Laurance Labadie:
Wert, Privileg, Wucher

Wert ist das Umsatzverhältnis eines Gutes, gemessen und bezogen auf ein Währungsgut. Nützlichkeit bei der Befriedigung von Wünschen ist die fundamentale Qualität, von der der Wert abhängig ist. Nützlichkeit bedeutet in der Wirtschaft nicht die tatsächliche Fähigkeit eines Gutes, ein Ergebnis zustande zu bringen oder dabei zu helfen, es zustande zu bringen, sondern es bedeutet die MENSCHLICHE EINSCHÄTZUNG seiner Fähigkeit, Wünsche zu befriedigen.

Diese Einschätzung mag irrig sein, ist aber letztendlich das Maß des Wunsches nach dem Gut. Wunsch und Nützlichkeit mögen deshalb in diesem wirtschaftlichen Sinn als auswechselbare Begriffe betrachtet werden.

Nun ist beim Beschaffen der Güter eine Anstrengung zu leisten. Ohne diese Anstrengung würde nichts Wert besitzen, denn niemand würde ein Gut gegen ein anderes, welches man ohne Anstrengung haben kann, austauschen. Notwendig sind also zwei Faktoren, damit etwas Wert besitzen kann, der Wunsch und die zu leistende Anstrengung, NÜTZLICHKEIT UND ARBEIT. Der Wert kann durch Stimulierung von Wünschen oder durch Schaffung von künstlichen Hindernissen für die Produktion gesteigert werden, wodurch die ausgleichende Wirkung von Angebot und Nachfrage im Wettbewerb beeinflußt wird.

Wenn man nun voraussetzt, daß Anstrengung zum Erwerb zweier Güter des Austauschs notwendig ist, wird man sie dann nicht auf der Basis gleicher Anstrengungen umsetzen? Nicht zwangsläufig, denn wenn A ein Gut mit einem Aufwand von 10 und ein anderes Gut mit einem Aufwand von 20 produzieren kann, und das Ausmaß des Aufwands für Produzent B genau umgekehrt liegt, wird es zum Vorteil beider gereichen, in jedem Verhältnis zu produzieren und umzusetzen, in dessen Grenzen es einen verminderten Aufwand für beide Parteien bedeutet. Wenn A 10 mal so viel wie B verdient, ist es für B immer noch von Vorteil, so lange auszutauschen, wie er, aufgrund des reduzierten Aufwands, im Erwerb seines letztendlich Gewünschten verdient. Das tatsächliche Umsatzverhältnis würde durch psychologische und materielle Bedingungen bestimmt werden.

Wenn aber die Anzahl der Produzenten steigt, entsteht Wettbewerb beim Warenangebot, welcher mit Vorteilen durch eine Abnahme des Aufwands im Zuge der Arbeitsteilung einhergeht. Und setzen wir genügend Produzenten jeder Ware voraus, die die betreffenden Wünsche danach befriedigen können, wird sie der Wettbewerb zum Umsatz auf der Basis von Arbeitszeit oder Anstrengung führen, die es kostet, die Produktionshindernisse zu überwinden.

Sollte die Nachfrage nach einer Ware größer sein als ihr zum Umsatz gestelltes Angebot, ist es fast sicher, daß ein Preis- oder Wertanstieg folgt (Preis ist der Wert, ausgedrückt in Einheiten des Währungsgutes). Setzen wir eine Anzahl von Produzenten voraus, deren Eignung zur Produktion verschiedener Waren etwa gleich ist, wird es einen Kapital- und Arbeitszufluß in die Produktion derjenigen Waren geben, welche in ihrem Umsatzwert gestiegen ist.

Man könnte sagen, daß bei FREIEM WETTBEWERB, d.h. freier und gleicher Zugang zu den Produktionsmitteln, zu den Rohstoffen und zu einem uneingeschränkten Markt der Preis bei allen Waren dahin tendieren wird, immer mit dem für ihre Produktion nötigen Aufwand bemessen zu werden. Mit anderen Worten: die Arbeit wird als ein Faktor beim Bemessen von Wert vorherrschend werden.

Sollte es jedoch irgendwelche Behinderungen dieser für den freien Wettbewerb nötigen Phasen geben, wird der Wunsch- bzw. Nützlichkeitsfaktor dazu neigen, als Faktor beim Umsatzwert der Güter stärker hervorzutreten, bei deren Produktion eben künstliche Hemmechanismen angesetzt worden sind.

Diese künstlichen Hemmechanismen, die die Ursache der drei wichtigsten Formen des Wuchers darstellen - Zins, Sachkapitalrendite und Bodenrente - sind aus anarchistischer Sicht, in der Reihenfolge ihrer Wichtigkeit:

Anarchisten behaupten weiterhin, daß Regierung und Staat UNFREIWILLIGE UND ANGREIFENDE Institutionen sind, entstanden und aufrechterhalten zum Zweck des Schutzes und der Erzwingung antisozialer Gesetze. Sie behaupten, daß die allererste Tat von Regierungen, die Zwangsbesteuerung, nicht nur eine Verleugnung des Rechts des Individuums ist, zu bestimmen, was es kaufen und wieviel es bieten soll, sondern sie ist nichts als die Hinzufügung einer Beleidigung zu einer Schädigung, wenn eben das von ihm erpreßte Geld zu seinem Nachteil verwendet wird. Deshalb versuchen sie, die Leute in dem Glauben zu bestärken, daß Regierungen, sei es die Herrschaft über die Masse von ein paar wenigen oder die Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit, sowohl tyrannisch als auch ungerecht sind, und daß jede Form der Herrschaft zum Nachteil der Beherrschten zurückprallen muß.

Wie die Regierung die PRIVILEGIEN schützt, durch die wucherische Ausbeutung ermöglicht wird, kann man leicht an Hand einer Untersuchung erkennen. Der Geldzins entsteht aus dem einem bestimmten Währungsgut (z.B. Gold oder Zentralbanknoten, shs) zugeschriebenem Privileg, als Grundlage für die Schaffung von weiteren Umsatzmitteln benutzt zu werden. (Alle, die Umsatzmittel schaffen wollen, werden vom Gesetz gezwungen, die Einlösung der Umsatzmittel in Währungsgut zu versprechen, shs). Gleichzeitig wird die Kontrolle über den Umsatzkredit und die langfristigen Investitionsdarlehen indirekt in die Hände derer gelegt, die dieses Währungsgut besitzen. Der Zins ist somit einfach ein Kapitalertragsanteil, der an die privilegierte Klasse geht für das Recht, den Kredit der Menschen zu mobilisieren. Und: "Der Zinssatz des Geldes bestimmt den Zinssatz jedes anderen Kapitals, dessen Produktion dem Wettbewerb unterliegt". Der Zinssatz ist ein Anzeiger des "Nutzwerts" des Geldmonopols und hat keine Beziehung zu den Arbeitskosten der Geldverwaltung, weil der Wettbewerb im Recht, verkaufsfähige Güter mit Umsatzmitteln auszustatten, auf die Besitzer eines bestimmten Gutes eingeschränkt wurde.

Der Zins ist nichts weiteres als eine Steuer und wie ALLE Steuern von Natur aus prohibitorisch. In allen Unternehmen wie bei allen Individuen gibt es Abstufungen der Leistungsfähigkeit. Wegen dieser leichten Ungleichheit natürlicher Fähigkeiten und wegen früherer Ausbeutung haben sich Individuen und Vereinigungen von Individuen entwickelt, welche verschiedene Anhäufungen von Vermögen besitzen. Nun laßt uns sehen, wie es dazu kommt, daß der Zinssatz des Geldes den Zinssatz (d.h. Kapitalertrag oder der Teil des Profits, der nicht auf erhöhter Leistungsfähigkeit beruht) aller anderen Kapitalien bestimmt, deren Produktion einem Wettbewerbsangebot unterliegt. Mit letzterem sind Gebäude, Maschinen und Produkte wie Lebensmittel, Kleidung, Eisenwaren, Unterhaltung usw. gemeint. Der größere Produzent dieser Dinge ist vermögend genug, um das Kapital, das er verwendet, zu besitzen, während der kleinere (besser: neuere, shs) Produzent einen Teil seines Sachvermögens zu verschulden gezwungen ist, d.h. Darlehen zu nehmen um in einem Ausmaß zu produzieren, das vergleichbar ist, einige der Vorteile einer Großproduktion zu erhalten. Nun hat er, zusätzlich zu den unveränderten natürlichen Produktionskosten einen zusätzlichen Kostenfaktor, welcher eine Zahlung für die Erlaubnis, sein Vermögen zu monetarisieren, darstellt. Da der Preis derselbe ist, den beide Produzenten für ihre Waren erhalten, ist es offensichtlich, daß der für keinen Teil seines Sachkapitals verschuldete Produzent einen Profit erntet, der dem Zinssatz entspricht plus dem Betrag, der aus erhöhter Leistungsfähigkeit oder den sinkenden Kosten bei Großproduktion resultiert.

Ähnlich verhält es sich bei allen dem Angebot im Wettbewerb unterliegenden Dingen. Der Zins, die bei weitem mächtigste Kraft bei der Aneignung arbeitslosen Einkommens, quetscht den kleinen Mann aus und verursacht die Akkumulierung immenser Beträge von Vermögen in immer weniger Händen. Ohne ihn könnten Großunternehmen sich nicht bilden, es sei denn durch gemeinsame Anzahlung und Zusammenarbeit einer großen Personengruppe. Der anarchistische Standpunkt zur Abschaffung des Zinses ist die Ablehnung aller Gesetze, welche Banken gegenseitiger Hilfe behindern und die Abschaffung aller Beschränkungen des Freihandels.

Pacht ist der TRIBUT, der von den nicht besitzenden Benützern an die nicht nutzenden Besitzer bezahlt wird. Es ist ziemlich offensichtlich, daß Besitz an sich nichts produziert und auch nichts produzieren kann. Erst durch die Nutzung von Boden und Gegenständen, nur durch Arbeit kann irgendetwas produziert werden. Deshalb lehnt der Anarchist das Recht auf Bodenbesitz ab, wenn dieser Besitz nicht auf Bewohnung oder Benutzung beruht. Keinem sollte erlaubt sein, Boden von der Nutzung auszusperren, weil dies eine Leugnung der ersten Vorbedingung des Anarchismus darstellt, der Gleichheit der Möglichkeiten.

Die anderen Einschränkungen einer freien Produktion und Verteilung sind Patente, Copyrights und Zölle. Anarchisten lehnen das Recht auf Eigentum an Ideen und Arbeitsverfahren ab und lehnen es ab, daß ein Individuum oder eine Gruppe von Individuen (durch den Eigentümer, shs) am Umsatz seiner Produkte wo und wann immer es ihm beliebt, gehindert werden kann. Sie behaupten, daß alle Einschränkungen die Form einer Steuer haben und daß alle Steuern letzlich von Konsumenten bezahlt werden und daß, wenn der Produzent nicht gleichzeitig Eigentümer ist, Ausbeutung die unmittelbare Folge sein wird.

Diese knappe Darstellung der anarchistischen Position sollte für jeden nachdenklichen Menschen einleuchtend und sogar abgedroschen sein. Während der Anarchismus in einer Hinsicht keine konstruierte Philosophie, d.h. kein "System" ist, bleiben Anarchisten "konstruktiv" oben dargestellter Position treu. Welche Form freiwillige Vereinigungen annehmen werden, über die Anarchisten nachdenken, bleibt der Zukunft überlassen. Der Anarchismus ist in erster Linie keine ökonomische Ordnung, sondern eine soziale Philosophie, basierend auf dem Schluß, daß der Mensch glücklich und unabhängig ist im Verhältnis zu der Freiheit, die er erfährt und halten kann.

In einer Welt, in der Ungleichheit der Fähigkeiten unvermeidbar ist, stimmen Anarchisten keinem Versuch zu, durch künstliche oder autoritäre Mittel Gleichheit herzustellen. Die einzige Gleichheit, die von ihnen postuliert wird und für deren Verteidigung sie bis aufs äußerste kämpfen, ist die GLEICHHEIT DER MÖGLICHKEITEN. Das macht die maximale Freiheit für jedes Individuum erforderlich. Das Resultat wird nicht notwendigerweise Gleichheit der Einkommen oder Vermögen bedeuten, sondern Ertrag im richtigen Verhältnis zur Arbeitsleistung. Freier Wettbewerb wird dafür sorgen. Die Gesellschaft auf die Voraussetzung stützen, "daß leistungsfähige Arbeiter sich damit begnügen werden, zu Gunsten der Schwachen mit ihren halben Lohnanteilen ihre Dienste unentgeltlich liefern und für die Abstraktion namens Gesellschaft produzieren zu müssen", ist mit den Worten Proudhons "die Gesellschaft auf ein Gefühl gründen, ich sage nicht, daß dieses außerhalb menschlicher Reichweite stünde, aber auf ein Gefühl, das, wenn es systematisch zum Prinzip errichtet wird, nur eine falsche Tugend, eine gefährliche Heuchelei ist". Eine Heuchelei freilich, der leider eifrig von einem schwachen, unterdrückten und irregeführten Teil der Masse beigepflichtet wird.

Laurance Labadie, Detroit, 1933.

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Übersetzung: N.N.
Einfügungen: (Text..., shs) von S. H. Schwenke

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