Zusammenfassungen und Auszüge aus dem Rundbrief der AG SPAK - TAK-AÖ, Sommerseminar 1987

Abschnitt der Arbeitsgruppe "Wirtschaftstheorien des Anarchismus",
Seite 63-104, Auswahl und Anmerkungen (shs) von Siegfried H. Schwenke.

An Ingrid, Urta, Burghard, Dietmar, Gerd und Gerhard besten Dank für die anregenden Diskussionen, die Geduld und Ausdauer, mit der Ihr Euch in die oft trockene Materie gestürzt habt!

[AG SPAK = Arbeitsgemeinschaft Sozialpolitischer Arbeitskreise, TAK-AÖ = Theoriearbeitskreis Alternative Ökonomie (-5-)]

Protokoll vom Montag, AG Anarchismus, 1. Hälfte von Gerhard

Das Thema des Arbeitsabschnittes bestand darin, die Geschichte des "marktwirtschaftlich" orientierten Anarchismus aufzuzeigen bzw. uns von Sigi die gemeinsamen Vorstellungen der Linie von Proudhon zu Tucker mit neueren Ideen z.B. von Beckerath erklären zu lassen. Einer der unter anderem von der biblischen Zinskritik inspirierten Klassiker dieser Richtung in den USA im 19. Jahrhundert war W. B. Greene, der 1848 das Buch "Mutual Banking" herausbrachte. Ein Werk über Warren, Tucker und alle ihre bekannten Mitstreiter ist "Men against State" von J. J. Martin (unsinnigerweise wurde die deutsche Übersetzung "Männer gegen den Staat" genannt statt "Menschen"). Im folgenden entwickelte Sigi deren Grundvorstellungen, wobei von der Gruppe immer wieder Brüche empfunden wurden. Das führte dazu, daß an bestimmten Knackpunkten der Theorie deren Grundannahmen heftig diskutiert wurden.

Die grundlegenden Ideen:

Jeder soll Wechsel diskontieren und Banknoten drucken lassen können, was in dieser Theorie dasselbe ist (Banknote = Wechsel in kleinen Scheiben). Die Ausgabe von Geld soll eine als Ausgangspunkt der ökonomischen Misere angenommene Geldknappheit bekämpfen. Da in dieser Theorie die Geldknappheit wiederum Ursache für den Zins darstellt, würde der Zins wegfallen. Gegenstand der Kritik ist das Einlösungsversprechen der Banknoten in Gold, das in der klassischen Ökonomie besteht. Gold soll in dieser Theorie lediglich Wertmaß für die Währung sein (vergleichbar dem Urmeter), nicht als materielle Deckung für das Geld fungieren. Der Rechtsanspruch auf Währungsgut wird in Frage gestellt. Der Vorteil von (Wechsel-) Banknoten als Zahlungsmittel besteht laut dieser Theorie darin, daß ihre Laufzeit begrenzt werden kann und sie somit auch immer wieder beim Ausgeber auftauchen. Der Geldfluß wäre steuerbar. Ein Vorschlag besagt, daß eine bestimmte Sorte von Noten immer nur an Kunden in höchstens 50 km Entfernung ausgegeben werden. Das Geld verteilte sich dann nicht ungleichmäßig innerhalb dieses Raumes, was als ein Kardinalfehler des derzeitigen Wirtschaftssystems angesehen wird.

Empirisch verweist Sigi immer wieder auf das Schottland um 1760, wo praktisch schon alles richtig entwickelt war, nur formell noch das Einlösungsversprechen in Gold bestand. Die Käufer boten den Ladeninhabern gegenüber ihre in Banknoten transformierten Wechsel an, deren Gegenwert aus einem Leistungsversprechen irgendeines Unternehmens bestand. Das Ideal dieser Theorie besteht aus Verrechnungsbanken ohne Einlösungsversprechen. Die Zinsnahme würde wegfallen, weil die Ursache für den Zins letztendlich darin besteht, daß zuviele Kunden ihre Einlösungsversprechen in Gold realisiert haben wollen (letztendliche Ursache für den Zins also: Die konstatierte Geldknappheit).

Beckerath entwickelt die Theorie insofern weiter, als er einen Zins, der nicht auf diesen angenommenen ursächlichen Zusammenhängen beruht, in seinem "idealen" Wirtschaftssystem durchaus für möglich hält. Nämlich Zins als Gegenleistung für Konsumverzicht des Gebers soll bei langfristi-gen Darlehen möglich sein. Dieser Zins wäre laut Beckerath allerdings viel niedriger als heute.

Ich versuche nun, die während der Darstellung aufgeflammten Diskussionen zusammenzufassen, indem ich zuerst die stillschweigenden Voraussetzungen der Theorie und dann die Kritikpunkte, die in der Gruppe laut wurden, darstelle.

a) Voraussetzungen:

Das Geld wird gesehen als reines Umtauschmittel; seine Funktion ist die eines Schmiermittels, das den Warentausch flutschen läßt. Es liegt keine tiefgreifende historische Analyse über den Charakter des Geldes zugrunde.

Ausgangspunkt für die wirtschaftliche Misere ist Geldknappheit, d.h. alles liegt daran, daß Umsätze nicht zustandekommen oder Produktion unterbleibt wegen Geldknappheit.

Dritte Voraussetzung: Die bereits erwähnte monokausale Herleitung des Zinsphänomens.

b) Diskussionspunkte / Kritiken:

1. Was wären die Ausweichsysteme, die entstehen würden, wenn das System der dezentralen Verrechnungsbanken eingeführt würde. Was wäre überhaupt der Vorteil dieses dezentralen Systems gegenüber den offensichtlichen Nachteilen wie Kompliziertheit beim Reisen, dauerndes Umrechnen der verschiedenen Kurse, Bürokratisierung. (Würde Hans im Glück dann wieder mit seinem Säckel Gold durch die Gegend ziehen?).

2. Die Darstellung vermengt Ideal und Realität, bzw. mißt Realität nur daran, inwiefern sie vom Ideal abweicht.

Die Punkte wurden an-, aber nicht ausdiskutiert. Der reale Ablauf der Diskussion war um ein Vielfaches chaotischer als das Protokoll selbst. ...

Protokoll vom Montag, 2. Teil von Burghard

Aufgrund der Schwierigkeiten, den Ausführungen von Sigi zu folgen, wurde im 2. Teil der Sitzung versucht sich verstärkt an einem Text zu orientieren, um allen eine bessere Struktur bzw. Grundlage zu ermöglichen. Als Vorlage diente der Text von Laurance Labadie: "Geldemission und Freiheit" abgedruckt aus MFN Rundbrief Nr.1 in den Vorbereitungsunterlagen (Rundbrief Alternative Ökonomie 39).

Nach Labadie läuft der Umsatz von Waren folgendermaßen ab: Ein Bauer oder Fabrikant produzieren. Sie geben ihre Waren an einen Händler ab, der ihnen einen Wechsel gibt. Mit diesem Wechsel holt der Bauer / Fabrikant Geld von der Bank, mit dem er die Arbeiter bezahlt, die davon wiederum Waren kaufen. Von dieser "Analyse" ausgehend wurden, den Text und die Darstellung von Labadie voraussetzend verschiedene Problempunkte anarchistischer Herangehensweise an Wirtschaftsfragen diskutiert:

Ökonomische Krisen werden auf das bestehende Geldsystem zurückgeführt, insbesondere das Auseinanderfallen von Geldmitteln als Umsatzmitteln und den zur Verfügung stehenden Waren. Da erstere zu wenig da sind, kommt es letztlich zur Unterkonsumption. Als Lösung wird bei Labadie die Ausgabe von "Gutscheinen" als dezentraler Geldersatz vorgeschlagen, wobei jedem Gutschein immer das entsprechende Produktionsgut als Wert bzw. austauschbare Leistung gegenübersteht. Durch ein solches System kann es zu einem Auseinanderklaffen von Geld und Ware nicht kommen.

Dies wird allerdings angezweifelt. Als Beispiel wird auf eine Großunternehmung hingewiesen, die ihre Waren bei der Stadt und in der Umgebung, in der sie angesiedelt ist, nicht mehr absetzen kann aufgrund der günstiger angebotenen Waren einer ausländischen Konkurrenzfirma. So schlußfolgert Urta: Das System ist nicht auf eine internationale Wettbewerbswirtschaft ausgerichtet. Siegfried widerspricht dem allerdings, betont dabei, daß ein Ausgleich der Warenströme stattfinden muß.

(Noten und Guthaben, die sich auf dasselbe Währungsgut beziehen, können bequem den normalen Zirkulationsraum verlassen, die Verrechnung von "New Yorker Gutscheinen in London gegen Londoner Gutscheine in New York" dürfte einen erheblichen Teil der Umsätze regeln, den "Rest" erledigt im wesentlichen der Mechanismus der Kursschwankungen, shs).

Als noch größeres Problem wurde die Landwirtschaft angesehen. Deren Zyklen bei der Güterproduktion und der entsprechende Geldbedarf sowie der Produktverlauf sind erheblich länger und unregelmäßiger als bei Labadie mit dem kurzfristigen "Geldemissionssystem" mit seiner Begrenzung auf drei Monate wie vorgeschlagen wird. (Die Kurzfristigkeit ist der Grund bzw. die Begründung, weshalb ein Zins in diesem System keinen Platz hat).

Ähnliche Problembeispiele wurden aufgeführt und diskutiert: So gibt es bei innovatorischen Gütern infolge deren kurzfristigen Lebenszyklus (Mikroelektronik) anfangs kein Wissen darüber, so daß diese nicht aufgrund von Vorbestellungen über Warengutscheine vorfinanziert werden können. Außerdem bringt das Vorhandensein der Produkte als Sicherheit nicht viel (Produkte als Sicherung auf zukünftige Produktion), da sie durch die Einführung sogenannter Substitutionsgüter (neue und bessere Produkte) wertlos werden können.

Auch ein Arbeitsloser, der im Zustand der Arbeitslosigkeit Gutscheine als Geldersatz erhält, weil er verspricht Arbeiten zu leisten und darauf eine Art Wechsel ausstellt, ist entweder ein hohes Risiko oder führt zu erheblichen Lohnreduzierungen, wenn der betreffende seine Arbeitsleistung dann trotzdem nicht wegbekommt oder dafür jede Arbeit annehmen muß. Dieser Wechsel soll nach Labadie ebenfalls eine begrenzte Laufzeit erhalten und stellt nach diesem ein sofort fälliges Versprechen dar, da die Leute aufgrund dieses Wechsels auf jeden Fall demjenigen, der den Wechsel bei ihnen einlösen will, ihre Arbeitsleistung zur Verfügung stellen. Dies läuft letztendlich auf beliebige Lohnsenkungen hinaus. Daß so eine Kaufkraftbeschaffung der Arbeitslosen (Ersatz für fehlende Lohnzahlungen) erreichbar sei, wurde insofern von der Gruppe sehr bezweifelt.

Entsprechend wurde auch die Herleitung der Arbeitslosigkeit aus der Zinsproblematik angefochten, selbst wenn die beiden Hochzinsphasen in den letzten beiden Jahrzehnten das heutige Arbeitslosenproblem mitbedingen. So ist sicherlich auch der technische Fortschritt mit seinen Auswirkungen der permanenten Rationalisierung ein wichtiger Grund für den Mangel an Arbeit bzw. an dem Kauf von Arbeitskraft. Generell läßt sich für diesen Teil der Diskussion bzw. als Kritik mit an dem Labadie-Text und der Herangehensweise der geldtheoretisch orientierten Anarchisten festhalten: Wirtschaftskrisen können nicht generell durch das Notensystem und das Monopolgeldsystem erklärt werden. Außerdem kann es nicht darum gehen, ein gleiches Wirtschaftssystem ohne Arbeitslose, also ein Vollbeschäftigungssystem herzustellen. Der andere Charakter einer Wirtschaft wurde aber zumindest aus den Ausführungen von Labadie nicht klar, was also beispielsweise die Veränderung der Geldorganisation für Auswirkungen auf die Arbeitsorganisation und damit die Situation des einzelnen Arbeiters haben soll. D.h. Ursachen werden monokausal über den Zins erklärt, aber das, was sich daraus positiv verändern würde oder könnte oder sollte, wird nicht formuliert. Insofern sind an eine verständlichere Darstellung der Wirtschaftstheorien des Anarchismus folgende Anforderungen zu stellen:

  1. Darstellung von Zielsetzung und Ideal einer anarchistischen Wirtschaftsform
  2. Einbeziehung und Auseinandersetzung mit alternativen Zinserklärungen
  3. Versuch einer realistischen Wirkungsanalyse, die potentielle negative Ausweichformen im Rahmen der formulierten Organisation mitanalysiert
  4. Stärkere Entmischung von Ideal und realer Geschichte.

Protokoll vom Dienstag, Burghard Flieger
Arbeitssitzung zum Text über das Eisenbahngeld von Dr. W. Zander (siehe MFN - Rundbrief Nr.3)

Der Vorschlag von Zander zur Ausgabe von Eisenbahngeld wurde von uns als praxisorientierte Erläuterung der besprochenen Theorien angesehen. Die Grundidee besteht darin, daß das Unternehmen Bahn (durch Geldknappheit in eine Krise geraten) Schuldscheine ausgibt (Gutscheine aus der Sicht des Inhabers). Die Gutscheine werden allgemein gehandelt und ihre Einlösung kann jederzeit durch die Inanspruchnahme der Eisenbahn garantiert werden. Eine Überschuldung wäre unmöglich, denn wenn die Bahn zu viele Scheine ausgibt, tritt ein Regulierungsmechanismus in Kraft. Die Scheine, zum Nennwert ausgegeben, würden darunter (unter 100 %) auf dem Markt gehandelt, was für die Bahn ein Signal wäre, die Ausgabe weiterer Scheine einzustellen. Für die Eisenbahn-Noten besteht kein allgemeiner Annahmezwang, nur die Bahn selbst ist verpflichtet, sie in Form von Beförderungsleistungen einzulösen. Das System würde den Vorteil bieten, daß Kaufkraft immer zum Schuldner, hier also zur Bahn, zurückfließt (nach Zanders Ansicht sind etwa 1 % täglich nötig, um den Marktkurs auf Nennwerthöhe (100 %) zu halten. Die Scheine würden nach dem Zurückfließen an die Bahn vernichtet werden, jede Neuausgabe wäre ein neuer Umsatzakt, der einen neuen Gutschein nötig macht, um sich über das Verhältnis von Rückstrom und emittierter Notenmenge im klaren zu sein. Die Bahn sollte in diesem Modell die neuen Scheine für laufende Ausgaben verwenden. (Für die Investitionsfinanzierung muß die Bahn nach wie vor selber "sparen" oder von anderen Verrechnungsguthaben langfristig ausleihen, shs). Auf den Punkt gebracht wurde das Prinzip durch den folgenden Definitionsversuch: Es handelt sich eigentlich um Naturaltausch, vereinfacht durch ein banktechnisches Hilfsmittel.

Diskussionen entwickelten sich um die Grundvoraussetzungen. Ausgangspunkt für die Überlegungen war die Geldknappheit der Bahn, die behoben werden sollte durch Gelddrucken, wodurch Geschäfte zustande kämen, die es im normalen Kapitalismus nicht würden. Nicht berücksichtigt wurde eine eventuelle Konkurrenzsituation zum Straßen-transport o.ä. als Ursache für die Lage der Bahn....

Ein Diskussionspunkt war, welcher Anreiz zur Annahme des Eisenbahngeldes bestünde, wenn keine Zinsvorteile existierten. Es wurde erwidert, daß der Anreiz praktisch darin gegeben sei, dieses Geschäft mit der Bahn überhaupt zu tätigen, da es ja auf der Grundlage von normalem Geld nicht oder nur zum Teil zustande gekommen wäre.

Unterschiede zum jetzigen System:

  1. Heute muß die Bahn Zinsen zahlen, wenn sie einen Umsatzkredit aufnimmt.
  2. Der Rückstrom der Kaufkraft zum Schuldner (Bahn) ist heute nicht garantiert.
Es wurden leichte bis mittelschwere Zweifel am systemsprengenden oder auch nur systemzerbröselnden Charakter dieser Maßnahme geäußert. Es erfolgte noch ein Hinweis auf das Buch "Co-Op" von Upton Sinclair, in dem dieser Kreditgedanke auch versteckt vorkommt. Als brauchbar könnten sich diese Ideen im ökologischen Marketing erweisen, weil die Gutscheine durch das Leistungsversprechen bestimmter Betriebe eine gewisse Kundenbindung an diese erzeugen.

Gerhard - Protokoll der 4. Sitzung am 23.7.87

Gegenstand dieses Tages war der Text von Helmut Rüdiger aus dem Jahr 1949 "Diskussionsbrief über Proudhon und den Syndikalismus".

Um uns dem Text zu nähern, wollten wir zunächst alle die uns zentral erscheinenden Gedanken zusammentragen.

Ingrid:
Die Gegenüberstellung und der Vergleich der "drei großen Denker" des Anarchismus (Proudhon, Bakunin und Kropotkin) und die Auseinander-setzung mit Marx; dadurch wurde der Einstieg in das Gedankengut erleichtert.

Gerd:
Die Darstellung der Gedankenwelt und ihr Zusammenhang mit der Entstehungszeit, was eine Übertragung auf die heutige Diskussion ermöglicht (im Gegensatz zu den Detail-Vorschlägen bezüglich der Umsetzung in den anderen Texten).

Gerhard:
Ich war zunächst sehr beeindruckt von dem Text, was sich jedoch unter Berücksichtigung der Entstehungszeit relativierte. In dieser Zeit der enttäuschten politischen Hoffnungen (Nachkriegszeit, Entstehung bzw. Festigung der Machtblöcke) sucht der Text eine Zwischenlösung, versucht einen Kompromiß. Der Text ist schwammig, die Frage von Reform versus Revolution wird angesprochen, aber nicht beantwortet.

Urta:
Proudhons Überlegungen zur nicht-stabilen Gesellschaft, in Anlehnung an Hegel: jede Wirklichkeit - These - erzeugt einen Widerspruch zu sich selbst - Antithese. Aus Antithese und These entwickelt sich die Synthese, die wiederum selbst eine These darstellt.

Sigi:
K.R. Popper (Vertreter des kritischen Rationalismus) hat herausgearbeitet, daß die instabile Gesellschaft (psychisch) nur schwer auszuhalten ist und die Forderung nach staatlicher Ordnung entstehen läßt. Totalitäre Regime entspringen meist dem Wunsch, jede Abweichung (Instabilität) von der Ideologie oder den Idealen zu verhindern.
Indem Bakunin und Kropotkin zu sehr von der Edelmütigkeit des Menschen ausgehen, nehmen sie ein mögliches Ergebnis einer (sicherlich) langen Entwicklung (den sozialistischen Menschen) zur Voraussetzung ihrer Theorien.
Es gibt viel Proudhonismus, ohne sich namentlich auf ihn zu beziehen. Dies läßt sich für 1949 wie auch für heute (1987) sagen.

Ingrid:
Die Gedanken zum Syndikalismus, der niemals nur die Arbeiterbewegung vertreten kann, sondern sich (wie z.B. in Spanien) auch auf nationale Traditionen, uralten Individualismus, die Kämpfe der Bauern und Bürger, Überlieferungen religiöser Toleranz u.a.m. beziehen muß.

Gerhard:
Die Verbindung des Rechts auf Faulheit mit dem Recht auf Konsum-verzicht. Der Gedanke, nicht zur Gewalt aufzurufen, da sich die Gewalt 'ohnehin' einstellen wird.

Burghard:
Die Abgrenzung zu Bakunin als Utopisten und zu Kropotkin, der den ökonomischen Bereich vernachlässigt. Proudhon dagegen geht von bestimmten ökonomischen Faktoren aus, z.B. das Recht auf Faulheit als Freiheitsspielraum, das Konkurrenzprinzip usw.
Der Leistungsbegriff und der Umgang mit Knappheit, ausgehend vom Markt- und Konkurrenzprinzip sieht er eine freie sozialistische bzw. an anderer Stelle eine genossenschaftlich-sozialistische Marktwirtschaft vor. Reform und Umwandlung der Gesellschaft durch Nicht-Inanspruchnahme des Staates, d.h. ohne Staat. Die Vielfalt von möglichen Unternehmen und Formen wirtschaftlicher Aktivität.
Die Veränderung der Gesellschaft durch ökonomische Veränderungen im Bereich der Kreditvergabe, Produktion und Tausch.

Urta:
Die Frauen, ihre Situation, ihre reale und mögliche Rolle und der gesamte Reproduktionsbereich bleiben vollständig ausgespart.

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Für die Diskussion wurden aus der vorstehenden Sammlung 5 Punkte ausgewählt:

  1. Die Frage von Reform und Revolution
  2. Proudhons Hegelianismus
  3. Die Gewaltfrage
  4. Das Recht auf Faulheit
  5. Marktsozialismus

Urta - Protokoll Anarchismus-AG, Freitag Nachmittag
Unsere Sackgasse: die Geldtheorie

... Ich sehe unser Problem darin, die ziemlich abstrakte Herleitung losgelöst von den uns fragwürdig erscheinenden Voraussetzungen und den Umsetzungsschwierigkeiten zu betrachten. Auf der anderen Seite haben sich unsere Zweifel nicht abstrakt zerstreuen lassen. Die Sackgasse bestand dann in der Regel darin, daß es unfruchtbar ist, die abstrakte Herleitung gegen die Umsetzungsschwierigkeiten zu diskutieren.

Mir (dem Protokollanten) bleibt unklar, ob die Theorie auf zu schmalen (sektiererischen) Füßen steht oder ob ich zu borniert bin, meine "ökonomische Sozialisation" weit genug auszublenden.

Gerhard soll im Plenum unsere Zweifel an den Voraussetzungen darstellen:

Gedanken zu Helmut Rüdiger: Proudhon und der Syndikalismus

Am Donnerstag hatten wir zwei Schwerpunktinteressen aus dem Text:

a) Marx und Proudhons Auslegungen des dialektischen Prinzips, oder weniger bombastisch: der Umgang mit Widersprüchlichem, dazu auch die Frage von Revolution, Reform und Gewalt
b) Proudhons ökonomische Vorstellungen von der "sozialistischen Marktwirtschaft"

zu a) Proudhons Sozialismus beginnt bei konkreten sozialen Interessen, er entwickelt sich von einem Schritt zum anderen. Er wird von den "Arbeiterkollektiven", den "Armeen der Revolution", "in der Werkstatt und auf dem Warenmarkt" "durch Organisation der wirtschaftlichen Initiative der Massen" entschieden. Die Gewalt braucht dabei nicht hereingetragen werden sondern "sie tritt von selber ins Spiel". Genauso wie der Sozialismus als ständiger Erneuerungsprozeß begriffen wird ("Vollkommenheit bedeutet Tod") entwickelt sich die Theorie ständig weiter, gelegentlich auch in widersprüchlicher Art.

Bei Proudhon ergibt sich eine gesellschaftliche Entwicklung aus der Spannung zwischen Gegensätzen (die nach einem dynamischen Gleichgewicht suchen) dieses Gleichgewicht versteht er als Synthese (antinomisches Prinzip). Dementsprechend ist Proudhon auch antidoktrinär und fordert Toleranz.

Marx würde dagegen eine Synthese nur als Überwindung von These und Antithese auf einer höheren Ebene sehen (wobei dann die Synthese allerdings gleichzeitig wieder eine neue These wäre).

zu b) In der bestehenden kapitalistischen Wirtschaft soll ein genossenschafts-syndikalistischer Sektor begründet werden, der nach den Prinzipien der zinsfreien Kreditwirtschaft organisiert ist. Kennzeichnende Voraussetzungen sind:

Dieser zinsfreie Sektor sollte den Kapitalismus aufgrund seiner überlegenen ökonomischen Organisation immer weiter in den Hintergrund drängen (der aber weiter bestehen bleiben darf).

Gegen die Vorstellung, daß dieses Durchsetzen wirklich in der gedachten Richtung stattfindet, sperrten wir uns zunächst (aus historischer Erfahrung). Eine andere Frage war, wie der zinsfreie Sektor frei von arbeitslosen Einkommen bleiben soll, wenn er in Koexistenz gleichzeitig am Markt teilnimmt und damit möglicherweise Spekulationsgewinne realisiert. (...) Als problematisch empfanden wir die Zuordnung von Gewinn entweder als Mehrwert oder Arbeitsentlohnung eines individuellen Unternehmers.

Die politische Organisation entsteht nach Proudhon aus der ökonomischen. Die Gemeinden (für die freie Zuordnungsmöglichkeit konstituierend ist) sollen föderalistisch organisiert sein, Entscheidungen möglichst weit nach unten verlagert werden.

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Literaturhinweise:

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