Überleben im Pulverfass Montes Azules

In dem artenreichen Naturschutzgebiet im lakandonischen Urwald in Chiapas schwelt seit Jahren ein hochkomplexer Konflikt zwischen verschiedenen Interessengruppen. Zahlreiche Gemeinden, darunter Unterstützungsbasen der zapatistischen Befreiungsarmee EZLN sind akut von Räumung bedroht.

Das Biosphärenreservat Montes Azules (REBIMA) umfasst 331.200 ha und liegt in der Selva Lacandona im südmexikanischen Bundesstaat Chiapas. 1972 war per Präsidentenbeschluss die "Comunidada Lacandona" (lakandonische Gemeinschaft) gegründet worden, ein Gebiet von 614.321 ha. Innerhalb dieser Länderein liegen 75% des REBIMA.
Damals überschrieben Präsident Luis Echeverría und Gouverneur Manuel Velasca "nur 66 Caribes-Maya-Familien (die fälschlicherweise 'Lakandonen' genannt werden)" die Rechte für das Gebiet "womit das vorhergehende Landrecht 47 indigener Siedlungen (4.000) Familien von Tzeltales, Tzotziles, Ch'oles und Tojolabales [], die in diesem Gebiet seit den 50er und 60er Jahren ansässig waren und von denen sogar 17 schon über einen Präsidentenbeschluss verfügten, verletzt wurde" (Guerrero 2003).

Das REBIMA, eine der Regionen Mexikos mit der höchsten biologischen Vielfalt, wurde schon seit Jahrzehnten als Überdruckventil für ungelöste Landkonflikte im Süden Mexikos genutzt, da der Staat sich weigerte, die Ländereien der Großgrundbesitzer anzutasten. Seit den 70er Jahren prallen die Interessen der verschiedenen indigenen Siedlungen einerseits und die der "lakandonischen" Clan-Chefs, des Staates und der Privatwirtschafts andererseits frontal aufeinander. Denn seit 1974 hatte die halbstaatliche Firma COFOLOSA unter Obhut des Präsidenten mit den ursprünglich aus der Karibik stammenden "Lakandonen" einen Vertrag "zur Ausbeutung von 35.000 Kubikmetern Holz jährlich gegen 5.000 $ pro Halbjahr für Bergerechte an jede der 66 Caribes-Familien" geschlossen (Guerrero 2003). Und obwohl das REBIMA öffentlich als Naturschutzzone deklariert wurde, unternahmen die Behörden nichts gegen die immense Ausbreitung der extensiven Viehwirtschaft durch private Unternehmer.
Während der folgenden Jahrzehnte weitete sich die Nutzung des Gebietes durch die verschiedenen Gruppen aus. Seit dem Aufstand der EZLN von 1994 haben sich die Fronten weiter verhärtet. Viele Siedlungen, u.a. von unabhängigen Campesino-Organisationen wie ARIC (ländliche Vereinigung kollektiver Interessen) oder EZLN-Unterstützungsbasen stehen den Plänen der Allianz aus Regierung, Unternehmen und Caribes-Clanchefs im Wege. Neben den ökonomischen Interessen sieht die Regierung in der "Unregierbarkeit" der Zone eine große Gefahr, denn in der Selva Lacandona befinden sich bis heute essentielle Basen und Kontingente der EZLN.

"Ökologisierung" eines sozialen Konflikts

Seit 2001 initiierten die mexikanische Regierung und von der Privatwirtschaft finanzierte "NGOs" wie Conservation International - gesponsort von Chiquita, McDonalds, Disneyworld, Banken, Öl-Multis, Maquiladora-Betreibern u.a. - oder World Wildlife Fund massive Umweltschutz-Kampagnen, um vordergründig das von Zerstörung bedrohte REBIMA zu retten und hintergründig ein Klima zu schaffen, durch das die Öffentlichkeit die Räumung verschiedener "unerwünschter" Siedlungen akzeptieren würde. Während Regierung, Wirtschaft und Caribes die Siedlungen und ihre Subsistenzwirtschaft für die Umweltzerstörung verantwortlich machen, sehen kritische NGOs wie Global Exchange oder CIEPAC (Zentrum für ökonomische und politische Studien aus Chiapas) den Grund für die Mehrheit der Zerstörungen in der Viehwirtschaft, dem Holzeinschlag und in der massiven Militärpräsenz (v.a. durch den Stützpunkt von San Quintín), die dort seit 1994 etabliert wurde, um den zapatistischen Aufstand unter Kontrolle zu halten.

Da die mexikanische Regierung aufgrund der kritischen Öffentlichkeit ihre so genannten "Sicherheitskräfte" wie Polizei und Militär nicht mehr offen zur Räumung oppositioneller Gemeinden einsetzen will, werden in dem Konflikt nun Umweltbehörden wie PROFEPA (Bundesumweltschutzamt), SEMARNAT (Ministerium für Umwelt und Naturressourcen) sowie die "lakandonischen" Kaziken vorgeschickt. Inzwischen obliegt die Verantwortung auch dem Ministerium für Landreform (SRA), wobei sich in jüngerer Vergangenheit des öfteren ein Kompetenzgerangel zwischen den Akteuren offenbart hat, da einige sehr hart und andere "diplomatischer" bei der "Umsiedlung" vorgehen wollen.

Neben Holz- und Viehwirtschaft erweitert sich das Interesse des privaten Sektors aktuell vor allem auf die Bereiche "Öko-Tourismus", Wasser, Erdöl und Biopiraterie aus. Immer wieder ist in kritischen Kreisen zu hören, dass der US-Konzern Monsanto und das schweizerische Unternehmen Novartis an der Ausbeutung der Artenvielfalt großes Interesse bekundet haben. Dazu sollen Teile des REBIMA privatisiert werden, konkrete juristische Vorbereitungen sind bereits auf dem Weg.
Für die lokalen "Lakandonen"-Funktionäre, die immer wieder mit einer Räumung der "unerwünschten Siedlungen" auf Eigentinitiative drohen und so von der chiapanekischen Regierung unter Pablo Salazar Zusagen für weitere finanzielle Zuwendungen erzwingen konnten, steht ihr Einfluss in der Region und ihre exponierte ökonomische Stelllung auf dem Spiel. Anfang November meldete die mexikanische Tageszeitung La Jornada, dass die "Lakandonen"-Funktionäre sich inzwischen von Felipe Villagrán - einem Ex-Funktionär der Weltbank - repräsentieren lassen, der sich dafuer einsetzt, "von der Regierung Geld, politische Privilegien, Militärbasen und Waffen für die Lacandonen" zu bekommen.

Die EZLN hatte bereits im Dezember 2002 angekündigt, dass sie ihre zivilen Basen "vollkommen unterstützen" wird und es "im Falle der zapatistischen Dörfer keine friedliche Räumung" geben wird (Kommuniqué vom 29.12.2002).

Die Situation in den Montes Azules bleibt äußerst gespannt, die Eliten sprechen dem Konflikt weiterhin die soziale Dimension ab und auch die Schlacht um die öffentliche Meinung geht weiter.
Luz Kerkeling, Gruppe B.A.S.T.A.

Quellen:
- Guerrero, Gonzalo (2003): Der Fall des Reservats Montes Azules im Lacandonischen Urwald, http://chiapas.mediosindependientes.org/display.php3?article_id=105357
- La Jornada 6.5.2003, 16.10.2003, 18.10.2003, 10.11.2003, Chiapas98 20.10.2003.
- www.chiapas.ch / Interviews vor Ort

veröffentlicht in: ila 271, Dez, 2003, S. 40 / 41.


Interview

"Wir werden hier nicht weggehen."

Interview mit der Gemeinde Nuevo San Isidro, die sich als eine Unterstützungsbasis der zapatistischen Befreiungsarmee EZLN versteht. Die Zapatistas haben in der akut räumungsbedrohten Region Montes Azules in Chiapas, Mexiko, Land besetzt, um überleben zu können. Die Regierung wirft den AktivistInnen vor, die Natur im gleichnamigen Biosphärenreservat zu zerstören. Verschiedene Nichtregierungsorganisationen und die EZLN vertreten allerdings die Auffassung, dass die Regierung die außerordentliche Biodiversität kommerzialisieren und Teile des Gebietes privatisieren will.

F: Können Sie uns eine Zusammenfassung der Geschichte ihrer Gemeinde geben?

A: Die Regierung hat uns in unserer Herkunftsgemeinde Chavajeval in Nordchiapas bedroht und vertrieben. 1998 hat die Regierung ihre bewaffneten Kräfte geschickt. Als sie am Eingang der Gemeinde eintrafen, fingen sie sofort an zu schießen.
Heute sehen wir, dass die Regierung damit fortfährt, uns mit ihren Streitkräften und der Marine zu bedrohen. Mit Motorbooten führen sie fast täglich ihre Patrouillen durch, wobei sie viele Fotos vom nahegelegenen Fluss Lacantún aus schießen.
Wir wissen, dass die Regierung für die Konfrontationen in den Gemeinden verantwortlich ist. Nachdem sie gedroht hat, uns mit ihren Streitkräften zu vertreiben, überlassen sie es heute den sogenannten Lacandones, die unsere Gemeinde bedrohen und belästigen.

F: Aus welchem Grund haben sie Chavajeval verlassen?

A: In der Zone hatten wir kein Land mehr, das wir bearbeiten konnten. Deshalb mussten wir fortgehen und uns wegen der Suche nach Land in verschiedene Gruppen aufteilen.

F: Wie ist die Situation in den Montes Azules?

A: Bei verschiedenen Gelegenheiten haben die Lacandones verlauten lassen, dass sie die Eigentümer des lakandonischen Urwaldes sind, aber die Regierung nutzt die Lacandones nur aus, um die Selva (dt. Urwald) zu bewachen. Die Lacandones bekommen zwar die neuesten Automodelle (von der Regierung), aber die Regierung hat die Selva bereits an andere Länder verkauft, damit der Entwicklungsplan Puebla-Panama in die Region eindringen kann.

F: Wie ist San Isidro entstanden?

A: Wir haben uns als Gruppe von Leuten organisiert, um einen Ort zu suchen, an dem wir arbeiten und unsere Nahrung kultivieren können. Im März 2003 haben wir die Gemeinde Nuevo San Isidro gegründet.

F: Werden Sie von den Lacandones bedroht?

A: Am 12. April 2003 kamen drei Motorboote den Fluss heraufgefahren. Eines fuhr zur anderen Seite des Flusses, um dort zwei Personen abzusetzen, die Funktionäre der Regierung waren, wie Hector Trujillo von der PROFEPA [dt.: Föderale Umweltschutzbehörde]. Die Motorboote warteten auf die Ankunft der Lacandones und landeten später mit 40 Personen aus den Gemeinden Frontera Corozal, Nueva Palestina, Naja, Lacanja u.a. am Ufer von San Isidro. Alle drangen in unsere Gemeinde ein, aber drei Lacandones waren am aggressivsten und sie teilten uns mit, dass wir von diesen Ländereien verschwinden müssten. Sie trugen Schusswaffen, einer brachte Tränengas mit, die meisten hatten Macheten.

F: Was geschah mit Arroyo San Pablo, einer anderen zapatistischen Gemeinde in Montes Azules?

A: Sie wurden aus angeblichen "Umweltschutzgründen" von der Regierung vertrieben. Die Regierung sagte, sie würde ihnen andere Ländereien kaufen, doch das war eine Lüge. Wie sollen wir einer Regierung vertrauen, die die Verträge von San Andrés über indigene Autonomie nicht erfüllen will. Heute stellen wir fest, dass die Regierung sich nicht die Hände schmutzig machen will, deshalb schickt sie die Caribes, die sich selbst Lacandones nennen, um uns mit Vertreibung zu bedrohen. Die Regierung will schließlich die Ländereien für sich behalten, damit sie von den Unternehmen ausgebeutet werden können.

F: Wie ist die aktuelle Situation?

Wir werden von diesen Ländereien nicht weggehen, obwohl wir von mehreren Gemeinden bedroht werden. Und wir werden mit der Regierung nur dann reden, wenn sie die Forderungen aller indigenen Völker erfüllt. Wenn sie unsere Autonomie, unsere freie Selbstbestimmung und die Nutzung unseres Territoriums anerkennt und die Abkommen von San Andrés generell umsetzt.
Hier werden wir bleiben und wir sind bereit, unser Blut für unsere Würde und unsere Kinder zu geben, die hier aufwachsen, und um unsere Mutter Erde zu verteidigen.

Interview: Jan Benger, Ben Gauda, Gerd Schmitt, Luz Kerkeling



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