Am 11.02.2017 jährte sich der Tod Viktor Klemperers zum 57-mal. Anlass genug um Viktor Klemperer und seine beeindruckenden Tagebücher von 1933 – 1945, welche unter dem Titel „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“ 1995 im Aufbau-Verlag erschienen, in Erinnerung zu rufen.

Viktor Klemperer wurde am 09.10.1881, als achtes Kind eines Rabbiners in Landsberg/Warthe, geboren. Von 1902 bis 1905 studierte er Philosophie, Romanistik und Germanistik in München, Genf, Paris und Berlin. Bis er 1912 sein Studium in München wieder aufnahm, lebte er in Berlin und war als Schriftsteller und Journalist tätig. Im selben Jahr konvertierte er zum Protestantismus. Seiner Promotion (1913) und Habilitation (1914) folgte 1914/15 eine Anstellung als Lektor an der Universität Neapel. Als Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg war er zunächst an der Front, später als Zensor im Buchprüfungsamt in Kowno und Leipzig tätig. Nach seiner Berufung (1920) zum Professor für Romanistik an der Technischen Hochschule Dresden wurde V. Klemperer 1935 aufgrund seiner jüdischen Herkunft zwangsemeritiert. Das Benutzungsverbot von Bibliotheken machte sein wissenschaftliches Arbeiten unmöglich. [Klemperer, V.; 2006]

In seinem Buch „LTI. Notizbuch eines Philologen“ (Lingua Tertii Imperii – Sprache des Dritten Reiches), welches 1947 im Aufbau-Verlag erschien, beschreibt er, was ihn in all den Jahren zum Schreiben bewegte:

Mein Tagebuch war in diesen Jahren immer wieder meine Balancierstange, ohne die ich hundertmal abgestürzt wäre. In den Stunden des Ekels und der Hoffnungslosigkeit, in der endlosen Öde mechanischer Fabrikarbeit, an Kranken- und Sterbebetten, an Gräbern, in eigener Bedrängnis, in Momenten äußerster Schmach, bei physisch versagendem Herzen – immer half mir diese Forderung an mich selber beobachte, studiere, präge dir ein, was geschieht – morgen sieht es schon anders aus, morgen fühlst du es schon anders; halte fest, wie es eben jetzt sich kundgibt und wirkt.“ [Klemperer, V.; 2016]

In „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933 – 1945“ beschreibt V. Klemperer den Alltag im Nationalsozialismus in Dresden. V. Klemperer ist von Anfang an besorgt über die politischen Entwicklungen in Deutschland und frustriert über den fehlenden Widerstand in der Gesellschaft. Klemperer, der selbst im Ersten Weltkrieg gedient hatte, schrieb „03 April 1933 […] Alles, was ich für undeutsch gehalten habe, Brutalität, Ungerechtigkeit, Heuchelei, Massensuggestion bis zur Besoffenheit, alles das floriert hier“. Mit Bedauern registrierte er den Wegzug viele seiner Freunde und Bekannten, ein Umzug in ein anderes Land kam für ihn selbst allerdings nie wirklich infrage. Ohne Fremdsprachenkenntnisse und als „nutzloses Geschöpf der Überkultur“ (09 Juli 1933) erschien ihm der Anschluss in einem neuen Land unmöglich. Seine ständigen Begleiter sind zum einen seine finanziellen Sorgen und zum anderen ein anhaltender Todesgedanke. Als kritischer Zeitzeuge war ihm das Wegsehen nicht möglich und ein Nicht-ahnen-können der kommenden Verbrechen der Nationalsozialisten erscheint als billige Ausrede derer, die damals willig mitgelaufen sind. Bei seinen präzisen und detaillierten Beobachtungen hält er nicht nur seine eigenen Gedanken und Eindrücke fest, sondern auch geführte Gespräche und Diskussionen mit seiner Frau, seinen Freunden und Weggefährten und anderen Bekanntschaften. Des Weiteren werden auch Gerüchte, Frontmeldungen, Witze, Flugschriften und Reden wiedergegeben.

Mit dem „Gesetz über die Mietverhältnisse mit Juden“ (30.04.1939) wurden Viktor Klemperer und seine Frau Eva Klemperer in verschiedene so genannte „Judenhäuser“ zwangseinquartiert. Hier muss er mit ansehen, wie sich die Zahl der Bewohner ständig verringert: durch Selbstmord und durch Abtransport ins KZ. Die Zerstörung Dresdens am 13. Februar 1945 bedeutete für ihn, seine Frau und viele andere die Rettung vor der bevorstehenden Deportation.

Man hörte sehr bald das immer tiefere und lautere Summen nahender Geschwader, das Licht ging aus, ein Krachen in der Nähe … Pause des Atemholens, man kniete geduckt zwischen den Stühlen, aus einigen Gruppen Wimmern und Weinen – neues Herankommen, neue Beengung der Todesgefahr, neuer Einschlag. Ich weiß nicht, wie oft sich das wiederholte. […] Den Rucksack hatte ich auf dem Rücken, die graue Tasche mit unseren Manuskripten und Evas Schmuck in der Hand, der alte Hut war mir entfallen. […] Krachen, Taghelle, Einschläge. Ich dachte nichts, ich hatte nicht einmal Angst, es war bloß eine ungeheure Spannung in mir, ich glaube, ich erwartete das Ende. […] Darauf riß Eva mit einem Taschenmesserchen die Stella [lateinisch für „Stern“] von meinem Mantel.“ [Klemperer, V.; 2006b]

Nun konnte sich das Ehepaar frei bewegen und Dresden verlassen. Victor und Eva Klemperer flohen bis nach Bayern, wo sie den Einmarsch der amerikanischen Truppen erlebten. Nach der Rückkehr im Juni 1945 wurde Viktor Klemperer im November 1945 zum Professor der Technischen Universität Dresden ernannt und trat noch im selben Jahr der KPD bei. Trotz der Ereignisse in Nazi-Deutschland blieb V. Klemperer bis zu seinem Tod im Februar 1960 in Deutschland und lehrte an den Universitäten in Greifswald, Halle und Berlin.


Quellen:

[Foto] – Victor Klemperer, fotografiert 1946 von Abraham Pisarek.              © epd-bild / akg-images/Abraham

[Klemperer, V.; 1996] – Klemperer, Victor: Leben sammeln, nicht fragen, warum und wozu. Tagebücher 1925-1932, Bd. 2; Berlin (1996): Aufbau-Verlag
[Klemperer, V.; 2006a] – Klemperer, Victor: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten – Tagebücher 1933 – 1945, Bd. 1; Berlin (2006): Aufbau-Verlag
[Klemperer, V.; 2006b] – Klemperer, Victor: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten – Tagebücher 1933 – 1945, Bd. 8; Berlin (2006): Aufbau-Verlag
[Klemperer, V.; 2016] –  Klemperer, Viktor: LTI – Notizbuch eines Philologen; Ditzingen (2016): Reclam-Verlag


Alle zitierten Bücher können über den Buchladen “König Kurt” bestellt werden. Außerdem befindet sich eine komplette Ausgabe der Tagebücher von 1933 bis 1945 (von Viktor Klemperer) in der Bibliothek des AZ☆Conni. Diese können vor Ort gelesen oder ausgeliehen werden. Solltet ihr diesbezüglich Fragen haben, meldet euch einfach bei der jeweiligen Person im Buchladen oder schreibt uns eine E-⁠Mail an koenig-kurt@free.de.

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