Der 1. Mai geht Jahr für Jahr in einem öffentlichen Getöse aus Solidaritätsfloskeln und scheinradikalen Sprechblasen über die Notwendigkeit des Kampfes der Lohnabhängigen unter. Einen Tag später sind wir wieder gezwungen zu schuften, um (über-)leben zu können. Die öffentlich zelebrierte Entschlossenheit wird nicht in den Alltag übernommen. Doch der Kampf gegen Lohnarbeit und Ausbeutung beschränkt sich nicht nur auf einen Termin. Er wird vielmehr jeden Tag entschieden - im Betrieb, auf dem Arbeitsamt, auf der Straße. Es war und ist im Sinne der herrschenden Klasse, Widerständigkeit zu institutionalisieren, um sie so zu entschärfen. So sollen Streiks nur in einem abgesteckten Rahmen und bei Tarifauseinandersetzungen stattfinden, und politische Teilhabe nur durch Pseudo-Stellvertretung in den Parlamenten. Der gesellschaftliche Diskurs soll zur Entsolidarisierung gegenüber den Armen, Schwachen und GeringverdienerInnen führen sowie ganz allgemein der Individualisierung bzw. Vereinzelung Vorschub leisten. Alles soll nach Leistungsfähigkeit und Verwertbarkeit beurteilt werden. Dabei stört es, wenn Menschen eigenständig und gemeinsam kämpfen. Wir sollen vor allem funktionieren, gehorchen und arbeiten.

 

Unter der Oberfläche finden aber überall kleinere und manchmal auch größere Auseinandersetzungen statt, die selbstorganisiert sind und sich gegen miese Arbeits- und Lebensbedingungen wenden. Um diese Initiativen zusammenzubringen, organisieren wir ein libertäres 1.Mai-Fest in München. Wir lehnen die kapitalistische Arbeitsorganisation und die ritualiserte bzw. institutionalisierte Form der Klassenbeziehungen ab. Als Lohnabhängige müssen wir endlich aus der uns von den Klassenverhältnissen zugewiesenen Rolle als reine Objekte heraus treten und stattdessen als handelnde Subjekte unsere Interessen gemeinsam und solidarisch durchsetzen. Es geht uns um die schrittweise Erweiterung unserer Handlungsräume, um unsere individuelle wie kollektive Autonomie immer weiter auszubauen.

 

Nur so kann eine soziale Gegenmacht entstehen, die als eine autonome Klassenbewegung dem Kapital solidarisch, kämpferisch und unversöhnlich gegenübertritt.

 

Schließlich sollte jeder Tag ein 1. Mai sein!