Junge Welt 15.08.2005

»Paramilitärs sind einflußreicher geworden«

Während Zapatisten auf politische Mittel setzen, unterstützt die mexikanische Regierung Contras und schürt soziale Konflikte in Chiapas.
Ein Gespräch mit Carlos Montemayor

(Carlos Montemayor ist Romanautor und politischer Kommentator. Seine Artikel erscheinen unter anderem in der linken mexikanischen Tageszeitung La Jornada)

F: »Fünfzehn Minuten«, sagte der mexikanische Präsident Vicente Fox nach seinem Amtsantritt, brauche er, um den sozialen und bewaffneten Konflikt im Bundesstaat Chiapas zu lösen. Wie sieht es fünf Jahre später aus?

Tatsächlich hat Fox nie erklärt, von welchem Zeitpunkt an diese 15 Minuten beginnen sollten, auf welches Jahr, Jahrzehnt oder Jahrhundert er sich also bezieht. Die letzten fünf Jahre der Regierung Fox aber haben große Rückschritte gleich auf mehreren Ebenen gebracht: diplomatisch, gesamt- und agrarwirtschaftlich, in der Einwanderungs- und in der Sicherheitspolitik sowie im Umweltschutz. In diesem Kontext von Rückschritt und sozialen Konflikten konnte sich auch die Lage in Chiapas nicht verbessern. Die mexikanische Armee ist in diesem Bundesstaat immer noch massiv präsent. Die paramilitärischen Gruppen sind in dieser Zeit stärker und einflußreicher geworden, weil sowohl Bundesregierung als auch die chiapanekische Regierung ein für sie günstiges Klima schafft. Gemeinden, die nicht der zapatistischen Bewegung angehören, bekommen staatliche Gelder, die zapatistischen Dörfer nicht. Dadurch hat die Regierung viel Einfluß in der Region bewahrt, vor allem aber die Konflikte zwischen den Gemeinden geschürt. Auch der jüngste Vorwurf aus Armeekreisen, in zapatistischen Gemeinden würden Drogen angebaut, zielt auf Kriminalisierung und Spaltung ab.

F: Die Zapatistische Armee zur Nationalen Befreiung (EZLN) hat ihre jüngste politische Initiative Mitte Juni mit einer Mobilmachung begonnen. Weist das auf eine Militarisierung des Konfliktes hin?

Die Zapatisten haben genaue Kenntnisse über Stationierung und Stärke der paramilitärischen Gruppen in Chiapas. Nach Angaben der EZLN haben diese Gruppen Marihuanasamen auf zapatistischem Gebiet verstreut. Ich halte das für ein sehr gefährliches Signal, weil nun von staatlicher Seite aus offenbar nicht mehr versucht wird, militärische Aktionen in Chiapas politisch zu begründen. Die bellizistische Strategie soll anscheinend mit der Bekämpfung des Drogenhandels gerechtfertigt werden. Unter anderem auf diese Gefahr wollte die EZLN hinweisen, als sie die Alarmstufe »rot« ausgerufen hat.

F: Wenige Tage nach der politischen Offensive der EZLN hat die paramilitärische Gruppe »Paz y Justicia« (»Frieden und Gerechtigkeit«) mehrere indigene Familien aus dem Norden von Chiapas vertrieben. Diese Gruppe wird für zahlreiche Morde verantwortlich gemacht. Kann sie trotzdem frei agieren?

Ja, so wie ich es eben geschildert habe. Diese Gruppen sind stark und einflußreich, auch wenn sie zur Zeit nur selten militärisch in Aktion treten. Ihre Hauptaufgabe ist es, die staatlichen Entwicklungsgelder zu verwalten, die in die Region fließen. Man kann also mit Fug und Recht sagen, daß ihr Einfluß nicht mehr nur militärisch, sondern fünf Jahre nach Vicente Fox´ Machtantritt auch wirtschaftlich und politisch ist.

F: Sie haben unlängst geschrieben, daß die Paramilitärs von der mexikanischen Bundesregierung »versorgt, bewaffnet, trainiert und beschützt werden«. Welche Belege gibt es dafür?

Zahlreiche, unter anderem die von Ihnen erwähnte Gruppe »Paz y Justicia«. Die personellen Verbindungen wurden vom Menschenrechtszentrum Fray Bartolomé de Las Casas mit Sitz in San Cristóbal veröffentlicht. In meinem Roman »Los informes secretos« (Die geheimen Berichte) gebe ich Auszüge aus Armeedokumenten wieder, in denen Ende des Jahres 1994 der Aufbau von paramilitärischen Gruppen als zentrale Strategie der Aufstandsbekämpfung beschrieben wird. In den Dokumenten, die mir zur Verfügung standen, werden sie als »Selbstverteidigungskräfte« bezeichnet. Diesen Vorgaben getreu hat sich die erste und größte dieser Gruppe ihren Namen gegeben: »Paz y Justicia – Frieden und Gerechtigkeit«.


Interview: Harald Neuber


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