DEUTSCHE FESTMARK BANK GMBH, BERLIN
WIRTSCHAFTSBERICHT
Jahrgang 1931 - Nr. 3 - 31. Dez. 1931

Ulrich von Beckerath:
Zur Lage

1. Die Notverordnungen

Der "großen" Notverordnung vom 8. Dezember 1931 ist inzwischen die "kleine" Notverordnung vom 23. Dezember 1931 gefolgt; daneben 17 Durchführungsverordnungen. Preußen hat ebenfalls eine "große" Notverordnung erlassen.

Es dürfte wohl zurzeit in Deutschland niemanden geben, der sich rühmen könnte, die Notverordnungsgesetzgebung auch nur einigermaßen zu übersehen. Die Unternehmer, schon durch die allgemeinen Verhältnisse überlastet, werden sich durch diesen Paragraphenwald nicht mehr durchfinden können. Wie jetzt jeder seinen Steuersyndikus braucht, so wird er nunmehr auch einen "Notsyndikus" haben müssen, der ihn vor Verlusten und Strafen bewahrt.

2. Das Zahlungsmittelproblem

Die entscheidende Not unserer Wirtschaft, nämlich die Zahlungsmittel-Not, wird in den Notverordnungen nicht erwähnt. Reichsbanknoten sind in Milliardenbeträgen aus dem Verkehr verschwunden. Sie liegen als Barreserven in den Kassen der Unternehmungen oder in den Strümpfen der Sparer. Es ist zu befürchten, daß die Verkürzung der Rechte der Sparer durch die Zinskonvertierung die Neigung zum Hamstern von Reichsbanknoten verstärkt. Weitere Absatzstockung und weitere Arbeitslosigkeit wären die Folge.

Von einer gewissen Bedeutung für die Beurteilung des Zahlungsmittel-Problems sind 2 Aufsätze, die zu Weihnachten erschienen sind, und zwar gerade deshalb, weil die Zahlungsmittelnot in beiden überhaupt nicht erwähnt wird, obwohl beide Verfasser sich berufsmäßig mit diesen Dingen zu beschäftigen haben. Zunächst hat der Reichsbankpräsident Dr. Luther in der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 25. Dezember 1931 einen Aufsatz unter der Überschrift "Drei innere Voraussetzungen für 1932: Feste Währung! Freie Wirtschaft! Handlungskräftiger Staat!" veröffentlicht. Herr Dr. Luther kennt keine Zahlungsmittel-Probleme, sondern nur ein Währungsproblem. Er sagt: "Das vor 8 Jahren erkämpfte Gut einer festen Währung wurde allen äußeren und eine Zeit hindurch nicht unbeachtlichen inneren Angriffen zum Trotz aufrecht erhalten." Und weiter: "Ein Volk, das die furchtbare Not des Währungsverfalls noch in lebendiger Erinnerung hat, läßt sich bei Bewußtsein zu keinen neuen Währungsabenteuern irgendwelcher Art verleiten." Es bleibt also dabei: Der Mann, der nicht in das Wasser der Inflation springen will, wird in das Feuer der Deflation geworfen, als ob man ihn nicht auch am Leben belassen könnte. Jedenfalls kann nach diesen und auch nach früheren Ausführungen des Reichsbankpräsidenten die Hoffnung begraben werden, daß der deflationistische Druck auf die Wirtschaft erleichtert wird. Es ist auch wohl nicht zu hoffen, daß die auf seine Initiative hin erlassene Notverordnung vom 7. Oktober 1931 über das Verbot des Notgeldes und der Ausdehnung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs beseitigt wird.

Eine andere Stellung zum Währungs-Problem nimmt Geheimrat Professor Dr. Wagemann, Präsident des Statistischen Reichsamts und des Instituts für Konjunkturforschung, in Nr. 601 des Berliner Börsen-Couriers vom 25. Dezember 1931 in einem Artikel unter der Überschrift: "Scylla und Charybdis der Krisenbekämpfung" ein. Herr Dr. Wagemann äußert sich wie folgt: "Dies aber liegt daran, daß das Geld- und Kreditsystem, das in seinen wesentlichen Bestandteilen schon vor 100 Jahren aufgebaut wurde, in vielen Stücken veraltet ist. Die gesetzgeberischen und verwaltungsmäßigen Grundlagen unserer Depositen- und Scheckverfassung, wie die entscheidenden Bestimmungen über die Notenausgabe und die Notendeckung entsprechen einem Zustand des Geld- und Kreditwesens, wie er in Zeiten der Postkutschen herrschte. Seine Modernisierung ist dringend erforderlich. Die Zielsetzung lautet: Sowohl die Kreditversorgung, wie die Sicherheit der Vermögensanlage dem Nominal- wie dem Goldwerte nach zu erhöhen. Wird dies erreicht - und es ist erreichbar -, so stellen wir damit die durch die politische Verschuldung und andere schwere Verstöße gegen die wirtschaftliche Gesetzmäßigkeit in Unordnung geratene Wirtschaftssteuerung wieder her, die es der Wirtschaft ermöglicht, die beiden Klippen der Inflation und Deflation zu umschiffen. Wir gewinnen so eine der wichtigsten Voraussetzungen zur Überwindung der Krisis."

Wir erkennen mit Herrn Dr. Wagemann die Reformbedürftigkeit unseres Geld- und Kreditwesens an. Allerdings müssen wir zu Ehren der Postkutschenzeit bemerken, daß vor hundert Jahren Zahlungsmittel reichlich und zu billigen Diskontsätzen zur Verfügung standen. Das Geldwesen war damals in jeder Beziehung weit besser organisiert als heute, und unsere Vorfahren verstanden von Währung und Zahlungsmitteln mehr als wir. Es handelt sich heute darum, lebensgefährliche moderne Ausartungen der staatlichen Gesetzgebung im Geldwesen wieder zu beseitigen. Und wenn wir dabei wieder auf den Zustand der Postkutschenzeit zurückkämen, so könnte unsere Wirtschaft dabei nur gewinnen.

3. Der Unterkonsum der Wirtschaft

wird noch verschärft durch die Erschwerung des Exportes. Zusammenbrüche wie Brennabor und Borsig sind die Folgen. Weitere Zusammenbrüche sind zu befürchten. Die Spatzen pfeifen es von den Dächern, daß heute auch große und früher mächtige Industrieunternehmungen nur noch um Zeitgewinn kämpfen. Sie möchten in der Reihe der zusammenbrechenden Unternehmungen nicht gerade die ersten sein. Daß der Zusammenbruch bei Fortdauer dieser Wirtschaftslage nicht aufzuhalten ist, weiß jeder.

4. Die Wertpapiere

a) Aktien: Die Aktien sind seit dem Erlaß der Notverordnung vom 8. Dezember 1931 im Durchschnitt um 15 bis 20% weiter gesunken. Die Kurse sind etwa auf dem Stand des Jahres 1923. Ein zahlenmäßiger Vergleich ist schwierig, da die Umrechnung der Papiermark-Kurse aus dem Jahre 1923 in Goldmark-Kurse kein zuverlässiges Bild ergibt, weil infolge der damaligen häufigen Stützungsaktionen der Regierung ein richtiger Goldmark-Kurs schwer zu ermitteln ist. Es scheint jedenfalls vorläufig keine Aussicht zu bestehen, daß die Kurse steigen, sondern eher das Gegenteil.

b) Pfandbriefe: Eine der wenigen anzuerkennenden Bestimmungen der Notverordnung vom 8. Dezember 1931 bestand darin, daß den Schuldnern der Hypothekenbanken das Recht gegeben wurde, ihre Schuld durch Pfandbriefe ihrer Gläubigerbank abzulösen. Allein darauf dürfte es zurückzuführen sein, daß die Pfandbriefe nach dem Erlaß der Notverordnungen etwas stiegen. Die erste Durchführungsverordnung zur Zinskonvertierung hat jedoch die hier gegebenen Möglichkeiten nicht unerheblich eingeschränkt. Es ist deshalb leicht möglich, daß die Nachfrage nach Pfandbriefen dadurch wieder verringert wird, und somit auch die Pfandbriefe wieder fallen werden.

c) Staatspapiere: Die Reichschuldbuchforderungen und die Altbesitz-Anleihe haben sich im Kurse einigermaßen gehalten. Da die Pfandbriefe auch nach der Zinsreduktion auf 6% über dem Kurse der Staatspapiere stehen, ist es nicht ausgeschlossen, daß die Staatspapiere langsam nach oben gehen, bis ein Ausgleich mit dem Kurs der Pfandbriefe erfolgt ist. Denn ein 6%iges Staatspapier bietet verhältnismäßig die gleiche Sicherheit wie ein 6%iger Pfandbrief. Der einzige Grund, der eine Minderbewertung der Staatspapiere rechtfertigt, besteht eben in der Verwendbarkeit des Pfandbriefes zur Schuldabdeckung.

5. Der Grundbesitz

Der Grundbesitz ist zwar durch die Zinsreduktion entlastet, jedoch wieder durch die Kündigungsmöglichkeit der Mieter und durch die Mietherabsetzung belastet. Die Steuerentlastung ist nur gering. Von einer Wertsteigerung des Grundbesitzes kann zurzeit noch nicht gesprochen werden. Damit entfällt auch die Möglichkeit, durch Besitzwechsel im Grundbesitz eingefrorene Kredite der Sparkassen und Banken aufzutauen.

6. Die Lage der Kreditinstitute

hat sich nicht verändert. Die Kreditinstitute können keine Kredite mehr geben. Die Kreditoren nehmen ab, und die ausgezahlten Gelder kehren nicht zu den Banken zurück; infolgedessen wird ihre Lage von Monat zu Monat eine bedrängtere. Sie sind nicht mehr Organe des Kreditnehmens und Kreditgebens, sondern sie sind nur noch Vermögensabwicklungsstellen; die in ihren Bilanzen ruhenden Verluste an Debitoren werden immer mehr offenbar. Nur eine Reform unseres Zahlungsmittelwesens kann die Banken wieder zu neuem Leben bringen.

7. Die Lage der Sparer

An jeden im Geldwesen Tätigen wird heute die Frage gerichtet: Wie soll ich das Geld, das ich noch habe, anlegen? Einen ehrlichen Rat kann kaum jemand erteilen. Die Regierung hat damit begonnen, die Verpflichtungen der Schuldner zu verringern. Sie wird auf diesem Wege nicht innehalten können, wenn sie nicht das Zahlungsmittelproblem anfaßt. Es werden weitere Zinskonversionen erfolgen, und vielleicht auch eine weitere Herabsetzung aller Schulden durch eine Devalvation der Mark. Eine derartige Schuldherabsetzung enteignet den Gläubiger, der ja in unserer Wirtschaft letzten Endes der Sparer ist. Gegen eine derartige Enteignung ist ein Schutz nicht möglich, wenn der Sparer Forderungen irgendwelcher Art erwirbt. Der einzige Ausweg für den Sparer, mit Sicherheit diesen Konsequenzen zu entgehen, besteht darin, Eigentümer zu werden, und dadurch auch Selbstschuldner. Der Erwerb eines Grundbesitzes ist zurzeit das verhältnismäßig kleinste Übel, wenn der Erwerber in der Lage ist, die auf dem Grundbesitz ruhenden, bei weitem überspannten Steuern aufzubringen. Ist dies nicht der Fall, so wird er auch bei Grundbesitz sein Geld verlieren können.

8. Die Prognose

Der Verteilungsapparat für die wirtschaftlichen Güter ist in voller Unordnung. Der Motor, der das große Umlaufsrad für die Waren drehen soll, funktioniert nicht. Das Rad läuft langsamer und langsamer. Es kann auch eines Tages zum Stillstand kommen. Dann wird sich jeder mit Brachial-Gewalt den Zugang zu den lebensnotwendigen Waren erkämpfen, bis ein neues Verteilungsrad aufgebaut ist. Die bisherigen Organisationen der Produktion und Konsumtion sind in ihren Grundfesten erschüttert. Ihr Zusammenbruch wird entsprechend dem immer langsameren Lauf des Verteilungsrades erfolgen. Der Baum ist an der Wurzel krank, und nur eine Behandlung der Wurzel kann ihm wieder die Kraft zu neuen Trieben geben. Es nützt nichts, daß wir die Zweige durch Notverordnungen beschneiden.

Auch die staatliche Wirtschaft ist in schwerster Gefahr. Die Steuerrückgänge in den nächsten Monaten werden ein Maß annehmen, wie wir es selbst in den letzten Jahren noch nicht erlebt haben. Steuererhöhungen sind nicht mehr möglich, und der Staat wird in nicht allzu langer Zeit, ebenso wie die Privatwirtschaft, vor einer leeren Kasse stehen, die durch die bisher üblichen Mittel nicht mehr aufgefüllt werden kann.

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