Ulrich von Beckerath:
Brief an HEINRICH RITTERSHAUSEN vom 8. 12. 1936

Lieber Herr Dr. Rittershausen,

mit bestem Dank gebe ich Ihnen anbei die No. 20/1034 des Spiegels der Wirtschaft zurück. Der Aufsatz über das Silber ist sehr interessant, vor allem auch deswegen, weil er zeigt, wie ganz überaus schwer auch intelligente Menschen von der Einlösungsidee herunterkommen. Vielleicht gehört diese Idee zu den angeborenen im Sinne Lockes; vielleicht aber verschwindet sie, wenn erst einmal ein praktisches Beispiel gezeigt hat, daß es auch ohne die Einlösung geht.

Die ganz moderne Idee einer "freien" Währung ist mehr eine Konzession an die Einlösungsidee als eine Abkehr davon. Beiden Ideen gemeinsam ist der Irrtum, daß die Wertgleichheit mit dem Währungsgut, z.B. Gold, eben nur durch Einlösungsbereitschaft aufrecht erhalten werden kann, und daß, wenn diese Bereitschaft technisch unmöglich ist, man auf die Parität mit dem Währungsgut verzichten muß.

Die Dissertation von Schumacher über Proudhon möchte ich noch ein wenig behalten. Respektable Leistung für einen 27-jährigen !!!

Schade, daß Schumacher nicht die Grundideen der vier Gesetzentwürfe gekannt hat und das Prinzip des Einkaufsscheins. Schumacher hätte dann erst einen richtigen Standpunkt für seine Kritik gewonnen. Aber, so weit, wie man es ohne diese beiden Begriffe bringen kann, hat er es gebracht.

Eine Bemerkung von Schumacher auf Seite 111, unten, bringt mich darauf, daß vielleicht in späteren Zeiten das Wort "kleinbürgerlich" in ebenso ehrenvollem Sinne gebraucht wird, wie z.Zt. das Wort "proletarisch" in Rußland und früher das Wort "christlich". Ich bin mir bewußt, daß meine ökonomische Begriffswelt durchaus kleinbürgerlich ist und geniere mich nicht, das jedem zu sagen, der's hören will.

Proudhon war weniger kleinbürgerlich, als er selbst glaubte und ihm seine Gegner vorwarfen. Ein so barbarisches Deflationsprogramm, (S.69), wie es Proudhon eine Zeitlang propagierte, ist ohne 100%-igen Etatismus, der immer dem Kleinbürgertum entgegengesetzt ist, in der Praxis nicht möglich. Auch hat P. ja lange genug - vor allem gegen Bastiat - die Idee der Zentralbank verteidigt, ohne die Bankverfassung Schottlands und der Vereinigten Staaten auch nur zu kennen. Das warf ihm Bastiat (der ihm 100 mal überlegen war) mit Recht vor.

Proudhon erkannte den Unterschied zwischen kurzfristigem und langfristigem Kredit nicht, insofern der erstere vorhandene Güter zur Unterlage hat, der andere künftige Güter. Der Unterschied ist also ein Unterschied des Wesens, nicht des Grades, was heute ebensowenig begriffen wird, als damals.

Aber, wozu das alles explizieren !!! (...)

Mit bestem Gruß
Ihr gez. U. v. Beckerath

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Handschriftliche Anmerkung von H. Rittershausen:

HAUPTPROBLEM DER GELDTHEORIE:
"Die Wertgleichheit mit dem Währungsgut."
(Bei Papierwährung verzichtet man darauf, ein Währungsgut zu haben. So bleibt ein Grundbedürfnis des Volkes leer und unbefriedigt.)

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