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Replik

Vom "Keine Bühne"-Bündnis

"Dasselbe in grün"

Der Text ist eine Replik auf den Artikel "'ring di alarm' – Homophobie in der Dancehall" von Ramon Esfan in der LOTTA #37.

Grundsätzlich begrüßen wir die Auseinandersetzung um Musik und die darin transportierten Inhalte. Dies fand in den letzten Jahren bis auf einen kleinen Kreis der übriggebliebenen Poplinken viel zu selten statt. Ein vorbildliches Beispiel war die "I can't relax in Deutschland"-Kampagne gegen die Nationalisierung im Pop und in der Gesellschaft. Musik in einen gesellschaftlichen Kontext zu stellen und zu diskutieren ist immer noch die Ausnahme – vor allem im Hinblick auf die Themenfelder Männlichkeitskonstruktionen, Homophobie und Sexismus.

Wem fällt auf, welche tradierten, konservativen Geschlechterkonstruktionen zum Beispiel den Liedern "Haus am See" von dem "Dancehallstar" Peter Fox oder "Monsta" von Culcha Candela zugrundeliegen, die bestimmt auch schon in Räumen, deren Nutzer_innen sich selbst als emanzipatorisch verstehen, gespielt wurden und immer noch werden?

Geschlechterkonstruktionen deutlich machen und in Frage stellen – das wird in der Regel völlig außer Acht gelassen und findet sich auch nicht in dem Text von Ramon Esfan. Er liefert zwar eine richtige Beschreibung der Verwobenheit der jamaikanischen Reggae- und der Dancehallszene mit dem dort herrschenden Kanon aus Homophobie, Sexismus, Frauenfeindlichkeit, Gewalt und Zwangsheterosexualität; die richtigen Schlüsse vergisst er jedoch zu ziehen. Diese dargestellten Zusammenhänge werden unter anderem auch in seinem Text als Rechtfertigung für sexistische und homophobe Aussagen verwendet. Seine Erklärung, das Dissen des Anderen gehöre zum Toasten dazu, ist eine schwache Rechtfertigung und bestätigt uns in der Meinung, dass ein Großteil der Dancehallszene reaktionär, homophob und sexistisch ist. Bei Aggro Berlin oder Gangsterrap, die ihre Wurzeln im Toasten haben, würde keine_r auf die Idee kommen, dieses Argument zur Rechtfertigung sexistischer, homophober Lieder anzuführen. Der aus dem Rastafarianismus entsprungene Babylonmythos, auf den sich etliche Dancehallkünstler beziehen und in dessen Kontext Homophobie konstituierendes Element ist, wurde schon zu einem früheren Zeitpunkt der Diskussion als "Marihuana des Volkes und schwarzer Rassismus" bezeichnet. "Der Volksmusik-Charakter des Reggae in all seinen Spielarten, insbesondere die seit den 80ern besonders populäre Dancehall, ergibt sich nicht zuletzt aus dem Umstand, dass er dem gesunden Volksempfinden Ausdruck verleiht. Deswegen ist die Homophobie auch keine zu vernachlässigende Randglosse im Reggae, sondern zentral und konstitutiv. über die sogenannten Batty Tunes, also die Lieder mit explizit homophobem Inhalt hinaus ist die Abneigung gegen Homosexualität eine Grundstimmung, die den gesamten Habitus des Reggae bestimmt." (siehe: http://www.conne-island.de/nf/119/22.html).

Der seit 1984 in Jamaica lebende Schriftsteller Peter-Paul Zahl sieht den Dancehall und die Batty Tunes als Ursache für die Zunahme von Sexismus und übergriffen auf Homosexuelle. Vor diesem Hintergrund ist die Meinung des Autors Ramon Esfan, "die Ursachen für homophobe übergriffe" seien "nicht in den Songtexten zu suchen, sondern in der Schwulenfeindlichkeit und Gewaltkultur der jamaikanischen Gesellschaft verortet" (LOTTA 37, S. 55), schlichtweg falsch. Die Künstler, die dieses Gewaltpotenzial durch ihre Songs hervorrufen oder anstacheln, haben einen erheblichen Anteil an diesen Auswirkungen.

Weiter zu schreiben – wie in Esfans Artikel in der LOTTA geschehen –, dass Homophobie und Gewaltaufrufe gegen Schwule in Jamaica in der Regel nur ein "symbolischer Ausdruck" seien, ist ein Zynismus, der jährliche übergriffe und Tote auf Jameika schlichtweg negiert. Dann noch Chumbawamba's Textzeile "give di fascist man a gunshot" anzuführen und zu erklären, dies sei ja auch kein Mordaufruf an Faschisten, ist ein Vergleich, der an den Haaren herbeigezogen ist. Im Falle von Rechtsrock würde ein derartiges Beispiel nicht angeführt werden. Auch seine Kritik, dass der Lesben- und Schwulenverband Deutschland das Thema in die öffentlichkeit brachte, ist nicht nachvollziehbar. Ihnen gehört der Beifall, und es ist ein Armutszeugnis für die radikale Linke oder für die, die sich dafür halten, das nicht getan zu haben.

Wie wichtig eine Auseinandersetzung mit dem Thema in der BRD wäre, dafür liefert Ramon Esfan das beste Beispiel. Es ist richtig und wichtig zu schauen, wie sich die Reggae- und Dancehallszene hier generiert und welchen Ausdruck sie hat. Homophobie, Sexismus, Heteronormativität, tradierte Geschlechterkonstruktionen und eine von sich als Männer definierenden Personen dominierte Szene sind unseres Erachtens tief in der Dancehall hier verankert. Was unterscheidet das "Summerjamfestival" zum Beispiel von "Wacken"? Wir denken: Nicht viel, es ist dasselbe in grün.

Wir können in der Dancehallmusik wenig progressive Ansätze finden und nicht erkennen, warum diese Musik bei vielen als alternativ und "links" konnotiert ist. Unseres Erachtens gilt es, die Ausnahmen zu stärken und als Veranstalter_in zu schauen, welche jamaikanischen Künstler_innen nach Europa gebucht werden und diejenigen zu unterstützen, die sich klar gegen Homophobie und Sexismus aussprechen. Bei denen, die sich homophob und sexistisch mit Batty Tunes geäußert haben, halten wir einen Boykott und eine Verhinderung von Auftritten auch zukünftig für richtig und notwendig.

Das Unterschreiben des RCA – die Selbstverpflichtung, keine homophoben Songs zu spielen – reicht uns nicht. Es werden beim Dancehall unterschiedliche Maßstäbe angelegt, bei rechter Musik wäre dies überhaupt kein Thema und die Reaktionen der radikalen Linken wären eindeutig. Liegt es daran, dass sich die Dancehallmusik mittlerweile zu einem eigenständigen, kapitalistisch verwertbaren Popkulturindustriezweig mit eigenen Zeitungen wie Riddim, mit großen Festivals wie der Summerjam und Dancehall-Party in jeder größeren Stadt entwickelt hat?

Unseres Erachtens kommt in der Vermeidung einer kritischen Auseinandersetzung zum Ausdruck, dass die Themen Sexismus, Homophobie und Geschlechterverhältnisse Randthemen in der Gesellschaft und auch in der radikalen Linken sind – oder, wie es in den 80igern hieß, immer noch ein Nebenwiderspruch. Ladyfeste, Antifa-Camps, vereinzelte thematische Vorträge oder Gruppen wie Mackermassaker im AZ Mülheim, deren Festival im Mai für eine längst überfällige Sensibilisierung für diese Themen sorgen will – in diesem Kontext sind auch die entstandenen Bündnisse gegen Homophobie und Sexismus (unter anderem in Wuppertal, Düsseldorf und Berlin) zu sehen und die Wiederaufgreifung des Themas Homophobie und Sexismus in der Dancehallszene. Hieraus erfolgende Aktionen zur Verhinderung von Auftritten von homophoben und sexistischen Dancehallkünstler_innen sind ein Anfang – eine In-Blick-Nahme der übrigen Musikszenen sowie eine Diskussion über homophobe und sexistische Tendenzen in der radikalen Linken müssten die Folge sein. Ohne eine Hinterfragung dieser und der "vorherrschenden" Konstruktionen von Männlichkeiten und Geschlechterverhältnissen sowie eine ehrliche Auseinandersetzung mit den eigenen Geschlechterkonstruktionen und die daraus folgende Dekonstruktion verläuft eine emanzipatorische und gesellschaftsverändernde Politik im Sande oder wird zur Pose.

Zu den Autor_innen
Dass "Keine-Bühne-Bündnis" hat sich im September 2009 anlässlich der Proteste gegen das geplante Elephant-Man-Konzert in Düsseldorf gegründet.

Schwerpunkt der LOTTA #37:
Lauter, schneller, härter

Hardcore, Hatecore und National Socialist Hardcore

 

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