftliche Leben der
Nation im Dienste des nationalen revolutionären Krieges beherrschen
ohne Zentralisierung? Wie will Besnard die "levée en masse", die
Organisation des Krieges an der Front und in den Betrieben
organisieren ohne die Dienstpflicht?
Zentralisierung ist
nicht nötig, sagt Huart. Aber wenn in einem derartigen
revolutionär-nationalistischen Kriege, sagen wir einmal, des
revolutionären Frankreichs gegen ein national-sozialistisches
Deutschland, an der Verdun-Front ein Loch geschlagen wird von 50000
Mann, wie will dann Besnard dieses Loch wieder füllen, ohne
Generäle, die 50000 junge Kerle dorthin dirigieren?
Das
Verdienstvollste der Abhandlung von Besnard und des Standpunktes von
Huart besteht darin, dass sie ihren Standpunkt bis zur letzten
Konsequenz durchführen. Aber gerade jene Durchführung ihres
Standpunktes beweist hinreichend, dass wir schon zu anderen Mitteln
gelangen müssen, sollen nicht die Revolution und ganz Europa zu
Grunde gehen in einem wahnsinnigen Barbarismus, in einem
Massenselbstmord der Völker. Wir bleiben in vollem Umfange bei
unserer Meinung, dass die Organisation der Verteidigung der
Revolution so, wie sie durch Besnard und Huart vorgeschlagen werden,
hinauslaufen auf ., Die Organisierung des Zusammenbruchs und des
allgemeinen Wahnsinns".
Wenn Huart unser Argument, dass die
moderne Kriegstechnik kein Kampf mehr ist von Soldaten gegen
Soldaten, keine Sicherheit und keinen Schutz mehr bietet, aber zur
Ausrottung der ganzen Bevölkerung führt, ein sentimentales Argument
zu nennen beliebt, dann ist dies eine Auffassung, die als Grundlage
für eine Diskussion nicht mehr in Frage kommt, und die - wie uns
scheint - den Mangel an besseren Argumenten allzu deutlich
verrät.
Wagt man es, auch weiterhin zu behaupten, dass der
Standpunkt von Besnard-Huart der Standpunkt von allen Sektionen der
IAA. ist? Wagt man, dabei zu verharren, dass dies der Standpunkt
ist, der niedergelegt wurde in der Erklärung der Grundsätze der IAA.
?
Mitten in der deutschen Revolution, auf dem Kongresse der
Rüstungsarbeiter von Deutschland, vom 18. bis 22. März 1919 in
Erfurt abgehalten, hat Kamerad Rudolf Rocker, einer der Sekretäre
der IAA. Befürwortet, "keine Mordwerkzeuge mehr zu fabrizieren,
keine Kanonen und Gewehre mehr zu machen, um den kalten Mörder nicht
länger selbst die Mordwaffe in die verruchte Hand zu drücken,
sondern dafür zu sorgen, dass die Betriebe der Zerstörung und der
grausigen Menschenschlächterei sich in Betriebe segensreicher und
friedlicher Arbeit verwandeln."
"Wir leben - so sagte Rocker
- in einer außergewöhnlichen Zeit, einer revolutionären Zeit. Und
eine solche Zeit fordert außergewöhnliche Beschlüsse und
revolutionäre Handlungen. Hier ist bängliches Schwanken nicht am
Platz. Jedes Zaudern ist Verbrechen, ist Begünstigung des
Mordes."
"Ist es nicht - so rief er aus - die höchste Zeit,
der brutalen Gewalt Einhalt zu gebieten, indem man ihr die
Gewaltmittel verweigert?"
"Die Verweigerung der
Waffenproduktion ist die einzige Garantie, dem organisierten
Massenmord ein Ende zu bereiten." "Die Zeit der politischen
Revolutionen im alten Stile, wo bewaffnete Zivilisten dem Militär
entgegentraten, ist bei dem heutigen Stande unserer Kriegstechnik
ein für allemal vorüber. Die Überlegenheit in der militärischen
Führung und der technischen Ausrüstung wird dem Militär stets den
Sieg in die Hand geben." "Das alte System bricht einfach zusammen,
weil ihm seine reale technische Grundlage, die Armee, unter den
Füssen entglitten ist."
"Keiner von uns aber kann die Absicht
haben, die Gewalt um ihrer selbst willen anwenden zu wollen, am
allerwenigsten Sozialisten, da doch der Sozialismus die Abschaffung
jeder Gewalt als Grundprinzip in sich enthält. Die Stärke einer
grossen Kulturbewegung liegt niemals in ihren technischen
Machtmitteln, sondern in der geistigen Erkenntnis der Massen, die
ihr folgen, und in dem moralischen Mut ihrer einzelnen Anhänger. Die
terroristische Diktatur Robespierres führte zum 9. Thermidor, zur
Säbeldiktatur Napoleons. Das ist die Erfahrung der
Geschichte."
Diese Methoden von Besnard und Huart schliessen
ausserdem noch die grosse Gefahr in sich ein, dass man
Einrichtungen, die man vernichten müsste, bestehen lässt, deshalb
weil man den hauptsächlichsten Grundsatz des Staates und des
Kapitalismus weiterhin gelten lässt, nämlich den Militarismus, sei
es auch in einer anderen Weise reorganisiert. Dadurch setzt die
Revolution sich der grossen Gefahr aus, dass die Leitung in die
Hände von solchen Revolutionären kommt, die tatsächlich den Staat,
die Macht und den Militarismus beibehalten wollen. Was sie von uns
unterscheidet, ist in viel geringerem Masse das Endziel als wohl
unsere Taktik, unsere Kampfmethode, und darin müssen wir uns in
voller Konsequenz von ihnen unterscheiden. Bei ihrem gesamten Aufbau
gehen Huart und Besnard davon aus, dass die Macht ganz in Händen von
Arbeitern ist, die völlig auf unserem syndikalistischen Standpunkte
stehen. Aber hätten wir nicht viel mehr dem Umstande Rechnung zu
tragen, dass wir in vielen Ländern eine Minderheit sein werden und
dass - falls wir mitwirken an einem revolutionären Kriege anstatt
die Arbeiter davon zurückzuhalten - nicht wir es sein werden, welche
die Organisierung der "permanenten Verteidigung" zu bestimmen haben
werden?
Wir können uns tatsächlich auch nichts anderes
denken, als dass die Organisierung der permanenten Verteidigung
unter der Hauptleitung von der Zentrale der revolutionären
Gewerkschaftsvereinigungen auf etwas anderes hinauslaufen kann als
auf einen militaristischen Staat, d. h. eine zentrale Macht. Und es
handelt sich ja keineswegs um das Vernichten von Gegnern, sondern um
das Vernichten von Einrichtungen.
Kein geringerer als Bakunin
hat darauf ausdrücklich hingewiesen, als er in seinem Programm für
die "Alliance de la Demokratie socialiste" schrieb.
"Die
Revolution muss alles vernichten: keinen Stein auf dem anderen
lassen. Doch man bedenke wohl, dass das Uebel nicht in den Personen,
sondern in den Einrichtungen sitzt. Man muss also den Menschen
gegenüber nachsichtig sein. Wir unserseits haben Ehrfurcht vor dem
Menschen. Wenn bei einem Aufstande viele getötet werden, dann ist es
weder moralisch, noch nützlich: das ist nun einmal so; man hat es
sehen können an der Guillotine von 1793; ein politisches Blutbad
vernichtet niemals die Partei, denn die Macht hat ihren Sitz nicht
in den Personen, sondern in der Einrichtung des individuellen
Eigentums. Also muss man den Staat und das Eigentum ausrotten, vor
allem und an erster Stelle den Staat."
Und er sagt dann
weiter:
"Die Revolution muss radikal und vollständig den
Staat und alle Staatseinrichtungen vernichten. In unserem Programm
ist also inbegriffen das Nichtbezahlen der Staatsschulden, die
Steuerverweigerung, die Auflösung von Heer, Magistratur,
Beamtengewalt, Polizei und Priesterschaft, das nicht länger
Anerkennen der offiziellen Rechtspflege, ein Auto-da-Fé aller
Eigentumstitel, aller Kauf- und Verkaufsakten, aller
Prozessakten."
Schliesslich sprach Bakunin sich auch zu
Gunsten der Föderation der Barrikaden aus; aber die Barrikade gehört
nicht mehr in unsere Zeit. Auch Rocker hat darauf hingewiesen. Auf
keinen Fall kann sie in dem entscheidenden Endkampfe noch eine.
Rolle spielen. An ihre Stelle ist der allgemeine Arbeiterstreik
getreten, der, ebenso wie die Barrikade, revolutionäre Situationen
hervorruft die revolutionäre Gesinnung der Massen auf die Probe
stellt, und der das typische Kampfmittel der proletarischen
Revolution ist, ebenso wie die Barrikade das typische Kampfmittel
der bürgerlichen Revolution war.
Besnard und Huart verfechten
aber tatsächlich eine ganz andere Idee als die der revolutionären
Barrikade. Sie verfechten die Instandhaltung eines nach ihren Ideen
organisierten militärischen Systems und - wir wiederholen - behalten
dadurch eine Einrichtung bei, statt sie zu vernichten. Wir wollen
nach dieser Kritik des Huartschen Standpunkts noch einmal in Kürze
unseren eigenen Standpunkt zusammenfassen, und zwar an Hand einiger
konkreter Fragen.
1. Wird das Proletariat bei der Revolution
Gewalt anwenden müssen?
Wir antworten rundheraus mit "Ja",
weil wir mit Elisée Reclus davon überzeugt sind, dass die
Bourgeoisie niemals gequält werden wird durch kollektive
Tugendhaftigkeitsanfälle, und dass nur die Macht der Arbeiterklasse
im Stande sein wird, die Macht der Bourgeoisie, den Kapitalismus und
den Staat, zu brechen. In dieser Hinsicht unterschreiben wir den
Standpunkt der IAA., und unterscheiden uns von den Gewaltlosen, den
Tolstojanern. Wir haben übrigens niemals das sentimentale Argument
gebraucht, dass wir aus Mitgefühl mit dem Leben unserer Gegner von
der Anwendung der Gewalt absehen wollten. Wir wissen mit Huart, dass
der Kapitalismus tagaus tagein auch in Friedenszeiten Tausende von
Proletariern, ausgemergelte Arbeiter, schwache Frauen, unterenährte
Kinder tötet. Wir wissen, dass das System des Kapitalismus
grundsätzlich auf Gewalt beruht, sowohl in Friedens-, wie in
Kriegszeiten. Wir wissen, dass die Geschichte der Bourgeoisie mit
Blut geschrieben ist (die blutige Unterdrückung von Aufständen und
Revolutionen im 19. Jahrhundert, die Kommune von Paris, die Petition
an den Zaren im Januar 1905, die weisse und die faschistische
Reaktion nach dem Kriege). Aber diese Gefühlserwägungen können uns
doch nicht dazu führen, jene Methoden der Bourgeoisie zu übernehmen,
selbst wenn dies geschichtlich zu rechtfertigen wäre. Gerechtfertigt
erachten wir alle Gewaltmethoden, sofern sie tatsächlich notwendig
sind für die Befreiung der Arbeiterklasse. Aber welche
Gewaltmethoden angewandt werden müssen, kann u. E. nur bestimmt
werden durch die Beantwortung der sachlichen Frage: in welcher Weise
können Staat, Kapitalismus und Militarismus tatsächlich vernichtet
werden, um die Arbeiterklasse wirk1ich zu befreien und den
Sozialismus auf der Grundlage einer staatsgegnerischen Gesinnung
aufzubauen.
Nochmals: wir sind keine Tolstojaner! Wir stehen
nicht auf dem Standpunkt, dass es besser sei, sich töten zu lassen,
als selbst zu töten. Wir stehen auf dem Standpunkte der Verteidigung
des Einzelwesens, des Volkes und der Revolution. Gerade deswegen
lehnen wir die Vernichtungsmethoden des modernen Militarismus
vollkommen ab. Wir beide sind, solange wir in der revolutionären
Bewegung stehen, Mitglieder gewesen der Internationalen
Antimilitaristischen Vereinigung, die 1904 durch Domela Nieuwenhuis
gegründet wurde, und woraus sich das IAMB. entwickelt hat. In ihrer
Broschüre "Was die rote Internationale will", erklärte die IAMV. im
Jahre 1904:
"Die Gewaltlosigkeit wird allerdings durch die
Vereinigung nicht als Grundsatz anerkannt" und
"Kämpfend
gegen die organisierte Gewalt der Regierungen in der Form, in
der
sich der Militarismus zeigt, rechnet die Vereinigung
gleichzeitig mit der Möglichkeit, dass in dem Klassenkampfe der
Gewalttat nicht mehr ausgewichen werden kann, noch dass sie zu
verurteilen ist."
In jenem Geiste haben wir stets gelebt.
Aber nunmehr stellen wir diese Frage:
2. Müssen wir
Waffengewalt gebrauchen? Müssen wir die moderne militärische Gewalt
organisieren?
Und bei Beantwortung dieser Frage stehen wir
auf dem Standpunkte, dass in diesem Zeitabschnitte
im
Hinblick auf die moderne militärische Technik, gegen welche keine
Verteidigung möglich ist;
im Hinblick auf die Gefahr der
Militarisierung der Revolution;
im Hinblick auf die
vollkommen bewaffnete Konterrevolution;
im Hinblick auf die
Erfahrungen in Russland und China
eine Revision unseres
Standpunktes in Bezug auf die Gewalt dringend notwendig ist. Die
Lösung der Frage haben wir gefunden in der Taktik des revolutionären
Syndikalismus selber.
Wegen Beantwortung der Frage, was die
Arbeiterklasse dann tatsächlich zu tun hätte, verweisen wir auf die
Grundsätze für das Referat, das durch Albert de Jong in Madrid
gehalten werden sollte (Pressedienst IAK., Nr. 73). Auf alle
Argumente, die wir gegen die bewaffnete Gewalt vorgebracht haben,
ist Huart, wenn man es genau nimmt mit keinen einzigen Worte
eingegangen. Er hat ausschliesslich seine Kraft versucht in einem
Angriffe auf unsere Methoden. Wir möchten aber unsererseits eine
kategorische Antwort geben auf die Fragen, die Huart uns
stellt.
1. Wie wir uns zu Beherrschern der Produktionsmittel
machen müssen, ist deutlich. Ein Volk in Revolution, das imstande
ist zu einer "levée en masse", ist auch imstande, in den Betrieben
die Erzeugung selbst zu regeln und jeden Versuch, dies zu
verhindern, aufs Neue zu beantworten mit einem Verlassen der
Betriebe und dem völligen gesellschaftlichen Boykott von allen, die
dies verhindern wollen. (Siehe ferner Pressedienst Nr. 73,
Grundsätze Albert de Jong.)
2. Die ganze Organisation des
kapitalistischen Staates kann vernichtet werden, durch die Mittel,
die hier oben wiedergegeben sind und die Bakunin entlehnt wurden.
Wir verweisen nur noch auf den konsequent durchgeführten Boykott von
Polizei, Staatsbeamten und Militärpersonen.
Huart möge
behaupten, dass wir dadurch, dass wir lediglich diese Mittel in
Anwendung bringen, die entwaffnete Revolution der bewaffneten
Reaktion ausliefern; wir behaupten jedoch auch weiterhin, dass die
Methode Besnard-Huart das Proletariat ausliefern würde an die
Ausrottung durch die Mittel der modernen Militärtechnik. Ueberdies
ist in allen Revolutionen der Militarismus viel stärker entwaffnet
worden durch die gewaltige Todesverachtung des in der Regel schlecht
bewaffneten Proletariats als durch die Kraft seiner unzulänglichen
Bewaffnung.
3. Warum sollten wir nicht die Steuerzahlung
verweigern können? Warum sollten wir nicht selbst als Einleitung der
Revolution einen Boykott durchführen können der hauptsächlichsten
Artikel, bei denen indirekte Steuern erhoben werden: Tabak, Alkohol,
Fleisch?
4. Huart meint, dass, wenn die Inder bewaffneten
Widerstand geleistet hätten gegen England, dass dann in Indien kein
Engländer mehr sein sollte. Für uns ist es jedoch noch die Frage,
auf welche Weise der englischen Herrschaft ein Ende bereitet wird,
ohne dass ein neuer kapitalistischer Ausbeutungsstaat gegründet
wird. Und dann antworten wir, dass, sofern, die Methode
Besnard-Huart in Indien in Anwendung gekommen wäre, abgesehen von
der Tatsache, dass die Inder über keine Waffen verfügen, in Indien
in gleichem Augenblick wahrscheinlich die gleichen Zustände
herrschen würden, wie in China, nämlich die militärische
Diktatur.
Im Gegensatz zu Huart sind wir der Ansicht, dass
die direkte Aktion des indischen Volkes bereits sehr bedeutende
Ergebnisse gezeitigt hat, und die Weltgeschichte ist auch für Indien
noch lange nicht abgeschlossen. Ob diese Bewegung auf einen Verrat
hinauslaufen wird, wird nicht entschieden durch die Frage der
Kampfesweise, trotzdem gerade der bewaffnete Aufstand dafür die
grösste Gefahr bietet: Tschang-Kai-Tschek in China.
5. Huart
fragt uns, was wir von der Lage in Spanien halten.
Im
Allgemeinen möchten wir sagen, dass, sofern das spanische
Proletariat die Methoden, die durch uns beide verfochten werden,
konsequent und systematisch anwendet, hierin die einzige Möglichkeit
liegt für die Selbstbefreiung der spanischen Arbeiterklasse und für
die Gründung einer anarcho-syndikalistischen Gesellschaft.
In
dem Geiste der Methoden, die wir im Kampfe gegen den Militarismus
der Bourgeoisie verfechten, hat das spanische Volk gehandelt, als es
die Klöster, die Wahrzeichen und die Herde der klerikalen Reaktion,
der politischen und geistigen Unterdrückung, in Brand steckte. Im
Geiste dieser Methoden haben unsere spanischen Kameraden gehandelt,
als sie die Gefängnisse stürmten und alle politischen Gefangenen
befreiten. Als die syndikalistische Organisation in Barcelona den
Beschluss fasste, dass kein Bauarbeiter an dem durch den Volkssturm
demolierten Gefängnisse Wiederinstandsetzungsarbeiten verrichten
dürfe, war dies eine symbolische Tat - in Uebereinstimmung mit der
schönsten Tradition der syndikalistischen Arbeiterbewegung Spaniens
- die fortleben wird in der Geschichte des Sozialismus.
Wir
glauben, dass allein auf diesem Wege der gegenrevolutionäre
Militarismus zu brechen ist; dass allein auf diesem Wege das Volk
sich für alle Zeiten vom Militarismus und vom bürgerlichen
Barbarismus befreien kann.
Die gewaltsame Vernichtung aller
Bastillen, aller Kasernen, aller Arsenale, kurz: des gesamten
gewalttätigen Machtapparats der Bourgeoisie und des Staates, um als,
dann durch wirtschaftliche Machtentfaltung die Erbauung neuer
Kasernen, die Inbetriebsetzung einer neuen Rüstungsindustrie zu
verhindern, - in jenem Geiste, auf jenem Wege sehen wir für die
spanische Arbeiterklasse - und für jede Arbeiterklasse die
Möglichkeit, die militärische Macht der Bourgeoisie zu vernichten,
und die schliessliche Vernichtung des Militarismus. Die
Arbeiterklasse, die - von jenem Geiste beseelt - den Kampf führt für
eine sozialistische Gesellschaft, wird unbesiegbar sein.
6.
Was unsere Lobgesänge auf den Zentralismus anlangt: Diese Argumente
von Huart sind zum grössten Teile Sophismen. Uebrigens wollen wir
noch darauf weisen, dass ein grundsätzlicher -und psychologischer -
Unterschied besteht zwischen dem Aufbau der Gesellschaft auf
syndikalistischer Grundlage und der Organisation der
Massenvernichtung.
7. Wir verharren bei unserer Ansicht, dass
die Bourgeoisie mit ihren faschistischen Organisationen in der
Technik und im System der Menschenvernichtung das Proletariat
jederzeit übertreffen wird, schon wegen der folgenden Gründe: das
ganze System der Bourgeoisie, jenes System der Unterdrückung und
Ausbeutung, beruht auf Gewalt, Macht und Terror-, diese Kampfmittel
gehören zum Charakter, zum Wesen der bürgerlichen Gesellschaft und
der Herrschaft. Die Grundlagen der proletarischen Arbeiterbewegung
sind dagegen Solidarität, Freiheit, Abwendung vom Militarismus, und
wir wiederholen hier das Wort von Rocker: "Der Sozialismus schliesst
in sich die Ueberwindung der Gewalt".
Wir geben uns durchaus
nicht der Illusion hin, dass wir hiermit alle Kameraden in der IAA.
und die draussen Stehenden von der Richtigkeit unseres Standpunktes
überzeugt haben. Wir haben nicht im entferntesten die Anmassung,
dass durch uns in der Festlegung einer neuen Taktik das letzte Wort
gesprochen sein sollte oder auch nur durch uns gesprochen werden
könnte.
Wir begreifen auch, dass in diesem Augenblick und
unter allen Umständen die Arbeiterklasse noch nicht so weit ist, um
zum Handeln überzugehen im Geiste unseres Standpunktes. Aber auf der
anderen Seite ist es ebenso wahr, dass die revolutionäre Bewegung in
mehr als in einem Lande sich ernsthaft Rechenschaft ablegen muss von
dem Vorhandensein einer anderen Mentalität die glücklicherweise
unter den Massen immer stärker wird, nämlich einer tiefgehenden
Abscheu gegen den Krieg, gegen jeden Krieg und gegen jedes
Kriegführen. Dieser Mentalität müssen wir uns bei unserer Propaganda
gegen Staat und Krieg und für eine sozialistische Gesellschaft
anschliessen; diese Mentalität müssen wir verstärken. Diesem
wichtigen und für den Anarchismus sehr glücklichen psychologischen
Momente tragen Besnard und Huart nicht im geringsten Rechnung; ihre
Mentalität steht leider näher bei derjenigen des Militarismus und
der nationalen Verteidigung als bei der Mentalität eines stets
wachsenden Teiles der Bevölkerungen, nämlich der Abscheu vor dem
Kriege.
Wir begreifen, dass die Möglichkeit, diese
Kampfmethoden anzuwenden, erst langsam reifen kann. Dieses Reifen
kann nur geschehen im Kampfe. Aber wir möchten, dass alle unsere
Kameraden von einer Sache durchdrungen würden, und dass ist diese:
der gegenwärtige Charakter der Gewalt, unter dem Einfluss der
zugespitzten militärischen Technik, die mit Hilfe von Millionen
durch den Staat in allen Ländern zu einer bislang nicht gekannten
Höhe getrieben ist ein Charakter, der von uns stets als Argument
gebraucht wird gegen den Krieg und gegen den Militarismus, er zwingt
uns, unseren eigenen Standpunkt zu revidieren, mit Bezug auf die
Gewalt, und neue Wege zu suchen. Dieses gemeinschaftlich zu tun,
betrachten wir als die Ausgabe der IAA. und von allen, die den
revolutionären Standpunkt teilen. Unsere Kameraden hierzu
anzuspornen ist das einzige, was uns treibt in dieser ganzen
Polemik.
Der Wahnsinn des
Nationalismus
und die Stellung des revolutionären
Syndikalismus
Keine grössere Gefahr für die
Arbeiterklasse als der Nationalismus, er ist die wahre Ideologie des
Staates und der Diktatur. Wenn der Staat ein Volk in den Krieg
getrieben hat, in die Niederlage und in das Elend - dann ist es der
Nationalismus, der ablenkt: nicht die eigene Regierung, nicht der
eigene Staat, nicht der eigene Kapitalismus ist schuld - sondern der
ausländische Kapitalismus, der andere Staat, die andere Regierung.
Aber niemals ist der Nationalismus etwas anderes gewesen als der
Schrittmacher für die Interessen, für die Profite der herrschenden
Klasse. Denn die herrschende Klasse versteht den Patriotismus auf
ihre Art. Sie organisiert ihre "blutige Internationale" und macht
auf Kosten der Völker ihre patriotischen Geschäfte mit Freunden und
Feinden. Sie kennt keine Parteien und keine Nationen. Wenn es sich
um Profite handelt und um Unterdrückung der Arbeiterklasse, dann ist
der Kapitalismus international, und dann wird sogar der Erbfeind zum
Verbündeten. Zur selben Zeit, während des Ruhrkrieges, als die
nationalen Parteien im Reichstag den Abbruch aller Beziehungen mit
Frankreich forderten, verhandelte Stinnes mit dem Oberbefehlshaber
der französischen Besatzung, dem General Degoutte, um die Aufhebung
des 8-Stundentags zu erwirken! Man vergesse das nie!
Die
internationale Solidarität der Arbeiterklasse, die eine
Selbstverständlichkeit für jeden Sozialismus ist, setzt die
Verneinung des nationalen Staates voraus; diese Solidarität ist der
Todfeind jedes Nationalismus.
Es Bedarf keiner weiteren
Überlegung, dass der Klassenkampf durch die "Arbeitsgemeinschaft"
und durch die Versöhnung von Kapital und Arbeit ersetzt ist, wo die
"wertvolle Gegenwart der Republik" an die Stelle der staatenlosen
Gesellschaft getreten ist, die auch Marx als die wahre und einzig
mögliche Form des Sozialismus ansah - da ist natürlich auch freie
Bahn für den Nationalsozialismus. Und Jahrzehnte hat die deutsche
Arbeiterschaft die nationalistische (und militaristische) Propaganda
einer nationalen Sozialdemokratie über sich ergehen lassen müssen.
Dass die revolutionären Sozialdemokraten, die Kommunisten immer
wieder in dasselbe Horn blasen und auf die nationalistischen
Instinkte des deutschen Proletariats - und Kleinbürgertums! -
spekulieren, beweist den charakterlosen und gefährlichen
Opportunismus dieser Partei, der zur Erreichung ihrer Ziele alle
Mittel recht sind. Das ist ja bekanntlich die höchste politische
Weisheit in Moskau. Diese Politik wird ausserdem bestimmt durch die
Interessen der Auslandspolitik des staatskapitalistischen Russlands,
denen immer wieder die elementarsten Interessen des Proletariats der
anderen Länder geopfert werden.
Und so war es möglich, dass
1923 die deutsche Kommunistische Partei in inniger Zusammenarbeit
mit der deutschen Reaktion das deutsche Proletariat zum Kriege gegen
Frankreich hetzte. Diese Politik wurde eingeleitet durch die Rede
Karl Radeks in der Exekutive der Kommunistische Internationale am
28. Juni 1923 über Leo Schlageter, "den Wanderer ins Nichts", den
"mutigen Soldaten der Konterrevolution", der einen Monat vorher
wegen Sabotageakten im Ruhrgebiet von den Franzosen erschossen
worden war. Dann begann die Propaganda für die "nationale
Revolution". Die KPD erklärte plötzlich dem deutschen Proletariat,
nicht mehr die Weltrevolution, sondern die "nationale Befreiung" sei
die Vorbedingung für die wirtschaftliche Befreiung. Die
konservativen Ideologen der Reaktion bestätigten es der "Roten
Fahne". Es war die glorreiche Zeit, da der Graf Reventlov als
Mitarbeiter der "Roten Fahne" bereit war ein "Stück des Wegs" mit
der Revolution zu gehen. Trotz allem "Trennenden" fand die KPD den
Schnittpunkt von Bolschewismus und Faschismus, die nationale
Befreiung Deutschlands. "Wir Kommunisten" - so schreibt die "Rote
Fahne" - "sagen diesen Offizieren: alle jenen ehrlichen Elemente,
die Deutschland vom französischen Imperialismus befreien wollen,
müssen an der Seite der Proletarier kämpfen". Und einer von ihnen -
der ehemalige Offizier Hans von Hentig - bestätigte den
KPD-Mitgliedern: "Zur Nation zu stehen, die sich in der
Arbeiterschaft verkörpert, wird für den deutschen Offizier nichts
Neues, nur Pflichterfüllung sein."
Als der deutsche
Kapitalismus nicht geneigt schien, den passiven Ruhrkampf in einen
aktiven umzuändern, schrieb Radek: "Wenn die deutsche Bourgeoisie
kapituliert, wird die Arbeiterklasse die Interessen des ganzen
Volkes verteidigen, sie wird siegen, indem sie ihren Klassenkampf
mit dem nationalen Freiheitskampf verbindet." Und der Kommunist Paul
Fröhlich ergänzte: "Wer vom Klassenkampf ausgeht wie wir, dem
erwächst die Aufgabe der Errettung der Nation!"
In
unverfälscht nationalistischer Terminologie wandte die Zentrale der
KPD sich gegen "die Regierung der nationalen Schmach", und am 25.
Juli wandte sie sich an die "Volksgenossen" und erklärte: "Der Kampf
an der Ruhr muss geführt werden, und wir lehnen prinzipiell kein
Mittel dieses Kampfes ab." Die Kriegsparole hiess: "Für das Bündnis
mit Sowjetrussland zum Kampf gegen die Entente". Während in dieser
Weise die KPD die nationalistischen Instinkte der Arbeiterschaft
aufzupeitschen versuchte während sie mit den reaktionärsten Mächten
in Deutschland paktierte und öffentlich den Krieg propagierte,
arbeiteten nationalistische Kreise zusammen mit der Reichswehr daran
- wie die Enthüllungen des Hochmeisters des Jungdeutschen Ordens,
Mahraun, es später bewiesen - den Krieg zu organisieren. Aber so
weit kam es nicht, da die Politik der Schwerindustrie weitsichtig
genug war, um von solch einem abenteuerlichen Unternehmen keinen
Erfolg zu erwarten.
In den nächsten Jahren kam dann die
offizielle "Verständigungspolitik", Locarno, Thoiry und der
"Eisenpakt"! Für die nationalistische Parole vom "Kampf gegen die
Entente" war es eine schlechte Konjunktur. Auch für die KPD waren es
also schlechte Zeiten. Die nationale Politik hiess jetzt:
Völkerbund, Abrüstung, Verständigung. Es kamen herrliche Zeiten für
die SPD, ohne dass allerdings Breitscheid Aussenminister wurde! Man
war ja auch mit Stresemann zufrieden: er vertrat genau die
kapitalistische Aussenpolitik wie die SPD sie verstand. Die
Regierung Hermann Müller baute dann den ersten Panzerkreuzer. (Doch
der zweite folgte sogleich.) Trotz Völkerbund, Abrüstung und
Verständigung. Trotz des Plakats - es war leider nur ein Wahlplakat,
also nur Schwindel, - der hungernden Kinder: "Wählt SPD!". Mit dem
grössten Erfolg dieser Politik, der Befreiung des Rheinlands, war
ihr Höhepunkt bereits überschritten. Der Abmarsch der Franzosen war
das Signal zu einer ungeheuren nationalistischen und
militaristischen Orgie. Wie die Verständigung aussah, zeigte der
Aufmarsch der Stahlhelm-Armee in Coblenz. Er wurde jenseits der
Grenze verstanden! Dieser Aufstieg des Nationalismus ging wie in
einer kommunizierenden Röhre - zusammen mit dem Niedergang der
Wirtschaft. Die Rationalisierung seit dem Ende der Inflation auf
Kosten der Arbeiterschaft hatte nur eine Scheinprosperität gebracht.
Die Rationalisierung der technischen Methoden, die Zusammenlegung
und Aufhebung von Unternehmungen, die Bildung von Kartellen und
Konzernen, national und international, hat die Widersprüche der
kapitalistischen Wirtschaft nicht aus der Welt schaffen können. Von
Hunderttausenden wuchs die Arbeitslosigkeit zu Millionen. Das
Verhältnis von Produktion und Konsumtion war zu einem unlösbaren
Widersinn geworden. 1928 begann bereits die "Krise". Seit dem
"Krach" der New-Yorker Börse im Herbst 1929, dem Beginn der
"Weltwirtschaftskrise", wuchs sie zu einem in der Geschichte des
Kapitalismus ungekannten und drohenden Massstabe an. Die
kapitalistische Krise, diese ganze Entwicklung des Kapitalismus zur
Ausschaltung der freien Konkurrenz und die Bildung eines
Monopolkapitalismus und der Preisdiktatur
wirkte sich jetzt
nicht nur in einer Verschlechterung der Lage der Arbeitnehmer aus,
der gesamtproletarischen Klasse, sondern wirkte sich geradezu
katastrophal auf die ganze Mittelschicht des Kleinbürgertums aus.
Die ökonomische und soziale Basis zu einem Aufstieg einer
faschistischen Bewegung in grossem Umfange war damit
gegeben.
Und eine neue Hochkonjunktur des Nationalismus
begann. Zwischen sozialistischen Phrasen und kapitalistischen
Geldgebern bahnte der National-Sozialismus sich mit einer
Anhängerschaft von Millionen den Weg zur Staatsmacht. Je unklarer
sein Programm, um so deutlicher seine Demagogie. Die Parolen : gegen
die Novemberverbrechen, Brechung der Zinsknechtschaft, gegen
Marxismus und gegen Juden und sonstige demagogische Phrasen - sie
hatten Anziehungskraft, weil sie für Millionen auf einem zweifach
realen Boden blühten: dem der wirtschaftlichen Entwurzelung und des
Bankrotts der Demokratie. Und deshalb konnte das Ziel des
National-Sozialismus: die nationale Diktatur zur Befreiung
Deutschlands, das Ziel und die Hoffnung eines grossen Teiles des
Volkes werden, da es die Rettung verhiess aus diesem zweifachen
Sumpf: der parlamentarischen Parteiwirtschaft und der
wirtschaftlichen Verelendung.
Die "Befreiung Deutschlands",
der "Kampf gegen Versailles" stand mal wieder auf der Tagesordnung.
Die neue Parole hiess jetzt: gegen die
"Young-Versklavung"
Also war auch wieder die Zeit für den
National-Bolschewismus gekommen. Die Phrasen des kommunistischen
Wahlmanifestes zur Reichstagswahl im September waren dem Programm
des National-Sozialismus entnommen - oder hätten es sein können. Die
KPD machte wieder in Nationalismus. Statt "internationaler
Klassenkampf" hiess es: Kampf gegen die Youngversklavung. Die
kommunistischen Arbeiter mussten wieder einmal die Befreiung der
Arbeiterklasse von der nationalen Befreiung erwarten. Weshalb
sollten die Faschisten sich nicht der KPD anschliessen? Sie
erstrebte ja die beiden selben Ziele : Diktatur und Kampf gegen den
Young Kapitalismus. Leutnant Scheringer war dieser Ansicht: er ging
von den Faschisten zu den Kommunisten. Er wurde als Repräsentant
einer Avant-garde - und ausserdem als militärischer Sachverständiger
und "begabter Gasoffizier" - begrüsst. Ist die deutsche
Arbeiterklasse denn nicht durch die Young-Ketten versklavt? Wird
nicht insbesondere die deutsche Arbeiterklasse von dem
internationalen Kapital ausgebeutet? Gewiss. Aber dies ist doch nur
dadurch möglich, dass die Arbeiterklasse in erster Linie dem
eigenen, dem deutschen Kapitalismus "versklavt" ist. Er wälzt die
Lasten auf die Arbeiterklasse ab. Ohne den deutschen Kapitalismus
und seine Ausbeutung gäbe es auch keine internationale
Ausbeutung.
Die Befreiung vom deutschen Kapitalismus bedeutet
auch die Befreiung vom Young Kapitalismus.
Wenn die deutsche
Arbeiterschaft sich von dem eigenen Kapitalismus befreit haben wird,
wird kein anderer Kapitalismus imstande sein, sie aufs neue zu
versklaven. Der Kapitalismus ist international, aber
das
Proletariat ist national an die Versklavungsketten der Ausbeutung
geschmiedet. Und hier - und auch nur auf dem ökonomischen Gebiet des
Kapitalismus, auf dem Gebiet der Arbeit - können die Ketten
gebrochen werden. Die Befreiung der Arbeiterklasse erfordert nicht
den nationalen Kampf gegen den ausländischen Feind - sondern den
internationalen Kampf gegen den inneren Feind.
Eine solche
Befreiung vom eigenen, nationalen Kapitalismus wird ausserdem eine
wahre internationale, eine Welt-Befreiung sein.
Artur Müller
Lehning
Die Masken sind
gefallen!
I.
Als am 2. Februar unter
Glockengeläut der Genfer Kirchen die erste Weltabrüstungskonferenz
feierlich eröffnet wurde, ging der Fasching des Pazifismus zu Ende.
Er hat vierzehn Jahre gedauert. "Wir sind an einem geschichtlichen
Augenblick angelangt", sagte denn auch der Vorsitzende Henderson mit
Recht, als er die Konferenz, "die ihresgleichen nicht hat",
eröffnete. "Das gibts nur einmal", dürfte man von diesem Kongress
sagen, auf dem 64 Staaten vertreten sind, die etwa 1700 Millionen
Menschen, also mehr oder weniger die ganze Welt, umfassen. Und
dieser Konferenz, die den Völkern den Frieden sichern und den Krieg
verhindern soll, gehören u. a. - ausser Diplomaten und Ministern -
an: 28 Generäle, 15 Admirale und viele hundert Generalstabs- und
Admiralstabsoffiziere . . .
Wie sollte man in dieser
Gesellschaft nicht die feierliche Abrüstungsstimmung bekommen?
Weshalb sollte man dieser Gesellschaft nicht die auf Lastkraftwagen
angefahrenen Pakete mit den Millionen Unterschriften der
Pazifisten-Petitionen zur Abrüstung - feierlich überreichen? Und
weshalb sollten die Glocken nicht läuten in einem solchen
geschichtlichen Augenblick? Es gehört zu den Paradoxen der
Weltgeschichte, dass der heuchlerischste Imperialismus im
entscheidenden Augenblick die imperialistische Heuchelei entlarvte
und der pazifistischen Komödie ein Ende bereitete.
Japan
hatte keine Zeit und keine Lust, sich an den geschichtlichen
Augenblicken des Herrn Henderson zu beteiligen: es macht seine
eigene Geschichte. Es war ja auch nicht so schlimm, dass man, wo man
schon vierzehn Jahre gewartet hatte, um die Versprechungen
einzulösen, die man den Völkern gegeben hatte, diese historische
Stunde den grossen Abrüstung noch um eine Stunde verzögern wollte,
da inzwischen ein kleiner Krieg ausgebrochen war.
Dieser
bedauerliche und unopportune Zwischenfall hat die Stimmung der
feierlichen Abrüstungsstunde mit dem Glockengeläut etwas gedrückt.
Denn die Akteure und Zuschauer im Palast der Nationen dürften die
dumpfe Empfindung gehabt haben: mit dem Fasching geht es zu Ende.
Die Friedensglocken wurden schliesslich nur von den Genfer
Kleinbürgern gehört, aber den Kanonendonner von Schanghai hörten die
Arbeiter der ganzen Welt.
II.
Der Weltkrieg sollte der
letzte Krieg sein, so war es den Völkern von ihren Staatslenkern
erklärt worden. Der "Völkerbund", dessen Ziel es war, den ewigen
Frieden - und besonders den von Versailles - zu sichern, sollte die
allgemeine Abrüstung organisieren. In direktem Zusammenhang mit den
Friedensverträgen - also auf den Spitzen der Bajonette gegründet -
sollte der Völkerbund den Krieg unmöglich machen. Aber trotz dieses
Völkerbundpakts waren sämtliche Staaten nach wie vor der Meinung,
dass die beste Bürgschaft für die Sicherheit doch noch immer Tanks,
Giftgas und Luftflotten seien. Inzwischen wurde weiter gerüstet, bis
zum Staatsbankrott.
Siebzig bis fünfundsiebzig Prozent des
gesamten Staatsbudgets den grossen Staaten werden heute für
Kriegszwecke verwendet: zur Liquidierung des vorigen und zur
Vorbereitung des nächsten Krieges . . . Das Weltkriegsbudget beträgt
heute 1.800 Millionen Mark.
Es stehen bereit : 20.000
Flugzeuge, 6.000 Tankes, 43.000 Kanonen und Flammenwerfer, 250.000
Maschinengewehre, 115 grosse Schlachtschiffe, 2.000 Kreuzer und
andere Kriegsschiffe.
Und wichtiger als dieses ganze
Kriegsmaterial, das jede Stunde in Aktion treten kann, ist das
Arsenal bereitstehender Kräfte. Wichtiger als die Flugzeuge und
Kanonen, die fertig sind, sind die Fabriken, die imstande sind, sie
schnellstens in genügender Anzahl herstellen zu können.
Zur
heutigen Kriegsindustrie gehören nicht nur die spezifischen
Rüstungsfabriken im engeren Sinne. Zur Vorbereitung des Krieges
gehört vor allem die wirtschaftliche. In allen Staaten wird heute
die industrielle Mobilmachung vorbereitet. Sie bedeutet die
Einbeziehung des ganzen wirtschaftlichen Lebens, der Technik und der
Wissenschaft in die Kriegführung. Zur Grundlage der Rüstungen
gehören deshalb - ausser Petroleum - vor allem die Metallindustrie,
die chemische Industrie und die elektrische Industrie. Das Land, das
über diese Industrien verfügt - wie Deutschland -, ist für die
Rüstung bereit. Wichtiger, als grosse Massenvorräte zu haben, die
bei der schnellen Entwicklung der Technik veralten können, ist es,
die Fabrikorganisation bereit zu haben, die sie sofort in Massen
produzieren kann. Diese Innenmobilisation der Fabriken ist denn auch
in vollem Gange, Es ist gar nicht daran zu zweifeln, dass das
unerhörte und sogar teilweise verschleierte Budget der deutschen
Reichswehr zu einem bedeutenden Teil zu Subventionen für die
Industrie verwendet wird, um die Umstellung auf Kriegsproduktion
vorzubereiten.
Ein Vertreter des amerikanischen
Kriegsministeriums erklärte, dass man ein Verzeichnis von 3876
Erzeugnissen der "Friedensindustrie" aufgestellt habe, die als
strategisch wichtig für Kriegsproduktion in Betracht kommen. Mit 202
Fabriken habe man Verbindungen angeknüpft wegen eventueller
Verwendung für Heeresbedürfnisse. Schon hat man industrielle
Probemobilisationen organisiert. Die Mechanisierung und
Motorisierung des Krieges bedeutet seine vollständige
Industrialisierung.
Der Krieg selbst ist nichts anderes mehr
als eine Industrie zur Menschenvertilgung.
Auf ökonomischem
Gebiete muss auch der Schwerpunkt der Kriegsbekämpfung liegen. Die
Kontrolle sämtlicher Industrien auf ihre Organisierung und
Verwendung für den Krieg durch die Arbeiter ist notwendig. Die
Stilllegung jeder direkten Rüstungsarbeit und die Verhinderung jedes
Kriegstransportes muss zu einer der Losungen der Arbeiterschaft
erhoben werden.
Diese Vorbereitungen zur direkten Aktion
gegen den Krieg und seine Vorbereitung bilden die wichtigste Etappe
zur Übernahme des gesamten industriellen Apparates, der mehr und
mehr zu einer einzigen Kriegsindustrie wird.
III.
Der
Kapitalismus kann den Krieg nicht verhindern, so wenig wie er die
Krise vermeiden kann. Krise und Krieg gehören zusammen. Die Krise
wird immer heftiger, der Weltkrieg immer drohender. Die heutige
Weltkrise demonstriert den ganzen Wahnsinn des heutigen
Systems.
Die heutige Krise ist heftiger und schwieriger zu
überwinden als jemals eine andere. Die grossen Gebiete, die bis zum
Weltkriege, ausser Europa-Amerika, "kolonisiert" werden konnten, um
die Akkumulationswut des imperialistischen Kapitalismus zu
befriedigen, sind von den kapitalistischen Staaten verteilt. Der
weisse Imperialismus hat die Grenzen seiner Ausdehnung
erreicht.
Der verfügbare Raum für einen erfolgreichen Prozess
der kapitalistischen Profitmacherei ist verteilt. Wo früher Waren
hingebracht worden sind, werden heute nachdem man Waren hingebracht
hat, die Waren produzieren können (maschinelle Produktionsmittel),
selbst Ware produziert. Und zwar billiger, dank der masslosen
Ausbeutung der farbigen Arbeiter. Der ausländische Kapitalismus wird
nicht nur verdrängt, er wird sogar durch diese billigere
Warenproduktion auf dem Weltmarkt bedroht.
Diese Entwicklung
verschärft die imperialistischen Gegensätze und verschärft die
Krise. Der Kampf für die sogenannte "nationale Unabhängigkeit" -
vorläufig hauptsächlich im Interesse der aufkommenden nationalen
Bourgeoisie - hat begonnen. Die Beteiligung neuer - farbiger
Kapitalismen an dem kapitalistischen Weltprozess hat die
Konkurrenzkämpfe verschärft. Der Kampf um die übriggebliebenen, noch
zu erobernden Märkte ist heftiger als je. Nachdem mit dem Weltkriege
der Kampf um Kolonien und ,,Interessengebiete" abgeschlossen war,
kommt heute nur noch ein grosses Gebiet in Betracht: China, ein
Gebiet von fast 2 Millionen Quadratmeilen mit einer Bevölkerungszahl
von über 400 Millionen.
Es bildet einen der Brennpunkte des
imperialistischen Kampfes. Was wir heute dort erleben, ist das
imperialistische Vorspiel des kommenden grossen
Krieges.
IV.
Die heutige Weltkrise und der Krieg in
China ist ein Alarm für die Arbeiterklasse in allen
Ländern.
Als Japan am 18. September in die Mandschurei
einrückte, setzte es die koloniale Raubpolitik der kapitalistischen
Staaten des 19. Jahrhunderts in Asien fort. Seit einem halben
Jahrhundert hatte der schnell aufgekommene japanische Kapitalismus
kein anderes Ziel als einen Teil des chinesischen Gebietes in eine
japanische Kolonie zu verwandeln. Im nordöstlichen Teil von China
hatte er besonders grosse wirtschaftliche Interessen. Auf über 4000
Millionen Mark schätzt man das japanische Kapital, das dort in
Landwirtschaft, Bergbau, Industrie, Banken und vor allem in
Eisenbahnen angelegt ist. Japan erachtete den Augenblick für
günstig, um sein Ziel durchzuführen, dieses Gebiet auch politisch zu
verwalten.
Sowohl Japan wie China waren zwar Mitglieder des
Völkerbundes und Unterzeichner des Kellogg-Paktes - aber Japan
kümmerte sich nicht um die "feierlichen" Verträge noch um die
Proteste und eingesetzten Kommissionen, sondern setzte seinen
Aufmarsch ruhig fort, bis es die ganze Mandschurei besetzt
hatte.
Nachdem dieses Ziel erreicht war, ging Japan weiter.
Es sandte seine Flotte und Armee nach Schanghai. Fünfzig
Kriegsschiffe und 50 000 Soldaten standen vor diesem asiatischen
Zentrum des internationalen Imperialismus. Denn militärisch hatte
Japan zwar gesiegt, aber die wichtigste Waffe der
Chinesen:
der wirtschaftliche Boykott der japanischen Waren
blieb ungebrochen. Er verursachte dem japanischen Kapitalismus
unberechenbaren Schaden.
Mit Indien gehörte China zu dem
wichtigsten Ausfuhrmarkt Japans. Ein Drittel seiner Waren ging nach
China. Eine grosse Anzahl der Industriewerke in China sind in
japanischen Händen. Der grösste Teil der Auslandsanlagen des
japanischen Kapitalismus ist in China investiert.
Die
militärische Operation der Japaner stiess zwar nicht auf Widerstand
beim Völkerbund und den Unterzeichnern des Neunmächtevortrags von
1922, die die politische Unabhängigkeit von China garantiert hatten,
aber auf einen unerwarteten Widerstand der Chinesen. Es war nicht
mehr möglich, den ohne Kriegserklärung ausgebrochenen Krieg nicht
einen Krieg zu nennen.
Der Völkerbund - d. h. die
interessierten Grossmächte - liessen Japan freies Spiel. Der
Völkerbund dachte nicht daran, etwas Ernstes gegen den
ausgebrochenen Krieg zu unternehmen. Die Tatsachen sprachen eine
deutlichere Sprache als die schönen juristischen Artikel des
Völkerbund-Paktes. Der Völkerbund hat sein wahres Gesicht gezeigt.
Die heutigen Ereignisse beweisen, dass die kapitalistischen Staaten
für ihre imperialistischen Gegensätze gar keinen anderen Ausweg
sehen als den Krieg. Sie bereiten sich auf ihn vor. Die famose
Abrüstungskonferenz hat kein anderes Ziel, als für jeden die eigenen
Rüstungen auf Kosten der Gegner zu sichern. Um so mehr, da das beste
kapitalistische Geschäft in dieser Krisenzeit noch immer das
Kriegsgeschäft ist. Während in Genf geredet wird und in Schanghai
Soldaten und Zivilbevölkerung niedergemacht werden, arbeiten die
Munitionsfabriken der Welt unter Hochdruck. Die Rüstungsaktion
steigen.
Die Industrie, die in Krieg handelt, die vom Kriege,
die durch den Krieg lebt, die mit dem Blut von Millionen ihre
Geschäfte macht, wittert Morgenluft.
Der Kapitalismus sieht
bereits seinen Ausweg ans der Krise: den Krieg.
Was dieser
Krieg bedeutet, weiss heute jedes Kind. Er bedeutet den Rückfall in
die Barbarei. Für die Organisierung des Kampfes gegen den Krieg ist
kein Augenblick mehr zu verlieren. Diesen Kampf dort zu führen, wo
der Krieg vorbereitet wird: auf ökonomischein Gebiet, in allen
Betrieben und Werkstätten, das ist die Aufgabe der klassenbewussten
Arbeiterschaft, die den Krieg nicht will. Das wird auch die beste
Antwort sein an die Abrüstungsdemagogie des parlamentarischen
Sozialismus und des imperialistischen Völkerbundes. Nur dort, und
mit den Waffen der direkten ökonomischen Aktion ist der Faschismus
zu schlagen. Nur dort kann der Krieg bekämpft werden, weil der Krieg
nur verhindert werden kann durch die Vernichtung des heutigen
Systems, das ihn vorbereitet und ihn nicht umgehen kann. Die
Arbeiterklasse hat keine andere Wahl: Weltfaschismus und Weltkrieg
oder soziale Umwälzung. Die Arbeiterklasse hat zu wählen:
Vernichtung des Kapitalismus und jeder Unterdrückung oder noch
einmal Millionen Tote. Ein Drittes gibt es nicht. Und viel Zeit ist
nicht mehr. Die Lawine ist bereits im Rollen.
Das ist die
warnende Lehre von Genf und von Schanghai.
Artur Müller
Lehning.
Der holländische
Antimilitarismus
Nur der herbste, zäheste
Barbarismus der Vorzeit, der Krieg, bleibt noch dem uns angeborenen
Antibarbarus zuletzt zu überwinden übrig. (Jean Paul.)
Im
Gegensatz zu anderen Ländern hat die anti-militaristische Bewegung
in Holland einen ausgesprochen revolutionären Charakter. Am
Nie-wieder-Krieg-Tag war denn auch keine bürgerliche Organisation
beteiligt. Das ist erklärlich, wenn man in Betracht zieht, dass die
Revolutionäre schon im Weltkrieg angefangen hatten den 1. August für
ihre antimilitaristische Propaganda zu benutzen. Dadurch bekam
dieser Tag zugleich einen antikapitalistisch Charakter. Das geht
schon daraus deutlich hervor, dass die erste Auflage einer Broschüre
"Krieg oder Revolution" die Wiedergabe einer Rede, die der
holländische Anarchist B. de Ligt am 1. August 1920 im Haag,
gehalten hatte, von der Polizei beschlagnahmt und die Kolporteure
verhaftet wurden. Eine zweite Auflage erschien unter dem Titel "Der
kommende Krieg,". Nach einem Jahr erschien eine dritte Auflage, die
dreimal so gross war wie die ursprüngliche. Der besondere Charakter
der holländischen antimilitaristischen Bewegung hängt eng mit der
geschichtlichen Entwicklung zusammen. Es ist hier kurz auf folgende
Faktoren hinzuweisen:
a) Im neunzehnten Jahrhundert blieb
Holland ausserhalb der grossen Weltkonflikte. Es fühlte sich nicht
bedroht und hatte also auch kaum das Bedürfnis, sich zu verteidigen.
Dabei war Holland ein Land, dessen ökonomische Bedeutung ganz in
Handel und Schiffahrt lag; im besonderen im Durchfuhrhandel. Seine
Kolonien waren zu gross für das eigene Land und bildeten ein
gesuchtes Absatzgebiet für andere Länder. Es hatte also das grösste
Interesse an einem Weltfrieden.
b) Die geschichtliche
Entwicklung des holländischen Volkes wirkte dabei mit: es herrschte
dort eine kleinbürgerliche individualistische Tradition (es ist eine
der ältesten Demokratien) mit einer starken Antipathie gegen jede
Art Unterordnung.
c) Die relative Unabhängigkeit und
Selbständigkeit des holländischen Kleinbürgers äusserte sich in
einem religiösen Individualismus und einem gemeinschaftlichen Kampf
von kleinen Bauern und Bürgern gegen grosse Besitzer. Sekten mit
religiös-demokratischer und religiös-sozialistischer Tendenz wurden
hervorgerufen. Die religiös-sozialistische Bewegung in Holland ist
einzigartig und von einer Bedeutung in der sozialistischen Bewegung,
wie in keinem anderen Lande.
d) Die sozialistische Bewegung
zählte im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts einen grossen
Prozentsatz von Freien, Libertären und Anarchisten. Die
antimilitaristischen Aufrufe von Tolstoi fanden denn auch schon vor
1900 in Holland Wiederklang. Seitdem arbeitet eine Richtung im
Geiste Tolstois kräftig weiter.
e) Aus diesen verschiedenen
Motiven konzentrierte sich die antimilitaristische Tendenz des
modernen Sozialismus in der holländischen Bewegung. 1904 fand - mit
Domela Nieuwenhuis - der erste antimilitaristische Kongress in
Amsterdam statt 1907 der zweite. Bereits diese Kongresse trugen
einen absolut anti-kapitalistischen Charakter, so dass
Antimilitarismus an sich schon revolutionärer Antimilitarismus
bedeutet. (Anders wie in England bedeutet Pazifismus in Holland:
"bürgerlicher Antimilitarismus").
Die I.A.M.V.
(Internationale antimilitaristische Vereinigung), 1904 gegründet,
bleibt nur in Holland bestehen. Und kämpft konsequent weiter gegen
die Militärpflicht, gegen den freiwilligen Dienst bei der kolonialen
Armee und gegen die Flottenpolitik der Regierung.
1914
bereitet die I.A.M.V. einen Weltkongress vor, der infolge des
inzwischen ausgebrochenen Krieges nicht stattfinden kann. 1917 wird
von neuem versucht, die abgebrochenen internationalen Beziehungen
wieder anzuknüpfen. Bis zu seinem Tode arbeitet Domela Nieuwenhuis
noch mit an dem Zustandekommen des Kongresses, der dann schliesslich
Ostern 1921 im Haag stattfindet und wo ein Internationales Büro
"gegen Krieg und Reaktion" gegründet wird. 1) Das Büro ist
zusammengesetzt aus revolutionär-antimilitaristischen Organisationen
und hat den Zweck, den Militarismus international zu bekämpfen, um
die Unterdrückung der Arbeiterklasse und den Krieg unmöglich zu
machen." 2)
Die religiös-sozialistische Bewegung
konzentrierte sich 1914 noch in dem 1907 gegründeten Bund der
Christen-Sozialisten, der ursprünglich von orthodox-christlichen
Grundsätzen ausging, dann aber seit 1. Mai 1910, als der Pfarrer A.
R. de Jong, Pfarrer de Ligt, Pfarrer Kruyt und Frau Truus
Kruyt-Hoogerzeil sich dem Bund angeschlossen hatten, einen freieren
religiösen Standpunkt einnahm und anfing, die Bedeutung von Marx,
vom wissenschaftlichen Sozialismus, mehr und mehr anzuerkennen.
Indem sie zurückgriffen auf die israelitischen Propheten, auf die
evangelische Tradition, die sozialistische Tendenz der Kirchenväter,
die revolutionären Sekten im Mittelalter und über die deutsche
Geschichtsphilosophie dieses alles verbanden mit der Soziologie von
Marx, wurde ihnen der Sozialismus eine Kulturfrage. Und indem sie
sich abwandten von der fast nur noch materialistisch orientierten
Sozialdemokratie, fanden sie im Christen-Sozialismus ihre eigene
Aufgabe. Hier zeigte sich "die Einheit von Utopie und Wissenschaft,
und beide kamen prinzipiell zu ihrem Recht." -
De Ligt, A. R.
de Jong und Truus Kruyt-Hoogerzeil bildeten dann die Redaktion des
Organs "Opwaarts", an dem später auch Dr. jur. Clara Wichmann
mitarbeitete. Sie war, noch sehr jung, in der holländischen
Frauenbewegung hervorgetreten. Ihre Dissertation über das Strafrecht
und weitere juristische Arbeiten hatten ihr wissenschaftliche
Anerkennung geschaffen. Sie war die Sekretärin und die Seele des
"Komitees zur Bekämpfung der herrschenden Auffassung, über
Verbrechen und Strafe". 3) Unter dem Einfluss des Weltkrieges wendet
sie sich völlig dem Sozialismus zu. Im Sozialismus findet sie den
letzten Sinn ihres Lebens und wird dank ihrer juristischen,
soziologischen und philosophischen Studien (besonders der deutschen
Philosophie und Hegels) eine der hervorragendsten Theoretiker des
Wissenschaftlichen Sozialismus. - Sie vertritt die anarchistischen
Ideen und kämpft konsequent für den revolutionären Antimilitarismus.
-
In ihrer Propaganda legte sie immer wieder das Hauptgewicht
auf das positive, bindende, konstruktive Element der Revolution. Der
sozialistische Kampf war ihr vor allem: Befreiung der menschlichen
Persönlichkeit. In einer scharfen Analyse legte sie mehrere Male den
Nachdruck auf die Bedeutung der Kampfmittel: auf die unlösliche
Verbindung von Mittel und Zweck. -
So war auch ihr Leben
eines der edelsten Beispiele, von der Verwirklichung der Ideen in
der Tat. Nachdem sie ein Jahr mit dem Anarchisten J. B. Meyer
verheiratet gewesen war, starb sie plötzlich dieses Jahr, erst 36
Jahre alt. Die internationale sozialistische Bewegung wird kaum
jemals erfahren, was sie in ihr verloren hat. Nur die holländischen
Kameraden, denen sie durch ihre ganze Persönlichkeit, ihre tiefe
Menschlichkeit - so sehr nahe war, wissen, wie unermesslich schwer
der Schlag ist, der die anarchistische und weit darüber hinaus die
sozialistische Bewegung getroffen hat.
Bei Kriegsausbruch
schreiben Kruyt und de Ligt, die später beide aus der Kirche
austraten, im "Opwaarts" einen Artikel, der später als Manifest
verbreitet und von der Polizei beschlagnahmt wird: Die Schuld der
Kirche, in dem sie diejenigen, die die Führung in der Kirche hatten,
verantwortlich machten, weil sie das "Jeder für sich" und den
Mammondienst sanktionierten und weil die Kirche als ganzes sich an
die Seite der Imperialisten gestellt hat. Pfarrer de Jong wird wegen
einer Rede, in der er u. a. sagte, dass der moderne Mensch sittlich
nicht mehr imstande ist, Krieg zu führen, aus dem Gebiet der dritten
Armeedivision verbannt. Ebenso wird de Ligt wegen einer Predigt von
der militärischen Behörde aus fünf Provinzen - bis zum 1. Mai 1920 -
verbannt. - Nachdem der Bund der Christen-Sozialisten sich bereits
früher für Gewissensfreiheit auch hinsichtlich des Kriegsdienstes
prinzipiell eingesetzt hatte, wenden 44 Theologen sich in einem
Manifest an die Regierung, in dem sie diese Gewissensfreiheit für
alle diejenigen fordern, die unüberbrückbare Gewissensbedenken
hätten gegen die Anwendung der Waffengewalt. Inzwischen geht der
Bund der Christen-Sozialisten weiter und führt einen grundsätzlichen
Kampf gegen den Militarismus.
"Man richte sich also nicht" -
schreibt de Ligt - "mit dem sozialdemokratischen 'Volk' und dem
bürgerlichen 'Telegraph'" - (die, die militaristische Gefahr nur in
Preussen sahen -) "hauptsächlich gegen Deutschland. Man rüste sich
zum Kampf gegen die international akzeptierten militaristischen und
imperialistischen Grundsätze, allererst im eigenen Land, im eigenen
Kreis im eigenen Herzen."
Inzwischen hatten die
Christen-Sozialisten engeren Kontakt bekommen mit den Neo-Marxisten
(den späteren Kommunisten), die entgegen der mechanistischen
Auffassung der Sozialdemokratie den Standpunkt vertraten, dass mit
Einsicht noch nicht alles gewonnen sei und eine neue Gesinnung und
Opferwilligkeit Not tue und geweckt werden solle, während die
Christen-Sozialisten mehr und mehr sich auf die gesellschaftliche
Entwicklung einstellten. "Die Sozialdemokratie hat weder die
Arbeiterköpfe aufgeklärt, noch die Arbeiterherzen
geheiligt".
Und so wenden sich die Christen-Sozialisten eben
so sehr gegen die offizielle Sozialdemokratie, wie gegen die
offizielle Kirche.
Im Sommer 1915 erscheint das
"Dienstverweigerungsmanifest", in dem es u.a. heisst: " . . . . wir
sehen in der Dienstverweigerung eines der Mittel, wodurch der
Militarismus vernichtet werden wird, und wobei die persönliche
Dienstverweigerung einen grossen sittlichen Wert hat, auch um die
Massendienstverweigerung zu erreichen, den Militarismus
international zu bekämpfen und die Unterdrückung der Arbeiterklasse
und den Krieg unmöglich zu machen." Dieses Manifest, an dem
Christen-Sozialisten, Christen-Anarchisten und Kommunisten zusammen
mitarbeiten, wird in Zehntausenden von Exemplaren verbreitet und
ruft Grosse Bewegungen im Lande hervor. Die Verfasser werden
verfolgt. -
So sehen wir also während des Krieges die
antimilitaristische Aktion einerseits in der I.A.M.V., die sich
hauptsächlich an die Gewerkschaftsbewegung wandte und die
Massenaktion propagierte, andererseits in der
Dienstverweigerungsbewegung, die sich auf Gewissensgründe stützte.
Mehr und mehr vereinigten sich dann diese beiden Richtungen und
häufiger und schärfer werden die Konflikte mit der Regierung.
Hunderte von Dienstverweigerern wurden und werden mit Gefängnis
bestraft. Und in Verbindung mit der Lage Hollands werden die
Konflikte stets schwieriger. De Ligt hat, als er Oktober 1921 in der
Friedensgesellschaft in Berlin hierüber sprach, darauf hingewiesen,
wie sich der Schwerpunkt des Weltkonflikts von dem Atlantischen nach
dem Stillen Ozean verschoben hat und demzufolge Holland in den Kreis
der kommenden Konflikte einbezogen ist. Durch die Verpachtung von
Djambi - den reichsten indischen Petroleumfeldern - an die
Royal-Dutch-Shell-Gruppe, d.h. also an den englischen Imperialismus,
hat Holland bereits seine wirtschaftlichen Interessen mit den
Unausbleibbaren kommenden politischen Konflikten verquickt. - Schon
zeigt die holländische Regierung grosse Neigung, die Kolonien zu
verteidigen und zeigt offensichtlich mehr und mehr ihren
defensiv-imperialistischen Charakter.
"Wir bleiben
einbezogen", so schreibt de Ligt über Djambi, 4) "in eine
internationale Frage, die nur durch eine internationale Aktion
gelöst werden kann. Alle, die weder Militarismus noch Kapitalismus
wollen, haben sich gegen ihre eigene Regierung in einem ruhelosen,
revolutionären, d. h. einem welt- und lebenerneuernden Kampf zu
wenden. Die alte Losung: Indien los von Holland! sei von neuem
kundgetan, und zwar in dem Sinne, dass die Inder sich dem
holländischen Imperialismus entziehen sollen, und wir hier in
Verbindung mit den Revolutionären aller Länder die holländischen
Machthaber hindern sollen, im besonderen, wo es Ausbeutung und
Militarismus betrifft. Weiter: tun, was wir können, um national und
international die öffentliche Meinung zu wecken und revolutionäre
Taten hervorzurufen, Predigen von Dienstverweigerung; ruheloses
Eifern für absoluten Streik aller Kriegsmittelproduktion - in Wort
und Tat. Der Geist der Auflehnung im Volke muss gestärkt werden; die
Macht der Herrscher und Kriegsausbrüter zerbrochen werden. Und
sollte dem kommenden Weltkrieg, durch prinzipielle gesellschaftliche
Umwälzung nicht mehr vorzubeugen sein, so lasst uns, Kameraden,
international wenigstens dafür Sorge tragen, dass wir im Stande sein
werden, den Weltkrieg in Weltrevolution zu wenden. Krieg oder
Revolution: Welterneuerung oder Weltzerstörung, wenn es sein muss,
durch Zerstörung hindurch, das ist der Sinn der Zukunft aufs Neue
zusammengefasst''
Dass Holland bei der - trotz allem -
inzwischen enorm fortschreitenden internationalen Bewaffnung nicht
zurückbleibt, geht wohl genügend aus seinem, geradezu wahnsinnigen
Flottenplan von 300 Millionen Gulden, und sofortige Ausgabe von 100
Millionen Gulden für Kanonen, hervor. (Siehe "Syndikalist" No.41,
Aufruf des I.A.M.B.)
Vor einiger Zeit besuchte der englische
Antimilitarist Fenner-Brockway, der während des Krieges zwei und ein
halb Jahr, wegen Dienstverweigerung gefangen war, mit seiner Frau,
die während des Krieges die, Initiative zum "No conscription
Fellowship" (Gegner des Pflicht-Kriegsdienstes) ergriffen hatten,
Holland. Sie konferierten mit verschiedenen Vertretern der
antimilitaristischen Bewegung, im besonderen mit dem Internationalen
Antimilitaristischen Büro, und gewannen den Eindruck, dass der
Antimilitarismus in Holland stärker und weniger
kompromissschliessend sei, als irgendwo anders. 5) Aus allem diesem
ist es erklärlich, dass an dem Nie-wieder-Krieg-Tag in Holland sich
keine einzige bürgerliche Organisation beteiligte.
Die grosse
Demonstration am 31. Juli hatte sich in Amsterdam konzentriert. Es
nahmen fast 10.000 Menschen daran teil, eine sehr grosse Zahl, wenn
man bedenkt, dass die Demonstration in London nicht mehr Menschen
zählte. Man demonstrierte mit der Parole: "Verweigert jeden
Kriegsdienst", "Verweigert Produktion von Kriegsmaterial", "Macht
nicht mehr mit" - Von den beteiligten Organisationen sind zu nennen.
die I.A.M.V.; die syndikalistische Gewerkschaftsorganisation; der
Bund der religiös-ananarchistischen Kommunisten; die
Jugendorganisation der Mehrheitssozialisten, die sich geweigert
hatte, an der Bewegung teilzunehmen; die Kommunistische
Partei.
Obgleich die Kommunisten in London sich dem Umzug
angeschlossen hatten, unter der Devise: "Wir unterstützen diese
Demonstration nicht, es ist Humbug!", beteiligte die Kommunistische
Partei Hollands sich an der Demonstration, was scharfe Proteste
innerhalb der beteiligten Organisationen hervorrief. Es ist jedoch
eine loyale Zusammenarbeit mit den Kommunisten möglich. Es gibt eine
Basis, auf der man mit den Kommunisten sehr gut unter einer Losung
gegen den drohenden imperialistischen Weltkrieg demonstrieren kann.
Das Inkorrekte und Illoyale in diesem Falle, lag darin, dass die
Kommunisten die Demonstration mitmachten unter der Parole.
"Verweigert jeden Krigsdienst".-
Von den verschiedensten
Aufschriften der Schilder, die in dem grossen Umzug mitgetragen
wurden, seien noch genannt: "Nie wieder Krieg, kein Brudermord";
"Jesus war gewaltlos"; "Mütter, lasst Eure Söhne den Dienst
verweigern"; "Polizeigewalt ist auch Gewalt"; "Die Liebe Christus
zwingt uns"; "Krieg macht die Armen ärmer"; "Die Revolution bringt
Erlösung". -
Ansprachen wurden gehalten von Lansink
(Syndikalist), Pfarrer Schermerhorn (I.A.M.V.), Kees Boeke
(Absolutist), Brommert (K.P.).
Ausser in Amsterdam wurde eine
Demonstration im Norden von Holland, in Groningen, gehalten, wo der
Anarchist J. B. Meyer sprach. - Einige Tage später fand auch in
Utrecht eine Nie-wieder-Krieg-Versammlung statt, mit dem Engländer
A. Fenner-Brockway. -
Der Nie-wieder-Krieg-Tag in Holland
zeigte, aufs neue, dass der Antimilitarismus in breiten Schichten
des holländischen Volkes verwurzelt ist. - Und dass der Kampf gegen
Krieg und Militarismus einen revolutionären Kampf bedeutet für eine
prinzipielle Umgestaltung der Gesellschaft.
In der
persönlichen Dienstverweigerung und Einstellung der Kriegsproduktion
finden wir die Verwirklichung von Ruskin's Wort, dass man gute
Arbeit tun soll, es sei denn, dass man lebe oder sterbe.
Konsequenter Antimilitarismus (auch gegen den passiven psychischen
Militarismus, der besonders hier in Deutschland noch stark vertreten
ist) findet seine "Resoltitions-Aufgabe" nicht in einer politischen
Konjunktur. Es ist die Revolution in Permanenz.
Arthur
Müller.
1) Siehe auch die Artikel über die Vorgeschichte
und das Werk des I.A.M.B. in "Le Libertaire" No. 140 (4te année). u.
folgende.
2) "Bericht über den I.A.M. Kongress im
Haag 1921." Deutsche Ausgabe. Verlag Fritz Kater, Berlin.
3)
Siehe: Dr. jur. Clara Meyer,Wichmann: "Die Grausamkeit der
herrschenden Auffassung über Verbrechen und Strafe."
(Verlag
"Der Freie Arbeiter". Berlin O., Bödikerstr. 30, und: "Verbrechen,
Strafe und Gesellschaft". Verlag "Der Syndikalist". Fritz
Kater.)
4) B. de Ligt: "Djambi im Lichte der
Weltpolitik"
5) Siehe "Labor header" 24 august
1922.
Sozialdemokratie und
Krieg
I
Die bürgerliche und
sozialistische Welt feiert ihr Jubiläum des Ausbruchs des "Ersten"
Weltkriegs, Nach zehn Jahren ist die Frage berechtigt: Wo stehen
wir? Auch vor 1914 organisierte man Friedens-Kongresse sowohl im
Haag als in Basel. Auch vor 1914 erklärten viele - vom Zar bis
Kautsky - den Frieden zu wollen. Trotzdem brach der Krieg aus.
Dieser Ausbruch - erklärte Kautsky - "bedeutet nicht einen Bankrott,
sondern eine Bestätigung unserer theoretischen Anschauungen. Wir
haben nichts zu bereuen, nichts zu revidieren. Wir fühlen uns in den
Anschauungen entschieden bekräftigt, die wir bis zum Kriege
vertraten." 1) Die Anschauungen, die bestätigt wurden, und für die
man heute auch noch eintritt, können wie folgt zusammengefasst
werden:
I. Die Ursachen des Krieges liegen im
kapitalistischen gesellschaftlichen System;
II. Der Krieg
widerspricht allen Interessen des Proletariats;
III. Der
zunehmende Einfluss auf die Regierung - der kapitalistischen Staaten
-ist das hauptsächlichste Mittel, die Kriegsgefahr zu
bekämpfen.
Verschiedenes wurde auch nicht bestätigt, so z.B.
dass das "organisierte sozialistische Proletariat aller Länder der
einzig zuverlässige Bürge für den Frieden der Welt" sein würde, 2)
Ferner bewies die letzte Zeit, dass auch sogenannte sozialistische
Regierungen - die ja auch nur kapitalistische, resp.
staatskapitalistische Interessen vertreten - nicht im mindesten die
Kriegsgefahr verringern. Da das kapitalistische System noch nicht
beseitigt ist, muss man nach diesen marxistischen Anschauungen - mit
Recht - mit weiteren Weltkriegen rechnen. Diese Anschauung wird
übrigens durch die Tatsachen der internationalen Politik täglich
bestätigt. Man weiss, wie seit Versailles sowohl die Konflikte, wie
die Bewaffnungen, die unabwendbar zu einem neuen Kriege führen,
unaufhaltsam zunehmen. Man weiss, mit welchen irrsinnigen,
chemischen und technischen, barbarischen Vernichtungsmitteln die
ganze Menschheit bedroht wird. Dies wird alles von bürgerlicher
Seite bestätigt. Ich führe es hier nicht weiter aus.
Es ist
nicht zu verwundern, dass man erklärt, was wir erlebt haben - und
was wir bald erleben werden, wird sich in technischer Hinsicht zu
dem Weltkrieg verhalten wie dieser zu 1870 -, darf sich niemals
wiederholen. Aber auch vor dem Kriege erklärte man, dass das, was
geschehen ist, niemals hätte geschehen dürfen.
Die
"internationale revolutionäre Sozialdemokratie", die
Sozialdemokratie aller Länder hat nichts gelernt, hat nichts zu
bereuen und nichts zu revidieren. Das ist richtig. Zeigte es sich,
dass die Friedensresolutionen vor dem Kriege Phrase waren, so sind
die heutigen Erklärungen, dass das, was geschehen ist, sich nicht
wiederholen darf, ohne weiteres Betrug. Bei jedem Protest gegen
Krieg und Militarismus, bei jeder Friedensresolution stelle man die
Frage: Was werdet ihr tun, wenn morgen der Krieg ausbricht? Der
Beantwortung dieser Frage ist man - bis 1914! - ausgewichen. Man
weicht ihr aufs neue aus!
Eigentlich hat Kautsky die Antwort
auch schon gegeben: Man hat nichts zu revidieren. Der internationale
Sozialismus war nicht bankrott; versagte nicht; es war - in der Tat
- eine Bestätigung. Eine Bestätigung der ganzen sozialdemokratischen
Taktik. Es war, wenn man will, eine Demaskierung. Es war eine
Bestätigung von allem, was seit Jahrzehnten von anarchistischer
Seite prophezeit wurde.
So wie der Krieg das Wesen des
Kapitalismus vollkommen offenbarte, alles, was im Frieden schon
latent vorhanden war, scharf beleuchtete und auf grausame Weise zur
Entfaltung brachte (und wie der Friede wieder eine Fortsetzung des
Krieges mit anderen Mitteln war), so kam auch der wahre Charakter
von dem, was Sozialismus hiess, durch den Krieg und nach dem Kriege
ans Licht. Auch der Sozialismus musste Farbe bekennen, es halfen
hier kein Programm und keine Resolutionen. Und er zeigte sein wahres
Gesicht. Der sogenannte "Verrat" folgte von selbst aus seinem ganzen
Charakter, aus seiner Ideologie, aus seiner Taktik. Es war eine
unumgängliche Konsequenz.
Wir werden im folgenden kurz der
Frage des Militarismus in der Arbeiterbewegung des letzten halben
Jahrhunderts nachgehen und feststellen, dass diese Frage
zusammenhängt mit und bestimmt wird durch die Kampfmethoden der
ökonomischen Emanzipation des Proletariats überhaupt. Es war die
ganze Ideologie und Taktik dieser sozialdemokratischen,
marxistischen Kampfmethoden, deren Bankrott beim Ausbruch des
Krieges bestätigt wurde und seitdem in steigendem Masse bestätigt
wird.
Die 1864 gegründete Erste Internationale war der erste
grosse Versuch, die Arbeiter aller Länder unter der Fahne des
Klassenkampfes zu vereinigen und die Arbeit von der Sklaverei zu
befreien. Ihre Losung war, dass "die Befreiung der Arbeiter das Werk
der Arbeiter selbst sein muss". Zu ihrer wichtigsten Waffe erklärte
sie die "ökonomische Solidarität". Unter der "Emanzipation der
Arbeiterklasse", die sie erstrebte, verstand sie die ökonomische
Gleichheit, ohne die jede politische Freiheit nur trügerischer
Schein ist, und sie erklärte, dass diese Befreiung kein nationales,
sondern ein internationales Problem sei. Sie rief deshalb die
Arbeiter auf zum internationalen Kampf und zur internationalen
Solidarität. Und in Uebereinstimmung mit Marx' Worten aus seinem
"Kommunistischen Manifest" von 1848, sollten die Arbeiter von diesem
Augenblick an kein anderes Vaterland mehr haben als die grosse
Föderation der Arbeiter der ganzen Welt. - Es ist ohne weiteres
klar, dass hieraus ein Antikriegsstandpunkt hervorgeht, der sich
sehr unterscheidet von der Haltung der heutigen vaterlandsliebenden
Sozialisten. In der Internationale wurde die Kriegsfrage ausführlich
besprochen, um so mehr, als durch das Luxemburger Problem diese
Frage wieder brennend wurde.
Verschiedene Sektionen der
Internationale protestierten gegen den drohenden Krieg. So rief z.B.
die Sektion Locle - 28. April 1867 auf, "zu protestieren gegen einen
Kampf, der nicht anders als katastrophal sein kann für die Arbeit
und für die Freiheit. Heute ist jeder Krieg zwischen europäischen
Völkern nicht mehr ein nationaler Krieg, sondern ein Bürgerkrieg".
Wir werden sehen, wie Marx seine von ihm selbst formulierten
Grundsätze bald verleugnete. So schreibt er höhnend an Engels am 7.
Juni 1866:
"Die Proudhonclique unter den Studenten in Paris
predigt den Frieden, erklärt den Krieg für veraltet, Nationalitäten
für Unsinn, attackiert Bismarck und Garibaldi" und am 20. Juni:
"Uebrigens rückten die Repräsentanten der "jeune France" damit
heraus, dass alle Nationalitäten und Nationen selbst veraltete
Vorurteile sind. Proudhonnisierter Stirnerianismus; alles Auflösen
in kleine Gruppen oder Kommunen, die wieder einen "Verein" bilden,
aber keinen Staat. 3)
1867 fand der zweite Kongress der
Internationale in Lausanne statt. Man fasste eine Resolution, in der
es hiess, dass nur eine neue soziale Ordnung, die in der
Gesellschaft nicht mehr zwei Klassen kennt, von denen die eine durch
die andere ausgebeutet wird, den Frieden sichern kann. Indem man den
Frieden als erste Bedingung stellt und die Aufhebung der Ausbeutung
als eine Folge davon ansieht, zäumt man das Pferd am Schwanz auf,
bemerkte de Paepe. Man fasste eine Resolution, die aufs neue
feststellte, "dass, um zur Aufhebung des Krieges zu kommen, es nicht
genügt, die Heere nach Hause zu schicken, sondern dass man ausserdem
die soziale Organisation ändern muss..." 4). Diese Resolution wurde
von einer Delegation, u. a. von Guillaume, dem Friedenskongress
vorgelegt, der kurz darauf in Genf tagte. Dieser Kongress war von
den damaligen republikanischen radikal-demokratischen Elementen in
Europa einberufen worden. Auch waren 26 Delegierte des Lausanner
Kongresses anwesend, die den Kongress in revolutionär
antimilitaristischer Richtung zu beeinflussen hofften. Dupont, der
Delegierte der Internationale von London, setzte den
Kriegsstandpunkt der Internationale auseinander und kehrte sich
scharf gegen allen bürgerlichen Pazifismus:
"Glaubt man denn,
dass, wenn die stehenden Heere aufgelöst und durch Volksheere
ersetzt sein werden, wir den dauernden Frieden haben werden? Nein!
Um den Frieden zu sichern, muss man alle Gesetze abschaffen, die die
Arbeit unterdrücken und aus allen Bürgern eine einzige Klasse von
Arbeitern machen. In einem Wort: Man muss die soziale Revolution
akzeptieren in all ihren Konsequenzen." 5)
Erfuhr diese
Auffassung einen starken Widerstand der bürgerlichen Elemente dieses
Kongresses, der Rede Bakunins, die das Uebel an der Wurzel angriff,
erging es nicht besser. Seine Rede, in der er den Staat als
Kriegsursache bekämpfte, war wohl das Konsequenteste und gehört zu
dem Besten, was in dieser Zeit gegen den Krieg geschrieben oder
gesprochen worden ist. Bakunin war von Neapel nach Genf gekommen, wo
er eine günstige Gelegenheit zur Propaganda für seine Ideen zu
finden hoffte. Seit einigen Jahren hatte er revolutionäre Elemente
um sich versammelt, bekannt unter dem Namen der "Fraternité
internationale". Dieser Bund beruhte hauptsächlich auf den
persönlichen Verbindungen seiner Mitglieder. Sein Programm war
atheistisch, sozialistisch und föderalistisch (gegen den Staat
gerichtet). In der "Liga für Friede und Freiheit" hoffte er mit
diesem Programm durchzudringen, aber beim folgenden Kongress 1868 in
Bern sah er ein, dass von den bürgerlichen Pazifisten nichts zu
erwarten war. Die Geschichte der Liga war in gewissem Sinne die
Geschichte des Kampfes zwischen der Mehrheit der liberalen und
radikalen Bourgeoisie und der Minderheit der revolutionären
Sozialisten. Bakunin und seine Freunde trennten sich von der Liga,
und Bakunin rief seine Freunde auf, Mitglied der Internationale zu
werden. Man gründete die "Internationale Alliance der sozialen
Demokratie" (womit Bakunin, der sich schon eher der Internationale
angeschlossen hatte, nicht einverstanden war), die sich der
Internationale anschloss und deren Statuten annahm.
Bakunins
Rede in Genf enthielt im Keim alle Ideen, die er seit 1868 in der
Internationale propagierte.
"Wer die Freiheit lieb hat -
führte er aus - und diese wünscht, muss begreifen, dass sie nur
durch eine freie Föderation von Provinzen und Völkern, d.h. durch
die Vernichtung des Reiches, verwirklicht werden kann. Sonst ist die
Freiheit der Provinzen und Gemeinden ein leeres Wort. Es gibt keine
Freiheit und keinen Frieden, solange der Staat nicht vernichtet ist.
Jeder zentralisierte Staat, sogar mit einer liberalen oder
republikanischen Staatsform, ist ein Unterdrücker, ein Ausbeuter der
arbeitenden Volksmassen zugunsten der privilegierten Klasse. Er
braucht ein Heer, um diese Massen zu beherrschen. Es kann deshalb
kein Friede sein, solange nicht jede Nation, gross oder klein, jede
Provinz, Gemeinde das absolute Recht hat, sich frei und autonom zu
regieren. Solange die heutigen Staaten existieren, ist der
allgemeine Friede unmöglich. Wir müssen also ihre Auflösung
wünschen, damit auf der Ruine dieser forzierten Einheiten, die von
oben her durch Despotismus und Eroberung organisiert sind, freie
Einheiten, von unten auf organisiert, sich als freie Föderationen
von Gemeinde zu Provinz, von Provinz zu Nation und von Nation zu den
Vereinigten Staaten von Europa entwickeln können."
6)
Borkheim, der Freund von Marx - und auf dessen
Veranlassung erklärte dagegen, um den Frieden in Europa zu sichern,
müsste man den Krieg an Russland erklären! Wir werden sehen, wie
dieses russische Phantom durch Marx und die deutsche
Sozialdemokratie in dem folgenden halben Jahrhundert - bis zur
ersten Augustwoche 1914 - stets wieder als Vorwand benutzt wurde, um
ihre militaristische und imperialistische Politik zu
verteidigen.
"Muss man nicht lachen - bemerkte Domela
Nieuwenhuis 1893 in Zürich bei der Verteidigung der holländischen
Resolution -, wenn man Russland den Hort der Grausamkeit und
Barbarei nennt. Als wenn Deutschland ein Hort der Bildung und
Sanftmut wäre! Frankreich könne ebenso gegen Deutschland diesen
Vorwurf erheben, denn Frankreich sei eine Republik. Wo soll aber das
Ende sein, wenn die Sozialisten gegen andere Nationen solche
Vorwürfe erheben?"
Auf dem dritten Kongress der Ersten
Internationale 1868 in Brüssel hatte man hinsichtlich der
Kriegsfrage seine Haltung genau bestimmt. Es fand eine ausführliche
Diskussion statt, an der sich besonders Cäsar de Paepe
beteiligte.
"Man erwartet von uns - so führte er aus -, die
den Krieg als ein selbstverständliches Uebel betrachten, dass wir
ausser unseren ewigen Protesten etwas tun werden, ihn zu beseitigen.
Dazu gibt es zwei Wege: Erstens ihn direkt anzugreifen: durch die
Militärdienstverweigerung, oder, was dasselbe ist, die allgemeine
Arbeitseinstellung, da die Armeen Proviant brauchen. Der zweite Weg
ist kein direkter, denn er führt durch die Lösung der sozialen Frage
zum Verschwinden des Krieges selbst: das ist der Weg, dem die
Internationale durch ihre Entwicklung vorbestimmt ist, zum Siege zu
verhelfen. Bei dem ersten muss man immer aufs neue anfangen. Nur der
zweite greift das Uebel an der Wurzel an. Man hat die Ursache des
Krieges einzelnen zuschreiben wollen. Das ist ein Irrtum: die
Könige, Kaiser sind nur Nebensache, Werkzeuge. Die einzig wahre
Ursache des Krieges ist in unseren sozialen Einrichtungen gelegen."
7)
In diesem Geist wurde mit Stimmenmehrheit eine Resolution
angenommen:
Die wichtigsten permanenten Ursachen des Krieges
sind ökonomische Faktoren, aber nicht weniger ist eine Nebenursache
die Willkür, "die eine Folge der Zentralisation und des Despotismus
ist". Schon jetzt können die Völker die Zahl der Kriege verringern
dadurch, dass sie sich gegen diejenigen kehren, die sie machen oder
sie erklären. Den arbeitenden Klassen steht ein wirksames und
realisierbares Mittel zur Verfügung, dieses zu verwirklichen. Da die
Gesellschaft in der Tat nicht leben könnte, wenn die Produktion eine
zeitlang aussetzt, brauchen die Produzenten deshalb nur die Arbeit
einzustellen, um das Unternehmen der despotischen Regierung
unmöglich zu machen. Sie endete wie folgt:
"Der Kongress der
Internationalen Arbeiter-Association in Brüssel protestiert aufs
energischste gegen den Krieg.
Er lädt alle Sektionen der
Association in den verschiedenen Ländern sowie alle Arbeitervereine
und Arbeiterorganisationen ohne Unterschied ein, mit der grössten
Aktivität dahin zu wirken, einen Krieg von Volk zu Volk zu
verhindern, der heute, weil unter Produzenten - also Brüdern und
Bürgern - geführt, nicht anders als ein Bürgerkrieg anzusehen
wäre.
Der Kongress empfiehlt den Arbeitern besonders die
Niederlegung der Arbeit für den Fall des Ausbruches des Krieges in
ihrem Lande." 8)
Marx, der auf den Kongressen niemals selbst
anwesend war, schrieb sofort danach an Engels über den "belgischen
Unsinn", gegen den Krieg zu streiken. Die deutsche Sozialdemokratie
und die von ihr beherrschte Zweite Internationale würde auch in
dieser Hinsicht ihrem grossen Meister folgen und nach einem Wort von
Auer den Generalstreik - überhaupt - für Generalblödsinn erklären.
Als zwei Jahre später - 1870 - der seit langem drohende Krieg
zwischen Frankreich und Deutschland ausbrach, erklärte Marx im Namen
des Generalrats der Internationale:
"Von deutscher Seite ist
der Krieg ein Verteidigungskrieg." Er rechtfertigte damit den Krieg
von deutscher Seite, im Widerspruch mit seinen Worten aus dem
Kommunistischen Manifest, dass man den Arbeitern nicht nehmen kann,
was sie nicht besitzen, und in vollkommenem Widerspruch mit den
Entschlüssen von Brüssel, dass jeder Krieg zu verwerfen sei, da
dieser nichts anderes als ein Bruderkrieg sein könne.
Mit der
Prägung des Wortes "Verteidigungskrieg" wurde jeder konsequenten
Kriegsbekämpfung der Boden entzogen. Seitdem wurde und wird denn
auch von marxistischer Seite jeder konsequente antimilitaristische
Kampf sabotiert und jede imperialistische Politik verteidigt! Diese
Erklärung von Marx ist begreiflich, wenn man weiss, dass er den Sieg
von Preussen-Deutschland wünschte. Ein Sieg von Bismarck war ihm ein
Sieg seines preussischen Staatssozialismus. Die Gründung des
deutschen Staates - wenn auch eines imperialistischen - würde der
erste Schritt auf dem Wege zum Volksstaat sein. "Bismarck tut jetzt
ein Stück von unserer Arbeit", so schrieb Marx an Engels am 15.
August - und am 20. Juli:
"Die Franzosen brauchen Prügel.
Siegen die Preussen, so ist die Zentralisation der Staatsgewalt der
Zentralisation der deutschen Arbeiterklasse nützlich. Das deutsche
Uebergewicht wird ferner den Schwerpunkt der westeuropäischen
Arbeiterbewegung von Frankreich nach Deutschland verlegen ... Ihr
Uebergewicht (der deutschen Arbeiterklasse) auf dem Welttheater über
die französische wäre zugleich das Uebergewicht unserer Theorie über
die Proudhons usw." 9)
Die Loblieder über die Verbrüderung
der Arbeiter, die Marx in seiner Adresse des Generalrats vom 23.
Juli 1870 anstimmte, hatten also nur einen mehr oder weniger
platonischen Charakter:
"Während das offizielle Frankreich
und das offizielle Deutschland sich in einen brudermörderischen
Kampf stürzen, senden die Arbeiter einander Botschaften des Friedens
und der Freundschaft. Diese einzige grosse Tatsache, ohnegleichen in
der Geschichte der Vergangenheit, eröffnet die Aussicht auf eine
hellere Zukunft."
Aber all diese Proklamationen haben
natürlich nur wenig Sinn, wenn schliesslich doch das offizielle
"Vaterland" verteidigt werden muss ...
Ein Sozialist schrieb
im "Volksstaat" 10):
"Was würde geschehen, wenn alle Arbeiter
von Frankreich und Deutschland an einem bestimmten Tag und nach
einer gemeinsamen Verabredung die Arbeit einstellten und in dieser
Weise dem Krieg den internationalen Streik entgegenstellten? Ich bin
überzeugt, dass in diesem Fall der Krieg innerhalb einiger Tagen
beendet sein würde, ohne dass sogar ein Tropfen Blut vergossen wäre.
Denn ebensosehr wie der Krieg gute Arbeit unmöglich macht, würde das
Einstellen der Arbeit den Krieg unmöglich machen."
Diese
Auffassung entsprach der Resolution von 1868 und war gewiss ein
wirksameres Mittel, den Krieg zu verhindern, als gegenseitige
Brüderschaftsbeteuerungen. Wäre dieser Vorschlag in die Praxis
umgesetzt, er würde jedenfalls mehr Aussichten auf eine "hellere
Zukunft" eröffnet haben!
Die Pariser Sektion der
Internationale blieb gleichfalls den Beschlüssen von Brüssel treu.
In ihrem Aufruf vom 12. Juli 1870 protestierte sie scharf gegen den
Krieg: gegen die "systematische Vernichtung der menschlichen Rasse",
gegen einen Kampf, der nur "wilde Instinkte und nationalen Hass
weckt und nur ein Deckmantel der Regierungen zur Unterdrückung der
öffentlichen Freiheit ist." "Hört nicht auf die unsinnigen
Provokationen, denn ein Krieg zwischen uns würde ein Bruderkrieg
sein. Unsere Spaltung würde nur auf beiden Seiten des Rheins dem
Despotismus zum Siege verhelfen."
Als im Anfang 1870 eine
neue Aushebung in Frankreich stattfand, waren es die Frauen von
Lyon, unter denen Virginie Barbet, die ein Manifest - das wohl als
eines der ersten Kriegsverweigerungsmanifeste gelten darf -
verbreiteten, in dem sie zur direkten Militärdienstverweigerung
aufriefen:
"Man muss durch eine revolutionäre Tat, durch die
Tat der Dienstverweigerung, protestieren, und nicht durch nutzlose
Proteste. Wir nennen uns zivilisiert, emanzipiert - wir sind noch
elende Sklaven, und was das Schlimmste ist, wir sind es nicht nur
materiell, sondern auch moralisch, da wir ohne zu revoltieren den
Zustand, den man uns aufdrängt, über uns ergehen lassen ... Es
bietet sich eine Gelegenheit, ein Beispiel von menschlicher Würde zu
geben - lasst diese nicht vorübergehen. Ihr werdet der Revolution
damit dienen." 11)
Man kann im allgemeinen wohl sagen, dass
eine konsequente antimilitaristische - und das heisst stets
antinationalistische - Taktik zu den wesentlichen Kampfmitteln der
Ersten Internationale gehörte. Aus der Erklärung, dass die Befreiung
der Arbeiterklasse kein nationales, sondern ein internationales
Problem sei, folgt dies eigentlich von selbst. Und man kann sagen,
dass sie überall dort diesen Charakter behielt, wo sie den
revolutionären Klassenkampf nicht mit einem Kampf um Wahlstimmen
verwechselte. Es war Marx' Staatsauffassung, die ihn mit dem von ihm
selbst vorgezeichneten Weg in Widerspruch brachte und diesen Weg
verlassen liess. Und eng war damit verbunden die mehr und mehr in
den Vordergrund tretende parlamentarische Politik, mit der eine
konsequent antinationale und antimilitaristische Politik nicht zu
vereinigen war. Nur die seit 1872 nach der Abtrennung der
marxistischen Elemente weiter bestehende antiautoritäre
(bakuninistische) Internationale konnte diesen Weg weiter verfolgen,
weil sie prinzipiell jede parlamentarische Politik verwarf, weil sie
keinen zentralisierten Staat erobern wollte, um den Sozialismus -
demokratisch oder diktatorisch - einzuführen, sondern es als die
erste Aufgabe der Arbeiter ansah, den Staat zu vernichten, und kein
anderes Heil als von den ökonomischen Organisationen der Arbeiter
selbst erwartete - wenn sie auch eine ökonomische Zentralisation als
notwendig anerkannte.
Die Taktik der nationalen
sozialdemokratischen Parteien, in denen sich in gewissem Sinne die
marxistische Hälfte der Ersten Internationale aufgelöst hatte,
führte schliesslich dorthin, wo sie nicht anders hinführen konnte:
zum 1. August 1914. Die Sozialdemokratische Partei - und nicht
weniger die vom sozialdemokratischen Geiste durchdrungenen
Gewerkschaften - hatten sich schliesslich so in das ganze System des
kapitalistischen Staates eingebaut, waren selbst ein so
integrierender Teil dieses Staates geworden, dass ihre ganze
"sozialistische" Taktik, die ja auch nur darauf ausging, ihren
Einfluss in diesem Staat zu vergrössern, es zu einer absoluten
Unmöglichkeit machte, dass sie eines guten Tages plötzlich diesen
Staat selbst im Stiche lassen könnten. Es war - es kann nicht oft
genug wiederholt werden - eine unumgängliche Konsequenz.
Wer
die Taktik dieser internationalen Friedensresolutionen, aber
nationalen Kriegspolitik zu bekämpfen meint, ohne sich gegen die
ganze nationale, staatssozialistische Taktik zu kehren, zäumt aufs
neue das Pferd am Schwanze auf.
III
Marx'
Prophezeihung bestätigte sich. Der Sieg Preussens war ein Sieg des
"deutschen Sozialismus". Der Geist der Internationale wurde bald der
Geist der deutschen Sozialdemokratie, die sozusagen den wahren
Marxismus gepachtet hatte. In der 1889 gegründeten Zweiten
Internationale siegte 1896 in London endgültig der deutsche
Standpunkt. Seitdem war die "Internationale" nur noch eine
Vereinigung von parlamentarisch-sozialistischen Parteien. Und
verliess damit den Weg der Ersten Internationale.
War in
Deutschland von dem antiparlamentarischen, anarchistischen
Sozialismus wenig oder nichts zu verspüren, er lebte dagegen in
anderen, besonders romanischen Ländern um so stärker. Der deutsche
Sozialismus wurde zum einzigen, offiziellen Sozialismus proklamiert.
Die deutsche Partei wurde ein Beispiel für alle anderen Länder. In
keinem anderen Lande war man imstande, solch ein diszipliniertes
Arbeiterheer zu organisieren. Schon durch ihre Wahlerfolge
marschierte die deutsche Sozialdemokratie an der Spitze der
Internationale. Die marxistische Literatur war deutsch, Marx und
Engels eng mit der Entwicklung der Partei verbunden. Die späteren
Theoretiker des Marxismus waren gleichfalls Deutsche. Es war nicht
zufällig, dass der wahre Kern des Marxismus in Deutschland zu seiner
vollen Geltung kam: marxistischer Sozialismus war Staatssozialismus.
Es war ein preussischer Sozialismus. Seiner Art nach war dieser
Sozialismus autoritär und zentralistisch, antirevolutionär,
militaristisch.
Oswald Spengler, der den Untergang von
Preussen für den Untergang der Welt hält und mehr Morphologe als
Soziologe ist, hat diesen Sozialismus objektiv scharf
charakterisiert. Man kann aus dieser interessanten Broschüre 12) von
Spengler, der zwar etwas vom "preussischen Geist", aber nichts von
Sozialismus begreift, lernen, welch eine verhängnisvolle Entwicklung
der moderne Sozialismus in Deutschland genommen hat. Spengler, der
diesen deutschen Sozialismus sah und eine preussisch-zentralisierte
Massenorganisation mit einem militaristischen Beamtenapparat für das
Wesentliche des Sozialismus überhaupt hielt, erklärte das
Preussentum ohne weiteres zum einzigen, zum Sozialismus par
excellence und Friedrich Wilhelm I. und nicht Marx zum ersten
bewussten Sozialisten! "Die preussische Armee, das preussische
Beamtentum, die Arbeiterschaft Bebels" - das sind Produkte des
preussischen Gedankens. "Sozialismus ist, rein technisch gesprochen,
das Beamtenprinzip". 13) Das ist Spengler als Sozialist! Nicht
weniger scharf wird von Spengler das Wesen des Staates ergriffen:
"Staatengeschichte ist die Geschichte von Kriegen, Wirtschaftskämpfe
werden zu Kämpfen zwischen Staaten . . . Krieg ist die ewige Form
höheren menschlichen Daseins, und Staaten sind um des Krieges willen
da. Sie sind Ausdruck der Bereitschaft zum Kriege." 13)
Es
braucht wenig hinzugefügt zu werden. Treffend werden hier von einem
Nationalisten die Theorien aller konsequenten Antimilitaristen, die
zwar den Krieg nicht als die höchste, sondern als die niedrigste,
die meist barbarische Form menschlichen Daseins ansehen, bestätigt:
Es ist diese permanente "Bereitschaft" zum Kriege, diese "permanente
Unterdrückung nach innen und dieser permanente Krieg nach aussen"
(Bakunin) - der Staat, der bekämpft werden muss, wenn man den Krieg
bekämpfen will.
Aber dieser Kampf war von der Partei, die
sich als deutsche Sozialdemokratie entwickelte, nicht zu erwarten.
Man bewegte sich ausserdem in einem Kreise: man erklärte, dass "der
Frieden die erste und unerlässliche Bedingung jeder
Arbeiter-Emanzipation sei" und zu gleicher Zeit: "dass der Krieg,
das traurige Produkt der gegenwärtigen ökonomischen Verhältnisse,
erst verschwinden wird, wenn die kapitalistische Produktionsweise
der Emanzipation der Arbeit und dem internationalen Triumph des
Sozialismus Platz gemacht hat". Aber zur ersten und unerlässlichen
Bedingung dieser Emanzipation erklärte man den Frieden . .
.
Bereits 1867 hatte de Paepe, wie wir sahen, das
Verhängnisvolle dieses Gedankenganges eingesehen, und 1868 erkannte
man in Brüssel den einzigen Weg, diesen Kreis zu
durchbrechen.
So musste Domela Nieuwenhuis 1891 aufs neue die
Frage aufwerfen: Und wenn doch der Krieg ausbricht? Die deutsche
Resolution, von Liebknecht verteidigt, erklärte, dass der
Militarismus nur durch den Sozialismus beseitigt werden könne, und
dass die Verantwortung einer Kriegskatastrophe einzig und allein den
herrschenden Klassen zufällt. Domela Nieuwenhuis dagegen verteidigte
die holländische Resolution, die mit den folgenden Worten
schloss:
"In Erwägung, dass keine einzige Regierung sich
entschuldigen kann, dass sie provoziert ist, weil der Krieg das
Resultat des internationalen Willens des Kapitalismus ist,
beschliesst der Internationale Sozialistische Kongress von Brüssel,
dass die Sozialisten aller Länder eine etwaige Kriegserklärung
beantworten werden mit einem Aufruf des Volkes zur allgemeinen
Arbeitseinstellung."
Wenn man in der deutschen Resolution,
führte Domela Nieuwenhuis aus, die Worte Sozialdemokrat und
Sozialdemokratie mit Christ und Christentum vertausche, so werden
und können die Heilsarmee wie der Papst, kurz alle Parteien dafür
stimmen ... Der Chauvinismus ist eine Gefahr für unsere ganze
sozialistische Bewegung. Der Chauvinismus führt zu Unterscheidungen
zwischen Angriffs- und Verteidigungskriegen. Ich verwerfe diese
Unterscheidung. Es ist bekannt, dass die Diplomaten die Kunst
verstehen, jeden Krieg als offensiven oder defensiven hinzustellen,
wie sie es brauchen. Was unsere Haltung beim Kriegsausbruch
anbetrifft, so gibt es nur einen Weg: passiven Widerstand. Der
Bürgerkrieg des Proletariats gegen die Bourgeoisie wird unsererseits
dem Kriege der Nationen vorgezogen. Wenn die Regierungen den Krieg
erklären, so ist das eine Revolution. Und darauf haben wir das
Recht, unsererseits mit einer Revolution zu antworten, mit der
Aufforderung an das Volk, die Waffen nicht zu ergreifen. Das Volk
will den Krieg nicht... 14)
Liebknecht
protestierte:
"Der ganze Weltstreik ist nichts als eine
jämmerliche Phrase! Wollten wir den Weltstreik proklamieren, würde
die Bourgeoisie uns auslachen! Der Fluch der Sozialdemokratie wäre
die Herrschaft der Phrase! Befreien Sie sich von der Phrase! Die
revolutionärste Betätigung des Proletariats ist: dem Proletariat
durch Organisation die Macht zu verschaffen" . . .
Domela
Nieuwenhuis wusste damals noch nicht, wie er in seiner
Autobiographie "Van christen tot anarchist" mitteilt, dass sein
Vorschlag in Uebereinstimmung war mit den Auffassungen der
Internationale 1868 in Brüssel. Zwei Jahre später, auf dem folgenden
Kongress in Zürich 1893, berief er sich mit Recht auf die Resolution
des Brüsseler Kongresses. Aufs neue brachte er einen Antrag ein, der
in seinem entscheidenden Passus lautete:
"dass die
sozialistischen Arbeiter der in Betracht kommenden Länder eine
Kriegserklärung seitens der Regierungen mit
der
Dienstverweigerung der Militärpflichtigen, der Reserve
(Militärstreik), durch einen allgemeinen Streik, besonders in all
den Industriezweigen, welche auf den Krieg Bezug haben, und durch
einen Appell an die Frauen, ihre Männer und Söhne zurückzuhalten,
beantworten sollen."
"Das Merkwürdigste ist, dass die Idee,
die ich 1891 verteidigte, schon im Jahre 1868 auf dem Kongress der
Internationale in Brüssel nicht nur besprochen, sondern sogar
einstimmig angenommen worden ist. Man hat mich einen Träumer, einen
Schwärmer, einen Utopisten genannt - aber ich teile diesen Namen mit
Longuet, der 1868 in Brüssel diesen Antrag stellte, mit Cäsar de
Paepe, ja mit dem ganzen Kongress . . . Ist es nun ein Fortschritt
oder ein Rückschritt, dass man 1891 gegen 1868 zurückwich? . . . Die
Folge der Verweigerung ist allerdings der Bürgerkrieg, aber der
Bürgerkrieg ist dem Kriege der Nationen vorzuziehen; der Bürgerkrieg
wird wenigstens gegen den wahrhaften Feind, den Kapitalismus,
geführt. Wir haben hier gleichzeitig einen Kongress der
Eisenbahnangestellten. Diese haben es in der Hand, durch einfache
Arbeitseinstellung jeden Krieg unmöglich zu machen." 15)
Aufs
neue wurde sein Vorschlag, wie man weiss, verworfen. Der Vertreter
von Australien Sceusa erklärte: "Ich kann es nicht verstehen, wie
sich Brüder noch dazu kommandieren lassen können, sich gegenseitig
zu zerfleischen. Würde ich zu einem solchen Morde kommandiert
werden, so würde ich der erste sein, der seinen Kommandanten
niederschösse." Für die holländische Resolution stimmten ausser
Australien nur Norwegen und Frankreich. Die übergrosse Mehrheit war
für den deutschen Vorschlag. Man meinte, ein Militärstreik würde
gerade in erster Linie die Kulturvölker (!) entwaffnen und
West-Europa den russischen Kosaken preisgeben. Das einzige Mittel,
zum Ziele zu gelangen, ist, dahin zu arbeiten, dass die Massen von
den sozialistischen Ideen durchdrungen werden, "dass die Leute schon
als Sozialisten in die Kasernen kommen". Indem stets mehr
sozialistische Rekruten einverleibt werden, ist der Militarismus auf
dem Wege seiner Selbstvernichtung, bis er schliesslich keine
Schutzwehr für den Kapitalismus mehr bildet. Eine Auffassung, die
der von Engels entsprach.
In seinem Anti-Dühring schrieb
er:
"Die Armee ist Hauptzweck des Staats, ist Selbstzweck
geworden, die Völker sind nur noch dazu da, die Soldaten zu liefern
und zu ernähren. Der Militarismus beherrscht und verschlingt Europa.
Aber dieser Militarismus trägt auch den Keim seines eigenen
Untergangs in sich; indem er das ganze Volk mit dem Waffengebrauch
vertraut macht, wird es befähigt, in einem gewissen Moment seinen
Willen gegenüber der kommandierenden Militärherrlichkeit
durchzusetzen... Die Maschine versagt den Dienst, der Militarismus
geht unter an der Dialektik seiner eigenen Entwicklung". (Vgl. 3.
Aufl. 1894, S. 177.)
Aber die Marx-Engelssche
historisch-materialistische Dialektik war keine gesetzmässige;
ebensowenig, wie der Kapitalismus an seiner eigenen Dialektik
zugrunde ging, ebensowenig erfolgte die Sprengung des Militarismus
von innen heraus.
Diese Auffassungen waren in
Uebereinstimmung mit der ganzen Taktik der Sozialdemokratie, die ja
auch keineswegs den Militarismus konsequent bekämpfen wollte. Man
bekämpfte nur die Form des Militarismus, und wenn man den Heeresetat
verwarf, so nur deshalb, weil man dieses bestimmte militärische
System verwarf. Das Parteiprogramm forderte ja auch die allgemeine
Wehrbarmachung des Volkes; statt stehender Heere wollte man
Volksheere. Mit einem Wort, man wollte das Heer demokratisieren, die
Auswüchse bekämpfen, wenn möglich, das System verbessern.
So
forderte z.B. Bebel im Reichstag andere Uniformen, damit "im
nächsten Krieg nicht Zehntausende unserer eigenen Genossen durch die
Ungeschicklichkeit unserer Militärverwaltung zwecklos auf die
Schlachtbank geführt werden". Das war der Kampf gegen den
Militarismus.
Typisch für die Haltung der Sozialdemokratie
war die Auseinandersetzung mit Schippel auf dem Kongress in Hamburg
1897. Sie wurde von Auer, Liebknecht und Bebel bestätigt. Bezüglich
der Kritik über die Haltung der Parlamentsfraktion hinsichtlich der
von der Regierung geforderten neuen Kanonen erklärte
Schippel:
"Wir haben die Soldaten nicht bewilligt, aber sie
sind nun einmal da. Für Milizanträge und Abschaffung aller stehenden
Heere ist keine Mehrheit vorhanden und in absehbarer Zeit auch nicht
zu schaffen. Das ist eine Tatsache, die uns sicher unangenehm ist,
mit der wir aber rechnen müssen. Sollten wir nun, weil die
bürgerlichen Parteien uns in dieser Beziehung nicht unseren Willen
tun, die deutschen Arbeiter, gleichsam zur Strafe, vor die Gefahr
stellen, dass sie mit ihrem Blut den Unverstand der Gegner einmal zu
büssen haben? Das wäre widersinnig und gegen die Interessen der
Arbeiter gehandelt."
Und Auer führte aus:
"Wir sind
prinzipielle Gegner des Krieges, wir können ihn aber nicht
verhindern, wir müssen mit der Eventualität rechnen, dass es gegen
unseren Willen zum Kriege kommt. Zum entscheidenden Punkt unseres
Angriffs auf den Militarismus können wir diese Angelegenheit
(Bewilligung der neuen Kanonen) nicht machen, das ist nicht der
Punkt, wo die Agitation einsetzen kann."
Mit Recht bemerkte
die Opposition, dass man mit diesen Auffassungen auch für eine
fortwährende Vermehrung der Flotte eintreten und stets neue Kanonen
für das Heer bewilligen müsse:
"Wo die Parole ist, diesem
System keinen Mann und keinen Groschen, da kommt der Genosse
Schippel und ist sogar für Kanonen zu haben. Der Krieg, ob er gegen
Frankreich, ob er gegen Russland geführt wird, er richtet sich in
letzter Linie gegen das arbeitende Volk, und dem müssen wir
entgegentreten. Wer die Aktionsfähigkeit der Armee stärkt, stärkt
den Kampf gegen das Proletariat, und das müssen wir ablehnen."
16)
Die Opposition war vergeblich. Die Auffassung von
Schippel war die herrschende in der Partei, und das in Deutschland,
wo der Militarismus wie kaum in einem anderen Lande zeigte, welch
mächtige Waffe er in der Hand der herrschenden Klasse war; welche
Bedrohung er in jeder Hinsicht für die Befreiung der Arbeiterklasse
darstellte. Wo der Charlatan Kaiser Wilhelm diesen Charakter und
diese Aufgabe des Militarismus brutal-offen anerkannt hatte: "Aber
nicht nur ein äusserer, ein innerer Feind wird zu bekämpfen sein,
und auch dagegen schützt uns mit Gottes Hilfe unser starkes
Heer".
Kennzeichnend schrieb die nationalistische Presse nach
diesem Hamburger Parteitag: "Es ist wirklich beruhigend, zu wissen,
dass solche Männer die ausschlaggebenden Männer der Sozialdemokratie
sind".
Und auf jedem Parteitag, bei dem der Militarismus auf
der Tagesordnung war, erklärte man mit dem Motto "Keinen Mann und
keinen Groschen", dass, wenn Deutschland "angegriffen" werden würde,
man das Vaterland mit Begeisterung verteidigen und gegen die
bürgerlichen Parteien nicht zurückstehen würde. Was man bekämpfen
wollte, war der unnötige Drill und die Soldatenmisshandlungen, die
Abschliessung der Offizierskaste usw. Scharf verwahrte man sich
gegen den Vorwurf, dass die Sozialdemokratie die Disziplin im Heer
untergraben würde, mit dem Hinweis darauf, dass man in der Partei ja
auch Disziplin forderte! Und man stimmte sogar für Steuern, die man
für Kriegszwecke verwendete, weil die Form dieser Steuer eine
direkte war, die hauptsächlich auf der besitzenden Klasse lastete,
mit der Motivierung, dass diese Steuer wegen ihrer Form im Interesse
des Proletariats sei. Man war wohl sehr weit entfernt von der
Auffassung, die Liebknecht Dezember 1875 vertrat, dass man dem
kapitalistischen System prinzipiell jede Steuer verweigern müsste.
Gerade wie heute sozialistische Führer und Gewerkschaftler den Bau
von Kriegsschiffen beschliessen, und freudig zustimmen mit dem
Argument, dass dieses im Interesse des Proletariats sei, weil
dadurch die Arbeitslosigkeit bekämpft wird! Wie sehr wird die
Meinung von Max Nettlau bestätigt, der schon 1897 auseinandersetzte,
dass das Proletariat sich nicht von der Sklaverei der Arbeit
befreien wird, solange die Arbeiter sich nicht verantwortlich fühlen
für die Arbeit, die sie leisten. 17)
Man stimmte für diese
verschleierten Kriegsausgaben, obgleich man auf den Parteitagen
beschlossen hatte, dem zwar in dieser Form existierenden
militaristischen System nichts zu bewilligen, obgleich es den
Beschlüssen des Internationalen Sozialisten-Kongresses in Paris
(1900) widersprach, wo man klar und unzweideutig festgelegt
hatte:
"dass die sozialistischen Vertreter in allen
Parlamenten unbedingt gegen jede Ausgabe des Militarismus,
Marinismus oder der Kolonialexpeditionen zu stimmen verpflichtet
sind".
Es ist begreiflich, dass die Entwicklung dieses
deutschen "Antimilitarismus" von vielen Sozialisten mit einigem
Misstrauen beobachtet wurde. Aber die Auffassung der deutschen
Partei wurde mehr und mehr richtunggebend für die ganze
Internationale. Sie musste dies auch werden in dem Masse, wie sie
überall den Weg der Ersten Internationale, die den Schwerpunkt auf
den ökonomischen Kampf legte, verliess, um dagegen politischen
Einfluss zu gewinnen in dem nationalen und militaristischen Staat.
Man wollte ja auch nicht den Militarismus bekämpfen. - Wie man den
Staat nicht mehr abschaffen, sondern reformieren wollte, so wollte
man den Militarismus "demokratisieren".
Beschloss man 1900
noch, sich gegen jede koloniale Expedition zu widersetzen, so führte
Bernstein 1907 in Stuttgart aus: "Eine gewisse Vormundschaft der
Kulturvölker gegenüber Nicht-Kulturvölkern ist eine Notwendigkeit,
die auch Sozialisten anerkennen sollten. . . . Jedenfalls steht
fest, dass es besser wäre, wenn der Kongo unter der Herrschaft eines
Parlaments (!) stände, in das die Arbeiterklasse ihre Vertreter
sendet, als wenn er von einer rein kapitalistischen
Privatgesellschaft ausgebeutet wird!" Mit den Arbeitervertretern im
Parlament fand man mehr und mehr die Ausbeutung im allgemeinen
weniger schlimm als die Ausbeutung des Kapitalismus - von schwarzen
und weissen Sklaven - ohne Parlament und ohne Vertreter der
Arbeiterklasse, bis schliesslich, im Interesse des Kapitalismus,
Sozialisten sogar Kriegsminister wurden, scheinbar mit demselben
Motiv, dass es besser sei, einen Krieg mit Sozialisten in der
Regierung zu führen, als dass dieser Krieg ein rein kapitalistisches
Unternehmen sei.
Und was nach der sogenannten Revolution in
Deutschland geschah, übertraf die höchsten Erwartungen. Es erreichte
schliesslich seinen Höhepunkt, als die kapitalistische Regierung mit
seinen sozialistischen Ministern eine reaktionäre Soldateska nach
Sachsen schickte und mit klingendem Spiel und aufgepflanztem
Bajonett die parlamentarisch-sozialistische Regierung aus den
Ministerien holte, die Regierung für abgesetzt erklärte und den
Landtag nach Hause schickte. Es würde zu weit führen in diesem
Zusammenhang, den Weg zur Macht weiter zu verfolgen. Es war
schliesslich grotesk!
1907 trat diese nationalistische
Haltung eigentlich schon in Stuttgart klar zutage. Bebel sprach es
öffentlich aus: Solange die Verhältnisse der einzelnen Staaten
zueinander sich nicht von Grund aus geändert haben, können wir auch
als Sozialdemokraten militärische Rüstungen nicht gänzlich
entbehren.
Die Mehrheit der französischen Delegation
beantragte:
"Die Verhütung und Verhinderung des Krieges durch
nationale und internationale sozialistische Aktionen der
Arbeiterklasse mit allen Mitteln, von der parlamentarischen
Intervention, der öffentlichen Agitation bis zum Massenstreik und
zum Aufstand zu bewirken".
Sie wurde von Vaillant und Jaurès
verteidigt. Bekannt ist das Wort von Vaillant: "Plutôt
l'insurrection que la guerre". (Lieber die Revolte als den Krieg.)
Gerade bei dieser Frage, welche Mittel man anwenden würde, den
Ausbruch des Krieges zu verhindern, entstand von deutscher Seite die
heftigste Opposition: "Wir müssen die Resolution mit aller
Entschiedenheit bekämpfen und als völlig unannehmbar erklären!" Man
könne sich nicht mit anarchistischen Träumereien beschäftigen. Nicht
nur aus Klugheitserwägungen, sondern aus prinzipiellen Gründen. "Wir
können uns nicht zu Kampfmethoden drängen lassen, die dem
Parteileben und unter Umständen auch der Existenz der Partei
verhängnisvoll werden können." Die deutsche Resolution wurde
schliesslich mit Stimmenmehrheit angenommen. Der Schlusspassus
lautete: 18)
"Droht der Ausbruch eines Krieges, so sind die
arbeitenden Klassen und deren parlamentarische Vertretungen in den
beteiligten Ländern verpflichtet, unterstützt durch die
zusammenfassende Tätigkeit des Internationalen Büros, alles
aufzubieten, um durch die Anwendung der ihnen am wirksamsten
erscheinenden Mittel den Ausbruch des Krieges zu verhindern, die
sich je nach der Verschärfung des Klassenkampfes und der
Verschärfung der allgemeinen politischen Situation naturgemäss
ändern.
Falls der Krieg dennoch ausbrechen sollte, ist es die
Pflicht, für dessen rasche Beendigung einzutreten und mit allen
Kräften dahin zu streben, die durch den Krieg herbeigeführte
wirtschaftliche und politische Krise zur Aufrüttlung des Volkes
auszunutzen und dadurch die Beseitigung der kapitalistischen
Klassenherrschaft zu beschleunigen."
Weiter sah die
Resolution in der demokratischen Organisation des Heerwesens, der
Volkswehr an Stelle der stehenden Heere, eine wesentliche Garantie
dafür, Angriffskriege unmöglich zu machen. Die Engländer und
Amerikaner aber wollten von der Forderung der allgemeinen
Volksbewaffnung nichts wissen, wollten nicht, dass der Militarismus
auch in ihrem Lande ausgebreitet würde. Sie waren der Meinung, dass
die Resolution die militaristischen Neigungen keineswegs bekämpfe.
Der Vertreter der Schweiz bemerkte, dass in seinem Lande bereits ein
Milizheer bestand, das aber ebensosehr einen Klassencharakter
trug.
Wenn Kautsky bemerkt, dass die Internationale das
Schwergewicht auf die "Verhinderung" des Krieges legte, und
behauptet: "Sie untersuchte kaum die Haltung, die sie einzunehmen
hatte für den Fall, dass der Krieg trotzdem ausbrach" 19), so ist
dieses eine bewusste Irreführung. Wir sahen, wie stets auf allen
Kongressen darauf hingewiesen wurde, dass Friedensresolutionen keine
genügende Bürgschaft dafür seien, dass der Krieg nicht ausbrechen
würde. Ein Vorschlag, diesen Ausbruch des Krieges zu verhindern,
erschien immer wieder auf der Tagesordnung. Und er wurde stets als
anarchistische Schwärmerei charakterisiert und stets - am heftigsten
von deutscher Seite - als unannehmbar bekämpft und schliesslich
immer vom Kongress verworfen.
Auf dem dritten Kongress in
Kopenhagen 1910 wurde die Haltung, die man "einzunehmen hatte für
den Fall, dass der Krieg ausbrach, ausführlich diskutiert. Dies kann
Kautsky, der selbst in Kopenhagen war, doch nicht unbekannt sein.
Diesmal war es Keir Hardie von der Independent Labour Party, der
nicht nur zu einem wirklich konsequenten antimilitaristischen Kampf
aufrief, sondern es zu einer absoluten Notwendigkeit erklärte, dass
man seine Haltung und die Mittel bestimmte, die, wenn die
kapitalistischen Regierungen einen Krieg erklären würden, den
Ausbruch dieses Krieges verhindern. Diese Haltung die Keir Hardie
eingenommen sehen wollte, würde zugleich das Mittel sein, den Krieg
überhaupt unmöglich zu machen.
"Wir sind", führte Keir Hardie
aus, "nicht nur gegen den Krieg, sondern auch gegen den
Militarismus. Militarismus und Freiheit stehen in unüberbrückbarem
Gegensatz, und weil wir die Freiheit lieben, kämpfen wir gegen den
Militarismus. Wir sind deshalb auch hocherfreut, dass unsere
dänischen und norwegischen Genossen so glänzend den Kampf für die
allgemeine Abrüstung aufgenommen haben und sich nicht begnügt haben,
auf eine Verminderung der Kriegslasten hinzuwirken, sondern absolut
die vollständige Entwaffnung des Landes gefordert haben. Die
Geschichte der Menschheit wird ein neues Ruhmesblatt aufschlagen,
wenn das erste Volk vollständig abrüstet, alle Waffen wegwirft. Wir
müssen hier einen Schritt weitergehen wie in Stuttgart. Die Arbeiter
sind stark genug, den Krieg zu verhindern. Entfalten wir die
lebhafteste Agitation gegen den Krieg in den Gewerkschaften. Am Tage
der Kriegserklärung müssen die Arbeiter aufhören zu arbeiten. Schon
der Streik der Bergleute würde genügen, den Krieg zu verhindern.
Wenn die parlamentarischen Vertreter des Proletariats nicht stark
genug sind, den Krieg zu verhindern, müssen es die Arbeiter selbst
tun, indem sie sich weigern, Waffen und Munition herzustellen und
Kohlen für die Schiffe zu fördern 20)
Der Vorschlag (Keir
Hardie-Vaillant) lautete:
"unter allen Mitteln, welche
angewandt werden sollen, um einem Kriege vorzubeugen und ihn zu
verhindern, beschliesst der Kongress als besonders zweckmässig den
allgemeinen Streik der Arbeiter, hauptsächlich in den Industrien,
welche für den Krieg die Materialien liefern (Waffen, Munition,
Transport usw.), eine aktive Agitation des Volkes und zwar mit den
äussersten Mitteln."
Der Kongress dagegen erneuerte die
Beschlüsse von Stuttgart. Man beschloss, den Vorschlag Keir
Hardie-Vaillant dem Internationalen Sozialistischen Büro "zum
Studium zu überweisen", da man der Meinung war, dass eigentlich nur
die Frage des Schiedsgerichts und der Abrüstung zu prüfen sei. Ein
Vorschlag, den Krieg mit der Tat zu bekämpfen, war noch stets
unannehmbar. Das war der Grund, weshalb man die Haltung, die man bei
Ausbruch des Krieges einzunehmen hatte, nicht näher "untersuchte",
und jeden Vorschlag - wie wir sahen - von 1891 bis 1910, der eine
Haltung, die in Uebereinstimmung war mit dem Geiste der Resolutionen
und in Uebereinstimmung mit dem Lebensinteresse des Proletariats,
verwarf.
Das Büro sollte dem nächsten Internationalen
Sozialistenkongress über sein Studium Bericht erstatten. Da dieser
nächste Kongress Basel 1912 - zwar gegen den Krieg, aber ausserdem
als ein ausserordentlicher Kongress einberufen worden war, stand
diese Frage scheinbar nicht auf der Tagesordnung. Dagegen fanden
grosse Demonstrationen statt, und man verfasste ein
Friedensmanifest. Die Beschlüsse von Stuttgart und Kopenhagen wurden
nochmals bestätigt. Unter grosser Bewegung und langanhaltendem
stürmischen Beifall erklärte Jaurès "Wir sind zu allen Opfern
bereit". Und zum letztenmal appellierte Keir Hardie an das
internationale Proletariat, nicht zu zögern, seine zweite grosse
ökonomische Waffe zu gebrauchen: den internationalen revolutionären
Gegenkriegsstreik.
Der Kongress, dem das I.S.B. über den
Vorschlag von Keir Hardie Bericht erstatten sollte, fand nicht mehr
statt. Einige Wochen, bevor man aufs neue über den Frieden sprechen
sollte, brach der Krieg aus.
Es war die Apotheose der
Eroberung der politischen Macht.
Es war der endgültige Sieg,
der grosse Tag des preussischen Sozialismus.
IV
Man
war zu allen Opfern bereit.
Am 4. August erklärte Hugo Haase
im Namen der sozialdemokratischen Fraktion im Reichstag: "Jetzt
machen wir wahr, was wir immer betont haben, wir lassen in der
Stunde der Gefahr das Vaterland nicht im Stich. . . . Jetzt stehen
wir vor der ehernen Tatsache des Krieges. Nicht für oder gegen den
Krieg haben wir heute zu entscheiden, sondern über die Frage der für
die Verteidigung des Landes erforderlichen Mittel. Für unser Volk
und seine freiheitliche Zukunft (!) steht bei einem Sieg des
russischen Despotismus viel, wenn nicht alles, auf dem
Spiel."
Wenn dieses alles weder dem Geiste der
internationalen Kongresse, noch den Worten der nationalen
Parteiresolutionen entspricht (oder man müsste die Kriegskredite
nicht als eine militaristische Ausgabe ansehen), so kann mit einem
relativen Recht gesagt werden, dass die Sozialdemokratie ihre
Haltung nicht prinzipiell veränderte, ihre Grundsätze nicht verriet,
sondern ihrer Tradition treu blieb.
Diejenigen, die zuviel
von den internationalen Friedensresolutionen erwartet hatten, hatten
vergessen, dass Bebel noch 1913 auf diese Tradition unzweideutig
hingewiesen hatte: wir müssen mit der Möglichkeit eines
Angriffskrieges rechnen. Ein solcher Krieg würde zum Weltkrieg
führen und unser Vaterland vor die Frage von Sein oder Nichtsein
stellen. Deshalb ist die Wehrhaftmachung des letzten Mannes bei uns
nicht nur gerechtfertigt, sondern sie ist eine notwendige Folgerung.
"Die Sozialdemokratie war die erste grosse politische Partei, die
das klar erkannt hat und daher in ihr Programm den Satz aufgenommen
hat, der die Wehrhaftmachung, der die Erziehung des Volkes zur
allgemeinen Wehrhaftigkeit ausspricht."
Aber, so heisst es in
einer offiziellen Parteibroschüre, die Sozialdemokratie geht noch
weiter! "Sie will die Wehrhaftmachung des Volkes nicht nur vom
körperlichen und technischen Standpunkt aus betreiben. Das Vaterland
verteidigt man nicht nur mit Kanonen, Gewehren, Säbeln, starken
Fäusten und schnellen Beinen. Dazu gehören auch bestimmte geistige
und sittliche Eigenschaften desVolkes, und die Sozialdemokratie will
auch diese geistigen Eigenschaften des Volkes stärken... Diese
geistigen und sittlichen Eigenschaften sieht sie tief begründet in
dem auf wirklicher Freiheit und Gleichheit wurzelnden Gefühl der
Zusammengehörigkeit der Volksangehörigen." 21)
Jedes weitere
Zitat in dieser Hinsicht ist wohl überflüssig. Diese Worte schrieb
die Partei, in deren Programm die Worte standen:
"Immer
grösser wird die Zahl der Proletarier, immer massenhafter die Armee
der überschüssigen Arbeiter, immer schroffer der Gegensatz zwischen
Ausbeutern und Ausgebeuteten, immer erbitterter der Klassenkampf
zwischen Bourgeoisie und Proletariat..."
Die übrigen Taten
der "Internationalen revolutionären Sozialdemokratie" waren in
Uebereinstimmung mit diesen Proklamationen, in denen man auf den
seit einem halben Jahrhundert verkündeten revolutionären
"Klassenkampf" verzichtete und das nationale Interesse des Kapitals,
die kapitalistischen Interessen der Nation über die elementarsten
Interessen der Arbeiterklasse stellte. Auch in dieser Hinsicht ist
es richtig dass man seine Traditionen fortführte und nichts Neues
begann. Neu war nur, dass es für jeden deutlich und unzweideutig ans
Tageslicht trat.
Auf die Worte und Taten der Parteien der
Internationale seit der Zustimmung der Kriegskredite bis zur
Unterzeichnung des Versailler Friedens gehe ich hier nicht weiter
ein. Ich führe hier nur eine offizielle "Rechtfertigung" an, die so
kennzeichnend ist für den wahren Charakter der Partei, dass jede
weiteren Erörterungen unnötig sind.
"Die Ursache des Krieges
ist in ökonomischen Gründen gelegen - so heisst es dort 22) -, das
Ziel der Feinde ist die ökonomische Vernichtung Deutschlands. Dieses
würde eine grosse Arbeitslosigkeit mit sich ziehen. Der Lohn würde
sinken und auch der Mut zum Kampf gegen das Schicksal, gegen Druck
und Elend. Die Grundlagen brechen zusammen, auf denen sich der
stolze Bau der deutschen Arbeiterbewegung erhob: die starken
politischen und Gewerkschaftlichem Organisationen, die Früchte
langjähriger gewerkschaftlicher Organisationsarbeit, das dichte Netz
der politischen Sekretariate usw.: "Dies alles, was unsere Bewegung
ausmacht", denn die Stärke dieser Bewegung und ihre Erfolge beruhten
auf dem wirtschaftlichen Aufstieg der deutschen Arbeiterklasse, der
seinerseits, erst durch den Aufstieg der deutschen Volkswirtschaft
möglich wurde. Diesen aber will die Entente treffen. Es wäre so, als
wenn man einem Gebäude die Fundamente herausreissen wollte - das
Ganze müsste zusammenbrechen. Darum hat das Wort: "Für das bedrohte
Vaterland", den besonderen Sinn "für den deutschen Sozialismus". Der
Sozialismus als Schatten, als Reflex, nur noch als Produkt des
Kapitalismus! - kann es deutlicher ausgedrückt werden? Behauptete
Kautsky, dass aus der Eroberung der politischen Macht der
Sozialismus von selbst folgen würde, und wollte Renner noch den
"Staat als Hebel" für den Sozialismus brauchen, so zog Heinrich
Cunow die letzte Konsequenz, indem er einfach den
"weiterentwickelten Staat" zum Sozialismus erklärte. In diesem
Zusammenhang ist es erklärlich, wenn er bemerkt, dass es lächerlich
ist, sich dem Imperialismus widersetzen zu wollen, da er ja nicht
etwas Zufälliges, sondern eine notwendige Etappe auf dem zum
Sozialismus führenden kapitalistischen Entwicklungswege
ist.
Auf diese Weise betrachtete man auch den Krieg als eine
notwendige Etappe auf dem kapitalistischen Entwicklungsweg zum
Sozialismus.
V
Wie will man die folgende Etappe des
Kapitalismus, den nächsten Weltkrieg, bekämpfen, da man ja den bis
jetzt verfolgten Weg nicht glaubt revidieren zu müssen? Oder glaubt
man, dass der Kapitalismus etwas zu revidieren hat? Wenn Kautsky den
Zusammenbruch der Zweiten Internationale und ihre Friedenspolitik
entschuldigen will mit der Behauptung, dass sie "im wesentlichen ein
Friedensinstrument, aber "kein wirksames Werkzeug im Kriege" gewesen
sei, dann ist dieses wohl sehr naiv. Um so mehr, da Kautsky
ebenfalls meint, dass man (obgleich sie also kein wirksames Werkzeug
im Kriege war) weder die Internationale, noch ihre Leitung, noch
ihre Organisation für diesen Bankrott verantwortlich machen kann.
Wenn keine der sozialistischen Parteien vermochte, ihre Regierung
vom Eintritt in den Krieg abzuhalten, lag das teils daran, dass das
Proletariat noch nicht über die genügende Kraft verfügte, zum Teil
daran, dass grosse Massen des Proletariats sich selbst vom
Kriegstaumel fortreissen liessen. Für die Schwäche und
Unselbständigkeit des Proletariats in einzelnen Ländern kann man
aber unmöglich die Internationale verantwortlich machen, weder ihre
Leitung, noch ihre Organisation." 23) An denjenigen, die die Kraft
der sozialistischen Parteien in den Ländern, die den Krieg
entfesselten, überschätzt haben, lag der Fehler, nicht an der
Internationale.
Das Argument der Schwäche des Proletariats
wird man richtig einschätzen, wenn man bedenkt, dass Kautsky - in
derselben Broschüre bemerkt, dass die deutsche Sozialdemokratie,
gerade weil sie so stark, weil sie mehr Massenpartei war als jede
andere sozialistische Partei, im Kriege vom nationalen Empfinden
besonders stark erfasst wurde, was sie an die Seite der
wilhelminischen Regierung trieb. Die Ursache der verschiedenen
Haltung der russischen und deutschen Sozialdemokratie bei der
Abstimmung über die Kriegskredite liegt, nach Bernstein, im
Unterschied der Grösse und des Einflusses dieser sozialistischen
Partei: Je grösser die Partei und je grösser ihr parlamentarischer
Einfluss, desto grösser auch die "sachliche
Verantwortung".
Was von dieser Partei zu erwarten ist, wenn
sie noch grösser und stärker geworden sein wird, und demzufolge die
Verantwortlichkeit auch noch grösser ist, ist ohne weiteres
deutlich. Dem Proletariat wird weiter seine Unselbständigkeit
vorgeworfen von dem Theoretiker der Partei, die ein halbes
Jahrhundert lang dieses Proletariat in einer militärischen Disziplin
erzogen hatte, die jede eigene Initiative, jede Selbstaktion
unterdrückte und damit jeden Keim schöpferischer Kraft vernichtete.
Ihm wird seine nationalistische Haltung zum Vorwurf gemacht, wo ihm
ein halbes Jahrhundert lang, mit der russischen Gefahr vor Augen,
die Notwendigkeit seiner Wehrhaftmachung und der Verteidigung des
bedrohten Vaterlandes eingeprägt wurde. Kautskys Versuch, die Taktik
der Internationale und ihrer nationalen Parteien auf diese Weise zu
entlasten, ist zu durchsichtig, um nicht zu sagen, zu feige. Während
er dem Proletariat seinen nationalen Kriegstaumel vorwirft, sieht er
selbst den deutlichsten Ausdruck der "Bedeutung, die das Proletariat
bereits erlangt hat, in den sozialistischen (Kriegs-) Ministern
Frankreichs und Belgien"! Es ist, wie wenn man einem Kind
syphilitischer Eltern seinen Idiotismus zum Vorwurf machen
wollte.
Die Zweite Internationale, nach dem Krieg in Hamburg
versammelt, fasste zwar den Beschluss, dass man aus dem Kriege die
Erfahrung geschöpft habe, dass die Internationale nicht nur ein
Instrument für die Aufgaben des Friedens, sondern ein ebenso
unentbehrliches Instrument während des Krieges sein muss. Dieses
bedeutet vor allem, "dass das, was wir erlebt haben, sich niemals
wiederholen darf."
Die Auffassung der deutschen Mehrheitler,
dass die Sozialisten "in der Stunde der Gefahr" stets zu ihrem
"Lande", d.h. zu ihrer Regierung stehen müssten, wie auch immer
deren Politik sei, müsste jede internationale Politik unmöglich
machen. Kautsky schlägt deshalb vor, dass man nur dann Kriegskredite
einer Regierung votieren soll, wenn sie "unzweideutige Garantien"
dafür gibt, dass sie den Krieg bloss als Verteidigungs-, nicht als
Eroberungskrieg führt. Dass man den sogenannten Verteidigungskrieg
nicht ablehnen kann, ist die allgemeine Auffassung der Zweiten
Internationale, und dieses, während von sozialdemokratischer Seite
selbst anerkannt wird, dass man bei einer Kriegserklärung absolut
nicht imstande ist, zu konstatieren, ob es sich um einen
Verteidigungs- oder Eroberungskrieg handelt.
In solch einem
Moment, schreibt Bernstein, spitzen sich die Beziehungen der Staaten
zu einander zu einer Krise zu, wird die Information der Völker über
die Vorgänge an beiden Seiten der Grenze immer lückenhafter
einseitiger und tendenziöser, so dass ein klarer Ausblick nicht mehr
möglich ist. Die objektivste Stimme des Proletariats wird von dem
lauten nationalistischen Geschrei übertönt. Bei der heutigen Natur
der militärischen Rüstungen und der Grösse der modernen Heere ist
der Streit darüber, wer mit den Kriegsvorbereitungen angefangen
habe, und auf welcher Seite zuerst die Grenze verletzt worden sei,
die am schwersten zu entscheidende Sache von der Welt. Das Urteil
über den Anlass zum Krieg wird unsicher; man kann nicht beurteilen,
ob der Krieg Angriff oder Verteidigung heisst. 24)
Auch
Kautsky selbst schreibt übrigens, dass in keinem Kriege die Dinge
einfach genug liegen, "um eine sofortige einheitliche Stellungnahme
schon bei Kriegsausbruch zu ermöglichen". Da aber jede Regierung die
Mittel in Händen hat, jeden Krieg als einen Verteidigungskrieg
hinzustellen, läuft der neue Standpunkt der Internationale
hinsichtlich des "Verteidigungs"-Krieges wesentlich auf die
Verteidigung jedes Krieges hinaus. Praktisch gibt es also keinen
Unterschied mit dem Standpunkt, der jede "internationale Politik
unmöglich macht".
Dass man den Charakter eines Krieges bei
seinem Ausbruch nicht feststellen kann, ist nun für Bernstein wieder
ein Grund, jedes Mittel, diesen Ausbruch des Krieges zu verhindern,
zu verwerfen, da man ja dann nicht weiss, "ob der Streik gegen den
Krieg nicht Streik gegen das in legitimer Abwehr eines Angriffs
begriffene eigene Land heissen würde". Wozu dann noch kommt, dass
der in solchem Augenblick verkündete Kriegszustand die
Militärbehörde in die Lage versetzt, jeden Versuch einer
Propagandierung und Organisierung von gegen den Krieg gerichteten
Streiks mit Gewalt und unter Verhängung schwerster Strafen zu
unterdrücken. (Deshalb eben muss im Frieden vorbereitet werden, dass
das Proletariat bei jeder Kriegserklärung automatisch, ohne einen
Befehl der Führer abzuwarten, und - wenn nötig - gegen die Führer in
den Streik tritt.) Ausserdem haben die Organisationen der Arbeiter
in solchen Tagen ganz andere Sorgen, als einen Massenstreik ins Werk
zu setzen. Sie haben so viel mit den schon Arbeitslosen zu tun, dass
sie gar nicht daran denken können, die noch in Arbeit stehenden
Mitglieder zur Niederlegung der Arbeit aufzufordern. Nur wilde
Organisationen, die sich um ihre Arbeitslosen nicht kümmern, könnten
das tun. Es ist denn auch gerade in denjenigen der am Krieg
beteiligten Länder, wo die Arbeiter gut gewerkschaftlich organisiert
sind, ein ernsthafter Versuch in dieser Richtung nicht einmal
gedanklich in Angriff genommen worden." 25)
Das ist richtig.
Man lernt aus dieser Auseinandersetzung von Bernstein die Argumente
kennen, mit denen die Propaganda für die Kriegsverhinderung mit der
Tat bekämpft wird. Um die Arbeitslosigkeit nicht zu vergrössern,
stürzt man die Arbeiterklasse in einen Kampf, der ein Anschlag ist
auf ihr Leben und ein Anschlag auf den Sozialismus. Statt einer
nationalen Arbeitslosigkeit wählte man lieber den internationalen
Massenmord, der Millionen von Proletariern im Interesse ihrer
Unterdrücker das Leben kostete und ein solch unerträgliches Elend
mit sich brachte, dass dieses Proletariat sich, sogar gegen den
Willen dieser Führer 26), erhob und das herrschende System, ohne es
in seiner ökonomischen Macht anzugreifen, zu Fall
brachte.
Man darf dabei das eine nicht vergessen: dass
Bernstein nicht bestreitet, und dass von sozialdemokratischer Seite
nie bestritten worden ist, dass ein Generalstreik in allen Ländern
den Ausbruch des Krieges verhindern könnte.
Und wieviel mehr
gilt heute die Bemerkung von Domela Nieuwenhuis von
1901:
Wenn die Sozialisten den Mut gehabt hätten, auf dem
Kongress in Brüssel 1868 anzunehmen, dass die Sozialisten eine
Kriegserklärung mit dem Generalstreik beantworten sollten, dann
glaube ich meinen zu dürfen, dass eine kräftige Propaganda für
diesen Gedanken uns in zehn Jahren viel weiter gebracht hätte, als
wir jetzt sind. 27)
Trotzdem meint Bernstein, dass die erste
Augustwoche 1914 die Unrealisierbarkeit der Idee der Bekämpfung der
Kriege durch den Massenstreik bewiesen hat (während man es nicht
einmal "gedanklich in Angriff genommen hat"!) und daher aus den
Diskussionen zukünftiger Arbeiterkongresse als Programmpunkt wohl
ausscheiden wird.
Dieses Argument zeigte sich leider nur als
zu richtig. Als auf dem Weltfriedenskongress im Haag 1922 das
I.A.M.B., das eine grosse Anzahl revolutionär-antimilitaristischer
Organisationen und revolutionärer Arbeiterorganisationen vertrat,
diese Frage auf die Tagesordnung stellte, wurde kaum die Gelegenheit
gegeben, die diesbezügliche Resolution zu verteidigen, und sie wurde
ohne Diskussion verworfen. 28) Diese Resolution endete
folgendermassen:
"In Uebereinstimmung mit der auf dem
Kongress der Ersten Internationale 1868 angenommenen Resolution, in
Uebereinstimmung mit den Vorschlägen von Domela Nieuwenhuis 1891 und
1893 und von Keir Hardie in Kopenhagen 1910, ruft der Kongress die
Arbeiterklasse auf, Kriege unmöglich zu machen, indem sie die
Solidarität mit den herrschenden Klassen bricht und eventuellem
Krieg durch Generalstreik und Massendienstverweigerung
vorbeugt.
Der Kongress erklärt es für die Aufgabe aller, die
diese Auffassungen als die ihrigen anerkennen, mit oder ohne
Zustimmung der Führer ihrer Organisationen jede Mobilisation in den
betreffenden Ländern durch Streik und Dienstverweigerung zu
beantworten, dahingestellt, ob man Aussicht hat, den Kampf zu
gewinnen oder zu verlieren.
Der Kongress ruft alle
Organisationen der sozialistischen Arbeiter auf, sich in
moralischer, technischer und organisatorischer Hinsicht
vorzubereiten, sich zu Generalstreik und Massendienstverweigerung
bereit zu halten, und darauf hinzuzielen, einen trotzdem
ausgebrochenen Krieg zur sozialen Revolution zu
wenden."
VI
Es ist vorläufig in dieser Richtung nicht
viel zu erwarten.
Es ist aus dem Vorhergehenden wohl zu
begreifen, dass die Sozialdemokratie heute genau so "international",
genau so "revolutionär" und "völkerbefreiend" ist wie vor zehn
Jahren. Auch wenn sie nach dem vierjährigen Intermezzo, wo sie
"Proletarier aller Länder mordet Euch" zur Losung nahm, aufs neue
auf ihre Fahne geschrieben hat:
"Proletarier aller Länder
vereinigt Euch!"
Auch von den kommunistischen Parteien ist
kein wesentlicher Kampf gegen Krieg und Militarismus zu erwarten.
Dass dies nicht der Fall ist im Lande, wo diese Partei die
Regierungsmacht in Händen hat, ist selbstredend. Auch sie konnte den
eisernen Konsequenzen, die nun einmal ein zentralisierter,
nationaler Staat mit sich bringt, nicht entgehen. Denn wer den Staat
will, muss den nationalen Staat wollen, und wer den nationalen Staat
will, muss den Krieg wollen. Sogar auch dann, wenn nach Trotzki's
"Ideal" diese Staaten vereinigt sein würden vom Ural bis zum
Atlantischen Ozean. Was die K. P. verwirklichen will, ist ja auch
nur das sozialdemokratische, marxistische Staatsideal, wenn auch mit
putschistischen, blanquistischen (nicht bakuninistischen!) Mitteln.
Um so mehr, als die K.P. der verschiedenen Länder, die ganze Dritte
Internationale nur ein Instrument in Händen der Regierer des
nationalen, staatskapitalistischen Sowjetstaates ist. Es war die
zentralisierte Parteidiktatur und Staatsdiktatur, die die ersten
Keime wirklicher proletarischer Selbstbefreiung, die sich in den
Räten manifestiert hatten, vernichtete. Das Dekret, das die Rote
Armee einsetzte - im Gegensatz zu den Freiwilligenheeren, die,
unterstützt durch den Partisanenkrieg, die russische Revolution
gegen die konterrevolutionären Angriffe verteidigt hatten - war
nicht die Rettung, sondern die Vernichtung der
Revolution.
Die heutige Kommunistische Partei kann und will
den Militarismus nicht bekämpfen, weil sie die meist
militaristischen und gewalttätigsten Methoden anwenden will, um ihr
Ziel, die Eroberung der politischen Macht (die für sie die soziale
Revolution bedeutet!) zu verwirklichen. Sie will die
Produktionsmittel des Todes, den ganzen militärischen Machtapparat
nicht vernichten, sondern diese der herrschenden Klasse entreissen.
Dies bedeutet, dass sie bei der Anwendung ihrer Gewaltmittel
natürlich nicht hinter denen des Imperialismus zurückstehen kann.
Henriette Roland Holst hat bereits in einer Untersuchung über die
Kampfmethoden der sozialen Revolution (1918) darauf hingewiesen und
in unübertrefflicher Weise auseinandergesetzt, dass der
revolutionäre Sozialismus die Ansicht überwinden muss; dass er mit
allen Mitteln, welche es auch sein mögen, sein Ziel erreichen kann,
dass mit diesen Methoden die soziale Revolution mit derselben
Notwendigkeit versagen muss, als der Irrtum der Reformisten, die
meinten, dass die Grösse und die Vollkomenheit ihrer Organisationen
das Proletariat unbedingt zum Siege führen würde. Jede militärische
Organisation wird unumgänglich ein Instrument, das die Freiheit der
Masse bedroht oder angreift. Deshalb muss nicht nur der Militarismus
tatkräftig bekämpft werden, sondern jede militärische Organisation
muss verworfen werden. Es wird für das Proletariat keine Befreiung
geben, solange es sich nicht vollkommen lossagt von dem Glauben, in
der Waffengewalt eines der Mittel zu sehen, die die Volksmassen zum
Siege führen müssen 29).
Wort für Wort findet man hier eine
Bestätigung für die Notwendigkeit der
revolutionär-antimilitaristischen Taktik im Klassenkampf. Wort für
Wort ist es eine Verurteilung der Politik, die die Sowjetregierung
seit 1919 geführt hat, Wort für Wort ist es eine Verwerfung der
heutigen Taktik der Kommunistischen Partei.
Die heutige
Kommunistische Partei hat auch nichts mehr gemein mit dem
Spartakusbund, noch mit seinen Gründern. Ueber die Einführung des
Sozialismus durch die diktatorische Macht einer Regierung sagt Rosa
Luxemburg in ihrer Programmrede auf dem Gründungsparteitag der K. P.
D.:
"Der Sozialismus wird nicht gemacht und kann nicht
gemacht werden durch Dekrete, auch nicht von einer noch so
ausgezeichneten sozialistischen Regierung. Der Sozialismus muss
durch die Massen, durch jeden Proletarier gemacht werden. Dort, wo
sie an die Kette des Kapitals geschmiedet sind, dort muss die Kette
zerbrochen werden."
Und in dem Spartakusprogramm heisst es:
"Der Spartakusbund ist keine Partei, die über der Arbeitermasse oder
durch die Arbeitermasse zur Herrschaft gelangen will."
Ich
weise auf dies alles nur mit einem Worte hin, weil sich auch hier
wieder zeigt, wie sehr die revolutionär-antimilitaristische Taktik,
die konsequente Kriegsbekämpfung unlöslich mit den Kampfmethoden der
sozialen Revolution verbunden sind.
Der Krieg hat bewiesen,
dass der Weg, den das Proletariat ging, nicht der Weg seiner
Befreiung, nicht der Weg der Befreiung vom Kriege war.
Es
gibt für die Befreiung des Proletariats kein anderes Heil als die
ökonomischen Kampforganisationen, als Selbstorganisation, als
internationaler revolutionärer Klassenkampf. Es gibt auch keinen
anderen Weg, den Krieg zu bekämpfen. Man muss sich von der Utopie
befreien, dass der Staat "absterben" würde durch eine ungekannte
zentralistische Staatsdiktatur. Man muss sich von der Utopie
befreien, dass die Freiheit zu verwirklichen sein würde durch den
Despotismus.
Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das
Werk der Arbeiter selbst sein - von keinem Staat, von keinem
nationalen oder internationalen Parlament, von keiner politischen
Partei kann die Arbeiterklasse die Befreiung erwarten. Sie wird sich
auch nur selbst befreien können von der furchtbaren Geissel, die sie
zu vernichten droht - von dem Krieg.
Und wer den Krieg
wesentlich bekämpfen will, muss die prinzipielle Umwälzung dieses
ganzen gesellschaftlichen Systems wollen, "in einem Wort, man muss
die soziale Revolution akzeptieren in all ihren
Konsequenzen."
Der August 1914 brachte den Bankrott des
offiziellen Sozialismus. - Das war das Schlimmste nicht. Millionen
starben für eine Lüge, auch das war vielleicht das Schlimmste
nicht.
Am 15. August 1914 publizierte das schwedische Blatt
"Brand" ein anarchistisches Manifest 30), in dem gesagt wird, dass
die Tausend, die mit gebeugtem Nacken den Tod jetzt erwarten,
tausendmal gehört haben, wie der Krieg hätte verhindert werden
können, und das mit den Worten endet:
"Einmal richten sich
doch wohl noch die Arbeiter der ganzen Welt aus Blut und Tränen
empor, aufs neue gedenken wir aus dem Chaos uns zu erheben, das die
Gewaltpolitik geschaffen hat, und dann bringen wir eine teuer
erkaufte, aus dem Schlunde der Hölle selbst geholte Erfahrung mit,
eine Erfahrung, Genossen, die mit donnernder Stimme, doppelt
gewaltig uns ruft zum Kampf wider die verbrecherische
kapitalistische Gesellschaftsordnung, die erste und letzte Ursache
dieses Weltunglücks ist. Mögen wir dann zeigen, was wir gelernt
haben, und dass das Blut nicht vergebens geflossen ist."
Das
ist das Schlimmste, das ist das unbegreiflich Fürchterlichste dieses
Krieges. Dort stehen wir heute. Morgen vielleicht bricht die Hölle
wieder los. Vielleicht war der Weltfriedenskongress im Haag bereits
ein zweites Basel. Man wird "Nieder mit dem Krieg" rufen und gegen
die "Kulturschande" protestieren - und dann werden wieder alle
marschieren.
Herzen hat einmal das prophetische Wort
gesprochen: "Ihr habt den Sozialismus nicht gewollt, nun gut, so
werdet ihr den Krieg haben."
Der Weg, den die Arbeiterklasse
heute geht, ist der Weg zu neuem Krieg und neuem
Untergang.
1) Vergl. Karl Kautsky: Die Internationalität
und der Krieg S. 6.
2) Vergl. die Friedensresolution des
Internationalen Sozialistenkongresses 1910 in Kopenhagen.
3)
Vergl. Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx
(Stuttgart 1921) Band III, S. 323, 328.
4) Vergl. James
Guillaume, L'Internationale. Documents et Souvenirs. Tome 1, S.
37.
5) Guillaume a.a. O.S. 51.
6) Vergl. Bakunin's
Sozialpolitischer Briefwechsel mit A. J. Herzen und Ogarjow
(Stuttgart 1895) S. 311.
7) Vergl. 0. Testut, Livre bleu de
l'Internationale, Paris 1870, S. 170.
8) Vergl. Guillaume a.
a. 0. 1 S. 68, 69.
9) Briefwechsel a. a. 0. Band IV, S. 319
und 296.
10) Vergl. Guillaume a. a. 0. II, S. 70.
11)
Vergl. 0. Testut, L'Internationale et le Jacobinisme S.
277
12) Oswald Spengler, Preussentum und Sozialismus (1920)
S. 32, 42, 76.
13) Vergl. Spengler a. a. 0. S. 52, 53. Man
muss ein preussischer Philosoph sein, um den Mut zu haben, 1920! zu
erklären, dass die höchste Form menschlichen Daseins in
Schützengräben, Giftgasen, Dumdumgeschossen,
Kathedralbeschiessungen, Lusitaniaversenkungen, Hungerblockaden,
Bombardierungen aus der Luft und so weiter und so weiter
besteht!
14) Vergl. Verhandlungen und Beschlüsse des
Internationalen Arbeiterkongresses zu Brüssel 1891, S. 27
ff.
15) Protokoll des Intern. Soz. Arbeiterkongresses in
Zürich 1893, S. 21-30.
16) Vergl. Parteitags-Protokoll
Hamburg 1897, S. 122, 134-155.
17) Vergl. Max Nettlau
"Verantwortlichkeit und Solidarität im Klassenkampf" (Der
Syndikalist, Berlin).
18) Vergl. Protokoll des Allgem.
Inter., Soz. Kongresses Stuttgart 1907, S. 65, 66, 67,
81-105.
19) Karl Kautsky "Vergangenheit und Zukunft der
Internationale" (Wien 1920) S. 5.
20) Vergl. Protokoll
Intern. Soz.-Kongress Kopenhagen 1919, S. 36, 37, 99,
103.
21) Vergl. Sozialdemokratie und Landesverteidigung;
herausgegeben vom Bezirksvorstand der Provinz Brandenburg (Vorwärts,
Berlin 1915) S. 9.
22) Vergl. "Die Kriegspolitik der Partei".
(Herausgegeben vom Vorstand der Sozialdemokratischen Partei
Deutschlands.)
23) Kautsky, Vergangenheit und Zukunft der
Internationale, S. 3.
24) Vergl. Eduard Bernstein: Die
internationale der Arbeiterklasse und der europäische Krieg. S. 4,
5, 18, 22, 23.
25) Bernstein a. a. 0. S. 4-5
26) Auf
dem sozialdemokratischen Parteitag-Kongress 1924, Berlin, erklärte
Scheidemann: Ich bin dankbar, dass festgestellt worden ist, dass
Ebert und ich an der Novemberrevolution nicht schuld
sind.
27) Domela Nieuwenhuis, Krieg dem Krieg, Freier
Arbeiter-Verlag, Berlin 1907, S. 14.
28) Vergl. Directe
Actie! De antimilitaristen van de daad op het vreedes-kongres van
het I. V. V., 10.-15. Dec. 1922 door B. de Ligt. B. I. A., Edition
du Bureau International Antimilitariste (Bilthoven, Hollande
1924).
Siehe: "Erkenntnis und Befreiung". Jahrg. Vl. Nr.
1.
29) Vergl. Henriette Roland Holst "De strijdmiddelen der
sociale revolutie" (Bos & Co., Amsterdam).
30) Vergl. Die
Internationale und der Weltkrieg. Materialien gesammelt von Carl
Grünberg. S. 289.