Liebe Leser, liebe Leserinnen,
jetzt sind es nur noch ein paar Tage, bis ich definitiv weiss, dass ich
meine Wette verloren habe! Vor fünf Jahren nämlich wettete ich mit
einem Freund, dass unser jetziges Wirtschaftssystem das Jahr 2009 nicht
überstehen würde. Obwohl auch damals schon alle Welt das Jahr 2012
dafür ausgesehen hatte, (wegen des Mayakalenders und der ganzen
Prophezeiungen) blieb ich bei meinen eigenen Überlegungen.Natürlich redete ich oft darüber und wurde dann auch im Oktober 2008 bei der großen Wirtschaftskrise immer wieder darauf angesprochen.
"Jetzt musst du dich doch freuen, dass du Recht behalten hast," hiess
es
häufig. Für mich geht es nicht um Recht behalten oder nicht, sondern
eher um Chancen wahrnehmen für den Paradigmenwechsel. Alle Welt
weiss, dass das nötig wäre, und dennoch wurde die Chance im letzten Oktober
nicht wahrgenommen. Die Löcher im Finanzbereich wurden einfach
gestopft, und es geht weiter wie bisher.
Nicht dass ich mich unbedingt nach dem Zusammenbruch sehne - denn das
würde im jetzigen Moment ein großes Chaos bedeuten, viel Elend und
Gewalt! Aber ist es nicht so, dass die Menschen erst im Notfall reagieren?
Rücken sie nicht zusammen, helfen sich gegenseitig und bauen Grenzen
ab, wenn die Katastrophe schon da ist?
Warum brauchen wir eine aussergewöhnliche Situation, um aufzuwachen?
Was hindert uns daran, den Alltag viel mehr zu respektieren und ihn in ein buntes Gewand zu hüllen?
Nehmen wir den Augenblick als Beispiel. Heute ist Weihnachten, der
24.Dezember 2009. Was heisst das für uns? Eigentlich eine geruhsame
Zeit, in der die Menschen in liebevoller Weise zusammenrücken und
eine andere Perspektive nutzen, den Weg nach Innen suchen, das Licht
entdecken und die Wärme im eigenen Herzen auffrischen. Es schadet
nicht, solche Feste auszurichten und miteinander zu feiern. Wäre es aber nicht viel
erstrebenswerter, diesen Zustand in den Alltag zu holen? Ein
liebevoller Mensch zu sein mit Christus im Herzen? Denken wir daran, wenn wir uns den Stress der vielen Vorbereitungen und der ganzen Arbeit machen?
Was bleibt davon übrig?
Santu, mein Enkelsohn, hat heute Geburtstag. In unserem Telefongespräch bringt er eine Situationsbeschreibung, die Allgemeingültigkeit hat.
Er sagt: "Das ganze Jahr freue ich mich auf diesen Tag! Er soll mir die Gefühle bescheren, die mir so gut tun. Aber heute bin ich etwas erkältet und kann mich darum nicht so richtig freuen. Und dann ist der Tag vorüber und ich muss wieder ein ganzes Jahr warten. Wie ungerecht und gemein!" Wir lachen beide, weil ihm natürlich auch bewusst ist, dass es keinen Schuldigen gibt, der gemein und ungerecht ist. Mit seinen Worten hat er genau das getroffen, was vielerorts zu beobachten ist. Neben Weihnachten muss dann noch der Urlaub herhalten. Auch im Urlaub sollen die tollen Gefühle auftauchen, die unser Leben leicht und paradiesisch erscheinen lassen.
In den letzten Wochen ging es mir schlecht. Die Gelassenheit und Leichtigkeit, die normalerweise mein Leben ausmachten, waren verschwunden.
Schwer fühlte ich mich und ich konnte die innere Unruhe kaum ertragen. Diesen Zustand kannte ich, weil er immer dann auftaucht, wenn es nicht weitergeht. Das Gefühl von Stillstand haut mich jedesmal um. Und die Freude über die Auflösung dieses unangenehmen Gefühls ist grandios, weil sie meistens ganz unverhofft kommt, so wie jetzt! Beklemmung und Druck sind wieder verschwunden, es atmet sich wieder leicht und vor Freude singe und tanze ich.
Was ist geschehen? Bin ich Spielball, ausgeliefert auf ewig den alten Kindheitsmustern, die sich in regelmässigen Abständen zeigen und mir
das Leben schwermachen? Habe ich Unrecht mit meiner Behauptung, wir
könnten unsere Muster auflösen, um uns in der Glückseligkeit einzupendeln?
Ist nicht das Ziel des menschlichen Daseins, eines Tages ganz und gar im
Augenblick anzukommen, alles zu nehmen, wie es ist ohne Erwartungen?
Sind wir nicht dann in der Lage, mit Gelassenheit unser Leben zu meistern?
Ich weiss inzwischen, wie sich so ein Leben anfühlt, hatte ich doch genügend
Chancen in den letzten Jahren, in eine bestimmte Richtung zu gehen. Mein
Rückfall in die Schwere hatte mit den Erwartungen an mich selber zu tun,
an bestimmte "Erfolge", die ich glaubte, vorweisen zu müssen. In dem
Moment, in dem ich sagen kann, von Herzen sagen kann: "Dein Wille geschehe!" lasse ich etwas los, was mich fesselt!
Meine atheistischen Freunde verdrehen die Augen bei diesem Ausspruch,
weil für sie eine höhere Instanz, sprich Gott, uns manipuliert und bestimmt! Für mich steckt in dem "Dein Wille geschehe" ein Ordnungsprinzip, in dem die Liebe die größte Rolle spielt. Sie hält und trägt uns und die Welt. Ich empfinde mich beim Loslassen meiner eigenen Vor-stellungen dazugehörig, Teil des Ganzen, Teil der Liebe, ein
Rädchen im Getriebe. Das fühlt sich so gut an, dass alles in mir jubiliert.
Ein schönes neues Jahr, mit oder ohne Zusammenbruch im Sinne von "es
kommt, wie es kommt" oder "alles ist gut" wünscht Heidemarie Schwermer im Dezember 2009